Wilhelm Lange (* 19. Dezember 1849 in Wallen, Westfalen; † 8. Dezember 1907 in Berlin) war ein deutscher Übersetzer aus dem Norwegischen, Dänischen, Russischen, Englischen und weiteren Sprachen.
Leben und Wirken Wilhelm Lange studierte Philologie.Das literarische Echo, vom 1. Januar 1908, Sp. 523 Um 1875 begann er mit Übersetzungen aus mehreren Sprachen. Besonders erfolgreich wurden seine Übertragungen von Dramen von Henrik Ibsen. Bei diesen nahm er aber einige Veränderungen vor, so verlegte er einmal die Handlung nach Deutschland, deutschte die Vornamen von Hauptpersonen ein und erfand den Titel Nora (für Et dukkehjem) im Stile französischer Unterhaltungsstücke, gegen den ausdrücklichen Wunsch des Autors.Henrik Ibsen, Nora (Ein Puppenheim), Text und Kontext, Reclam, Ditzingen 2025, Anhang S. 29; mit Details und dem veränderten Schluss Er drängte diesen auch auf einen veränderten Schluss für die erste deutsche Bühnenaufführung, die dieser dann widerwillig vornahm. Wilhelm Lange blieb einer von Ibsens autorisierten Übersetzern bis sich Ibsen 1885 von ihm abwandte, weil er ein gemeiner Kerl und geisteskrank sei.Harald Kittel et al. (Hrsg.), Übersetzung. Translation. Traduction. Ein internationales Handbuch für Übersetzungsforschung, 3. Teilband, de Gruyter, Berlin/Boston 2011, S. 2543, mit einigen Details zu den Ibsen-Übersetzungen von Wilhelm Lange; Ibsen favorisierte seitdem Marie von Borch und auch Emma KlingenfeldWilhelm Lange Henrik Ibsens Skrifter (deutsch übersetzt), mit zwei Briefen von Wilhelm Lange an Ibsen von 1879 und 1881 und Erwähnungen über ihn in einigen Briefen von anderen an Ibsen
Unter dem Namen von Wilhelm Lange erschienen über fünfzig Übersetzungen in neun Sprachen innerhalb von wenigen Jahren. An ihnen wirkten wahrscheinlich weitere Mitarbeiter mit. Einige zeitgenössische Kritiker beklagten in diesen Ungenauigkeiten und mangelnde Kompetenz.Bühne und Welt, 1903, S. 525 (kurze Auszüge), Es ist unbegreiflich, dass Ibsen diesem Massen-Übersetzer die Autorisation erteilt hat.Herbert Scherer, Bürgerlich-oppositionelle Literaten und sozualdemokratische Arbeiterbewegung nach 1890, Metzler, Stuttgart 1974, S. 240 Anm. 140, der Schriftsteller Otto Erich Hartleben kritisierte die Mängel in Wilhelm Langes Übersetzung der Volksfeinde von Ibsen und lobte dagegen ausdrücklich die genauere Übersetzung von Marie von Borch In weniger geläufigen Sprachen wie dem Polnischen wurden auch Übertragungen in andere Sprachen wie dem Französischen verwendet.Fritz Paul et al. (Hrsg.) Europäische Komödie im übersetzerischen Transfer, Tübingen 1993, S. 236; über seine Praxis der "Übersetzung aus zweiter Hand", die der mikrotextuellen Anlage des Ausgangstextes außerordentlich fern ist (das heißt sehr ungenau ist); vgl. auch Doris Lemmermeierm, Brigitte Schultze (Hrsg.) Polnisch-deutsche Dramenübersetzung 1830–1988, Mainz 1900, S. 209, mit Biogramm von Wilhelm Lange und Kritik seiner übersetzerischen Methoden In einigen zeitgenössischen Rezensionen wurden Übersetzungen von Wilhelm Lange aber auch gelobt . Seine Übertragungen erreichten eine große Verbreitung in der billigen Reclam-Heftreihe (zu 20 Pfennig). Sie wurden auch für viele Theateraufführeungen verwendet, einige Neuausgaben erschienen in anderen Verlagen.Wilhelm Lange Ibsen Stage, mit vielen Aufführungen von Ibsen-Dramen in der Übersetzung von Wilhelm Lange
Wilhelm Lange war verantwortlicher Redakteur der Deutschen Schriftsteller-Zeitung von 1887 bis 1889, die er zeitweise in einem kleinen eigenen Verlag herausgab.Thomas Dietzel, Hans-Otto Hügel, Deutsche literarische Zeitschriften 1880–1945, Band 1, K. G. Saur, München 1988, S. 304 1894 übernahm er die Buchhandlung Schweitzer & Mohr in der Potsdamer Straße 36.Adressbuch des Deutschen Buchhandels, 1895, S. 498 Er wohnte einige Jahre in der Steglitzer Straße 55.Deutscher Litteratur-Kalender, 1883, S. 376, auch Berliner Adressbücher, in Berlin W, (wahrscheinlich jetzige Blissestraße in Wilmersdorf)
Übersetzungen (Auswahl) Die Übersetzungen erschienen meistens im Verlag von Philipp Reclam jun. in Leipzig, wenn nicht anders angegeben. Es gab zahlreiche Neuauflagen, einige auch in anderen Verlagen. Aus dem Norwegischen Bjørnstjerne Bjørnson Ein Fallissement, Schauspiel in vier Aufzügen, Das Fischermädchen Die Neuvermählten Synnöve Solbakken Leonarda Zwischen den Schlachten Thomas Rendalen, Roman, Stilke, Berlin 1886
Henrik Ibsen Die Stützen der Gesellschaft, 1878 Nora oder Ein Puppenheim, 1879 (Digitalisat) Der Bund der Jugend, 1881 Ein Volksfeind, 1883, einzige vom Verfasser autorisirte deutsche Ausgabe (Digitalisat) Gespenster, Berlin 1899 (Gesammelte Werke, 1) Rosmersholm, Berlin 1899 (Gesammelte Werke, 2) Frau Inger von Oestrot, Quehl, Berlin-Steglitz 1906 Hedda Gabler Die Meerfrau Baumeister Solness Die Wildente
Jonas Lie, Der Hellseher Otto Wijkander, Bertha Malm
Aus dem Dänischen
Wilhelm Bergsöe [Vilhelm Bergsøe] Gespenstergeschichten Italienische Novellen, 1882 Skandinavisches Novellenbuch, Auerbach 1881, mit zwei dänischen Novellen Herman Frederik Ewald, Blanca, 1883 (Digitalisat) Otto Benzon, Surrogat, Lustspiel, 1883 Künstlerleben, Schwank, 1890 (ohne Verfasserangabe) Henrik Hertz Einquartierung Die Sparkasse oder Ende gut
Aus dem Russischen
Iwan Turgenjeff (Bücher) Punin und Baburin, 1875 Väter und Söhne, 1876 Die neue Generation, Roman, 2. Auflage Frühlingswogen Ein König Lear der Steppe, 1878 Erste Liebe, 1883 Dunst, 1883 (Digitalisat) Lieutenant Jergunoff, 1884 Gedichte in Prosa Tagebuch eines Überflüssigen (In Zeitschriften) Lukerja, in Der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft, 1875, S. 312–324 Sonderlinge, in Vom Fels zum Meer, 1881/1882, S. 228 Der Fatalist, in Vom Fels zum Meer, 1883, S. 345–360 Der Raufbold, Novelle, in Nord und Süd 1884, S. 283–326
Michail Lermontow, Ein Held unserer Zeit, 1878
Alexander Puschkin Die Hauptmannstochter, 1881 Ausgewählte Novellen, 1882
Nikolai Gogol Der Revisor, 1877 Phantasien und Geschichten, 1883, übersetzt mit Philipp Löbenstein Der Mantel (Digitalisat) Die Nase (Digitalisat) Taras Bulba
Leo Tolstoj, Luzern, 1882
Alexis Tolstoj, Fürst Serebräny, 1882, zweite Auflage Zar Iwan der Schreckliche, 1894
Aus dem Englischen Charles Dickens, Das Heimchen am Herde, 1877, Neue Ausgaben 1927, 1952 Mark Twain Ausgewählte Skizzen, 1878 (Digitalisat) (daraus) Zeitungsschreiberei in Tennessee, in Norbert Falk (Hrsg.), Meisterbuch des Humors. Eine Auswahl bester Humoresken, Ullstein, Berlin 1908, S. 220–226 (daraus) Ein gehrimnisvoller Besuch, 1975 Bret Harte, Californische Erzählungen, mehtere Bände, um 1880, mehrere Neuauflagen (Digitalisate) Henry James, Eugen Pickering, Neuauflage 1921
William Thackeray, Der Jahrmarkt des Lebens, bearbeitet nach Übersetzung
Weitere Sprachen Aus dem Niederländischen
Nicolaas Beets, Die Familie Kegge, 1875 (Auszüge) Hendrik Conscience, Der arme Edelmann, 1877 Jacob Jan Cremer, Holländische Novellen, 1878, mit zwei weiteren Übersetzern (Digitalisat)
Aus dem Schwedischen Es sind nur zwei übersetzte Novellen aus dem Schwedischen bekannt
Skandinavisches Novellenbuch, Auerbach, Berlin 1881, auch aus dem Norwegischen und Dänischen Eduard Bäckström, Die Nebenbuhler Wilhelm von Braun, Ein Irrthum
Aus dem Spanischen
Fernán Caballero Servil und liberal, 1879 (Digitalisat) Arme Dolores! Andalusische Erzählung, um 1882, Neuauflage 1957 (Digitalisat) Miguel de Cervantes, Der scharfsinnige Junker Don Quijote von der Mancha, völlig neu bearbeitet nach der Übersetzung von Dietrich Wilhelm Soltau, Neuauflage 1920
Aus dem Italienischen
Paul Ferrari, Die beiden Damen. Schauspiel in drei Aufzügen, 1879 (Digitalisat)
Aus dem Polnischen Wilhelm Lange übersetzte drei Werke aus dem Polnischen, auch mit Hilfe einer französischen Übersetzung.Doris Lemmermeierm, Brigitte Schultze (Hrsg.) Polnisch-deutsche Dramenübersetzung 1830–1988, Mainz 1900, S. 209 Jan Aleksander Fredro Der Mentor. Lustspiel in drei Aufzügen, 1881 (Digitalisat) Seine einzige Tochter, um 1882 (Digitalisat) Doktor Müller. Schwank in einem Aufzug. Prüfe wer sich ewig bindet, 1882 (Digitalisat)
Aus dem Neugriechischen Wilhelm Lange soll auch eine Erzählung aus dem Neugriechischen übersetzt haben (in Zusammenarbeit mit Wilhelm Lang?)Wilhelm Lang (1832–1915) Comdeg, Online-Compendium, Wilhelm Lang hatte 1879 die erste deutsche Übersetzung dieses Buches von Wagner ausführlich rezensiert, und besaß dadurch gute Kenntnisse darüber
Bikelas Demetrios, Lukis Laras. Eine Erzählung aus den griechischen Freiheitskriegen, 1883Wilhelm Lange Comdeg, neugriechisches Online-Lexikon, im Vorwort zitiert er auch Fachliteratur zur skandinavischen und russischen Literatur, ansonsten ist keine weitere Beschäftigung von ihm mit der griechischen Sprache und Literatur bekannt
Literatur Das literarische Echo vom 1. Januar 1908. Sp. 523, mit kurzem Nachruf
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