Die Stiftskirche Saint-Martin de Candes ist eine frühere Stiftskirche, die sich in Candes-Saint-Martin im Westen des französischen Départements Indre-et-Loire in der Region Centre-Val de Loire befindet.
Eine Vorgängerkirche, gewidmet dem hl. Mauritius, wurde hier durch den hl. Martin von Tours in einer der durch ihn begründeten ersten ländlichen Pfarreien der Touraine errichtet. Er starb in dieser Kirche im November 397. In der Folge wurde sie zum Ziel einer Wallfahrt und dies sogar, obwohl sie keine Reliquien des Heiligen beherbergte. Im Jahr 1050 wird die Kirche von Candes als « Stiftskirche » erwähnt, deren Kapitel 12 Kanoniker zählte.
Nachdem die alte Kirche des hl. Mauritius mittlerweile in Ruinen lag, wurde zwischen 1175 und der Mitte des 13. Jahrhunderts die heutige Kirche Saint-Martin de Candes errichtet. Der Bau erstreckte sich über mehrere Jahrzehnte, jedoch erscheint diese Bauzeit bescheiden in Anbetracht der Bedeutung des Bauwerks, dessen Architektur in weiten Teilen vom Stil der angevinischen Gotik inspiriert ist. Sie ist gekennzeichnet durch einen überreichen Skulpturenschmuck, der zum einen das Querschiff und das Langhaus ziert, zum anderen auch eine monumentale Vorhalle an der Nordseite des Langhauses. Die Hinzufügung von Bauteilen nach dem Hundertjährigen Krieg im 15. Jahrhundert, die aus dieser Kirche eine der seltenen Wehrkirchen der Touraine machen, unterstreicht ihre Einzigartigkeit.
Die Stiftskirche, die von Prosper Mérimée 1836 persönlich besucht wurde, wurde 1840 in seine Liste der Monuments historiques aufgenommen. Verschiedene Teile ihrer Ausstattung (z. B. der Hochaltar mit Tabernakel, einzelne Statuen, Tafelbilder und eine Glocke) stehen jedes für sich gesondert unter Denkmalschutz.
Genaue Lage mini|alt=|Candes im 13. Jhdt., dem aktuellen Straßennetz überlagert. Candes-Saint-Martin, gelegen im Grenzbereich dreier römischer civitates, nämlich der der Turonen im Osten, der Andecaver im Norden und Westen und der Piktonen im Süden, gehört zu den frühesten ländlichen Pfarreien, die im letzten Viertel des 4. Jahrhunderts von Bischof Martin von Tours gegründet wurden. Seine strategische Lage beeinflusste zweifellos die Entscheidung Martins, an dieser seit dem 1. Jahrhundert besiedelten Stelle eine Kirche zu erbauen.
Das Dorf wurde am linken Ufer der Vienne, unmittelbar an deren Zusammenfluss mit der Loire erbaut. Es profitierte zudem von der Nähe zu einer längs der Loire verlaufenden Straße. Deren Streckenverlauf ist wahrscheinlich antik, denn er ist auf der Tabula Peutingeriana verzeichnet und Candes ist eine der möglichen Lokalisationen von Robrica, einer Station, die auf dieser römischen Karte verzeichnet ist, deren genaue Lage man aber nicht kennt. Der Abschnitt von Tours (Caesarodunum) bis Candes wurde erneut interessant im Zuge der Martinswallfahrten, die auf Veranlassung des Bischofs Perpetuus von Tours im letzten Viertel des 5. Jahrhunderts in Gang kamen. Ein anderer Weg entlang der Vienne erreichte ebenso Candes wie noch ein dritter, der von Loudun (Iuliodunum) geradewegs nach Norden verlief. Ein Teil der Wohnhäuser von Candes wurde im Norden zwischen der Straße und der Uferkante errichtet, der andere Teil befindet sich südlich der Straße auf einer Reihe natürlicher Terrassen am Hang. Die Stiftskirche, die auf der ersten der hierfür nutzbar gemachten Terrassen steht, ragt einige Meter über der Straße empor. Um den Gegebenheiten des Terrains Rechnung zu tragen, ist die Kirche nicht streng von Ost nach West ausgerichtet, sondern ihr Chorraum zeigt nach Südosten, parallel zu den Höhenlinien des Hanges. Im Mittelalter nahm sie vernünftigerweise die Mitte des Raumes ein, der von den Verteidigungsmauern der Stadt umschlossen war.
Geschichte Vor dem Bau der Stiftskirche mini|alt=|Der Tod des heiligen Martin. Fresko in der Krypta der Kapelle des hl. Martin in Assisi, um 1325.
Während eines Aufenthalts in Candes, wohin er sich begeben hatte, um einen Streit zwischen Geistlichen seiner Diözese beizulegen, starb der hl. Martin als Altersschwäche – er war zu der Zeit 81 Jahre alt – am 8. November 397. Das Haus, in dem er starb und das Ziel der Pilger seit dem 5. Jahrhundert war, blieb anscheinend bis ins 12. Jahrhundert erhalten und die Kirche, die Martin unter das Patronat des hl. Mauritius gestellt hatte und zu der die Pilger kamen, um ihn zu verehren, existierte auch bis zu jener Zeit; ihre exakte Lage ist unbekannt, aber wahrscheinlich befand sie sich südlicher als die heutige Stiftskirche. Bis zur Mitte des 9. Jahrhunderts wurde die Kirche des hl. Mauritius von Mönchen eines Priorats betreut, das gleichfalls durch den hl. Martin gegründet worden war. Jedoch wurde diese Kirche erst gegen 1050, als die Mönche durch ein Stiftskapitel von 12 Kanonikern ersetzt wurden, in den Rang einer Stiftskirche erhoben.
Diese Änderung im Status der Kirche scheint notwendig geworden zu sein, da es Regularklerikern verboten wurde, nahezu ständig mit der immer zahlreicheren Volksmenge in Kontakt zu sein, die in der Kirche empfangen wurde. Diese Kirche und das Haus, in dem Martin starb, fallen jedoch im 12. Jahrhundert in Ruinen; sie werden 1175 abgerissen oder wenigstens vollständig verlassen. Daher ist der Neubau einer Stiftskirche, die nunmehr dem hl. Martin gewidmet wird, unabdingbar. Als der Abt Guibert von Gembloux am 25. April 1181 Candes besucht, ist dieser Bau bereits im Gange, wie er dem Erzbischof von Köln, Philipp von Heinsberg, geschrieben hat.
Neben solchen Verpflichtungen kanonischer oder materieller Natur besteht auch die Möglichkeit, dass die Erbauung der Stiftskirche mit Auseinandersetzungen um religiösen Einfluss zusammenhängt. Der Erzbischof von Tours, Barthelemy von Vendôme, der sein Amt seit 1174 ausübt, stellt fest, dass die Stätten des hl. Martin von Tours nach und nach unter die Kontrolle zweier Kapitel gekommen sind: desjenigen von Saint-Martin de Tours, was die Grabstätte des Heiligen anbelangt, und desjenigen von Marmoutier, was seine Gründung der Abtei betrifft. Mit dem monumentalen Bauwerk in Candes konnte er möglicherweise seine Autorität hinsichtlich des dritten, eng mit dem hl. Martin verbundenen Ort in seiner Diözese bekräftigen.
Die Bauphase im 12. und 13. Jahrhundert Die bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts regelmäßig angeführte Hypothese einer Erbauung der Stiftskirche in zwei klar unterschiedenen Abschnitten, zunächst der Chor und das Querschiff, dann in einer zweiten Phase das Hauptschiff mit seiner Vorhalle, scheint aufgegeben werden zu müssen, weil sich die Chronologie des Gebäudes als komplizierter erweist. Bedeutende Wiederaufnahmen an bereits abgeschlossenen Bauabschnitten haben zur gleichen Zeit stattgefunden, während andere Bauteile errichtet wurden. Demzufolge erstreckte sich die Bauphase nur über einige Jahrzehnte, was eine kurze Zeitspanne angesichts der Bedeutung der Baustelle ist.
Chor und Querschiff mini|hochkant|alt=|Zugang zur Kapelle des hl. Martin. Die Arbeiten begannen mit dem Chor. Es ist möglich, dass die Kapelle der nördlichen Apsidiole, genannt „Kapelle des hl. Martin“ und der Überlieferung nach als Ersatz für das Haus, in dem Martin starb, errichtet, als erster Baukörper aufgerichtet wurde, wobei Strukturen eines älteren Bauwerks wiederverwendet wurden, dessen Datierung, Natur und Funktion nicht mehr festgestellt werden können. Möglicherweise war dieses Bauwerk eine Kirche und der massive Baukörper von 3,70 m Dicke, durch den der Zugangskorridor zur Kapelle verläuft, wäre das Fundament des Glockenturms gewesen. Jedoch umfasst dieser massive Bau außerdem einen unterirdischen Kellerraum und ein Obergeschoss, was die Unsicherheit über seine ursprüngliche Funktion noch verstärkt.
Es folgten die Hauptapsis und die südliche Apsidiole des Chors, anschließend die südliche Seitenkapelle, die in der heutigen Zeit als Sakristei dient. All dies wurde im letzten Viertel des 12. Jahrhunderts errichtet. Der Schmuck des Chorraums, der an die angevinische Gotik erinnert, bestätigt den Zeitabschnitt der Errichtung dieses Ensembles. Der Kirchenbau wurde dann im ersten Viertel des 13. Jahrhunderts mit der nördlichen Seitenkapelle, genannt „Kapelle der Jungfrau Maria“, die im Norden an die Martinskapelle anschließt, fortgesetzt, gefolgt vom Querschiff mit seinem Skulpturenschmuck. Jedoch gab es zahlreiche Umbauten und Neugestaltungen, v. a. im Bereich der Chorapsiden, die bis ins 18. Jahrhundert andauerten und das Verständnis für die zeitlichen Abläufe jenes Teils der Kirche verkomplizieren. So wurde beispielsweise das Querschiff erhöht, um die hohen Gewölbebögen des Langhauses zu empfangen.
Es scheint, dass aufgrund der Notwendigkeit das Chorgebet in der Stiftskirche abgehalten wurde, sobald Chor und Querschiff vollendet waren und lange vor der Vollendung des Hauptschiffs. Diese Eile würde den Zustand des Verfalls der Kirche des hl. Mauritius bestätigen, als deren Ersatz die neue Stiftskirche vorgesehen war.
Hauptschiff mini|alt=|Vorschlag des ursprünglichen Bauplans der Stiftskirche (nach Edward-R. Gish).
Als der Chor und das Querschiff errichtet sind, erlebt das Bauprojekt eine entscheidende Veränderung, denn es kommt ein neuer Architekt zum Zuge und der von diesem umgesetzte Bauplan ist nicht derjenige, der zu Beginn vorgesehen war. Das geplante Langhaus sollte die gleiche Höhe wie das Querschiff aufweisen, also weniger hoch sein als das dann realisierte, was damzufolge eine Umgestaltung des Querschiffs erforderlich machte. Auch die Breite war im Ursprungsplan gleichermaßen eine andere, wobei die Seitenschiffe schmaler als das Hauptschiff sein sollten. Dies erklärt die Unregelmäßigkeiten am Übergang zwischen Langhaus und Querschiff, die Neigung der südlichen Außenwand oder die notwendige Nachbesserung bei der Ausrichtung der Pfeiler der Nordseite. In seiner 1988 dem Schmuck der Vorhalle von Candes gewidmeten Studie schlägt Edward-R. Gish einen Bauplan der Stiftskirche in seiner ursprünglich vorgesehenen Form vor. Demnach hätte der Bau ein Hauptschiff mit einfachen, schmaleren Seitenschiffen gehabt, wobei die Anzahl der Joche nicht definiert war, eine Querschiff und einen Chor aus einem Joch, der von zwei Kapellen flankiert gewesen wäre; jeder Teil des Chors wäre im Südosten durch eine Apsis abgeschlossen worden; die Höhe des Chors und seiner Kapellen wäre die gleiche gewesen wie diejenige des Haupt- und der Seitenschiffe. Dieser Vorschlag ist aber nur eine Arbeitshypothese, die auf dem Studium der architektonischen Besonderheiten beruht, da kein initialer Plan des Bauprojekts der Stiftskirche existiert.
Die Architektur dieses Teils des Gebäudes scheint, so wie sie letztlich umgesetzt wurde, stark von der Kathedrale Saint-Pierre in Poitiers (drei Schiffe von gleicher Breite) beeinflusst zu sein, während die Gliederung des Chors an die Kathedrale Saint-Julien von Le Mans erinnert. Der Referenzvergleich mit diesen beiden Baudenkmälern, von denen die Chronologie ihrer Erbauung belegt scheint, macht eine Bauzeit des Hauptschiffs von Candes im ersten oder zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts plausibel.
Nördliche Vorhalle