mini|Ein musikalisches Manuskript aus dem Jahr 1433 (Pantokratoros-Kloster, Codex 214).
Kirchenmusik der Ostkirchen ist die religiös-gottesdienstliche Musik der Ostkirchen, also der Orthodoxen Kirchen, sowie der mit der römisch-katholischen Kirche unierten Ostkirchen. Sie dient primär der Gestaltung von Gottesdiensten, wobei traditionell die gesamte Liturgie gesungen wird. Die Texte stammen aus der Bibel und der kirchlichen Tradition. Die liturgischen Gesänge wie Hymnen, Troparien oder Kontakien sind integrale Bestandteile der orthodoxen Gottesdienste. Ihre Tradition geht u. a. auf die byzantinische Musik zurück.
Historische Grundlagen Im engeren Sinn umfasst die Musik der Ostkirche die Gesänge des byzantinischen Ritus (griechische, slawische, rumänische und weitere orthodoxe Kirchen sowie byzantinische Ostkirchen in Gemeinschaft mit Rom). Im weiteren Sinn können auch die musikalischen Traditionen der altorientalischen Kirchen (z. B. armenische, syrische, koptische Traditionen) einbezogen werden, die jeweils eigenständige modale und poetische Systeme ausgebildet haben.
Die Grundlagen der ostkirchlichen Liturgiemusik liegen in der spätantiken Psalmodie und der frühchristlichen Hymnendichtung im östlichen Mittelmeerraum. Seit dem 4. Jahrhundert entstanden zentrale Formen der Hymnographie. Romanos Melodos galt als einer der wichtigsten Vertreter des Kontakion. Im 7.–9. Jahrhundert entwickelte sich der Kanon als Hymnenform mit Bezug auf biblische Cantica und fest etablierte Heirmoi.
Modalsystem und Notation Die Praxis des byzantinischen Kirchengesangs ist dem Oktoechos zugeordnet, einem System von acht Modi (griechisch ἦχοι Echoi, Sg. Echos), das vier authentische (kyrioi) und vier plagale (plagioi) Modi umfasst. Dabei wird ein Echos weniger über eine abstrakte Tonleiter als über charakteristische melodische Formeln, typische Schlusswendungen und seine tonalen Zentren bestimmt. Abstrakte Skalenbeschreibungen sind sekundär und grenzen sich im Wesentlichen von der westlichen Dur-/Moll-Tonalität ab. Die klassische Aufführungspraxis ist überwiegend monophon. Ein von einem Teil des Chores gehaltener Halteton (Ison) ist dabei der jeweilige Bezugston und wechselt mit dem Verlauf der Melodie.
Neben der byzantinischen Musiktradition entwickelten sich in slawischen und kaukasischen Kirchen eigenständige Traditionen. In den slawischen Kirchen sind ältere, einstimmige Repertoires (z. B. der russische Snamennyj-Gesang) belegt, die in der Frühen Neuzeit von einer dominierenden Chortraditon abgelöst wurde.
Orthodoxe Kirchenlieder wurden traditionell in der byzantinischen Neumenschrift fixiert (u. a. Heirmologion, Sticherarion, Kontakarion). Dabei bilden die Neumen die melodische Gestalt und die gewünschte Interpretation ab. Ihre Interpretation war an lokale hymnische Traditionen gebunden. Die im frühen 19. Jahrhundert eingeführte Neue Methode von Chrysanthos von Madytos zielte auf Systematisierung und bessere Lesbarkeit der Zeichen. Neben der Neumenschrift existieren regionale Systeme, etwa die russische Hakennotation (Krjuki) oder die armenische Khaz-Notation. Einige Chorgesänge wurden im Laufe der Zeit durch Elemente der Volksmusik beeinflusst oder übernommen, wodurch regionale Besonderheiten und volkstümliche Melodien in den liturgischen Gesang einfließen.
Aufführungspraxis In der orthodoxen Tradition wird der liturgische Gesang als Vollzugsform des Gebets verstanden, weshalb Gebete, Psalmen, Hymnen und Akklamationen gesungen bzw. in festgelegten Rezitationsformeln vorgetragen werden. Orthodoxe Kirchenmusik wird a cappella oder von einem Chor vorgetragen, teils vom Priester oder anderen Geistlichen. Meist singen Männer- oder gemischte Chöre (oft Männer- und Knabenstimmen, Frauen seltener im Altarbereich).
Liturgische Bücher Heirmologion (Heirmoi als melodische Vorlagen für Kanones) Sticherarion (Stichera, v. a. für Vesper und Orthros) Kontakarion (Kontakia und verwandte Gesänge) Oktoechos (Ordnung nach acht Modi) Menäon (Monatsfeste) Triodion und Pentekostarion (Fasten- und Osterzeit) Synaxarion (gottesdienstlichen Feiern im Verlauf des Kirchenjahres)
Regionale Ausprägungen Orthodoxe Kirchenmusik variiert je nach Region und Land: Serbische orthodoxe Musik: Betont die Tradition der Klöster und Chöre, meditative Melodien und lange gehaltene Töne, teilweise beeinflusst von der serbischen Volksmusik. Russische orthodoxe Musik: Reich an Polyphonie, tiefe Basslinien, teilweise komponierte Liturgien von bekannten Komponisten wie Rachmaninoff. Griechische orthodoxe Musik: Meist byzantinischer Gesangsstil, modale Skalen, monophonisch oder mehrstimmig, UNESCO-Kulturerbe. Bulgarische orthodoxe Musik: Polyphon, 3- bis 4-stimmig, oft rhythmisch und harmonisch charakteristisch. Georgische orthodoxe Musik: Bekannt für komplexe, ornamentreiche Polyphonie, UNESCO-Kulturerbe. Weitere Traditionen bestehen in Rumänien, der Ukraine, Moldau und anderen orthodoxen Ländern.
Literatur
Einzelnachweise
Kategorie:Östliches Christentum Kategorie:Liturgischer Gesang