Das Glinde-Interstadial war eine knapp 3.000 Jahre dauernde Zwischenerwärmung der Weichsel-Kaltzeit. Es erfolgte im Verlauf des OIS 3 im Zeitabschnitt 51.550 bis 48.700 Jahre vor heute – noch vor den letzten starken Eisvorstößen des Weichsel-Hauptglazials.

Etymologie Die Typlokalität Glinde ist eine Ortschaft in der Gemeinde Oerel bei Bremervörde (Landkreis Rotenburg/Wümme in Niedersachsen) – nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Stadt Glinde. Glinde leitet sich etymologisch vom Niederdeutschen ab und trägt die Bedeutung „hell, klar, leuchtend“ (siehe beispielsweise Glinder Au).

Die Wortschöpfung Interstadial setzt sich zusammen aus dem Lateinischen inter mit der Bedeutung „zwischen, dazwischen“ und dem Substantiv Stadial, abgeleitet vom Altgriechischen στᾰ́σῐς (stắsĭs) „Stand, Lage, Position, Stasis, Stillstand“. Sie bezeichnet somit die Zeit zwischen zwei Eishöchstständen.

Erstbeschreibung Das Glinde-Interstadial, auch Glinde Intervall, ist das zweite Mittel-Weichsel Interstadial im Mittleren Pleniglazial und wurde im Jahr 1986 erstmals von Karl-Ernst Behre und Udo Lade beschrieben.

Geographie Die Typlokalität des Glinde-Interstadials liegt inmitten von Oerel in der Füllung eines drenthezeitlichen Toteislochs – als letztes von vier Interstadialen in Superposition über dem Eemium. Der Typhorizont wird im Liegenden und Hangenden durch Sande begrenzt. Typusprofil ist das Profil OE 61 mit Profilbohrung und dem zugehörigen Pollendiagramm von Karl-Ernst Behre und Udo Lade (1986).

Verbreitung In Deutschland sind so gut wie keine weiteren Profile dieses Zeitabschnitts mehr bekannt, Ausnahmen hiervon dürften jedoch die Profile Königsaue im nordöstlichen Harzvorland und das Profil Samerberg darstellen (wobei letzteres bereits in den alpinen Bereich mit Würmsystematik fällt). Grande Pile mit dem Pile-Interstadial im Nordosten Frankreichs manifestiert gleiche Radiokohlenstoffalter. Von Bedeutung ist ferner das Profil Les Echets bei Lyon. Auch um Kostjonki (Russisch Костёнки) am mittleren Don im Süden Russlands wird das Interstadial angetroffen.

Allgemeines Das Isotopenstadium OIS 3 bzw. MIS 3 der Weichsel-Kaltzeit brachte zwischen 57.000 und 28.000 Jahre vor heute eine klimatische Verbesserung – im Vergleich zum vorangegangenen MIS 4 und dem darauffolgenden MIS 2. Während dieser relativ milderen Periode durchlebte die Menschheit eine sehr große Veränderung, wobei die Techniken des Mittleren Paläolithikums durch Techniken des Oberen Paläolithikums ersetzt wurden. Darüber hinaus erschienen erstmals Industrien basierend auf harter tierischer Materie (Elfenbein, Geweihholz und Knochen). Erstmals wurden auch Kunstgegenstände angefertigt, wie Statuetten mit anthropomorphen und tierischen Wesenszügen, Schmuckobjekte, Werkzeuge und Waffen. Abris (Felsüberhänge) und Höhleninneres erfuhren künstlerische Ausgestaltungen.

Der kulturelle Übergang war global mehr oder weniger synchron erfolgt. Diese technologische Revolution wurde und wird bis jetzt mit dem Erscheinen des modernen Menschen (Homo sapiens) in Eurasien und der Verdrängung des Neandertalers – der noch vor 37.000 Jahren vor heute verschwinden sollte – in Verbindung gebracht.

Der Zeitabschnitt 57.000 bis 40.000 Jahre vor heute sah ab dem Beginn des MIS 3 eine signifikante Erwärmung, die sich durch drei gemäßigte Wärmeoszillationen auszeichnet – dem Oerel-Interstadial, dem Glinde-Interstadial und dem Moershoofd-Interstadial. In diesem Intervall gingen die Steinindustrien des Mittleren Paläolithikums ihrem Ende entgegen. Es kann jedoch nicht von einer Degeneration gesprochen werden, vielmehr handelte es sich um einen dynamischen Evolutionsprozess, der offensichtlich mit der Klimaverbesserung in Beziehung stand.

Geologie Einführung Die Typlokalität Oerel liegt im nördlichen Niedersachsen im Elbe-Weser-Dreieck. Dieses Gebiet gliedert sich etwa zur Hälfte in Niederungsbereiche, die von Mooren und vor allem von Marschen eingenommen werden, und zur anderen Hälfte in Geestbereiche, die im Drenthe-Stadium der Saale-Kaltzeit angelegt worden sind. Warthestadiales und weichselzeitliches Eis haben die Typregion nicht mehr erreicht. Die äußersten Randlagen des Weichseleises haben zu Oerel eine Mindestentfernung von rund 75 Kilometer und die des Wartheeises, prägnant markiert durch die Harburger Berge, noch eine Entfernung von rund 50 Kilometer. Von Gletschereis war das Elbe-Weser-Dreieck zuletzt anlässlich der jüngeren Vereisungsphase des Drenthe-Stadiums (Drenthe-2-Vorstoß) bedeckt.

Geologisch wird das Glinde-Interstadial an der Typlokalität durch einen reinen Torf (Seggen-Torf) eines Niedermoors repräsentiert. Im Hangenden der Lage tritt auch noch ein wenig (6 Zentimeter) rein organische Mudde (humoser Silt) hinzu. Der Horizont besitzt nur eine Gesamtmächtigkeit von 31 Zentimeter und befindet sich 269 Zentimeter unter der Oberfläche. Er liegt in der Senke von Oerel und füllt dort ein drenthezeitliches Toteisloch. Der Torf besteht aus nahezu hundertprozentiger organischer Materie mit nur wenigen, dünnen Siltlagen.

Die elliptische, nur 65 × 35 Meter messende Senke, schließt sich in Oerel unmittelbar östlich der Lamstedter Staffel an – eine jüngere Phase des zweiten Drenthe-Eisvorstoßes. Es handelt sich hierbei um einen Moränenrücken, genauer um eine Nord-Süd verlaufende Moränenüberschiebung, die ihren morphologischen Ausdruck in Erhebungen wie dem 36,7 Meter hohen Acker-Berg und dem 23,1 Meter hohen Hohen Oerel findet. Östlich der Senke folgt das 5 Kilometer breite, marschige Tal der Oste.

Stratigraphie Das Glinde-Interstadial (Weichsel Pleniglazial IV oder abgekürzt WP IV) ist das letzte von vier Interstadialen oberhalb des Eemiums. Im Liegenden sitzt es dem 1,5 Meter mächtigen Ebersdorf-Stadial aus niveofluviatilen Sanden auf, welches seinerseits das Oerel-Interstadial überlagert. Mit dem Oerel-Interstadial setzte das Mittlere Pleniglazial ein (um 58.000 Jahre vor heute). Im Hangenden folgt auf das Glinde-Interstadial nach einer erneuten Abkühlungsphase stratigraphisch das Moershoofd-Interstadial, das aber an der Typlokalität nicht vorhanden ist (die Hohlform von Oerel war mit dem Glinde-Torf so gut wie aufgefüllt). Abgedeckt wird das Glinde-Interstadial an der Typlokalität von 74 Zentimeter Flusssanden (auch niveofluviatilen Ursprungs), von 45 Zentimeter holozänem Torf und schließlich von 150 Zentimeter akkumulierten Bodens.

Das Glinde-Interstadial kann mit dem Grönland-Interstadial 14 (GI-14) assoziiert werden. Ihm vorausgegangen war das Grönland-Stadial 15 (GS-15), das in die beiden Phasen GS-15.1 und GS-15.2 unterteilt werden kann. Auf das GI-14 waren das nur kurzlebige Stadial GS-14 und das Interstadial GI-13 gefolgt.

Feingliederung Die Folge des Glinde-Interstadials setzt 300 Zentimeter unterhalb der Oberfläche ein mit einem Seggentorf, der zunächst unter nassen, fast limnischen Bedingungen abgelagert worden ist und viele Seggenarten (Carex), dazu Sumpfbinsen-Früchtchen, Pollen von Blutweiderichen (Lythrum), Hahnenfuß (Ranunculus bzw. synonym Batrichium) und andere Taxa enthält. Bei Zentimeter 279 erfolgt eine noch stärkere Vernässung mit einem Übergang zur Feindetritus-Mudde, und ab Zentimeter 273 liegt nur noch ein feinsandiger Schluff mit humosen Lagen vor. Von 269 bis 260 Zentimeter folgt schließlich ein sandiger Kies und darauf weitgehend steriler weichselzeitlicher Sand.

Paläoenvironment mini|Gewöhnlicher Tannenwedel (Hippuris vulgaris) mini|Die Wasser-Segge (Carex aquatilis), die häufigste Wasserpflanze im Glinde-Interstadial

Das Pollendiagramm verweist generell auf eine offene, baumlose Strauchtundra. Der Wert an Nichtbaumpollen (NBP) beträgt 78,2 %. Dennoch wurden Pollen von Myrica angetroffen. Die Pinus-Werte (Kiefern) sind mit 0,95 % sehr gering. Auch der Anteil der Sträucher und Zwergsträucher war im Glinde-Interstadial deutlich schwächer als noch im Oerel-Interstadial. Weidenpollen (Salix) erreichen im unteren Abschnitt 9,1 % und Weide ist auch als Holz vertreten. Die Werte von Birke (Betula) sind etwas höher als im vorangegangenen Oerel-Interstadial; auch aus dem Glinde -Interstadial gibt es Makroreste von Zwergbirke (Betula nana), jedoch nicht von Baumbirken.

Im ersten Abschnitt des Glinde-Interstadials herrschten noch sehr nasse Verhältnisse – wie an zahlreichen Früchtchen von Gewöhnlichem Tannenwedel (Hippuris vulgaris), der recht häufigen Sumpfbinse (Eleocharis palustris) und Funden von Sumpf-Blutauge (Potentilla palustris), Kröten-Binse (Agathryon bufonium) und Gewöhnlichem Zwerg-Laichkraut (Potamogeton pusillus) abgelesen werden kann. Die Sumpf-Vegetation wurde von sehr häufigem Gift-Hahnenfuß (Ranunculus sceleratus) und ebenso häufigem Brennenden Hahnenfuß (Ranunculus flammula) zusammen mit dem häufigsten Taxon, der Wasser-Segge (Carex aquatilis), ferner Schnabel-Segge (Carex rostrata), Späte Gelb-Segge (Carex oederi) und Sumpf-Weidenröschen (Epilobium palustre) beherrscht – was auf mesotrophe oder noch reichere Nahrstoffverhältnisse hindeutet. Dies wird durch die Moosvegetation gestützt die ein basenreiches, nasses Environment anzeigt.

Oberhalb von 285 Zentimeter wurden die Verhältnisse deutlich saurer, indiziert durch das Auftreten von Drepanocladus (Drepanocladus exannulatus).

Den lokalen Ablagerungsverhältnissen entsprechend sind Arten aus dem feuchten Bereich stark vertreten, dennoch erreichen die Cyperaceae (Sauergrasgewächse) nie 60 % (um 44,5 %), und Pollendiagramm sowie Makroreste reflektieren auch trockenere Gebiete der Umgebung.

Sehr wichtig ist vor allem, dass Wacholder (Juniperus) fast völlig fehlt und die Heidekrautartigen (Ericales) erheblich zurücktreten. Die Makroreste zeigen jedoch, dass das sehr häufige Taxon Schwarze Krähenbeere (Empetrum nigrum) als Anzeiger einer Strauchtundrenlandschaft fast während des ganzen Interstadials vorhanden war.

Flora mini|Die Wassernuss (Trapa natans)

Insgesamt ist aus der Pollenflora erkennbar, dass die Vegetation während des Glinde-Interstadials offener war als im vorangegangenen Oerel-Interstadial: charakteristische Sonnenpflanzen (Heliophyten), wie Helianthemum, Grasnelken (Armeria) und die Glockenblumengewächse (Campanulaceae), treten im Glinde-Interstadial wesentlich häufiger auf; Dorniger Moosfarn (Selaginella selaginoides) fehlt im Oerel-Interstadial, ist aber im Glinde-Interstadial nicht nur mit Mikrosporen, sondern mehrfach sogar mit Megasporen vorhanden. Pollen von Wegerichen (Plantago) sind mit einem Maximum von 7,7 % im Glinde-Interstadial häufig. Die weichselzeitliche Plantago-Art ist nach wie vor unbekannt; die Pollenkörner liegen morphologisch meist zwischen dem Strand-Wegerich (Plantago maritima) und dem Breitwegerich (Plantago major) bzw. Mittlerer Wegerich (Plantago media), wobei die Ähnlichkeit mit den beiden letzteren größer ist als mit Plantago maritima. Nach dem Klima zu urteilen, ist hier wohl vor allem mit Plantago alpina (Alpen-Wegerich) zu rechnen, der morphologisch auch hierhin gehört.

Unter den Laubmoosen (Bryophyta) sind folgende Taxa anzuführen: Calliergon cordifolium (Herzblättriges Schönmoos), Campylium (Goldschlafmoose), (Drepanocladus exannulatus), Helodium blandowii, Leptodictyum riparium, Rundliches Torfmoos (Sphagnum teres) und Glänzendes Filzschlafmoos (Tomenthypnum nitens).

Pollendiagramme für die Umgebung von Kostjonki im Süden Russlands lassen dort eine recht hohe Bewaldungsrate erkennen (mit 60 % Baumpollen). Es gediehen Ulmenwälder mit gelegentlichen Hainbuchen, Fichten, Erlen und Birken. Nasswiesen lassen sich für Terrassenrefugia der Don-Seitentäler rekonstruieren. Sie setzten sich aus verschiedenen mesophilen Gräsern, Seggen und dem Rautenfarn Botrychium ramosum zusammen. An höhergelegenen Wasserscheiden fanden sich xerophile Pflanzenvergesellschaftungen bestehend aus Artemisia, Chenopodiaceae (Gänsefußgewächse) zusammen mit Büschen von Ephedra (Meerträubel) und Carpinus orientalis (Orientalische Hainbuche) an der Fundstätte Streliza nahe Kostjonki.