mini|Spiele der Mädchen im Tonga-Archipel, darunter links eine Hikospielerin. Illustration nach Félix Danvin, veröffentlicht 1837 in Grégoire Louis Domeny de Rienzi: Océanie ou cinquième partie du monde, Band 3, Tafel 203 Hiko ist eine Tradition des Jonglierens, die auf Tonga ursprünglich ausschließlich von Mädchen und Frauen ausgeübt wurde.
Geschichte Erste Nachrichten über das Jonglieren von Mädchen und Frauen in Tonga gelangten bereits im 18. Jahrhundert nach Europa. So erwähnte Georg Forster, der James Cook von 1772 bis 1775 auf seiner zweiten Südseereise begleitet hatte, in seinem Reisebericht folgende Beobachtung:Avigail Morris: Nine a Side Basketball in the Kingdom ot Tonga – A Case Study in Negotiating Gender Roles. In: Cindy Dell Clark (Hrsg.): Transactions at Play. University of America Press, Lanham u. a. 2009, S. 22–44, hier: S. 41. „Einige Frauenspersonen sangen, andre spielten Ball. Unter allen diesen zog ein junges Mädchen unsre Aufmerksamkeit am mehresten an sich […] Dies reizende Mädchen, so lebhaft, so ungezwungen in allem was sie that, spielte mit fünf kleinen Kürbissen, davon sie einen um den andern in die Höhe warf und jenen wiederfieng, indeß dieser noch in der Luft schwebte &c. Wir sahen diesem Spielchen wohl eine Viertelstunde lang zu, ohne daß sie einen Wurf verfehlte.“Georg Forster: Johann Reinhold Forster’s […] Reise um die Welt […]. Band 1. Haude und Spener, Berlin 1778, S. 356–357 (deutschestextarchiv.de).
Als erster umfassender und zuverlässiger Bericht, in dem auch der Name des Ballspiels als „Hico“ genannt wird, gelten die Aufzeichnungen von William Mariner,Karyn Paringatai: Poia mai taku poi – Unearthing the knowledge of the past. A critical review of written literature on the poi in New Zealand and the Pacific. University of Otago, Dunedin 2004, S. 47–48 (ourarchive.otago.ac.nz); gekürzt unter dem Titel Poia atu taku poi: Unearthing the Knowledge of the Past wieder erschienen in: Junctures – The Journal for Thematic Dialogue, 4/2005, Movement, S. 23–34 (junctures.org). der als Überlebender eines Überfalls von 1806 bis 1810 vier Jahre in Tonga verbracht hatte. Im Kapitel „Games and Pastimes“ (Spiele und Zeitvertreib) beschrieb er unter anderem Hico: Dies sei ein gewöhnlich von Frauen ausgeübtes Spiel, bei dem in ständiger Wiederholung fünf Bälle jeweils aus einer Hand hochgeworfen, mit der anderen Hand gefangen und wieder in die erste Hand übergeben würden, sodass sich immer vier Bälle gleichzeitig in der Luft befänden. Dazu rezitierten die Frauen Verse, die mit dem Spiel synchronisiert seien.John Martin: An Account of the Natives of the Tonga Islands [–] compiled and arranged from the extensive communications of Mr William Mariner […]. Band 2, London 1817, S. 344 (books.google.de). Die Beschreibung macht deutlich, dass es sich um eine Shower-Technik handelt, was spätere Berichte bestätigen.Wolfgang Schebeczek: Polynesian juggling records (long). 7. März 1999 (groups.google.com/g/rec.juggling).
Der Ethnologe und Missionar Ernest Edgar Vyvyan Collocott hat die Worte einiger der Sprechgesänge 1928 aufgezeichnet. Ihm zufolge waren manche davon auch für die Spielerinnen unverständlich, andere aber durchaus bekannt. Insbesondere dienten die Reime jedenfalls zum Zählen der geglückten Durchgänge. Bereits Mariner hatte darauf hingewiesen, dass jeder Gesang, der ohne Fehler beim Jonglieren beendet werden konnte, einen Punkt zählte und dass Hiko von mehreren Frauen im Wechsel betrieben wurde. Collocott fügte hinzu, dass die Frauen in einem Ring saßen und jedes Mal, wenn sie einen Fehler machten, die Objekte (bei Collocott: Orangen) an die Nachbarin übergaben. Es werde abgesprochen, wie viele Reime („ulu“) die Spielerinnen insgesamt vorhätten. Er erwähnte zudem, Hiko stehe unter dem besonderen Patronat der Gottheit Fehuluni, die in männlicher und weiblicher Gestalt erscheinen könne. Nächtliches Hikospiel sei tabu, und wenn dieses Tabu verletzt werde, zürne Fehuluni, nehme die Augäpfel der übertretenden Person und spiele Hiko mit ihnen.E. E. V. Collocott: Tales and Poems of Tonga. Bernice P. Bishop Museum Bulletin 46. Honolulu 1928, S. 100–102 (archive.org).
Eine ähnliche Geschichte berichtete 1987 der Journalist und Jongleur Steve Cohen: Der Adlige Vee’hala erzählte ihm, Hiko gehe auf eine Legende über die Unterwelt zurück: Hikuleo, die blinde Göttin der Unterwelt, habe die Augäpfel von Menschen gesammelt, die sich ohne Erlaubnis in die Unterwelt begaben. Sie habe die Mädchen der Unterwelt um sich versammelt und lasse sie mit diesen Augäpfeln jonglieren. Dies sei einer der ältesten Mythen von Tonga.Steve Cohen: The Legend of the Skillful Little Jugglers of Tonga. In: Los Angeles Times, 14. Juni 1987 (latimes.com); leicht verändert und mit Fotos wieder abgedruckt als The Juggling Girls of Tonga, in: Whole Earth Review, Nr. 58, Frühjahr 1988, S. 112–114 (archive.org).
Der Ethnologe Edward Wislow Gifford hat 1924 noch weitere mythische Erzählungen aus Tonga aufgeschrieben, in denen Hiko eine Rolle spielte, so die Geschichte des samoanischen Helden Sinilau, der sich in die Tonganerin Hina verliebte. Hina wies ihn zunächst zurück, weil sie ihn nicht als „chief“ erkannte, folgte ihm aber dann nach Samoa, wo sie ihn auf sich aufmerksam machte, indem sie mit Orangen jonglierte. Schließlich heirateten die beiden.Karyn Paringatai: Poia mai taku poi – Unearthing the knowledge of the past. A critical review of written literature on the poi in New Zealand and the Pacific. University of Otago, Dunedin 2004, S. 49–50 (ourarchive.otago.ac.nz); Edward Winslow Gifford: Tongan Myths and Tales. Bernice P. Bishop Museum Bulletin 8. Honolulu 1924, S. 187–190 (archive.org).
Der Musikethnologe Richard Moyle schrieb 1987, dass von den verschiedenen Spielen in Tonga nur Hiko eine Assoziation mit dem Übernatürlichen habe. Er bilanzierte, es gebe etwa ein Dutzend Hiko-Texte, die noch bekannt oder im Gebrauch seien. Er gab einige davon wieder und unterteilte sie in drei Gruppen: reine Aufzählungen, bei denen jede Zeile ein Zahlwort enthält; Folgen von offenbar unverbundenen Wörtern, die zwar teilweise Bedeutungen tragen, aber keine Geschichte ergeben; und schließlich Texte, die eine Geschichte erzählen.Richard M. Moyle: Tongan Music. Auckland University Press, Auckland 1987, S. 216–219 (archive.org).
Heutige Ausübung Heutzutage wird Hiko auf Tonga vor allem in ländlichen Gegenden ausgeübt. Es gilt als Kinderspiel, das in erster Linie von Grundschülerinnen gespielt wird.Steve Cohen: The Legend of the Skillful Little Jugglers of Tonga. In: Los Angeles Times, 14. Juni 1987 (latimes.com). In Neuseeland gibt es Versuche, Hiko als Teil der pazifischen Kultur zu lehren, um Traditionen zu erhalten.
In den 1970er Jahren hat das Queen Salote College dem Sprechgesang des Hiko Musik und Tanz hinzugefügt und so an einem kulturellen Wettbewerb teilgenommen. Dieser Tanz wird jährlich als Teil eines Fundraising-Programms aufgeführt. Tanzgruppen führen den Tanz auch als Touristenattraktion in Nukuʻalofa auf.Avigail Morris: Nine a Side Basketball in the Kingdom ot Tonga – A Case Study in Negotiating Gender Roles. In: Cindy Dell Clark (Hrsg.): Transactions at Play. University of America Press, Lanham u. a. 2009, S. 22–44, hier: S. 41.
Üblicherweise wird mit Orangen oder Tui-Tui-Nüssen jongliert. Die meisten Frauen auf Tonga können mit drei bis fünf Bällen bzw. Früchten jonglieren. Es gibt historische Berichte über Hiko mit bis zu zehn Bällen.Wolfgang Schebeczek: Polynesian juggling records (long). 7. März 1999 (groups.google.com/g/rec.juggling).
Filmische Dokumentation 2022 veröffentlichte Connie Paprika Leaverton den Dokumentarfilm The Queen's Influence – The Vanishing Culture of Hiko in Tonga. Die Filmemacherin ist selbst Jongleurin und wollte durch ihren Film dazu beitragen, die Tradition zu erhalten, nachdem sie Hiko auf einer Reise nach Tonga kennen gelernt hatte. Der Film wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem als Best Travel Documentary auf dem Golden Gate International Film Festival. Eine andere Version dieses Films wurde bereits 2019 unter dem Titel Hiko in Tonga veröffentlicht.
Weblinks
Girls at play, juggling oranges. Kolorierte Postkarte Anfang des 20. Jahrhunderts mit Hiko-Motiv aus Beständen des Musée de Nouvelle Calédonie (Neukaledonien)
Einzelnachweise
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