mini|Hinrich Lichtenstein mini|Hinrich Lichtenstein, Lithographie von Rudolf Hoffmann, 1857 Martin Hinrich Carl Lichtenstein, selten auch Heinrich oder Karl (* 10. Januar 1780 in Hamburg; † in der Nacht vom 2. September auf den 3. SeptemberWegen des Todes in der Nacht differieren die Angaben des Tages: Die Zeitschrift Bonplandia und die Augsburger Allgemeine Zeitung geben den 3.9. an, der Nekrolog in der ornithologischen Zeitschrift Naumannia korrekt die Nacht vom 2. auf den 3.9. 1857 auf See zwischen Korsör und Kiel, beerdigt in Kiel) war ein deutscher Mediziner, Zoologe und Forschungsreisender in Südafrika. Er war erster Professor für Zoologie an der Universität Berlin, Gründer des Berliner Zoologischen Gartens und gilt mit 44 Jahren Amtszeit als eigentlicher Gründer des Berliner Museums für Naturkunde. Er war außerdem Briefpartner und Freund Adelbert von Chamissos, Carl Maria von Webers und Alexander von Humboldts und bestimmte das wissenschaftliche und kulturelle Leben Berlins in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts maßgeblich mit.
Leben Lichtenstein war vielseitig und hatte zahlreiche Funktionen inne. Er war:Zusammenfassung nach Thomas Schmuck: Lichtenstein - Ein Leben zwischen Wissenschaft und Musik, 2024, S. 12–23. Forschungsreisender in Südafrika (1802/03–1806) Arzt beim „Bataillon hottentottischer leichter Infanterie“ der Batavischen Republik (1804–1806) erster Professor für Zoologie an der Universität Berlin (1810/11–1857) 44 Jahre lang Direktor des Zoologischen Museums in Berlin, des Vorgängers des heutigen Museums für Naturkunde (1813–1857) Förderer zahlreicher Expeditionen, u. a. jener von Friedrich Wilhelm Hemprich und Christian Gottfried Ehrenberg 1820–1825 Organisator eines globalen Netzwerks von Naturaliensammlern wie Karl Heinrich Bergius, Ferdinand Deppe und Ludwig Krebs sammelnder Ornithologe und Briefpartner bedeutender Ornithologen, u. a. von Johann Friedrich Naumann und Coenraad Jacob Temminck Dekan (1815) und Rektor (1820/21, 1826/27 und 1840/41) an der Universität Berlin stellvertretender Direktor des Berliner Botanischen Gartens in Kriegszeiten (1812–1815) sowie interimistisch 1850–1852 Gründungsmitglied (1828) und Direktor der Gesellschaft für Erdkunde Curator (ab 1830) der Forstakademie in Eberswalde Gründer und erster Direktor des Zoologischen Gartens in Berlin (1841/44–1857), Sänger in Carl Friedrich Zelters Liedertafel und Mitglied der Sing-Akademie, deren Geschichte er auch schrieb Freund und Briefpartner Carl Maria von Webers, für dessen Söhne er 1826 auch die Vormundschaft mitübernahm Freund und Unterstützer Adelbert von Chamissos, dem er die Teilnahme an der russischen Weltumseglung 1815–1818 unter Otto von Kotzebue ermöglichte und schließlich Korrespondenzpartner Alexander von Humboldts (1820–1855), überwiegend nach dessen Rückkehr aus Paris nach Berlin 1827.
Herkunft, Ausbildung, Südafrika-Reise Martin Hinrich Lichtenstein wurde als Sohn des Zoologen und Bibliothekars Anton August Heinrich Lichtenstein in Hamburg geboren. Die von ihm bevorzugt verwendete Namensform „Hinrich“ sollte auf seine hanseatische Herkunft verweisen. Vorfahren waren im 17. Jahrhundert zum Protestantismus übergetretene Juden. Lichtenstein ging im Hamburger Johanneum zur Schule, wo der Vater Lehrer und Rektor war und Karl August Varnhagen von Ense sein Kommilitone, studierte ab 1799 in Jena und Helmstedt Medizin und promovierte am 26. April 1802 zum Dr. med. Die folgende Monate verbrachte Lichtenstein in Braunschweig, um sich auf Südafrika vorzubereiten. Unterstützt wurde er dabei vom Entomologen Johann Christian Ludwig Hellwig, dessen Schüler, dem Zoologen Johann Karl Wilhelm Illiger, und dem Botaniker Johann Centurius von Hoffmannsegg, alle am dortigen Collegium Carolinum tätig.
Von Ende 1802 bis Anfang 1806, über drei Jahre, erforschte Lichtenstein Südafrika, anfangs als Arzt und als Hauslehrer des Sohnes des Gouverneurs der Kapkolonie Jan Willem Janssens. Insgesamt unternahm er fünf größere Reisen weit über die Grenzen der damaligen niederländischen Kapkolonie hinaus. Mit der britischen Invasion Anfang 1806 endete sein Aufenthalt. Auf der Hin- bzw. Rückfahrt besuchte er auch Teneriffa bzw. St. Helena. Sein zweibändiges, unvollendetes Werk Reisen durch das südliche Africa 1811/1812 beschrieb erstmals wissenschaftlich in deutscher Sprache Südafrika, seine Natur und Völkerschaften, wurde ein Publikumserfolg und machte Lichtenstein berühmt.Der geplante 3. Band, der die wissenschaftlichen Daten enthalten sollte, ist nie erschienen. Für Alexander von Humboldt und Goethe (denn er 1808 in Weimar besuchte) wurde er damit Auskunftsgeber zu Südafrika, er selbst verdiente daran die große Summe von 5.000 Talern.
Professur, Museumsausbau, Zoologischer Garten-Gründung Lichtenstein wurde auf Vorschlag von Johann Gottlieb Fichte 1811 der erste Professor auf dem neu errichteten Lehrstuhl für Zoologie an der Universität zu Berlin, zu deren Rektor er in den Jahren 1820/21, 1826/27 und 1840/41 ernannt wurde. In seinen Vorlesungen bildete er mehrere Generationen von Naturwissenschaftlern heran, darunter Ernst Haeckel. Zu seinen Hörern gehörten aber auch Felix Mendelssohn Bartholdy und Arthur Schopenhauer. links|mini|Abbildung aus Lichtensteins Reisen im südlichen Afrika 1803–1806: Afrikaner kämpfen mit Schlagstöcken
1813 wurde Lichtenstein nach dem vorzeitigen Tuberkulosetod des erst 37-jährigen Karl Illiger zum eigentlichen Gründer des Zoologischen Museums in Berlin, den Vorgänger des heutigen Museum für Naturkunde. 44 Jahre lang leitete er das Museum, das sich damals noch im Prinz-Heinrich-Bau unter den Linden (heutige Humboldt-Universität) befand und wo Lichtenstein mit seiner Familie „unter seinen ausgestopften Löwen und Tigern“Karl Gutzkow: Das Kastanienwäldchen in Berlin, in: Berliner Erinnerungen und Erlebnisse, Berlin 1961, S. 136. auch lebte. In den fast 50 Jahren seiner Leitung wurde das Museum zu einer der bedeutendsten naturkundlichen Sammlungen der Welt; besonders die Vogelsammlung war berühmt. "Thanks to the efforts of Lichtenstein, the Berlin Museum would become one of the most prestigious institutions in Europe." (Valérie Chansigaud: The History of Ornithology, 2009, S. 141)
Gemeinsam mit Alexander von Humboldt organisierte Lichtenstein im September 1828 die 7. Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte in Berlin mit ca. 400 Teilnehmern aus ganz Europa, zu der Humboldt am 18. September auch die Eröffnungsrede hielt. Felix Mendelssohn Bartholdy komponierte dafür eigens eine „Natur-Kantate“. "Begrüßung" ("Willkommen! Rufen wir euch froh entgegen"), MWV D 2für Männerchor und Bläser auf einen Text von Ludwig Rellstab.
Lichtenstein war auch Initiator und erster Direktor des Zoologischen Garten Berlins und überredete 1841 Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, nicht nur ein Darlehen, sondern auch einen Teil des Geländes seiner Fasanerie am Berliner Tiergarten für die Errichtung des Zoos unentgeltlich zur Verfügung zu stellen. Dazu verfasste Lichtenstein bereits 1840 ein Memorandum an den König (der Text ist seit 1877 verloren), Alexander von Humboldt legte es König Friedrich Wilhelm IV. vor, der mit einer daraufhin erlassenen „Allerhöchsten Kabinettsordre vom 31. Januar 1841“ die Gründung des Zoologischen Gartens genehmigte.
Lichtenstein unterhielt über Jahrzehnte hinweg ein Netzwerk von Sammlern und Wissenschaftlern, um die zoologischen Sammlungen zu vermehren. Seine Forschungsschwerpunkte waren Säugetiere und Vögel, er unterhielt ausgedehnte Beziehungen mit renommierten Ornithologen wie mit dem „Vogelpastor“ Christian Ludwig Brehm in Renthendorf, mit Johann Friedrich Naumann in Ziebigk, dem „Vater der deutschen Ornithologie“, und mit Coenraad Jacob Temminck in Leiden. Er unterstützte organisatorisch und finanziell zahlreiche Wissenschaftler bei Forschungs- und Sammelreisen und sicherte deren Sammlungen für Berlin. Zahlreiche Doubletten, oder was er dafür hielt, verkaufte er wieder, was auch dem niedrigen Budget der preußischen Museen geschuldet war, ihm aber bereits zu Lebzeiten und später Kritik einbrachte, etwa von Temminck oder Erwin Stresemann. Insbesondere förderte Lichtenstein: Adelbert von Chamisso, dem er die Teilnahme an der russischen Weltumseglung 1815–1818 ermöglichte die Expedition von Friedrich Wilhelm Hemprich und Christian Gottfried Ehrenberg in den Vorderen Orient, wo Hemprich 1825 in Eritrea umkam zahlreiche Sammler in Südafrika, u. a. Karl Heinrich Bergius und Ludwig Krebs Johann Wilhelm Helfer nach Südasien, wo dieser 1840 auf den Andamanen ermordet wurde seinen Neffen Werner Hoffmeister, der 1845 im Punjab im Krieg umkam und den Reiseschriftsteller Balduin Möllhausen 1853 nach Nordamerika.
Lichtenstein war seit 1830 auswärtiges Mitglied der Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen und von 1814 bis 1857 Mitglied der Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften sowie 1818–1857 Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina. Seit 1811 war er auch Mitglied der renommierten Gesetzlosen Gesellschaft zu Berlin. 1816 trat er dem Montagsklub in Berlin bei und war dort seit 1851 bis zu seinem Tode der 10. Senior.Gustav Adolf Sachse, Eduard Droop (Hrsg.): Der Montagsklub in Berlin 1749–1899: Fest- und Gedenkschrift zu seiner 150sten Jahresfeier. J. Sittenfeld, Berlin 1899, Nr. 120, S. 130 f.
Lichtenstein unternahm zur Vermehrung der Sammlungen zahlreiche Reisen durch ganz Europa, weswegen ihn Goethe im Tagebuch „Lichtenstein der Reisende“Goethe, Tagebuch 23.4.1808, zit. n. Robert Steiger: Goethes Leben von Tag zu Tag, München, Zürich 1988, Bd. 5 S. 188. nannte. Lichtenstein starb auch auf einer Reise, die er gemeinsam mit seiner Frau Victoire unternommen hatte: auf der Rückreise von Schweden erlitt er unerwartet in der Nacht vom 2. auf den 3. September 1857 an Bord eines Schiffes einen tödlichen Schlaganfall. Er wurde am 5.9. in Kiel bestattet. „Lichtensteins Tod hat mich überrascht und betrübt“, schrieb Humboldt an Eduard Buschmann. Christian Ludwig Brehm hielt einige Monate später lakonisch fest: „Die ganze alte Garde der Ornithologen, mich, den unglücklichsten unter ihnen, ausgenommen, hat die Sichel des Todes gemäht.“Humboldt, Brief vom 5.9.1857 an E. Buschmann (zit. n. Th. Schmuck: Lichtenstein – Ein Leben... 2024, S. 60) bzw. Brehm an den Ornithologen Eugen Ferdinand von Homeyer, 10.2.1858.
Lichtenstein und die Musik Lichtenstein war musikalisch sehr begabt. „In seiner frühesten Jugend erhielt er Musikunterricht von Carl Philipp Emanuel Bach, der den Knaben auf den Schooß nahm, weil dieser zu klein war, bequem die Tasten zu erreichen.“Carl von Ledebur: Tonkünstler-Lexikon Berlin’s von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Ludwig Rauh, Berlin 1861, S. 342. Er sang Bass, als Mitglied der Sing-Akademie zu Berlin wirkte er als Stimmvorsteher und damit Mitglied des Vorstandes unter den Direktoren Carl Friedrich Zelter und Carl Friedrich Rungenhagen. Am 28. April 1812 wurde er in die auf 24 Männer begrenzte Zeltersche Liedertafel aufgenommen, die aus den Reihen der Sing-Akademie gebildet wurde.Carl von Ledebur: Tonkünstler-Lexikon Berlin’s von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Ludwig Rauh, Berlin 1861, S. 342. Ein anderes Eintrittsdatum nennt Georg Schünemann: Carl Maria von Weber in Berlin. Sein erster Besuch im Jahre 1812. In: Alfred Morgenroth (Hrsg.): Von deutscher Tonkunst: Festschrift zu Peter Raabes 70. Geburtstag. Peters, Leipzig 1942, S. 71–87: „Lichtenstein war am 26. Mai bei der Tafel aufgenommen worden“. Dort übte Lichtenstein von 1813 bis 1818 das Amt des Tafelmeisters aus. Zum 50. Jahrestag der Gründung der Sing-Akademie zu Berlin verfasste er 1841 eine umfassende Festschrift.