Thomas Niedermayer (* 8. März 1929 in Bamberg; † 30. Dezember 1973Richard English: Armed struggle. A history of the IRA. Macmillan, London 2003, ISBN 1-4050-0108-9 (Onlinenachweis). in Belfast) war ein deutscher Manager beim Unternehmen Grundig und Honorarkonsul der Bundesrepublik Deutschland in Nordirland. Seine Entführung und Ermordung durch die Provisional IRA sowie die darauffolgenden Suizide von vier seiner Familienangehörigen gelten als tragisches Beispiel für die langfristigen Auswirkungen des Nordirlandkonflikts auf Zivilisten.

Leben und Karriere Thomas Niedermayer wurde in eine Bamberger Arbeiterfamilie hineingeboren. Nach seinem Schulabschluss war er als Flugzeugmechaniker in Friedrichshafen und Karlsruhe tätig. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges absolvierte er eine Umschulung zum Werkzeugmacher und war anschließend als Vorarbeiter beschäftigt. 1952 heiratete er Ingeborg Tranowski, eine Deutsche aus Ostpreußen. Im Jahr 1953 wurde er Assistent des Geschäftsführers von Grundig. 1955 trat er im Alter von 27 Jahren in die Führungsebene der Nürnberger Zentrale ein. 1961 zog er mit seiner Familie nach Belfast, wo er die Leitung des 1960 errichtetenGrundig schon seit 1960 in Nordirland. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung 29. Dezember 1973, S. 17. nordirischen Auslandswerks von Grundig in Dunmurry bei Belfast übernahm.Erich Bodendiek: Irlands Norden lockt. In: Die Zeit, Nr. 48, 27. November 1964. Das Ehepaar Niedermayer hatte zwei Töchter: Gabriele und Renate.David Blake Knox: Just after Christmas 1973, Thomas Niedermayer, manager of Grundig's Dunmurry factory, was bundled into a car by an IRA gang outside his west Belfast home. He was never seen again. In: Belfast Telegraph, 29. Juni 2019. Unter seiner Führung entwickelte sich das Werk zu einem großen Arbeitgeber in der Region mit über 1000 Beschäftigten, sowohl Protestanten als auch Katholiken. Aufgrund seiner Verdienste um die Wirtschaft wurde ihm der Order of the British Empire verliehen.David Blake Knox: The killing of Thomas Niedermayer. In: Sunday Independent, 23. Juni 2019. Im Jahr 1971 ernannte ihn die Bundesrepublik Deutschland zudem zum Honorarkonsul für Nordirland.

Entführung Am Abend des 27. Dezember 1973 drangen zwei Männer gegen 21:30 Uhr auf das Grundstück der Familie Niedermayer in den Glengoland Gardens im Westen von Belfast vor.Alan Simpson: Three RUC colleagues and I spent four weeks secretly digging for Thomas Niedermayer’s body. In: Belfast Telegraph, 3. Juli 2019. Niedermayers Ehefrau befand sich zu diesem Zeitpunkt im Krankenhaus, weshalb die beiden Töchter allein mit ihrem Vater im Haus waren.Ann Marie Hourihane: Tragic fate of the Niedermayers a sign of history's long reach. In: The Irish Times, 4. Februar 2013. Renate öffnete die Tür. Ihr wurde mitgeteilt, es habe einen Unfall mit dem Auto des Vaters gegeben.The story of a family destroyed. In: The Irish Times, 25. November 2023. Thomas Niedermayer trat daraufhin vor das Haus, um den vermeintlichen Schaden zu begutachten. Draußen wurde er überwältigt, in ein wartendes Fahrzeug gezerrt und entführt.Stefan Fössel: Spurlos verschwunden in Nordirland. In: Fränkischer Tag, 15. März 2021, S. 11. Es war das letzte Mal, dass ihn seine Familie lebend sah.

Die Entführung wurde von der Provisional IRA geplant und durchgeführt.Ben Lowry: Niedermayer documentary tells the story of a truly wicked IRA murder. In: The Belfast News Letter, 19. August 2023. Als Drahtzieher gilt Brian Keenan, ein radikaler Marxist und hochrangiges IRA-Mitglied, der zuvor als Gewerkschaftsvertreter (Shop Steward) im Grundig-Werk gearbeitet hatte; mit Niedermayer war es dabei zu heftigen Zusammenstößen gekommen. Ziel der Entführer war es, Niedermayer als Geisel zu benutzen.

Die IRA forderte die Verlegung der Schwestern Marian Price und Dolours Price, die wegen eines Bombenanschlags auf das Old Bailey in London mit 243 Verletzten und einem TotenRichard English: Armed struggle. A history of the IRA. Macmillan, London 2003, ISBN 1-4050-0108-9 (Onlinenachweis). verurteilt worden waren, aus englischer Haft in das nordirische Frauengefängnis Armagh.Marianne Quoirin: Genug Stoff für Mutmaßungen über eine düstere Tat. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9. Juli 1980, S. 6. Keenan spekulierte darauf, dass Niedermayers Status als westdeutscher Diplomat und bedeutender Arbeitgeber genügend Druck auf die britische Regierung ausüben würde, um den Forderungen nachzugeben. Anfang Januar 1974 bat Bundeskanzler Willy Brandt den britischen Premierminister Edward Heath, bei der Freilassung von Niedermayer zu helfen.Brandt setzt sich für Niedermayer ein. In: Nordwest-Zeitung, 10. Januar 1974.

Ermordung Niedermayer wurde bereits drei Tage nach seiner Entführung getötet, noch bevor Verhandlungen aufgenommen werden konnten. Einer der Entführer gab später zu Protokoll, Niedermayer habe versucht zu fliehen und um Hilfe gerufen, woraufhin er von vier IRA-Mitgliedern überwältigt und mit Pistolenschlägen auf den Kopf misshandelt wurde. Ob er direkt durch die Schläge starb oder erstickte, konnte später nicht mehr zweifelsfrei geklärt werden. Da der geplante Austausch durch den Tod der Geisel gescheitert war, entschied die IRA, die Leiche verschwinden zu lassen und keine Verantwortung für die Tat zu übernehmen.

Ungewissheit und Desinformation In den Jahren nach dem „Verschwinden“ blieb das Schicksal Niedermayers ungeklärt. Seine Ehefrau Ingeborg appellierte mehrfach öffentlichFrau Niedermayer appelliert an die Entführer. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5. Januar 1974, S. 3.Frau Niedermayer appelliert an Entführer. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8. März 1974, S. 6.Der Bombenterror in Ulster geht weiter. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8. Juni 1974, S. 2. an die Entführer, ein Lebenszeichen Niedermayers zu senden, erhielt jedoch keine Antwort. Die deutsche Bundesregierung schaltete in irischen Zeitungen Anzeigen und wies dabei auf eine privat aufgebrachte Belohnung in Höhe von 18.000 Mark hin, die für sachdienliche Hinweise ausgesetzt worden war.18.000 Mark für Klärung von Niedermayers Schicksal. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21. Januar 1974, S. 3. Die Ungewissheit wurde zudem durch zahlreiche von der IRA gestreute Gerüchte geschürt; es war unter anderem die Rede von Waffengeschäften mit britischen Loyalisten, Alkoholsucht oder einer Liebesaffäre. Teile der Presse, darunter auch deutsche Medien wie Bild am Sonntag, Zu sehen ist hier der Bild-am-Sonntag-Artikel Konsul aus Rache entführt? vom 30. Januar 1974. Bild, Der Spiegel oder Die Zeit,Rudolf Walter Leonhardt: Niedermayer und die IRA: Zeitungsente aus London. In: Die Zeit, Nr. 3, 14. Januar 1977. verbreiteten diese Gerüchte ebenfalls. Der Axel Springer Verlag musste 1975 10.000 Pfund (damals umgerechnet über 50.000 DM) Schadensersatz zahlen. Sein Blatt Bild am Sonntag hatte behauptet, Niedermayer habe eine Affäre mit Doris Craig gehabt, der Ehefrau von William Craig (1924–2011), einem früheren nordirischen Minister.Kurze Meldungen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3. November 1975, S. 3.

Im Jahr 1976 wurde Ingeborg Niedermayer von einem deutschen Gericht offiziell zur Witwe erklärt, obwohl zu diesem Zeitpunkt noch keine Leiche gefunden worden war.

Entdeckung des Leichnams Der Durchbruch in den Ermittlungen gelang 1980, als ein IRA-Informant der Royal Ulster Constabulary (RUC) den Ort der geheimen Bestattung verriet. Der Leichnam befand sich, sieben Meter tief vergraben, auf einer illegalen Müllkippe im Colin Glen, einem Parkgelände im Westen von Belfast, nur wenige hundert Meter vom Wohnhaus der Familie entfernt. Um die Suche durchzuführen, ohne die örtliche IRA-Einheit zu alarmieren, tarnten sich RUC-Ermittler als Arbeiter einer fingierten Umweltschutzgruppe (West Belfast Environmental Action Group). Bewaffnet und unter dem Vorwand, den Park zu reinigen, gruben sie vier Wochen lang tonnenweise Müll um. Im März 1980 fanden sie schließlich die sterblichen Überreste Niedermayers. Er war mit dem Gesicht nach unten, an Händen und Füßen gefesselt, verscharrt worden. Die forensische Untersuchung bestätigte zwei schwere Schädelfrakturen als Folge stumpfer Gewalt.

Bei der Beisetzung der sterblichen Überreste waren Niedermayers Ehefrau Ingeborg, die beiden Töchter, weitere Familienmitglieder sowie diplomatische Vertreter anwesend. Die Belegschaft des Grundig-Werkes in Belfast legte während der Zeremonie ihre Arbeit nieder.Konsul Niedermayer in Belfast beerdigt. In: Nordwest-Zeitung, 22. März 1980.

Juristische Folgen 1981 wurden Eugene Anthony McManus und John Christopher Bradley, zwei Mitglieder der IRA, die an der Entführung beteiligt gewesen waren, zu fünf beziehungsweise zwanzig Jahren Haft verurteilt.Hohe Gefängnisstrafe für Mörder Niedermayers. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. Februar 1981.Marianne Quoirin: „Wir wußten lange nicht, was wir mit der Leiche machen sollten“. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18. Februar 1981, S. 6. Der mutmaßliche Auftraggeber Brian Keenan wurde im Zusammenhang mit diesem Fall nie verurteilt; es wird angenommen, dass er später in das Army Council der IRA aufstieg.

Auswirkungen auf die Familie Die Ermordung Thomas Niedermayers löste eine Kette von Tragödien in seiner Familie aus, die als Langfristfolgen des Terrors gelten. Alle direkten Familienmitglieder, die zum Zeitpunkt der Entführung mit ihm im Haus lebten, nahmen sich in den folgenden Jahren das Leben, zudem der Ehemann einer seiner Töchter:

Ingeborg Niedermayer: Die Witwe zog nach der Beerdigung ihres Mannes nach Deutschland zurück, besuchte Irland 1990 aber wieder. Im Juni 1990 buchte sie ein Hotelzimmer in Bray und ertränkte sich wenige Tage später am Strand von Greystones. Renate Niedermayer: Die jüngere Tochter, die den Entführern die Tür geöffnet hatte, litt unter schweren Schuldgefühlen. Sie starb 1991 in Südafrika durch Suizid (in Verbindung mit einer Essstörung). Gabriele Niedermayer: Sie nahm sich 1994 im englischen Torquay das Leben. Robin Williams-Powell: Der Ehemann von Gabriele beging im Jahr 1999 ebenfalls Suizid.

Überlebt haben die beiden Enkelinnen Tanya und Rachel. Beide äußerten sich später öffentlich zur Familiengeschichte, um den Kreislauf des Traumas zu durchbrechen.Jonathan McCambridge: Trauma of Troubles must not be forgotten, says relative of IRA murder victim Thomas Niedermayer. In: The Belfast News Letter, 22. Dezember 2023.

Rezeption und Gedenken Der Fall geriet lange Zeit in Vergessenheit, rückte durch neue Publikationen im 21. Jahrhundert aber wieder in das öffentliche Bewusstsein.

2010 berichtete Alan Simpson, der ehemalige stellvertretende Leiter der Kriminalpolizei (CID) in Belfast, in seiner Autobiografie über die Schwierigkeiten der Polizeiarbeit während der sogenannten Troubles. Er beschrieb dabei seine Ermittlungen in komplexen Fällen, zu denen das „Verschwinden“ von Thomas Niedermayer zählte.

Der Autor David Blake Knox veröffentlichte 2019 das Buch The Killing of Thomas Niedermayer, das die Geschichte umfassend rekonstruierte. Vier Jahre später erschien eine erweiterte Neuausgabe.

Basierend auf dem Buch von Knox produzierten sein Autor und Garry Gregg den Dokumentarfilm Face Down: The Killing of Thomas Niedermayer (2023), der in Zusammenarbeit mit den überlebenden Enkelinnen gedreht wurde. Der Film thematisiert nicht nur das politische Verbrechen, sondern vor allem das generationenübergreifende Trauma der Opferfamilie.Hilary White: IRA Kidnap Saga Review: Face Down by David Blake Knox. In: Sunday Independent, 22. Oktober 2023.

Literatur David Blake Knox: The killing of Thomas Niedermayer. New Island Books, Dublin 2019, ISBN 978-1-84840-734-3. Alan Simpson: Duplicity and deception. Policing the twilight zone of the troubles, Brandon Books, Dingle 2010, ISBN 978-0-86322-416-4.

Einzelnachweise

Kategorie:Opfer der IRA Kategorie:Manager (Deutschland) Kategorie:Person (Belfast) Kategorie:Kriminalfall 1973 Kategorie:Entführungsfall