Rudolf Semler (* 18. Dezember 1913 in Ulm; † 13. September 1994 in München) war ein deutscher Journalist. Während des Zweiten Weltkriegs war er persönlicher Pressereferent von Joseph Goebbels. Aufzeichnungen aus dieser Zeit erschienen 1947 unter dem Autorennamen Rudolf Semmler unter dem Titel Goebbels – the man next to Hitler. Nach dem Krieg wechselte Semler als Verbandsfunktionär in die Bauindustrie. Von 1960 bis 1979 wirkte er als Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Zementindustrie.

Leben und Wirken Pressereferent von Joseph Goebbels Semler studierte in München, Lyon und Berlin Volkswirtschaft und Geschichte. Zum 1. August 1937 trat er der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 4.009.458).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/41300545 1939 wurde er an der Universität Berlin mit einer Arbeit über Frankreichs Radikalsozialisten und ihre Presse promoviert. Semler fand im selben Jahr Anstellung als Referent der Auslandspresseabteilung im Reichspropagandaministerium. Mit der Hoffnung auf eine erfolgreiche Karriere nahm er mit Wirkung zum 1. Januar 1941 eine Stelle als persönlicher Pressereferent von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels an.Willi A. Boelcke: Kriegspropaganda 1939–1941. Geheime Ministerkonferenzen im Reichspropagandaministerium. DVA, Stuttgart 1966, S. 52 f.

Ende April 1942 wurde Semler für einige Zeit Kriegsberichterstatter an der Ostfront und angeblich bei Stalingrad eingesetzt.Max Bonacker: Goebbels’ Mann beim Radio. Der NS-Propagandist Hans Fritzsche (1900–1953). Oldenbourg, München 2007, S. 144 Anm. 8. Am 31. August 1942 erschien ein mit „Kriegsberichter Dr. Rudolf Semler“ gezeichneter Artikel „Richtung auf Stalingrad“ im Völkischen Beobachter, der die militärische und ökonomische Bedeutung Stalingrads betonte. Stalingrad sei „Eckpfeiler“, „Sprungbrett“ und „Basis“. Die ideologische Bedeutung ergebe sich gewissermaßen aus dem Namen, weil die Sowjets den „Prestigeverlust“ fürchteten, „wenn Stalins Stadt den Deutschen in die Hände fallen sollte“.Michael Kumpfmüller: Die Schlacht von Stalingrad. Metamorphosen eines deutschen Mythos. Fink, München 1995, S. 31.

Im Dezember 1942 kehrte Semler auf seinen Posten bei Goebbels zurück.Ralf Georg Reuth: Goebbels. Eine Biographie. Piper, München 1990, S. 509. Alexander G. Hardy, ehemals einer der Ankläger im Nürnberger Ärzteprozess und von Robert Kempner mit den Ermittlungen für einen Prozess gegen Angehörige des Reichspropagandaministeriums beauftragt, rechnet Semler neben Helmut Sündermann, Werner Stephan, Heinz Lorenz, Eugen Hadamovsky, Leopold Gutterer, Karl Scharping, Kurt Jahnke, Hans Hinkel und Heinrich Glasmeier zu den zwar weniger bekannten, aber ebenso wie Goebbels, Alfred Rosenberg und Otto Dietrich für den Erfolg der nationalsozialistischen Presse- und Propagandamaschinerie verantwortlichen Männern.Alexander G. Hardy: Hitler's Secret Weapon. The "Managed" Press and Propaganda Machine of Nazi Germany. Vantage Press, New York 1968, S. 49.

Unmittelbar nach dem Kriegsende in Berlin 1945 galt Semler als verschollen und wurde in sowjetischer Kriegsgefangenschaft vermutet. Auf Anregung ausländischer Journalisten hatte er offenbar ein Kriegstagebuch geführt. Der Journalist Helge Knudsen vom Berlingske Tidende berichtete, er habe Semlers Frau in Süddeutschland ausfindig gemacht, die ihm die Aufzeichnungen ihres Mannes übergeben und zur Veröffentlichung freigegeben habe. Knudsen vermittelte die Papiere an den Londoner Verlag Westhouse, wo 1947 unter dem Autorennamen Semmler ein Buch mit dem Titel Goebbels – the man next to Hitler erschien. Nach Meinung des Historikers Willi A. Boelcke kann nicht ausgeschlossen werden, dass die gegenüber Goebbels mitunter recht kritischen Tagebücher für die Publikation redaktionell überarbeitet und gestrafft wurden.

Das Tagebuch Semlers wurde von Historikern als Beleg gewertet, dass Goebbels seine Position als Propagandaminister habe nutzen wollen, um aus persönlichem politischen Ehrgeiz höchste Politik nach seinen Ansichten zu formen.Günter Moltmann: Goebbels’ Rede zum totalen Krieg am 18. Februar 1943. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Bd. 12 (1964), Heft 1, S. 13–43, hier S. 15. Dass Hitler Mitte Januar 1943 ein Dreier-Komitee, bestehend aus dem Chef der Reichskanzlei, Hans Heinrich Lammers, dem Leiter der Partei-Kanzlei, Martin Bormann, und dem Chef des OKW, Wilhelm Keitel, gegründet hatte, um Richtlinien für den „totalen Krieg“ auszuarbeiten und Goebbels dabei nur eine beratende Funktion zukommen sollte, habe Goebbels enttäuscht. Er habe sich bei Hitler beklagt und scharfe Kritik an der Unentschlossenheit des Komitees geübt.Günter Moltmann: Goebbels’ Rede zum totalen Krieg am 18. Februar 1943. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Bd. 12 (1964), Heft 1, S. 13–43, hier S. 22 f. „Goebbels“, so Semler, „brütet über einem kühnen Plan. Er will versuchen, auf Hitler Druck auszuüben, indem er in einer Rede im Sportpalast radikale Forderungen aufstellt. Die Menge wird wild Beifall klatschen. Auf diese Weise mag es ihm gelingen, Hitler zu zwingen, den halben Maßnahmen ein Ende zu bereiten. Wenn man den Forderungen nicht entspräche, wäre die Regierung kompromittiert. Der Führer könnte sich das in diesem Zeitpunkt nicht leisten.“ Zit. nach Günter Moltmann: Goebbels’ Rede zum totalen Krieg am 18. Februar 1943. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Bd. 12 (1964), Heft 1, S. 13–43, hier S. 23. Zu Goebbels’ Sportpalastrede vom 18. Februar 1943 merkt Semler an: „Goebbels ging viel weiter, als es Hitler gebilligt hatte“. Andere Mitarbeiter Goebbels’ teilen diese Einschätzung nicht. Moritz von Schirmeister konstatierte gegenüber dem Historiker Günter Moltmann 1959, dass Goebbels „selbstverständlich erst nach Autorisation durch Hitler“ gesprochen habe. „Goebbels hat während des ganzen Krieges niemals in solch entscheidenden Fragen ohne ausdrückliche vorherige Zustimmung Hitlers gehandelt.“ Zit. nach Günter Moltmann: Goebbels’ Rede zum totalen Krieg am 18. Februar 1943. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Bd. 12 (1964), Heft 1, S. 13–43, hier S. 24.

Nach dem Krieg Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs arbeitete Semler unter anderem beim Südwestfunk. Anfang der 1950er-Jahre wurde er Geschäftsführer beim Hauptverband der Deutschen Bauindustrie. Er leitete das Bonner Verbindungsbüro dieses Verbandes und war für dessen Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Dabei organisierte er Begegnungen zwischen Bauwirtschaft, Parlamentariern, Vertretern der Ministerialbürokratie und der Presse. Er gehörte auch zu den Mitbegründern der Deutschen Straßenliga.

Im Jahr 1960 wurde Semler Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Zementindustrie in Köln. Sein besonderes Augenmerk galt dabei der Imagepflege der von ihm vertretenen Industrie und des Baustoffs Beton sowie der Verbandsarbeit. Er war in Fachausschüssen des BDI, des Bundesverbandes Steine und Erden und zahlreicher anderer wirtschaftspolitischer Gremien aktiv. Als Delegierter vertrat er die deutsche Zementindustrie im Verband der europäischen Zementorganisation CEMBUREAU in Paris. Er gab Publikationen über Themen der Bauwirtschaft, der Kartellpolitik und über Gestaltungsprobleme des Betons heraus. Im Mai 1979 trat Semler in den Ruhestand. Den Ruhestand verbrachten Semler und seine Frau Annemarie in München und am Gardasee, wo er seinen Hobbys Segeln und Malen nachging.

Schriften Frankreichs Radikalsozialisten und ihre Presse. Zugl.: Berlin, R.- u. staatswiss. Diss. Triltsch, Würzburg-Aumühle 1940.

als Rudolf Semmler: Goebbels - the man next to Hitler. Westhouse, London 1947. Goebbels, de man achter Hitler. Bigot & van Rossum, Amsterdam 1948. Journal du secrétaire de Goebbels. La Jeune Parque, Paris 1948. Aux côtés de Goebbels. Journal de son secrétaire. Déterna, Paris 2017.

als Rudolph Semler: (Hrsg.): Regietätigkeit unter der Lupe. Bauverl., Wiesbaden, Berlin 1954. Straße und Wirtschaft. Deutscher Strassentag 1955. Bauverl., Wiesbaden, Berlin 1955. Ingenieurbauten unserer Zeit. Eine Leistungsschau d. dt. Bauindustrie. Bauverl., Wiesbaden, Berlin 1958. Beton. Fundamente, Formen, Figuren. Beton-Verl., Düsseldorf 1960. Zementkartelle in Vergangenheit und Gegenwart. Kartelle in der Wirklichkeit. Heymann, 1963, Köln [u. a.] 1963. Sportstättenbau. Olympische Gedanken und goldener Plan. Neuer Impuls Verl., München ca. 1968. 25 [Fünfundzwanzig] Jahre Bundesverband Zement. 1948 - 1973; eine Dokumentation. Bundesverb. d. Dt. Zementindustrie, Köln 1973. mit Gottlieb W. Betzner und Max Bächer (Hrsg.): Stein des Anstoßes, Stein der Weisen. Über die Rolle des Betons in der Architektur heute. Düsseldorf, Beton-Verlag 1977. Baumeister mit Phantasie und Rechenstift. D. ital. Architekt u. Ingenieur Pier Luigi Nervi. In: Betonprisma. 1979.

Literatur Willi A. Boelcke: Kriegspropaganda 1939–1941. Geheime Ministerkonferenzen im Reichspropagandaministerium. DVA, Stuttgart 1966. Dr. Rudolph Semler 65 Jahre. In: Silikat-Journal 18 (1979), S. 70.

Einzelnachweise

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