Colectivo Cine Mujer war ein Kollektiv des lateinamerikanischen feministischen Kinos, das 1975 in Mexiko gegründet wurde und bis 1986 aktiv war. Das Kollektiv bestand aus Frauen aus verschiedenen Ländern, darunter Mexiko, Brasilien und Frankreich, und produzierte Dokumentar- und Kurzfilme, die die Lebensrealitäten von Frauen aus unterschiedlichen sozialen Schichten beleuchteten. Es begründete sich aus studentischen Bewegungen in Reaktion auf die männlich dominierte Kinematografie.

Geschichte Das Kollektiv formierte sich 1975 am Centro Universitario de Estudios Cinematográficos (CUEC) der UNAM in Mexiko-Stadt. Die Gründung fiel zusammen mit der von der UNO ausgerufenen Weltfrauenkonferenz in Mexiko-Stadt und der zweiten Welle des Feminismus, die studentische, gewerkschaftliche und basispolitische Bewegungen in Mexiko prägte. Gründungsmitglieder waren Rosa Martha Fernández, Beatriz Mira Andreu, Odile Herrenschmidt sowie Guadalupe Sánchez, Ángeles Necoechea, Sonia Fritz, Eugenia (Maru) Tamés Mejía, María Novaro und María del Carmen de Lara. Das Kollektiv formierte sich aus Studentinnen und Aktivistinnen, die in Protesten der 1960er und 1970er Jahre politisiert worden waren und auf die starke männliche Dominanz im mexikanischen Film reagierten. Es verstand Film als Teil von Recherche, Bewusstseinsbildung und politischer Agitation in den Kämpfen um die Befreiung der Frauen in Lateinamerika. Es formulierte weibliche Perspektiven und nutzte Film als Werkzeug der Bewusstwerdung zu Themen wie Abtreibung, Klassenkampf und Frauenemanzipation. Nach dem Ausstieg von Rosa Martha Fernández 1978 übernahm Beatriz Mira die Führung und integrierte stärker Fragen von Klasse. Die Gruppe löste sich 1986 aufgrund interner Debatten über die Ausrichtung der Gruppe auf. Die Filme werden im Fondo de Documentación Mujer und Género Ofelia Uribe de Acosta an der Nationalen Universität Kolumbiens in Bogotá aufbewahrt.

Künstlerische Praxis Colectivo Cine Mujer produzierte Filme, die private und öffentliche Erfahrungen von Frauen als Ausgangspunkt hatten, Geschichten von Studentinnen, Hausfrauen, Arbeiterinnen und Aktivistinnen. Die Werke verbanden feministische Anliegen mit politischer Mobilisierung und kritisierten Machismo sowie soziale Ungleichheiten. Über fiktionalen Kurzfilm bis zu Dokumentationen wandelte sich der Stil zu bildender Kunst und militantem Kino, das Debatten über Frauenrechte auf die Leinwand brachte.

Das Kollektiv arbeitete bewusst antihierarchisch: Aufgaben wie Drehbuch, Regie, Kamera, Ton, Schnitt und Organisation wurden geteilt. Entscheidungen wurden in Gruppendiskussionen getroffen. In sogenannten „encierros“ („lock-ins“) reflektierten die Mitglieder eigene Klassen- und Rassismusvorurteile und entwickelten eine kollektive Stimme, die sich in partizipativen Recherchen, gemeinsamen Schreibprozessen und kollaborativen Drehs niederschlug.

Filmografie Jahr Titel Regie1975Cosas de MujeresRosa Martha Fernández1976Triste AlboradaOdile Herrenschmidt y Gullermo Díaz Palafox1977Y si eres mujerGuadalupe Sánchez1978Vicios en la cocina, las papas silbanBeatriz MiraRompiendo el silencioRosa Martha Fernández1981No es por gustoMaricarmen de Lara, María Eugenia Tamés1982Vida de ÁngelÁngeles Necoechea1984YalaltecasSonia Fritz1986Bordando la fronteraÁngeles Necoechea 1978 entstand Cosas de mujeres (Regie: Rosa Martha Fernández, 42 Min.), ein fiktionaler Kurzfilm über eine Studentin, die eine illegale Abtreibung sucht und die Risiken des kriminalisierten mexikanischen Gesundheitssystems thematisiert. Im selben Jahr folgte Vicios en la cocina, las papas silban (Regie: Sonia Fritz, 24 Min.), eine satirische Auseinandersetzung mit unsichtbarer Hausarbeit und patriarchalen Familienstrukturen. 1979 produzierte das Kollektiv Rompiendo el silencio (Regie: Rosa Martha Fernández, 42–45 Min.), einen Dokumentarfilm zu sexualisierter Gewalt, der auf Zeugenaussagen basiert und mit diesen Aussagen die Komplizenschaft von Institutionen wie Kirche und Justiz aufzeigt. 1981 dokumentierte Es primera vez (Regie: Beatriz Mira Andreu, ca. 30 Min.) ein landesweites Treffen von Frauen in Cuernavaca und verknüpft Geschlechter- mit Klassenkämpfen von Arbeiterinnen und Hausangestellten. Zwischen ca. 1981 und 1984 entstand Yalaltecas (Regie: Sonia Fritz u. a., 28 Min.), ein Porträt der Unión de Mujeres Yalaltecas, einer indigenen Frauenorganisation in Oaxaca, die sich gegen lokale Machthaber wehrt.

Weitere Werke wie No es por gusto werden in Quellen erwähnt. Die Filme sind Teil der feministischen Filmgeschichte Mexikos und werden heute in internationalen Programmen gezeigt, etwa im CCCB Barcelona (Even if it Costs Me My Life. The Films of Colectivo Cine Mujer) und in Programmreihen wie Strategies to disarm: the films of the Colectivo Cine Mujer.

Rezeption Im Jahr 2022 drehten die mexikanischen Regisseurinnen Andrea Gautier und Tabatta Salin Cavalier den Dokumentarfilm Rebeladas über das Kollektiv Cine Mujer, die Wirkung ihrer Filme und die strukturellen Probleme für Frauen seit den 1970er Jahren bis 2022.

Auch 2022 widmete das Internationale Filmfestival von Valdivia in Chile einen seiner Schwerpunkte der Arbeit des Kollektivs Cine Mujer und der historischen Bedeutung der Arbeit und 2023 zeigte das Internationale Filmfestival von Mexiko-Stadt (FICUNAM) eine Retrospektive mit dem Titel Colectivo Cine Mujer: El acto de mostrar (Cine Mujer: Der Akt des Zeigens). Die Eröffnung wurde mit Beiträgen der Protagonistinnen Maricarmen de Lara, Guadalupe Sánchez, Rosa Martha Fernández und María Novaro vom Sender Canal 22 übertragen.

Cine Mujer wird in der Forschung als Schlüsselfall für ein lateinamerikanisches feministisches Kino betrachtet, das die Bedingungen der Filmproduktion selbst – etwa Zugang zu Technik und Kontrolle über alle Produktionsschritte – politisiert. Internationale Festivals, Universitäten und Kinematheken widmen der Gruppe seit den 2010er Jahren Retrospektiven und Diskussionsreihen.

Belege

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