mini|hochkant|Betsabé Espinal (ca. 1920) María Betsabé Espinal (* 1896 in Bello; † 16. November 1932 in Medellín) war die Anführerin eines Streiks von kolumbianischen Arbeiterinnen im Jahr 1920 in einer Textilfabrik in Bello. Es war der erste Streik in der kolumbianischen Geschichte, der von Frauen angeführt wurde.
Biographie Betsabé Espinal wurde in Bello, einer Gemeinde im Departamento de Antioquia mit damals mit 4000 Einwohnern, als Tochter der ledigen Bäuerin Celsa Julia Espinal geboren.Martínez/Uribe, Betsabé Espinal, S. 51. Es heißt, dass die Mutter trotz vier Kindern aus Überzeugung keine Ehe eingegangen sei.Martínez/Uribe, Betsabé Espinal, S. 51. Betsabé Espinal arbeitete zunächst beim Patronato de Obreras, einer 1912 in Medellín von der katholischen Kirche gegründeten Arbeiterstiftung und leitete die dortige Textilwerkstatt, anschließend in der Textilfabrik Compañía Antioqueña de Tejidos in Bello.Martínez/Uribe, Betsabé Espinal, S. 89.
Am 12. Februar 1920, im Alter von 24 Jahren, führte Betsabé Espinal einen Streik der Arbeiterinnen in der Textilfabrik in Bello an und zeichnete sich dabei als Rednerin und Organisatorin aus. Wenige Wochen nach Ende des Streiks wurde sie entlassen und zog in das wenige Kilometer entfernte Medellín. Über ihr weiteres Leben ist nichts bekannt. Dort starb sie 1932 im Alter von 35 oder 36 Jahren an einem Stromschlag, als sie ein Kabel berührte, das während eines Sturms auf die Straße gefallen war. Sie wurde in Bello bestattet.Martínez/Uribe, Betsabé Espinal, S. 151. Ihre Mutter starb am 19. Oktober 1947 im Alter von 84 Jahren in einer Nervenheilanstalt in Medellín.Martínez/Uribe, Betsabé Espinal, S. 54.
Der Streik Mitte des 19. Jahrhunderts war Antioquia geprägt von Haziendas im Besitz von Großgrundbesitzern, und Medellín zählte kaum mehr als 50.000 Einwohner. Die Gesellschaft war konservativ und katholisch geprägt. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts steigerte der Anbau von Kaffee das Einkommen von Landbesitzern und Händlern, und eine erste Eisenbahnverbindung im Jahr 1914 führte zur Gründung zahlreicher Industriebetriebe. Die Region um Medellín und den Wasserfällen von Bello – sie wurden zur Energiegewinnung genutzt – wurde zu bevorzugten Standorten für die neuen Fabriken. 1920 waren 73 Prozent der Arbeitskräfte im Aburra-Tal weiblich, und 85 Prozent dieser Frauen waren ledig, was zu gesellschaftlichen Änderungen führte. Viele von ihnen kamen aus bäuerlichen Familien und lebten in von Nonnen geleiteten Arbeiterwohnheimen wie das Patronato de Obreras, die von der katholischen Kirche im Einvernehmen mit den Unternehmen eingerichtet wurden, um die Frauen „moralisch“ zu erziehen und „schädliche“ sozialistische Einflüsse einzudämmen. So wurde etwa festgelegt, den Tag der Arbeit nicht am 1. Mai zu feiern, sondern am 4. Mai, um gleichzeitig mit einer Messe die Jungfrau Maria zu ehren.
Eine von diesen Frauen war Betsabé Espinal, die ab den 1920er Jahren in der Textilfabrik Compañía Antioqueña de Tejidos des Großgrundbesitzers und Unternehmers Emilio Restrepo Callejas in Bello arbeitete. Frauen und Mädchen ab dem Alter von acht Jahren mussten dort zehn bis zwölf Stunden am Tag barfuß arbeiten. Ihre Arbeitszeiten waren länger als die der Männer, der Lohn hingegen nur halb so hoch. Es gab ein rigides Bußgeldsystem, und die Frauen wurden von Vorgesetzten sexuell belästigt.
Der Streik begann am 12. Februar 1920 und dauerte rund 20 Tage. An der Spitze der Bewegung standen mehrere Textilarbeiterinnen. Zwischen 400 und 500 Arbeiterinnen schlossen sich dem Streik an. Sie forderten die Entlassung zweier Büroangestellten, die die Arbeiter despotisch und missbräuchlich behandeln würden, und eines Vorarbeiters, dem sexueller Missbrauch vorgeworfen wurde. Die Arbeiterinnen verlangten zudem Lohnerhöhungen und freie Zeit zum Essen während des Arbeitstages. Auch forderten sie in Espadrilles arbeiten zu können; bis dahin mussten sie barfuß arbeiten, angeblich um den Fußboden nicht zu beschädigen, was aber bei den Frauen zu Erkrankungen führte.
Die 24-jährige Espinal spielte während des Streiks die aktivste Rolle: Sie verhandelte mit den Arbeitgebern, intervenierte bei Versammlungen, besuchte die Presse in Medellín und förderte die Gründung eines Solidaritäts- oder Hilfskomitees zur Finanzierung des Streiks und zur Beschaffung von Lebensmitteln für die Streikenden. Immer wieder wurde berichtet, dass sie sich auf einen Hocker stellte, um Reden zu halten. Die streikenden Frauen ließen sich weder von Drohungen der Vorarbeiter noch von den Bitten des Pfarrers beeindrucken, der versuchte, sie davon zu überzeugen, wieder an die Arbeit zu gehen.
Die Streikenden erreichten Lohnerhöhungen, Verkürzungen der Arbeitszeit, verbesserte Hygienebedingungen, eine Regelung des Bußgeldsystems und die Entlassung der missbräuchlichen Vorgesetzten. Dieser Erfolg war auch auf eine ausführliche Berichterstattung in den Zeitungen zurückzuführen. Eine Delegation der Arbeiterinnen, angeführt von Espinal, reiste nach Medellín, um die Vereinbarung in der Firmenzentrale zu unterzeichnen. Mit einem Marsch durch die Straßen drückten sie ihre Dankbarkeit für die Solidarität der Bevölkerung aus. Nach Ende des Streiks entließ Restrepo mehrere Arbeiterinnen und Arbeiter, darunter auch Espinal.
Dieser Streik war der erste, der von Frauen organisiert wurde und auch der erste in Kolumbien mit der offiziellen Bezeichnung huelga („Streik“, im Gegensatz zum Wort paro im Sinne von „Arbeitsniederlegung“, das bei früheren Streiks verwendet wurde). Dieser Streik habe weitreichende Folgen für den Kampf um die Rechte von Frauen in der Arbeitswelt gehabt. „Betsabé Espinal ging als Vorbild an Würde in die Geschichte ein und verkörperte das Erwachen des Kampfes der arbeitenden Frauen in Kolumbien“, so Beatriz Guerrero Mojica vom Centro de Estudios e Investigaciones Sociales de Colombia.
Ehrungen In Medellín trägt die Casa de Cultura de Paz den Namen von Betsabé Espinal. In Barranquilla wurde die Schule I.E.D Betsabé Espinosa nach ihr benannt.
Im Rahmen der kolumbianischen TV-Serie Más Allá Del Tiempo zur Geschichte der Region Antioquia war ihr 2020 eine Folge gewidmet.
Literatur
(Roman)
Einzelnachweise
Kategorie:Person der Arbeiterbewegung (Kolumbien) Kategorie:Kolumbianer Kategorie:Geboren 1896 Kategorie:Gestorben 1932 Kategorie:Frau