Inge Hergenhahn-Dinand, geb. Dinand (* 14. August 1907 in Darmstadt; † 11. Mai 2003 in Frankfurt am Main), war eine deutsche Malerin und Grafikerin.
Leben Inge Dinand war die Tochter des Heilpraktikers Paul Dinand und dessen Ehefrau Anna Dinand. Sie besuchte die Viktoriaschule in ihrem Geburtsort Darmstadt. 1925 nahm sie ein Kunststudium bei Peter Rasmussen (1897–1935) an der Städelschule in Frankfurt am Main auf. Um 1928 wechselte sie in die Malklasse von Max Beckmann, dessen Meisterschülerin sie 1932 wurde. Während ihres Studiums begann sie ihre Werke auszustellen, so hatte sie 1928 Einzelausstellungen in der „Darmstädter Bücherstube“ von Alfred Bodenheimer (1898–1966) und der Berliner Galerie von Paul Westheim.Bettina Bergstedt: Inge Hergenhahn-Dinand. In: Claus K. Netuschil (Hrsg.): Der weibliche Blick: vergessene und verschollene Künstlerinnen in Darmstadt 1880–1930. Kunst-Archiv Darmstadt, Darmstadt 2013, S. 118. 1930 nahm sie mit Georg Heck, ebenfalls ein Schüler Beckmanns, und vier weiteren Künstlern an der Ausstellung Junge Künstler in der Frankfurter Galerie F.A.C. Prestel teil.
1933 heiratete Inge Dinand den Maler Walter Hergenhahn, den sie in Beckmanns Klasse kennengelernt hatte. Aus der Ehe gingen zwei Söhne (* 1935 und * 1937) hervor. Mit Beginn der Zeit des Nationalsozialismus wurden die Werke des Künstlerehepaars, wie die ihres Lehrers Beckmann, als „Entartete Kunst“ eingestuft, woraufhin sie sich vorübergehend nach Sylt zurückzogen. Ab 1939 leistete Walter Hergenhahn Kriegsdienst. Inge Hergenhahn-Dinand beschickte auch während des Zweiten Weltkriegs Ausstellungen, so zeigte sie 1941 Holzschnitte bei der Exposition Zeitgenössische deutsche Graphik in der Kunsthalle Mannheim.Zeitgenössische deutsche Graphik. In: Neue Mannheimer Zeitung. 31. Mai 1941, S. 4. 1942 wurde ihr Haus in Frankfurt ausgebombt und dabei ein großer Teil ihrer Werke zerstört. Daraufhin ging sie mit ihren Kindern nach Groß Luttom im Kreis Birnbaum. 1945 flüchtete sie über Mietzelfelde, Stargard und Stralsund nach Hamburg.Sabine Schulze (Hrsg.): Das 20. Jahrhundert im Städel. Hatje, Ostfildern-Ruit 1998, ISBN 3-7757-0707-7, S. 41.
mini|Grab von Inge und Walter Hergenhahn auf dem Hauptfriedhof Frankfurt Von 1946 bis 1956 lebten Inge und Walter Hergenhahn in Nierstein am Rhein. Dort gehörten sie 1954 zu den Mitbegründern der Künstlervereinigung „Neue Gruppe Rheinland-Pfalz“. Inge Hergenhahn-Dinand beschäftigte sich in der Nachkriegszeit vermehrt mit Druckgrafik, mit der sie in den USA auf positive Resonanz traf und beteiligte sich regelmäßig an den Ausstellungen Farbige Graphik der Kestner-Gesellschaft in Hannover. 1956 zog sie mit ihrem Ehemann wieder nach Frankfurt, wo er die Leitung der Städel-Abendschulung übernahm. 1958 ließen sie sich scheiden, worauf bei Inge Hergenhahn-Dinand eine Phase geringer künstlerischer Produktivität folgte.
Obwohl Inge Hergenhahn-Dinand als Künstlerin überregional anerkannt war, wurde es nach der Scheidung schwierig für sie, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.Inge Hergenhahn-Dinand. In: sammlung.staedelmuseum.de. Abgerufen am 17. Dezember 2025. Von 1957 bis 1978 leitete sie Sommerkurse der Volkshochschule auf Sylt. Sie absolvierte zudem eine Ausbildung zur Weberin an der Werkkunstschule in Offenbach und konnte mit Aufträgen für Bildteppiche und Paramente ihr Einkommen aufbessern. 1965 wurde sie mit dem Studienfahrtenpreis der Heussenstamm-Stiftung ausgezeichnet und nutzte das Preisgeld für Reisen in die Provence. Ab 1968 führte sie einige Jahre lang eine Galerie in Frankfurt, in der sie unter anderem Werke von Thomas Bayrle, Arnulf Rainer und Karl Kunz ausstellte. Ab dieser Zeit war sie künstlerisch wieder aktiver. Im Atelier von Walter Hanusch schuf sie Radierungen. 1976 gehörten Hergenhahn-Dinand und Georg Heck, mit dem sie zeitlebens in Kontakt blieb, zu den Initiatoren der Ausstellungsgemeinschaft „Frankfurter Kreis“. Zu ihrem Bekanntenkreis zählte beispielsweise auch der Bildhauer Hans Bernt Gebhardt (1915–1995), mit dem sie Parisreisen unternahm.
Inge Hergenhahn-Dinand starb 2003 im Alter von 95 Jahren in Frankfurt am Main. Sie wurde auf dem dortigen Hauptfriedhof neben Walter Hergenhahn bestattet.
Werk Inge Hergenhahn-Dinand malte Porträts, Landschaften und Stillleben in Öl und Aquarell. Als Grafikerin schuf sie Radierungen, farbige Holzschnitte und Lithografien. Ihre schlichten, oft kargen Landschaftsmotive fand sie unter anderem an der Nordsee (Sylt) und in Frankreich, insbesondere in Häfen und auf Dünen. Beckmanns Einfluss zeigt sich im Kontrastreichtum und der robusten Farbgebung ihrer Werke. Er ist vor allem in ihren Bildnissen zu finden. Trotzdem wurde Inge Hergenhahn-Dinand bereits im Studium „künstlerische Originalität“ bescheinigt. 1933 erwarb die Städtische Galerie im Städel ein Gemälde von ihr, womit sie als einzige Schülerin der Beckmann-Meisterklasse vor 1945 in dieser Sammlung vertreten war. Bei ihrem dort aufbewahrten Kinderbildnis verzichtete Hergenhahn-Dinand auf Verklärung und Liebliches, stattdessen verbildlichte sie die aus den Fugen geratene Welt einer Kindheit Anfang der 1930er-Jahre.Kinderbildnis. In: sammlung.staedelmuseum.de. Abgerufen am 17. Dezember 2025.
Werke (Auswahl) Blick aus dem Atelierfenster, 1930, Öl auf Leinwand Kinderbildnis, 1932/33, Öl auf Leinwand, 50,5 × 31,2 cm, Städel Museum, Frankfurt am Main, Inventarnummer SG 489 (Erwerb 1933 als Überweisung der Frankfurter Künstlerförderung) Selbstbildnis und Mädchen am Fenster, Holzschnitte, 1941 Ausstellung Kunsthalle Mannheim Bildnis einer Rauchenden, 1953, Öl auf Leinwand, 72,4 × 58,1 cm, Museum Kunst der Verlorenen Generation Salzburg, 2024 Ausstellung ebendaExpress-Führung am Mittwoch: Der gesprengte Kreis – Die Schülerinnen und Schüler Max Beckmanns. In: hofheim.de. Abgerufen am 17. Dezember 2025.
Ausstellungen (Auswahl) 1928: Galerie Westheim, Berlin 1930, 1932: Kunsthandlung F. A. C. Prestel, Frankfurt 1931: Berliner Secession, Romanisches HausDie Secession im neuen Heim. In: Der Abend. 2. November 1931. 1933: Das junge Frankfurt, Frankfurter Kunstverein 1941: Zeitgenössische deutsche Graphik, Kunsthalle Mannheim 1980: Max Beckmanns Frankfurter Schüler: 1925–1933, Kommunale Galerie im Leinwandhaus 2013: Der weibliche Blick: vergessene und verschollene Künstlerinnen in Darmstadt 1880–1930, Kunst Archiv Darmstadt 2024: Der gesprengte Kreis – Die Schülerinnen und Schüler Max Beckmanns, Stadtmuseum Hofheim am TaunusSonderausstellungen. In: stadtmuseum.hofheim.de. Abgerufen am 17. Dezember 2025. 2024: Beyond Beckmann – Von der Meisterklasse bis zur Sammlung Böhme, Museum Kunst der Verlorenen Generation, SalzburgBeyond Beckmann. Von der Meisterklasse bis zur Sammlung Böhme / Museum Kunst der Verlorenen Generation, Salzburg. In: creativeaustria.at. Abgerufen am 17. Dezember 2025. 2025: Inge Hergenhahn-Dinand – Leben, Werk und Meisterschülerin von Max Beckmann, Museum Kunst der Verlorenen Generation, SalzburgInge Hergenhahn-Dinand – Leben, Werk und Meisterschülerin von Max Beckmann. In: findart.cc. Abgerufen am 17. Dezember 2025.
Literatur
Claus K. Netuschil: Hergenhahn-Dinand, Inge. In: Stadtlexikon Darmstadt. Stuttgart 2006, S. 371 f. (online). Bettina Bergstedt: Inge Hergenhahn-Dinand. In: Claus K. Netuschil (Hrsg.): Der weibliche Blick: vergessene und verschollene Künstlerinnen in Darmstadt 1880–1930. Kunst-Archiv Darmstadt, Darmstadt 2013, ISBN 978-3-9808630-5-6, S. 118–121.
Weblinks
Einzelnachweise
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