mini|Der Blick auf die Kirche und ihren 47 m hohenGiovanni Distefano: Atlante storico di Venezia, Supernova, 2008, S. 89. Campanile vom Campo San Silvestro aus San Silvestro ist eine Kirche im Osten des venezianischen Sestiere San Polo, unweit des Canal Grande. Das Bauwerk am gleichnamigen Campo, das vielleicht bis ins 9. Jahrhundert zurückreicht, wurde mehrfach wesentlich erneuert, die Ausrichtung der Kirche umgekehrt. Das Patrozinium gilt Silvester I., Bischof von Rom († 335).

mini|Die Hauptfassade zum Rio terà mini|Blick durch das Schiff zum Altar

Geschichte Die Entstehung der Kirche geht auf die zweite Phase der Fundamentierung von Inselgemeinden zurück. Diese setzte im frühen 9. Jahrhundert ein, nachdem die Residenz des Dogen im Jahr 810 von Metamaucum an den heutigen Ort des Dogenpalastes auf San Marco verlegt worden war, zusammen mit der Reliquientranslation des heiligen Markus kurze Zeit darauf. San Silvestro wurde in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts gegründet, zu dieser Zeit gab es schon mehr als 30 solcher noch nicht zusammenhängender Inselgemeinden im Archipel. Die Kirche bildete das Zentrum, an dem ein Platz mit Verbindung zum späteren Canal Grande lag.Corner 1758, S. 351, und Goy 1997, S. 21 f., nennen als Gründungsdatum 884.

Die einflussreiche Familie der Caloprini war die treibende Kraft beim Bau der Kirche gewesen sein.Bei Corner ist keine Rede von dieser einen Familie, sondern alternativ nach Sansovino von einer Familie I Andrearda oder Giulia, oder nach anderer Quelle, neben den Caloprini, von gleich mehreren Familien: „Su ella opera, come scrive il Sanfovino, della Famiglia I Andrearda, o fia Giulia, quantunque in qualche pili antica Cronaca leggastì effere fiata fabbricata, e dotata inlieme con la Chiesa di San i Paterniano da fei famiglie Ausipiaci, Battiocchio, Vitrinaci, Flabianici, Bennati, e Caloprini.“ Corner 1758, S. 351. Mit dem Aussterben dieses Familienzweigs ging die Kirche 989 an den Patriarchen von Grado. Zu diesem Zeitpunkt genoss die Kirche bereits Pfarrrechte. Für das Jahr 1069 ist eine Investitur dokumentiert, in der ein Vital Morario durch den Patriarchen als Pfarrer und Prior eingesetzt wird. Vermutlich noch vor der Mitte des 12. Jahrhunderts wurde der ständige Sitz des Patriarchen von Grado nach Rialto verlegt, San Silvestro wurde dadurch Bischofsresidenz, sowie Sitz der Kanzlei und der kurialen Gerichte. Die Kirche bekam den Status einer chiesa matrice (Mutterkirche). 1182 wird ein Teil des Pfarrzehnten der Pfarrei zugesprochen.

Da das Patriarchat kein eigenes Territorium hatte und nur als Gast in Rialto residierte, mangelte es ihm an Einnahmen. So bekam im Jahr 1200 San Silvestro vier nahegelegene Kirchen durch Papst Innozenz’ III. zugewiesen: San Matteo, San Giacomo dall’Orio, San Canzian und San Martino.Corner zählt insgesamt fünfzehn Filialkirchen auf: „S. Bartolommeo, S. Salvatore, S. Luca, S. Paterniano, S. Cassiano, S. Canziano, S. Matteo, S. Giacomo detto di Cuprio, S. Agata, ora Sant' Ubaldo, S. Agoftino, S. Paolo, Santo Stefano Cons San Tommaso, San Pantaleone, e Santa Margherita“. Corner 1758, S. 351. Unter dem Patriarchen Enrico Dandolo (ca. 1134–1184 im Amt) wurde 1156 ein Patriarchenpalast im Kirchspiel von San Silvestro errichtet. Die Ausweitung des Territoriums und damit der Gerichtsbarkeit stieß seitens des Bischofs von Castello, dessen Rechte damit gemindert wurden, auf Widerstand. Zwischen 1216 und 1231 kam es zu Auseinandersetzungen über die Ausübung der spiritualia über die genannten Kirchen. Diese und weitere Streitigkeiten, wie etwa 1305,Flaminio Corner: Ecclesiae Venetae antiquis documentis nunc etiam primus editis illustratae ac in decades distributae, Bd. I, Venedig 1749, S. 319–321 (Digitalisat). endeten erst, als Papst Nikolaus V. durch die Bulle Regis aeterni im Jahr 1451 das Patriarchat von Grado aufhob und alle Diözesen der Lagune zum neuen Patriarchat von Venedig verschmolz (San Pietro di Castello war bis 1807 dessen Kathedrale). Der Papst überantwortete dem entmachteten Patriarchen von Grado 1342 die Kirche San Bartolomeo, indem er sie zu einer Filialkirche von San Silvestro machte.

In der napoleonischen Zeit wurde die Anzahl von über 70 venezianischen Pfarreien auf 30 reduziert. Der Status San Silvestros blieb erhalten und bekam die Gebiete der aufgelösten Pfarreien San Matteo, San Giovanni Elemosinario und Sant'Apollinare zugeschrieben. Die Gerichtsbarkeit der chiesa matrice erstreckte sich damit über 15 Pfarreien. Heute gehört die Gemeinde zum Vikariat San Polo-Santa Croce im Bistum Venedig.SIUSA (o. Datum, o. Seite).

Baugeschichte Zwischen 1422 und 1485 wurde die Kirche im Renaissancestil neu errichtet und ein gleich neben San Silvestro gebautes und von Papst Alexander III. 1177 geweihtes Allerheiligen-Oratorium (Ognissanti) integriert.Corner 1758, S. 351.

Von 1837 bis 1843 erfolgte ein erneuter Neubau, diesmal nach Plänen von Sebastiano Santi unter erheblichen Nacharbeiten durch den Ingenieur Giovanni Battista Meduna (1800–1880). 1844 wurde die Kirche durch den Patriarchen von Venedig Jacopo Monico erneut geweiht.SIUSA (o. Datum, o. Seite). Der Campanile war zu dieser Zeit ähnlich hoch wie das Gebäude und wurde auf 47 Meter aufgestockt. 1880 erhielt die Kirche erstmals ein Uhrwerk.

Die Fassade von Giuseppe Sicher im neoklassischen Stil wurde 1909 fertiggestellt und von 1932 bis 1934 wurde das Halbgewölbe zu einer flachen Decke mit Scheinkassetten umgebaut. Während die heutige Hauptfassade nordwestlich auf den Rio terà San Silvestro blickt – rio terà bezeichnet in Venedig einen zugeschütteten Kanal –, war sie früher umgekehrt auf den Canal Grande ausgerichtet. Die Infrastruktur wurde durch die Zuschüttung des Rio del Fontico, welcher bis ins 19. Jahrhundert die nördlich an den Kirchbau angrenzenden Häuser umfloss, wesentlich verändert.

Beschreibung Die Schauseite im Nordwesten wird in drei Teile gegliedert, von ionischen Pilastern im Erdgeschoss und korinthischen im Geschoss darüber, jeweils außen gedoppelt. Bekrönt wird die Fassade von einem mächtigen, aber schmucklosen Tympanon. Zentral über dem Portal in einer Ädikula steht die Statue des segnenden Silvester, flankiert von großen Wappenfeldern.

Die Saalkirche trägt eine nurmehr aufgemalte Kassettendecke, welche eine 1683 entstandene Decke von Louis Dorigny ersetzt. Der Triumphbogen, welcher das Presbyterium abtrennt, wird an der Eingangsseite gespiegelt, so dass ein Pronaos, eine zum Kirchenraum offene Vorhalle, entsteht. Pilaster und Rundsäulen sind aus hellrotem Marmor. Die Wände sind durch korinthische Pilaster gegliedert, die ein auskrakendes Gesims auf Konsolen und Eierstab tragen, über dem sich eine sehr niedrige Empore mit Fächerfenstern und den Querbögen erhebt. Zwischen den Pilastern befinden sich jeweils drei Bögen, darüber Grotesken in Flachrelieffriesen auf Höhe der Kapitelle.

Die Blendbögen nehmen eine Kanzel und vorgestellte Altäre mit Gemälden auf. Am ersten Seitenaltar links befindet sich ein Porträt Thomas Beckets als Erzbischof (von Canterbury, 1162–1170) mit vier weiteren Heiligen. Das Bild von Girolamo da Santacroce aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts findet sein Vorbild in Bellini. Gegenüber, am ersten Altar rechts, ist eine Taufe Christi von Jacopo Tintoretto zu sehen (1580–82), die 2004 restauriert wurde.Jacopo Tintoretto’s Baptism of Christ at the Church of San Silvestro auf der Homepage von Savevenice.org. Über dem Altar daneben hängt eine Heilige Familie von Johann Carl Loth (1681).

Literatur Marco Boschini: Le ricche miniere della pittura veneziana, Francesco Nicolini, Venedig 1674, Sestier di S. Polo, S. 8. („Chiesa di S.Siluestro, Preti“). (Digitalisat). Flaminio Corner: Notizie storiche delle chiese e monasteri di Venezia, e di Torcello, tratte dalle chiese veneziane, e torcellane, Giovanni Manfrè, Padua 1758, S. 351–358. (Digitalisat). Flaminio Corner: Ecclesiae Venetae antiquis documentis nunc etiam primus editis illustratae ac in decades distributae, Bd. I, Venedig 1749, S. 319, 329–331. Simone Frosini: La chiesa dei San Silvestro in Venezia (=Dissertation). Universität Venedig, 1985).

Filippo Pedrocco: Veronese (= I grandi maestri dell’arte), Scala, Florenz 1998. Antonio Maria Zanetti: Descrizione di tutte le pubbliche pitture della città di Venezia e Isole circonvicine: O sia Rinnovazione delle Ricche Minere di Marco Boschini. Colla aggiunta di tutte le opere, che uscirono dal 1674. sino al presente 1733. Con un compendio delle vite, e maniere de‘ principali pittori, Pietro Bassaglia, a San Bartolomeo, al segno della Salamandra, Venedig 1733, S. 269–271, (Digitalisat. Johann C. Maier: Beschreibung von Venedig, Teil I, Christian Gottlieb Hertel, Frankfurt/Leipzig 1787, S. 362–364, n. 94 („S. Silvestro, Parrochial- und Mutterkirche“). (Digitalisat)

Weblinks

Jan-Christoph Rößler: San Silvestro, Kirchen in Venedig Church of San Silvestro auf der Homepage von Savevenice.org (bisher nur zu Tintoretto)

Anmerkungen

Silvestro Silvestro Kategorie:Kirchengebäude im Patriarchat von Venedig Kategorie:Silvesterkirche