Die Wirtschaft Sachsens bildet die führende unter den neuen Ländern. Der Freistaat Sachsen zählt historisch zu den bedeutendsten Industrieregionen Deutschlands und hat sich nach der Wiedervereinigung 1990 zu einer dynamischen Wirtschaftsregion entwickelt. Im Jahr 2024 erreichte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Sachsens rund 162 Milliarden Euro, was etwa 3,8 % der gesamtdeutschen Wirtschaftsleistung entspricht. Mit einem BIP je Einwohner von knapp 39.700 Euro liegt Sachsen allerdings noch bei rund 78 % des Bundesdurchschnitts. Seit der Jahrtausendwende verzeichnete Sachsen eines der höchsten Wirtschaftswachstumszahlen aller Bundesländer – das BIP stieg zwischen 2000 und 2024 um über 30 %. Die Wirtschaftsstruktur wird von einer modernen Industrie geprägt, insbesondere dem Automobil- und Maschinenbau sowie der Mikroelektronik (Cluster „Silicon Saxony“), ergänzt durch einen wachsenden Dienstleistungssektor. Trotz großer Fortschritte beim Aufholprozess erreicht die Wirtschaftsleistung pro Kopf noch nicht ganz westdeutsches Niveau, jedoch weist Sachsen stabile Staatsfinanzen auf und verfügt über die geringste Pro-Kopf-Verschuldung aller Bundesländer.
Geschichte
Frühphase mini|Die Meinertsche Spinnmühle in Lugau bei Chemnitz von 1812, eines der frühesten Fabrikgebäude in Deutschland. Im August 2016 abgerissen. Sachsens wirtschaftlicher Aufstieg begann früh: Bereits im Mittelalter legte der Silberbergbau den Grundstein für Wohlstand und Gewerbe. Im 12. Jahrhundert führte das Auffinden reicher Silbervorkommen im Erzgebirge zu einem „Silberrausch“, der die Kassen der sächsischen Herrscher füllte und dynamische wirtschaftliche Strukturen entstehen ließ. Weitere dort abgebaute Metalle und Mineralien sowie sich deswegen ansiedelndes verarbeitendes Gewerbe verstärkten diese Dynamik. Seit dem 16. Jahrhundert siedelten sich im Vogtland, in der Nähe zum Erzbgebirge, Textilexportgewerbe an.
Die Messestadt Leipzig entwickelte sich bis um 1500 zum zentralen Handelsplatz Mitteldeutschlands und gewann im 18. Jahrhundert auch international an Bedeutung, etwa im Buch-und Rauchwarenhandel. Nach den Zerstörungen des Siebenjährigen Kriegs (1756–1763) verfolgte Sachsen eine zielgerichtete Wirtschaftspolitik des Wiederaufbaus („Retablissement“), welche Finanzen stabilisierte und gezielt Gewerbe durch Merkantilismus förderte. Diese Reformen schufen die Grundlage dafür, dass Sachsen zu den Pionierregionen der Industrialisierung in Europa gehörte.
Im späten 18. Jahrhundert entstand in Chemnitz eine der ersten Fabriken Deutschlands: Zwischen 1798 und 1800 wurde dort – nach einer frühen Fabrik in Düsseldorf – eine Spinnmühle eröffnet. In den folgenden Jahrzehnten entwickelten sich um Chemnitz zahlreiche Textilfabriken; mit dem Übergang zur Massenfertigung entstanden auch Maschinenbaubetriebe, sodass Chemnitz den Beinamen „sächsisches Manchester“ erhielt. Parallel zur Adaption industrieller Fertigung im Spinnereigewerbe, wurde in garnverarbeitenden Branchen zunächst weiterhin auf Handarbeit gesetzt, indem Produkte, die noch nicht maschinell produziert werden konnten hergestellt wurden. Letztendlich wurde Chemnitz im 19. Jahrhundert zum industriellen Zentrum Sachsens und einem Motor der deutschen Industrialisierung. Gehemmt wurde diese Entwicklung jedoch zunächst von der fehlenden Verfügbarkeit verlässlicher Energiequellen. Anfangs wurden Maschinen noch aus England importiert, doch ab 1807 baute man in Chemnitz eigene Spinnmaschinen und gehörte bald zu den weltweiten Marktführern für mechanische Webstühle.
Sachsen gehörte in dieser Zeit zu den am stärksten industrialisierten Regionen: Um 1846 gab es allein in Chemnitz 135 und in Dresden 60 Fabriken für Werkzeugmaschinen (zum Vergleich: in Berlin 38, in Köln nur 5). Mit Unterstützung der sächsischen Regierung – etwa Förderungen für mechanische Spinnereien (ab 1798) und allgemeine Gewerbeförderung (ab 1827) – beschleunigte sich der Aufschwung weiter. 1834 trat Sachsen dem Deutschen Zollverein bei, wovon besonders die Textilindustrie profitierte. 1839 eröffnete die erste deutsche Ferneisenbahn zwischen Leipzig und Dresden, gefolgt vom Aufbau des dichtesten Eisenbahnnetzes in Mitteleuropa, was in den 1850er Jahren den Durchbruch zur fabrikmäßigen Produktion brachte. Ebenfalls 1839 baute Johann Andreas Schubert in Dresden die Saxonia, die erste funktionstüchtige Lokomotive Kontinentaleuropas, womit das britische Monopol im Lokomotivbau endete.
Der Industrieschub spiegelte sich auch in der Bevölkerung wider: Chemnitz wuchs von 12.000 Einwohnern (1810) auf über 200.000 um 1900. Hauptindustriezweige waren zunächst Textilgewerbe (besonders im Erzgebirge, Vogtland und der Oberlausitz, wo im 19. Jh. der Großteil der sächsischen Beschäftigten in der Textilproduktion arbeitete), gefolgt vom Maschinen- und Werkzeugbau. Im ausgehenden 19. Jahrhundert stieg Sachsen zu einer der führenden Industrieregionen Deutschlands auf. So entwickelte sich Dresden zum Zentrum des Foto- und Kinoapparatebaus in Europa, und Leipzig investierte in seine Messe, die sich um 1895 von der Warenmesse zur modernen Mustermesse wandelte.
Sachsen im Deutschen Reich (1871–1945) mini|Industrien im Deutschen Kaiserreich Nach der Reichsgründung 1871 blieb Sachsen ein industrieller Kernraum des Deutschen Reiches. Insbesondere im Kaiserreich (1871–1918) wuchs die sächsische Wirtschaft dynamisch weiter. Neue Industriezweige kamen hinzu: Dresden profilierte sich in der Elektrotechnik und pharmazeutischen Industrie. Leipzig blieb ein wichtiger Handels- und Verlagsstandort, und Chemnitz sowie Zwickau entwickelten eine bedeutende Fahrzeugindustrie. So wurden in Sachsen mehrere Automobilfirmen gegründet (u. a. Horch 1904 und Audiwerke 1909 in Zwickau); 1932 schlossen sie sich mit weiteren Herstellern zur Auto Union zusammen – dem Vorläufer von Audi. Auch andere klangvolle Marken der deutschen Industrie hatten sächsische Wurzeln: etwa der Kosmetikhersteller Wella (1880 in Rothenkirchen gegründet) oder die Dresdner Bank (1872 in Dresden gegründet).Barkleit, G. (2007). Rezension: Rainer Karlsch; Michael Schäfer: Wirtschaftsgeschichte Sachsens im Industriezeitalter. [Rezension des Buches Wirtschaftsgeschichte Sachsens im Industriezeitalter, von R. Karlsch, & M. Schäfer]. Totalitarismus und Demokratie, 4(1), 170–174. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0168-ssoar-352107
Um die Jahrhundertwende war Sachsen eines der am dichtesten besiedelten Gebiete und galt als vergleichsweise wohlhabend. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs lag das Pro-Kopf-Einkommen in Sachsen 17 % über dem Reichsdurchschnitt. Gleichzeitig war Sachsen wegen der starken Industriearbeiterschaft eine Hochburg der Sozialdemokratie („rotes Königreich“ genannt) und es besaß bereits vor 1914 das dichteste Netz an Sozial- und Krankenkassen in Deutschland. Während des Ersten Weltkriegs (1914–1918) trug Sachsen u. a. durch die Gewinnung von Treibstoff aus heimischer Braunkohle zur Kriegswirtschaft bei und forcierte 1916 als eines der ersten Länder die Verstaatlichung des Energiesektors. Nach Kriegsende führte die Umstellung auf Friedenswirtschaft zu wirtschaftlichen Verwerfungen. In der Weimarer Republik (1918–1933) erlebte die sächsische Wirtschaft widersprüchliche Entwicklungen: In den „Goldenen Zwanzigern“ entstanden neue Unternehmen wie z. B. Zeiss Ikon (Fotoindustrie), doch alte Industriezweige (insb. Textil) litten unter strukturellen Problemen. Die Weltwirtschaftskrise ab 1929 traf das industriell geprägte Sachsen hart – Firmenzusammenbrüche und Massenarbeitslosigkeit waren die Folge.
Während der NS-Zeit (1933–1945) profitierte Sachsens Industrie zunächst von der Aufrüstungspolitik nur verzögert, da seine Industrie stark auf die Produktion von Konsumgütern ausgerichtet war. Traditionelle Betriebe (Maschinenbau, Fahrzeugbau) wurden in die Kriegsproduktion eingebunden, und Zwangsarbeiter kamen in vielen sächsischen Fabriken zum Einsatz, weshalb Sachsen schließlich eine bedeutende Rolle in der NS-Kriegswirtschaft zukam. Insgesamt war die industrielle Leistungsfähigkeit im Osten Deutschlands bis zum Ende der 1930er Jahre noch immer sehr hoch: 1939 lag die die jährliche Industrieproduktion je Einwohner im Osten (inkl. Sachsen) bei 725 Reichsmark, deutlich über dem Wert im Westen (609 RM). Damit war die Wirtschaftskraft der ostdeutschen Kernregionen (Sachsen, Berlin, Schlesien) der westdeutschen überlegen.
Durch den Zweiten Weltkrieg erlitt Sachsen immense Zerstörungen. Bei Luftangriffen 1944/45 wurden die Großstädte Dresden (Februar 1945) und Chemnitz stark zerstört, was die industrielle Infrastruktur schwer traf. Die jahrzehntelange Erfolgsgeschichte der sächsischen Industrie endete abrupt im Bombenhagel des Krieges und dessen Folgen. In der sowjetischen Besatzungszone wurden nach 1945 zahlreiche Betriebe als Reparationsleistung demontiert und wertvolle Maschinen in die UdSSR abtransportiert. Viele Unternehmer und Fachkräfte flohen zudem gen Westen. Unternehmen von Rang bestanden in Sachsen, doch verlagerten etliche ihren Sitz im Zuge der Kriegs- und Nachkriegswirren später nach Westdeutschland – etwa die Audi oder die Dresdner Bank. Hypothetisch hätte die starke Konsumgüterindustrie Sachsens am Wirtschaftsaufschwung der Nachkriegszeit und dem Marshallplan besonders stark profitieren können.
Sachsen als Teil der DDR (1949–1990) mini|AWZ P 50 „Trabant“ verlässt das Automobilwerk Zwickau Nach Gründung der DDR im Oktober 1949 wurde Sachsen als historisches Land aufgelöst; das Gebiet ging in den Bezirken Dresden, Leipzig und Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) auf. Die Wirtschaft wurde nach sozialistischer Planvorgabe umgebaut. In den 1950er Jahren verstaatlichte die DDR praktisch alle größeren Betriebe (VEB, Volkseigene Betriebe) und formierte große Industriekombinate, die in Sachsen wichtige Branchen abdeckten. Sachsen war innerhalb der DDR eine Kernregion der Industrie. Traditionell starke Sektoren wie Maschinen- und Fahrzeugbau sowie Elektrotechnik blieben bedeutend: In Zwickau und Umgebung produzierte der VEB Sachsenring Automobilwerke den Trabant, den bekanntesten DDR-Pkw; in Chemnitz/Karl-Marx-Stadt und Dresden saßen Kombinate für Werkzeugmaschinen und Elektronik (z. B. das Kombinat Robotron). Auch die Braunkohleförderung in der Lausitz (z. T. Sachsen), der Uranbergbau (Wismut AG) und die chemische Industrie (etwa Stickstoffwerk Piesteritz nahe der sächsischen Grenze) prägten die Wirtschaftsstruktur. Staatlich forciert wurde außerdem die Rüstungsproduktion.
Anfangs erzielte die Planwirtschaft Vollbeschäftigung, aber häufig um den Preis versteckter Arbeitslosigkeit und niedriger Produktivität. Insgesamt war die DDR-Zeit jedoch von Fehlplanung, Ineffizienz und Misswirtschaft geprägt. Die Ausweitung des Kohlebergbaus führte zu Umweltproblemen und die Autoproduktion erholte sich nie völlig. Der gescheiterte Aufbau der Mikroelektronik erwies sich als „wohl größter industriepolitischer Fehlschlag der DDR-Zeit“ und auch Prestigeprojekte der DDR-Führung wie der Flugzeugbau scheiterten. Traditionelle Industrien, wie die Kameraproduktion, verloren mit der Zeit an Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt (z. B. gegenüber japanischen Billigprodukten). In den 1980er Jahren verstärkten sich die strukturellen Probleme: Zahlreiche Anlagen waren verschlissen („Substanzverzehr“), und Devisenmangel verhinderte dringend nötige Investitionen. Die industrielle Produktion in Sachsen war bis 1989 zwar quantitativ beachtlich, qualitativ aber oft nicht konkurrenzfähig. 1989/90, am Ende der DDR, stand die sächsische Wirtschaft vor einem Kollaps: Ohne staatlichen Schutz war sie nicht marktfähig, da die Arbeitsproduktivität im Schnitt nur etwa ein Drittel des westdeutschen Niveaus erreichte.
Entwicklung nach 1990