mini|Carl Michael Bellman: Fredmans sånger № 21 (Audio-Datei) mini|hochkant|Carl Michael Bellman, Ölgemälde von Pehr Hilleström, 1781 Das Lied № 21 Måltids Sång (Lied bei Tische) hat der schwedische Nationalpoet, Musiker und Sänger Carl Michael Bellman (1760–1795) in seinem zweiten Hauptwerk Fredmans sånger (Fredmans Lieder) 1791 veröffentlicht. Der Text ist – wie viele Lieder Bellmans – sowohl als ein lustiges Trinklied als auch als tiefsinnige Gesellschaftskritik, vergleichbar einem „schwedischen Jedermann“, zu verstehen. Die zum Inhalt kontrastierende, fröhliche Marschmelodie schuf um 1767 Johann Gottlieb Naumann für die Oper Gustaf Wasa.
Zum Buch Fredmans sånger alt=Umschlag zur Originalausgabe|mini|hochkant|Fredmans Sånger, 1791, Originalausgabe Ursprünglich plante Bellman, sein Hauptwerk in einem einzigen Liederbuch zu veröffentlichen. Doch die noch unausgereifte, neue Drucktechnik der Notenschrift zwang ihn zur Teilung in zwei Bände. Oft hört man die Meinung, sein erstes Buch, Fredmans Episteln, enthielte das Beste aus dem Schaffen Bellmans, und im nachfolgenden zweiten Buch, Fredmans Sånger, wären nur Lieder der zweiten Wahl sowie das thematisch nicht in die Episteln Passende veröffentlicht worden. Tatsächlich wirkt die Reihenfolge oft weniger geschlossen als in den Episteln. Die Auswahl enthält jedoch Lieder aus fast allen seinen Schaffensperioden zwischen 1764 und 1791 und wurde von Bellman vor der Drucklegung sorgfältig überarbeitet, Unveröffentlichtes ist enthalten. Daher sind die Lieder in Fredmans sånger nach überwiegender Meinung der Bellmanforscher in Schweden den Episteln gleichwertig, auch wenn ein „roter Faden“ fehlt.
Zum Lied № 21 Lied № 21 stützt diese Auffassung. Es entstand 1787, zählt also zu den reifen Dichtungen Bellmans. Der Tod tritt einer Gesellschaft auf ihrem Heimweg vom Fest des Bacchus entgegen und prophezeit ihnen ihr unrühmliches Ende. Wegen des humorvollen Refrains über die beiden fröhlich in ihr Grab torkelnden Trunkenbolde wirkt das Lied bei oberflächlichem Zuhören wie ein typisches Trinklied Bellmans. Zudem nutzt Bellman auch hier den musikalischen Kunstgriff, todernste Inhalte durch eine fröhliche Marschmusik zu tarnen. mini|Totentanz von Hrastovlje Doch schon in der zweiten Zeile tritt der Tod auf und ermahnt jeden Einzelnen bis zur vorletzten siebenten Strophe. So ein plötzliches memento mori kommt zwar in Bellmans Lyrik am Ende einiger heiterer Milieuschilderungen öfters vor, doch so beherrschend wie in № 21 in keinem anderen. Manche sehen daher den Text auch als eine Arbeit Bellmans in Trauer um seinen am 18. Juli 1787 verstorbenen ältesten Sohn Elis.
Viele Lieder Bellmans enthalten eine meist versteckte Gesellschaftskritik. Dabei nutzt er einen weiteren Kunstgriff, der schon in griechischen Dramen angewandt wurde, und den William Shakespeare zur Meisterschaft gebracht hat: Die Kritik an den Herrschenden wird von Personen des untersten Standes vorgetragen oder durch deren Verhalten offenkundig gemacht, um Zensur oder Strafmaßnahmen gegen den Autor selbst zu vermeiden. Es ist also kein Zufall, dass die Protagonisten in Bellmans Liedern versoffene Musikanten, ehemalige Soldaten oder Wirtshaushuren und deren Kupplerinnen sind. In diesem Lied № 21 übt Bellman jedoch seine Kritik an den Zeitgenossen offen und direkt, denn er lässt diese Kritik von einem vortragen, der gewiss keine Sanktion zu befürchten hat: dem Tod selbst.
Form und Inhalt mini|hochkant|Carl Michael Bellman, verdrossen und müde; Zeichnung von Tobias Sergel Die acht Strophen in Bellmans Liedtext bestehen aus je acht Versen mit vierhebigen Jamben und stumpfen Kreuzreimen. Nach jeder Strophe folgt der gleiche Refrain mit vier Versen aus vierhebigen Jamben mit stumpfen Paarreimen.
Så lunka vi så småningom från Bacchi buller och tumult, När döden ropar, Granne kom, Ditt timglas är nu fullt.So bummeln wir jetzt alle fort von Bacchi Lärm und Treiben toll, da ruft der Tod: Du, Nachbar dort, dein Stundenglas ist voll.
In den folgenden sechs Strophen wendet sich der Tod jedem der vierzehn Männer der Gesellschaft einzeln zu und kündigt ihm ein jähes und unrühmliches Ende an:
Dem Alten auf Krücken, dem Jüngling mit seiner Geliebten, dem Säufer am Tresen, dem Orden-geschmückten Großmaul, dem Geizhals in seiner Schatzkammer, dem wütend tobenden Eifersüchtigen, dem Titel-süchtigen Prahlhans, dem feigen Misanthropen, dem blutbefleckten Soldaten, dem Weiberheld im Himmelbett, dem bibelfrommen Bigotten, dem hinterlistigen Intriganten, dem treulosen Schmarotzer, dem undankbaren Gast.
Die letzte Strophe lautet dann:
Sag, bist du froh jetzt, Nachbar mein? Dann preis die Welt mit mir zum Schluss; schlägst du den gleichen Weg nun ein? Dann trink aus, mit Genuss. Doch erst verneig Dich, und Hut ab, Dank Deiner Wirtin und dem Wein, dann taumeln wir ins frische Grab im Abensternenschein.
Die Musik mini|Fredmans Lied No. 21; Originalblatt der Erstausgabe 1791 Johann Gottlieb Naumann komponierte die Melodie für seine Oper Gustaf Wasa, aufgeführt 1786. Das Lied in F-Dur im gemütlich schlendernden Zwei-Viertel-Takt kann mit den drei Dur-Akkorden der I., IV. und V. Stufe begleitet werden. Olof Åhlströms Klaviersatz der Erstausgabe nimmt für die letzte Achtel des zweiten Taktes die Subdominante B-Dur. Andere Begleitungen schlagen hier deren Paralleltonart g-Moll vor, was die Spannung verstärken kann. Die letzte Viertel des siebten Taktes wird von Åhlström mit Dominantseptakkord C7 begleitet. Der charakteristische Rhythmus der in Achteln notierten Melodie entsteht durch Punktierung der ersten Achtel im zweiten und vierten und sechsten Takt. Auch der Auftakt des Refrains beginnt mit einer punktierten Sechzehntel und einer weiteren am Ende des zweiten und vierten Taktes, mit dem Höhepunkt im fünften und sechsten Takt des Refrains als Folge punktierter Sechzehntel. Dieser Rhythmus unterstreicht den parodierenden Text und evoziert das Bild der beiden Trunkenbolde, die da ins frische Grab hüpfen. Die beiden letzten Takte werden häufig mit ritardando gesungen. Nach kurzer Atempause folgt dann die Wiederholung des Refrains, nun wieder in schnellerem Tempo.
Die Übersetzer ins Deutsche und ihre Rezeption mini|Übersetzung von Bellmans Episteln, veröffentlicht von Felix Niedner 1909 Das Interesse an Bellmans Lyrik auf Deutsch hatte zuallererst Ernst Moritz Arndt 1810 mit einer lobenden Schrift geweckt. Adolf von Winterfeld war der erste Übersetzer, der Bellman bei deutschen Literaten und Liebhabern Skandinaviens bekannt machte. 1909 publizierte der Skandinavist und Übersetzer der Edda, Felix Niedner, seine Fredmans Episteln, die er dem schwedischen Skalden Sven Scholander widmete. Dieser hatte um 1900 durch viel besuchte und begeistert kritisierte Konzerte sehr zum Ruf Bellmans in Deutschland als „Schwedischer Anakreon“ beigetragen. 1909 erschien Hanns von Gumppenbergs Bellman Brevier. Eine Auswahl von Fredmans Episteln und Liedern. mini|hochkant|Carl Zuckmayer Carl Zuckmayer hatte von einem seiner Professoren gehört, Bellman wäre (Zitat Zuckmayer) „zwar genialisch, aber haltlos“, was Zuckmayers Neugier weckte. In der Gruppe „Gemeinschaft“ in Heidelberg, wo Zuckmayer studierte, traf er den Kunsthistoriker Wilhelm Fraenger, einen begeisterten Anhänger von Bellmans Gesängen. Fraenger inspirierte Zuckmayer zu seinem Liedtext So trolln wir uns. Da er des Schwedischen aber nicht mächtig war, stützte er sich bei seinen Nachdichtungen auf Felix Niedners Episteln und Hanns von Gumppenbergs Bellman Brevier. Zuckmayer war, nach eigenem Bekunden, keineswegs Übersetzer Bellmans. Im Lied № 21 griff er Bellmans Ideen und Gedanken auf, schuf jedoch auf dieser Basis eine zeitgemäße, eigene Lyrik mit dem Ziel, die von Bellman in seinen schwedischen Zuhörern wachgerufenen Emotionen auch im deutschen Zeitgenossen zu wecken.
Die Verfehlungen der gehobenen Gesellschaft aus der Bellmanzeit, von Bellman in sieben Strophen des Lieds № 21 besungen, verdichtet Zuckmayer zur Quintessenz in nur zwei Strophen. Denn Bellmans lange Liste altertümlich formulierter Verfehlungen sowie die ermüdende achtmalige Wiederholung ein und desselben Refrains wären bei Zuckmayers Publikum nicht so gut angekommen wie seine verkürzte, wesentlich prägnantere Fassung. Zuckmayer beginnt daher mit einer Strophe, die anfangs Bellmans Lyrik getreu wiedergibt:
So trolln wir uns ganz fromm und sacht von Weingelag’ und Freudenschmaus, wenn uns der Tod sagt: „Gute Nacht, dein Stundenglas rinnt aus!“ Zuckmayer erwähnt jedoch in der ersten und zweiten Strophe nur drei der vierzehn Sünder, die der Tod bei Bellman anspricht: Den großen Herrn, der frech den Schnabel wetzt, den Nobelmann, der nach des andern Liebsten schielt, sowie den Liebhaber, der rasend vor Eifersucht alle Gläser im Saal zerschmeißt. Zuckmayers Version des Refrains lautet so:
Scheint das Grab dir tief und dumpf sein Druck, „à la vot“ so nimm noch einen Schluck, und noch einen gleich dabei, gleich noch zwei oder drei, dann stirbst du sorgenfrei.
(„à la vot“ kommt von französisch „À la vôtre“ ‚zum Wohl‘)
Beim Anhören von Bellmans Lyrik wird oft – wegen des in unseren Augen derben, ja oft sogar obszönen Wortlauts – übersehen, dass Bellman ein durchaus religiöser Mensch war, mit einer ethisch festen Geisteshaltung. Auch Lied № 21 hat eine moralische Botschaft. Die letzte Strophe kann als Empfehlung zu einem zufriedenen Abschied vom Leben interpretiert werden, für dessen frohe Stunden man sich im Sterben „bei seinem Gastwirt“ bedankt – trotz aller Fehler und Sünden, die man begangen hat. Zuckmayers Fassung endet, von Bellmans Gedanken abweichend, als ein „memento mori“: Alle Menschen sind am Ende gleich:
Was hilft's, wenn Du vor Wut auch spuckst, der Tod ist keiner Münze feil. Von jedem Schlück’chen, das du schluckst, nimmt schon der Wurm sein Teil. Ob nied’res Pack, ob hohe Herrn, am Ende sind wir Brüder doch; dann leuchtet uns der Abendstern in’s gleiche finst’re Loch.
Die Rezeption des deutschen Textes von Zuckmayer war schon bei seinen ersten Zuhörern bewundernd und begeistert. Zu einem in deutscher Sprache häufig gesungenen Bellman-Lied wurde Lied № 21 Måltids Sång (Lied bei Tische) dann durch Carl Raddatz und Hannes Wader mit ihren Interpretationen der Zuckmayer’schen Fassung.
Nach dem Zweiten Weltkrieg begann die Generation der deutschen Liedermacher, sowohl im Osten als auch im Westen, sich für Bellman zu interessieren. Dies führte zum einen zu einer großen Zahl von Übersetzern und Nachdichtern, zum anderen erschienen zahlreiche Tonträger auf dem Markt. Jürgen Thelen veröffentlichte 2016 eine Analyse, die fast 30 Autoren aufzählt. Im Durchschnitt wurden etwa 20 Lieder veröffentlicht. Nur drei Übersetzer haben alle Episteln und sämtliche Lieder Bellmans ins Deutsche übertragen. Einer von ihnen ist Klaus-Rüdiger Utschick, von dem die „werkgetreuesten“ Übersetzungen, darunter auch von № 21 Måltids Sång, stammen.
Der Poet H. C. Artmann und der Literaturwissenschaftler und Spezialist für die Lyrik des Mittelalters, Michael Korth, ergänzten sich in ihren Kompetenzen. Sie schufen dadurch eine werkgetreue und lyrisch ebenbürtige Übersetzung von 25 Liedern Bellmans, die auch wegen der Fülle an Informationen zur Zeitgeschichte und zu Bellmans Werk gelobt wurde, darunter auch № 21 Måltids Sång. Als besonders gelungen gilt vielen auch das bei Phillip Reclam jun. 1983 in Leipzig veröffentlichte Buch Fredmans Episteln mit Übersetzungen der jungen DDR-Schriftstellergeneration, darunter der Dramatiker Peter Hacks und der Lyriker Heinz Kahlau, mit reichhaltigen Illustrationen von Werner Klemke.
Einzelnachweise
Kategorie:Lied 1791 Kategorie:Trinklied Kategorie:Lyrik Kategorie:Alkoholkonsum (Schweden) Kategorie:Barock (Musik) Kategorie:Gustav III. (Schweden) Kategorie:18. Jahrhundert Kategorie:Gesellschaftskritik Kategorie:Totentanz