mini|Jürgen Ahrend im Jahr 2019 Jürgen Ahrend Orgelbau ist eine Orgelbaufirma in Leer-Loga, Ostfriesland. Internationale Bekanntheit erlangte sie durch die Restaurierungen von Barockorgeln, unter anderem der Arp-Schnitger-Orgeln der Jacobikirche Hamburg, der Martinikerk in Groningen (NL) und der Ludgerikirche in Norden sowie der Ebert-Orgel der Hofkirche Innsbruck. Gegründet wurde sie von Jürgen Ahrend (* 28. April 1930 in Treuenhagen bei Göttingen; † 1. August 2024 in Leer). Sein Sohn Hendrik Ahrend führt das Unternehmen seit 2005 fort.
Geschichte
mini|Firmenschriftzug in Castrop-Rauxel mini|Firmenschild von Jürgen Ahrend an der kleinen Orgel in St. Jodok in Landshut mini|Erbauerschild in Mahlberg
mini|hochkant|Hendrik Ahrend (2020) Jürgen Ahrend wurde als Sohn des Verwaltungsangestellten Heinrich Ahrend geboren, der Musik studiert hatte, Sänger und Chorleiter war und verschiedene Tasten- und Saiteninstrumente spielte. Die Mutter Elisabeth Ahrend war mit ihren fünf Kindern nach dem Zweiten Weltkrieg alleinerziehend.Zimmermann: 65 Jahre Orgelbau Ahrend. 2019, S. 5. In erster Ehe war Jürgen Ahrend mit Margarete geb. Bartels verheiratet, die 1990 den niederländischen Organisten Klaas Bolt heiratete.J. van 't Hul: Een huwelijk van honderd dagen. In: Reformatorisch Dagblad. 19. Juli 1991, S. 3. Von den insgesamt fünf Kindern sind Sievert und Heiko Ahrend Musiker, Komponisten und Musikproduzenten.Homepage Heiko Ahrend, abgerufen am 10. März 2018.
Jürgen Ahrend begann 1946 seine Orgelbaulehre bei Paul Ott in Göttingen, den seine Eltern persönlich kannten. Dort lernte er den gebürtigen Emder Gerhard Brunzema (1927–1992) kennen, mit dem er in seiner Freizeit zahlreiche Orgeln und Orgelbauer im In- und Ausland besuchte.Ahrend, Wirth: Uttum III. Etwas Neues in den Orgelbau bringen, nämlich das Alte. 2021, S. 41. Nach Abschluss der Meisterprüfung im Jahr 1954 gründete er mit 24 Jahren zusammen mit seinem Kompagnon die Firma Ahrend & Brunzema (1954–1971) in einer ehemaligen Landmaschinenfabrik in der Großstraße in Leer. Eine eigene Pfeifenwerkstatt kam 1955 in der Brummelburgstraße hinzu, bis die Werkstatt 1958 aus Platzgründen in den Mühlenweg in Leer-Loga umgesiedelt wurde. Das erste Werk dieser Kooperative war die Restaurierung der Larrelter Orgel 1954. Cor Edskes vermittelte ihnen die Bedeutung der mitteltönigen Stimmung und die Notwendigkeit werkgetreuer Restaurierungen.Zimmermann: 65 Jahre Orgelbau Ahrend. 2019, S. 7. Weltweites Aufsehen erregten die Restaurierungen der historischen, wieder mitteltönig gestimmten Orgeln in Westerhusen (1955), Uttum (1956/1957) und Rysum (1959/1960) in der Krummhörn. Sie leiteten vielerorts eine Rückbesinnung auf die traditionellen handwerklichen Techniken und musikästhetischen Klangideale ein, stießen aber in der Fachwelt nicht auf ungeteilte Zustimmung.Ahrend, Wirth: Uttum III. Etwas Neues in den Orgelbau bringen, nämlich das Alte. 2021, S. 44–45. Rolf Hallensleben, Landeskirchenmusikdirektor der Reformierten KircheDer spätere Träger der Ubbo-Emmius-Medaille (1983) übernahm u. a. den Emdener Mädchensingkreis von Emma Brunzema, unterstützte die jungen Orgelbauer, ebenso sein Nachfolger, Harald Vogel. In den Niederlanden, wo die neue Orgel in Scheveningen (1959) ein Referenzinstrument wurde, wurden sie von Gustav Leonhardt gefördert, in Österreich von Egon Krauss.Zimmermann: 65 Jahre Orgelbau Ahrend. 2019, S. 10. Durch die Lage der Werkstatt inmitten der Orgellandschaft Ostfriesland mit ihren zahlreichen originalen Instrumenten hatte man genügend Gelegenheit, sich mit dem Wesen dieser Orgeln auseinanderzusetzen. Ahrend und Brunzema erhielten 1962 den Niedersächsischen Staatspreis für das Kunsthandwerk. Bis 1971 umfasst der Katalog der gemeinsam verfertigten oder restaurierten Werke 74 Instrumente. In diesem Jahr verließ Brunzema die Firma, um sich in Kanada niederzulassen, wo er sich 1980 selbstständig machte und 1992 starb.Homepage Jürgen Ahrend Orgelbau: Geschichte, abgerufen am 12. August 2024.
Von 1972 bis 2004 haben Jürgen Ahrend und seine Mitarbeiter 90 weitere Werke gebaut, rekonstruiert oder restauriert. Viele von Ott restaurierte Orgeln, bei denen er von falschen Voraussetzungen wie niedrigen Winddrücken ausgegangen war, wurden von seinen Schülern, zu denen auch Rudolf Janke gehörte, zurückrestauriert. Jürgen Ahrend erwarb sich seinen Ruf als einer der führenden Orgelbauer und -restauratorenCleveland Johnson: Ems-Dollart Region. In: Douglas E. Bush, Richard Kassel (Hrsg.): The Organ. An Encyclopedia. Routledge, New York, London 2006, ISBN 0-415-94174-1, S. 172: „The emergence of the Ems-Dollart organs as cultural treasures of worldwide significance was made possible by four important events: (1) the founding of the Jürgen Ahrend and Gerhard Brunzema workshop (Leer) in 1954, which quickly established itself as the leading shop for restoration and conservation“. aufgrund seiner konsequenten Restaurierungspraxis und seiner hohen Intonationskunst. 1986 erhielt Jürgen Ahrend den Niedersächsischen Staatspreis für Kultur und 2007 den Buxtehude-Preis der Stadt Lübeck. Die Ehrendoktorwürde (Dr. iur. h. c.) wurde ihm im Jahr 2000 von der Monash-University, Victoria (Australien) verliehen.
Hendrik Ahrend (* 11. August 1963) war nach dem Abitur 1983 Mitarbeiter im väterlichen Betrieb. Nach der Orgelbaulehre bei Johannes Rohlf in Neubulach (1984–1987) und dem Zivildienst (1987/1988) kam er wieder in den Betrieb des Vaters zurück (1988/1989 und 1996–2000), unterbrach seine Mitarbeit aber durch ein Studium der Amerikanistik und Sportwissenschaft (1989–1995). Seit 1998 wurden ihm in zunehmendem Maß Arbeiten übertragen. So übernahm er im Jahr 1998 die Intonation der Labialpfeifen der Orgel in Dornum und führte 2002 die Bauplanung der Orgel der Lutherkirche in Leer maßgeblich durch. Hendrik Ahrend absolvierte im Jahr 2000 den Meisterkurs der Musikfachschule für Orgelbau in Ludwigsburg und vertiefte sich anschließend 14 Monate bei seinem Lehrmeister Johannes Rohlf. Für seine Verdienste erhielt er 2004 den Internationalen Arp-Schnitger-Preis.Arp-Schnitger-Gesellschaft: Preisträger, abgerufen am 12. August 2024. Nach 50 Jahren erfolgreicher Tätigkeit Jürgen Ahrends wird die Firma seit Februar 2005 von seinem Sohn geleitet. Hendrik Ahrend führt die Tradition seines Vaters fort, geht aber auch neue Wege, indem er das historische Sandgussverfahren zur Pfeifenherstellung wieder anwendete. Zum Aufleimen von Leder und zum Abdichten von Holz im Windwerk oder in den Windladen setzt er Warmleim ein, um eine Bleikorrosion der Pfeifen zu verhindern. Sie entsteht durch austretende Essigsäure aus Eichenholz oder durch den Einsatz von acetathaltigen Leimen. Hendrik Ahrend ist Projektpartner in dem Forschungsprojekt „Entwicklung von Maßnahmen zur Verminderung von Bleikorrosion an Orgelpfeifen aus dem 17. und 18. Jhdt.“, das von 2016 bis 2018 durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt und die Klosterkammer Hannover gefördert wird.MPA Bremen, abgerufen am 12. August 2024. Seit 40 Jahren spielt er halbprofessionell Bluegrass zusammen mit seinem Bruder Heiko, hat sich in den letzten Jahren aber ganz auf den Orgelbau konzentriert. Hendrik und seine Frau Andrea Ahrend haben einen Sohn und eine Tochter. Der Sohn Paul Ahrend (* 26. März 2000) erlernte nach dem Abitur den Orgelbau in der Orgelwerkstatt Wegscheider und legte 2022 die Gesellenprüfung ab. Nach einem Jahr bei dem schwedischen Orgelbauer Karl Nelson besucht er seit Herbst 2024 den Meisterkurs an der Oscar-Walcker-Schule in Ludwigsburg.
Werke (Auswahl) Die Größe der Instrumente ist durch die Anzahl der Manuale (römische Zahl) und die Anzahl der klingenden Register (arab. Zahl) angegeben. Ein selbstständiges Pedal ist durch ein großes „P“ gekennzeichnet, ein angehängtes Pedal durch ein kleines „p“. Auch bedeutet R = Restaurierung, Rk = Rekonstruktion und NB = Neubau. Die Links in der letzten Spalte verweisen auf weiterführende Informationen und die Dispositionen.
Ahrend & Brunzema (1954–1971)
Jahr Opus Ort Kirche Bild Manuale Register Info1954/1988 1/129 Emden-Larrelt Larrelter Kirche 160x160px I/p 11 Restaurierung der Orgel von Johannes Millensis (1619)→ Orgel 1955 4 Westerhusen Westerhuser Kirche 160x160px I/p 7 Restaurierung der Orgel von Jost Sieburg (1643)→ Orgel 1957 8 Emden-Harsweg Reformierte Kirche 160x160px I 4 Neubau 1956/1957 9 Uttum Uttumer Kirche 160x160px I 9 Restaurierung der Orgel (um 1650)→ Orgel1957 (1997) 10 Veldhausen Altreformierte Kirche zentriert|160x160px I (II/P) 6 (13) Neubau mit Horizontaltrompete→ Orgel ()→ Orgel1959/2002 18 Scheveningen (NL) Zorgvlietkerk zentriert|160x160px III/P 26 Neubau; seit 2016 in Leer-Loga, St. Marien→ Orgel1959/2002 19 Bant (NL) Herv. kerkzentriert|160x160px I 5 Neubau; 2005 nach Uttum überführt (Hausorgel) und 2018 in die Seminarkirche des Priesterseminars in Brixen→ Orgel 1960 22 Zutphen (NL) Walburgiskerk zentriert|160x160px I/p 6 Neubau Chororgel→ Orgel () 1959/1960 25 Rysum Rysumer Kirche zentriert|160x160px I 7 Restaurierung der Orgel (1457/1531), Freilegung des spätgotischen Prospekts, Rekonstruktion des verlorenen Schnitzwerks, der Flügeltüren und dreier Register→ Orgel 1961/2023 27/224 Aurich Lambertikirche 160x160px II/P 29 wegweisender Neubau anhand der klassischen Prinzipien des Orgelbaus (zunächst II/P/25), 2022/2023 Einbau des bereits vorbereiteten Brustwerks und Erneuerung von drei Pedalregistern→ Orgel 1962 30 Bremen St. Martini zentriert|160x160px III/P 33 Neubau im historischen Gehäuse von Marten de Mare/Christian Bockelmann (1619)→ Orgel 1964 35 Hatzum St.-Sebastians-Kirche 160x160px I/p 7 Neubau mit Flügeltüren→ Orgel 1965 41 Amsterdam (NL) Oude Kerk zentriert|160x160px II/P 17 Neubau Chororgel im historischen Gehäuse von Hans Wolff Schonat (1658)→ Orgel 1965 43 Amsterdam (NL) Oude Waalse Kerk zentriert|160x160px II/P 26 Restaurierung der Orgel von Christian Müller (1734)→ Orgel ()→ Orgel 1966/96 45 Bremen-Oberneuland St. Johann zentriert|160x160px III/P 29 Neubau im Stil der norddeutschen Barockorgel; 1996 das bereits vorbereitete Brustwerk ausgebaut→ Orgel 1967 49 Castrop-Rauxel Johanneskirche in Schwerin-Frohlinde zentriert|160x160px III/P 27 Neubau→ Orgel 1968 57 Gütersloh Evangeliumskirche 160x160px II/P 20 Neubau im Stil der norddeutsch-niederländischen Barockorgel→ Orgel 1968 58 Haarlem (NL) Doopsgezinde kerk zentriert|160x160px III/P 24 Neubau→ Orgel 1969 62 Hamburg Reformierte Kirche Altona 160x160px II/P 15 Neubau→ Orgel 1969/2024 63 Loga Reformierte Kirche 160x160px II/P 15 Neubau; 2024 um ein Rückpositiv erweitert → Orgel1966/69/87 65 Marienhafe Marienkirche zentriert|160x160px II/p 20 Restaurierung der Orgel von Gerhard von Holy (1713) in mehreren Bauabschnitten→ Orgel 1970 68 Frankfurt am Main Cantate-Domino-Kirche 160x160px III/P 33 Neubau→ Orgel 1970 69 Uelsen Reformierte Kirche 160x160px II/P 20 Neubau im historischen Gehäuse von Johann Gustav Schilling (1768)→ Orgel1965–1970/1975–1977 70 Innsbruck Hofkirche zentriert|160x160px II/p 15 Restaurierung der Orgel von Jörg Ebert (1561)→ Orgel 1971 72 Westerstede St.-Petri-Kirche zentriert|160x160px II/p 22 rekonstruierender Neubau hinter dem Prospekt von Joachim Kayser (1687), Ergänzung um ein Rückpositiv→ Orgel1963–1971 74 Leer Große Kirche 160x160px III/P 37 Konsolidierung der Orgel in ihrem gewachsenen Zustand in verschiedenen Bauphasen→ Orgel
Jürgen Ahrend (1972–2004)