alternativtext=Scharfe Ecke in Burg (bei Magdeburg) vor 1936|mini|Scharfe Ecke in Burg (bei Magdeburg) vor 1936 Die Scharfe Ecke war ein historisches und stadtbildprägendes Gebäude in der Stadt Burg (bei Magdeburg) im Landkreis Jerichower Land in Sachsen-Anhalt. Das ursprüngliche Fachwerkhaus befand sich in der Magdeburger Straße 45 (ehemals auch 44/45), direkt am Rolandplatz. Es war über Jahrhunderte als Schankwirtschaft bekannt und erhielt seinen Namen durch die markante, verkehrstechnisch schwierige Ecklage. Nach dem Abriss des denkmalgeschützten baufälligen Altbaus im Jahr 2012 wurde an gleicher Stelle ein Neubau errichtet, der 2019 fertiggestellt wurde und Teil des Wohnquartiers „Rolandquartier“ ist.
Lage und Namensgebung Die Scharfe Ecke befindet sich in der Unterstadt von Burg an der südlichen Zufahrt zum Rolandplatz (ehemals Neuer Markt), an der Ecke zur Brüderstraße. Der Name „Scharfe Ecke“ resultiert aus der historischen städtebaulichen Situation: Die Hausecke lag nur wenige Meter von einem gegenüberliegenden Eckgebäude (dem sogenannten „Kaiterling“) entfernt. Dies zwang den Verkehr, der vom Süden auf den Platz führte, in einen scharfen, engen Schwung um das Gebäude herum.
Geschichte alternativtext=Ansichtskarte von Burg (bei Magdeburg) mit Brauere Th. Krepper und der Scharfen Ecke (1906)|mini|Ansichtskarte von Burg (bei Magdeburg) mit Brauere Th. Krepper und der Scharfen Ecke (1906)
Ursprünge und Schankwirtschaft Das ursprüngliche Gebäude war ein giebelständiges, zweistöckiges Fachwerkhaus, dessen wesentliche Züge aus dem späten 18. Jahrhundert stammten. Das Schankrecht ist erstmals für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts belegt. Ab 1819 befand sich das Anwesen im Besitz von Theodor Krepper, einem Brauer, Branntweinbrenner und Stadtkämmerer.
Die Gaststätte war baulich und funktional mit der benachbarten Brauerei verbunden und wurde offiziell als Bierausschank unter der Doppeladresse Magdeburger Straße 44/45 geführt. An der straßenseitigen Fassade des Wohnhauses befand sich ein Spruchband mit den Jahreszahlen 1803, 1868, 1884 und 1903 sowie der Inschrift: „Ohn’ Gottes Schutz / Unser Nichts Nutz / Wahres Leben: Schaffen Streben“.
Umbau in den 1930er Jahren Mit dem zunehmenden Fahrzeugverkehr im 20. Jahrhundert entwickelte sich die Kreuzung am Rolandplatz zu einem Nadelöhr. In den 1930er Jahren war die Straße Teil einer Reichsfernverkehrsstraße, und die enge Kurvenführung führte häufig zu Verkehrsunfällen.
Um die Verkehrssicherheit zu erhöhen, nahm der damalige Eigentümer einen signifikanten baulichen Eingriff vor: Die Ecke des Erdgeschosses wurde zurückgenommen, um die Fahrbahn zu verbreitern. Das darüberliegende erste Obergeschoss wurde als Erkerzimmer umgebaut, das nun über den Gehweg ragte. Diese architektonische Lösung prägte das Erscheinungsbild des Hauses bis zu seinem Abriss.
DDR-Zeit und Arbeiterfestspiele Nach dem Zweiten Weltkrieg verblieb die Gaststätte zunächst in privater Hand und erfreute sich großer Beliebtheit, musste jedoch Ende der 1970er Jahre schließen.
Im Vorfeld der DDR-Arbeiterfestspiele 1986, die in Burg stattfanden, wurde das Gebäude einer umfassenden Sanierung unterzogen. In Kooperation zwischen der Stadt und der Schuhfabrik „Roter Stern“ wurde die „Scharfe Ecke“ zu einem Kulturhaus umgestaltet. Ein besonderes Merkmal der Sanierung war der Einbau von bleiverglasten Butzenscheiben, die mit den Zunftwappen der traditionellen Burger Handwerksbranchen verziert waren – ein für die damalige Mangelwirtschaft bemerkenswerter Aufwand.
In den folgenden Jahren diente das Haus als Treffpunkt für Betriebskollektive, Vereine und private Feiern, erlangte jedoch nie wieder den offiziellen Status einer regulären Gaststätte. Nach der Wende (1989/90) scheiterten mehrere Verkaufsversuche, und das Gebäude verfiel zusehends.
Abriss 2012 Im September 2012 erfolgte der Abriss des historischen Gebäudes. Als Begründung führte das Bauordnungsamt des Landkreises akute Einsturzgefahr (Standsicherheit nicht mehr gewährleistet) an. Der Abriss erfolgte kurz vor dem Burger Rolandfest, um die Verkehrssicherheit für die Veranstaltung zu garantieren.
Die Maßnahme sorgte lokalpolitisch für Kontroversen, da weder der Stadtrat noch der Bauausschuss im Vorfeld umfassend informiert worden waren. Die Denkmalbehörde verpflichtete die Eigentümer jedoch, die historischen Kelleranlagen zu erhalten.
Architektur und Archäologische Befunde Das historische Gebäude war ein Fachwerkbau mit einem Kern aus dem 18. Jahrhundert. In der Gründerzeit wurde nachträglich ein Turmanbau aus Backstein für Lagerzwecke ergänzt.
Im Zuge des Abrisses 2012 wurden archäologische Untersuchungen durchgeführt. Dabei wurden zwei miteinander verbundene Kelleranlagen dokumentiert, deren Feldsteinwände und Backsteingewölbe bauhistorisch möglicherweise bis in das 15. Jahrhundert (Spätmittelalter) zurückreichten. Die Dopplung der Keller deutet auf den hohen Lagerbedarf des historischen Schankbetriebs hin.
Der „Flaschenkeller“-Fund: Eine Besonderheit bei den Grabungen war die Entdeckung einer Art „Zeitkapsel“. Im südwestlichen Bereich des nördlichen Kellers wurde eine kleine, ca. einen Quadratmeter große Vorratskammer gefunden, die ursprünglich nur über eine Bodenluke zugänglich war. Dieser Raum war dicht mit Flaschen und Artefakten gefüllt. Da viele Flaschen noch verschlossen und mit Inhalt versehen waren, handelte es sich archäologischer Interpretation zufolge nicht um eine Müllgrube, sondern um ein vergessenes Lager.
Neubau und heutige Nutzung Nach dem Abriss lag das Gelände mehrere Jahre brach. Es wurde schließlich Teil des Großprojekts „Wohnen am Rolandplatz“ (auch Rolandquartier genannt), entwickelt von den Investoren Angela und Heiko Neumann. Im Jahr 2018 wurde schließlich der Grundstein für die Neubebauung des Grundstücks gelegt. Im Dezember 2019 wurde das Richtfest gefeiert; im Jahr 2020 erfolgte die Fertigstellung und der Bezug des Gebäudes.
Der Neubau nimmt in Kubatur und Lage Bezug auf den historischen Vorgängerbau, ist jedoch als modernes Wohnhaus konzipiert. Es umfasst sechs barrierefreie Wohnungen mit gehobener Ausstattung. Das Gebäude ist Teil eines größeren Ensembles, das auch die Sanierung der Nachbargebäude (u. a. die ehemalige Brauerei Th. Krepper) und Neubauten in der Brüderstraße umfasst.
Einzelnachweise
Scharfe Ecke Scharfe Ecke Kategorie:Abgegangenes Bauwerk in Sachsen-Anhalt Kategorie:Ehemaliges Kulturdenkmal in Sachsen-Anhalt Kategorie:Zerstört in den 2010er Jahren