Jacques François Baud (* 1. April 1955) ist ein ehemaliger Schweizer Oberst in der Schweizer Armee. Er war Mitarbeiter der NATO und ab 2009 in unterschiedlichen Funktionen für die Vereinten Nationen tätig.
Leben Bis zum Ende des Kalten Krieges war Baud beim Strategischen Nachrichtendienst der Schweiz. Dort war er für die Analyse der Streitkräfte des Warschauer Pakts zuständig. Zu dieser Zeit lernte er auch Russisch. Von 2009 bis 2011 war er zuständig für Politik und Richtlinien für friedenserhaltende Operationen der Vereinten Nationen in New York, installierte Minenräumungsprogramme im Tschad, im Sudan, in Somalia und Äthiopien und war Direktor des International Peace Support Training Centre in Nairobi für die Afrikanische Union. Von 2012 bis 2017 war er Leiter der Abteilung für die Verhinderung der Verbreitung von Kleinwaffen bei der NATO in Brüssel.
Seit 2014 verfolgte er die Lage in der Ukraine. Jacques Baud wurde im Rahmen der NATO in die Ukraine entsandt, und zwar im Zusammenhang mit zwei Projekten, die mit seiner früheren Tätigkeit bei den Vereinten Nationen in Verbindung standen: der Umstrukturierung der ukrainischen Streitkräfte und einem humanitären Minenräumprojekt in der Region Donbass.
Über die Jahrzehnte sammelte Baud historische Spionage-Artefakte, manche stellte er dem Waadtländischen Militärmuseum Morges im Château de Morges für die Sonderausstellung Top Secret – Spionage und Widerstand in der Schweiz und in Europa 1939–1945 zur Verfügung, an deren Entstehung und am Ausstellungskatalog er beteiligt war.
Für ihn sei nicht erwiesen, dass Osama bin Laden an den Terroranschläge am 11. September 2001 beteiligt war (siehe auch: Verschwörungstheorien zum 11. September 2001).
Sanktionierung durch die EU Am 15. Dezember 2025 wurde er wegen des Vorwurfs prorussischer Propaganda und der Verbreitung von Verschwörungstheorien vom Rat der Europäischen Union mit Sanktionen belegt. Laut der Begründung des EU-Beschlusses war Baud regelmässig Gast in prorussischen Fernseh- und Radioprogrammen. Er fungiere als Sprachrohr für prorussische Propaganda und verbreite Verschwörungstheorien, indem er beispielsweise die Ukraine bezichtige, ihre eigene Invasion herbeigeführt zu haben, um der NATO beizutreten. Die Sanktionen sehen eine Beschränkung der Reisefreiheit und die Einfrierung des Vermögens innerhalb der EU vor. Im Februar 2026 erhielt Baud vom belgischen Finanzministerium eine humanitäre Ausnahmeregelung, durch die er für lebensnotwendige Zwecke auf sein Bankkonto zugreifen kann.
Baud ist damit der zweite Schweizer Staatsbürger, der von der EU sanktioniert wird. Bereits zuvor wurde die schweizerisch-kamerunische Aktivistin Nathalie Yamb sanktioniert. Die Sanktionen sind in der Schweiz nicht wirksam, da die Schweiz zwar die EU-Wirtschaftssanktionen von 2022 mitträgt, sich dem 2024 eröffneten Sanktionsregime wegen Propaganda und Desinformation der EU aber nicht angeschlossen hat. Baud wies alle diesbezüglichen Vorwürfe zurück und erklärte, lediglich ein Interview mit dem ehemaligen Selenskyj-Berater Oleksij Arestowytsch zitiert zu haben. Bauds Anwälte wollen sich direkt an den EU-Rat wenden, und er will Beschwerde beim Europäischen Gerichtshof einreichen.
Publikationen zu Russland und zum Ukrainekrieg Baud veröffentlichte mehrere Bücher über Russland und über den russischen Überfall auf die Ukraine. 2021 erschien sein Buch L’affaire Navalny, in dem er sich laut Verlagsbeschreibung unter Auswertung von offiziellen US-amerikanischen, britischen, russischen, französischen und deutschen amtlichen Dokumenten kritisch mit dem Auf- und Abstieg von Alexei Nawalny auseinandersetzt.
2022 erschien in Paris sein Buch Poutine, maître du jeu?, das 2023 in der deutschen Übersetzung im Westend Verlag publiziert wurde. Nach dem Eintrag seines Buchs bei der Stadtbibliothek Karlsruhe analysiere Baud Medien aus mehreren Ländern in Bezug auf ihre Berichterstattung über den russischen Krieg in der Ukraine. Er prüfe Zitate, vergleiche Quellen und führe Belege an, die auf unseriösen Journalismus hindeuteten, ergänze verstümmelte und aus dem Zusammenhang gerissene Zitate, vergleiche Quellen und führe für seine Faktenüberprüfungen Belege an.
Die Stadtbücherei Münster versah das Buch sowie ein Buch eines weiteren Autors mit einem „Warnhinweis“: „Dies ist ein Werk mit umstrittenem Inhalt. Dieses Exemplar wird aufgrund der Zensur-, Meinungs- und Informationsfreiheit zur Verfügung gestellt.“ Gegen diesen Hinweis klagte der andere Autor und gewann in zweiter Instanz vor dem Oberverwaltungsgericht, die Warnhinweise würden die Meinungsfreiheit sowie das Persönlichkeitsrecht des Autors verletzen.
Im selben Jahr folgte das Buch Operation Z, das gleichzeitig in Frankreich und in einer englischen Übersetzung in Grossbritannien veröffentlicht wurde, und dem 2024 eine russische Übersetzung, publiziert von Bauds französischem Verleger, folgte. In dem Buch stellt er seine Ansichten über Ursachen, Hintergründe und mögliche Motive der beteiligten Akteure am Ukraine-Krieg dar und spekuliert darüber, wie der Krieg möglicherweise hätte verhindert werden können.
In L’art de la guerre russe. Comment l’Occident a conduit l’Ukraine à l’échec von 2024 befasst sich Baud mit den Fragen, wie die beiden Lager denken, und warum die Ukraine den Krieg verloren habe. Auch in diesem Buch wertet er offizielle US-amerikanische und andere westliche sowie russische und sowjetische Quellen aus, um „irrtümliche“ Vorstellungen auf beiden Seiten zu beschreiben. Die Tendenz des Buchs drückt sein Untertitel aus: Comment l’Occident a conduit l’Ukraine à l’échec – Wie der Westen die Ukraine in den Untergang geführt hat.
Baud trat in der Schweiz auch öffentlich auf, seine Reden sollen dabei an Moskauer Propaganda erinnert haben, nach Angaben der Zeitung «24 heures» hat ihn das auf prorussischen und Verschwörungswebseiten wie Agoravox TV, Omerta oder Le Média en 4-4-2 und auch beim russischen staatlichen Auslandsfernsehen RT populär gemacht.
Laut Tages-Anzeiger prangert Baud in seinen Büchern die «Unterdrückung der russischsprachigen Gebiete in der Ukraine» an und beschuldigt den Westen, «die Ukraine zum Scheitern zu verleiten». Er bezweifelte auch den in der Zwischenzeit erwiesenen Einsatz nordkoreanischer Soldaten an der Seite Russlands.
Schriften
Weblinks
Roger Köppel: «Ich bekomme viel Unterstützung, aber keine aus der offiziellen Schweiz»: EU-Sanktionsopfer Jacques Baud über die Nicht-Reaktion unserer Behörden. In: Die Weltwoche, 20. Dezember 2025 (Video, 91 Min.; YouTube). Tobias Müller, Kaspar Surber: Die Kirsche auf der Torte. In: Die Wochenzeitung, Nr. 2, 8. Januar 2026. Bernhard Wegener: The EU Sanctions against Jacques Baud and the Crisis of Freedom of Expression: On the Fundamental Rights Problem of Individual Restrictions on Grounds of “Disinformation” in: Verfassungsblog on Matters Constitutional, 12. Juni 2026, , DOI: 0.59704/8584307817b6e14e.
Einzelnachweise
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