Die Siebelwerke ATG GmbH war ein bundesdeutscher Luftfahrtentwicklungsbetrieb, der in den 1950er/1960er Jahren an allen maßgeblichen Rüstungsprojekten der Bundesluftwaffe und verschiedenen Sport- und Passagierflugzeugentwicklungen in Westdeutschland beteiligt war.
Geschichte Die Siebelwerke ATG GmbH wurde am 18. November 1952 von Friedrich Wilhelm Siebel und Bernhard Weinhardt als künftiges Flugzeugbau-Unternehmen nach Wegfall der alliierten Luftfahrtbeschränkungen in der Bundesrepublik Deutschland in München gegründet. Das Unternehmen knüpfte an die Tradition der beiden großen Luftfahrtunternehmen Siebel Flugzeugwerke Halle / Schkeuditz und Allgemeine Transportanlagen Gesellschaft (ATG) in Leipzig an, die nach Kriegsende in der sowjetischen Besatzungszone enteignet und demontiert wurden.
Frühe Aktivitäten (1952–1954) Bereits im Juni 1953 präsentierte die Siebelwerke ATG GmbH auf der Münchener Verkehrsausstellung mit der Siebel-Macchi MB308 das erste von deutschen Mechanikern im italienischen Varese fertiggestellte Nachkriegsflugzeug. Im August 1953 erfolgte die Vorstellung vor Vertretern des deutschen Luftfahrtverbands in Düsseldorf.Badische Allgemeine Zeitung vom 26. Juni 1953 Beabsichtigt war die Aufnahme einer Serienfertigung der Siebel-Macchi MB308 nach Wegfall der Beschränkungen in Westdeutschland.Baubeschreibung Si-MB 308 von 1953, Siebelwerke ATG GmbH
Im Mai 1954 verhandelte die Siebelwerke ATG GmbH mit dem französischen Flugzeughersteller Morane-Saulnier über den Lizenzbau von 250 Ausbildungsflugzeugen von Typ MS 733 für die künftige Bundesluftwaffe. Beim französischen Flugzeughersteller Société Nationale de Constructions Aéronautiques Nord Aviation (SNCAN) sicherte sich die Siebelwerke ATG GmbH die alleinigen Vertriebsrechte in der Bundesrepublik Deutschland. Als Vertreter der beiden französischen Firmen führte die Siebelwerke ATG ab 1954 Verhandlungen mit deutschen Regierungsstellen über die Beschaffung von MS 733 Schulflugzeugen und Nord 2500 Transportern für die künftige Bundesluftwaffe, die in einem künftigen SIAT-Flugzeugwerk in Westdeutschland in Lizenz gefertigt werden sollten.
Waggon- und Maschinenbau GmbH Donauwörth (1954) Nachdem Friedrich Siebel im April 1954 während Verhandlungen mit der Bundesregierung überraschend verstorben war, führte Bernhard Weinhardt die Siebelwerke ATG GmbH als alleiniger Geschäftsführer weiter. Weinhardt gehörte seit den 1940er Jahren dem Flick-Konzern, u. a. als Geschäftsführer des Flick-Flugzeugbau-Unternehmens ATG in Leipzig und anderen hohen Führungskreisen an. Weinhardt überzeugte Friedrich Flick 1954 von einer Wiederbelebung des Flick-Flugzeugbaus und schlug dazu einen Ausbau des Flick-Waggonbaubetriebs Waggon- und Maschinenbau Donauwörth (WMD) vor. Bis 1956 entstand in Donauwörth ein vollständig neues Flugzeugwerk, das als eigenständiges Unternehmen im Auftrag der Siebelwerke ATG GmbH im Flugzeugbau tätig werden sollte.
Nach Fertigstellung des Werks in Donauwörth übernahm der Flick-Konzern 1956 die SIAT-Geschäftsanteile von Bernhard Weinhardt und der Familie von Friedrich Siebel im Austausch gegen Geschäftsanteile an der WMD. Der Produktionsbetrieb WMD wurde damit ab 1956 alleiniger Gesellschafter des SIAT-Entwicklungsbetriebs. Trotz der wirtschaftlichen Verflechtung blieben beide Unternehmen bis zu ihrer Auflösung in den 1970er Jahren als eigenständige Unternehmen bestehen. Die Siebelwerke ATG GmbH siedelte nach Fertigstellung des Flugzeugbaubetriebs 1956 von München nach Donauwörth um.
Luftwaffenprojekte (1956–1970) Die Siebelwerke ATG GmbH war in den 1950er/1960er Jahren an fast allen Ausrüstungsprojekten der Bundesluftwaffe beteiligt. In Anlehnung an die Produktionskonzepte der deutschen Luftfahrtindustrie während des Kriegs erfolgte in den beteiligten Flugzeugwerken hauptsächlich die Fertigung von Flugzeugbaugruppen, die aus verschiedenen Werken an Endmontagebetriebe geliefert wurden. Die SIAT beauftragte den Bau der von ihr verantworteten Baugruppen in den Luftwaffenprogrammen an den WMD-Produktionsbetrieb. BezeichnungBeschreibungZeitraumStückzahlSIAT-UmfangBemerkungenNord N2501 NoratlasTransporter1956–1961162Leitwerk und AußenflügelKooperation Flugzeugbau Nord GmbH mit HFB und Weser FlugzeugbauBreguet BR1150 AtlanticSeeaufklärer1961–1968ca. 40Leitwerk und BodenklappeKooperation ArGe Seeflug mit DornierLockheed F-104G StarfighterKampfflugzeug1962–1965210 143–173?Rumpfheck, Radom, Kabinenaufbau, Luftführungskanäle, Klappen, TanksKooperation ArGe Süd mit Messerschmitt, Heinkel, Dornier & Kooperation ArGe West mit SABCA, FaireyTransall C-160Transporter1965–1971110Flügelmittelstückgemeinsam mit MTTBell UH-1DHubschrauber1966–368Haupt-Rotorblattgemeinsam mit Dornier, MTULockheed TF-104GTrainer1966–196774RumpfheckLockheed, Messerschmitt, SABCALockheed F104G StarfighterKampfflugzeug1970–197250RumpfheckFertigung als MBB-Betrieb
Im zivilen Bereich war die Siebelwerke ATG GmbH ab 1964 am Bau des VIP-Jets HFB 320 des Hamburger Flugzeugbaus beteiligt. WMD übernahm den Lizenzbau des vorderen Flügelkastens und der Tiptanks. Bis 1972 wurden etwa 40 Baugruppensätze für die HFB 320 fertiggestellt.
Am Serienbau der VFW 614 der Vereinigten Flugtechnischen Werke in Bremen sollte die Siebelwerke ATG GmbH den Bau des Rumpfhecks und des Leitwerks übernehmen. Innerhalb des MBB-Konzerns wurde die Fertigung später an das ehemalige HFB-Werk Stade übertragen.
Bölkow-Beteiligung (ab 1959) Bereits 1959 reduzierte der Flick-Konzern seine Beteiligung am WMD-Betrieb in Donauwörth. Die freiwerdenden Anteile übernahm die Bölkow Entwicklungen KG in mehreren Schritten vollständig. Mit Erwerb der letzten WMD-Geschäftsanteile von der Bürle-Oerlikon-Gruppe ging die WMD 1965 in den alleinigen Besitz von Ludwig Bölkow über. Bölkow nutzte die Produktionsexpertise der WMD-Werkstätten im Bereich der Verbundwerkstoffe bei verschiedenen Prototypenbauten der Bölkow Entwicklungen KG. Unter anderem entstand bei WMD 1964 der Rumpf der Bo46-Versuchshubschrauber und der Rotorholm für den Reaktionsrotor „Heidelberg“. Auch der Rumpf des Bo105-Prototypen entstand in den WMD-Werkstätten.
Bölkow-SIAT Entwicklungen (1960–1965) Während die Siebelwerke ATG GmbH in den ersten Jahren hauptsächlich im Vertrieb und in der Projektorganisation tätig war, entstand mit der Beteiligung Bölkows bei SIAT ein erweitertes Konstruktionsbüro für Flugzeugentwicklungen. Im SIAT-Entwicklungsbüro entstanden zwischen 1960 und 1965 zahlreiche zivile und militärische Flugzeugentwürfe von Kurz- und Senkrechtstartern, die sowohl das Prinzip der Schwenkdüsen als auch der Grenzschichtbeeinflussung verwendeten. Die Entwürfe waren bis 1965 weit fortgeschritten. Sie wurden allerdings aufgegeben, nachdem die NATO und die Bundesluftwaffe ihre Überlegungen zu VTOL-Kampfflugzeugen aufgegeben hatten und eine staatliche Finanzierung des Baus von Versuchsflugzeugen nicht mehr gegeben war.
SIAT-Sportflugzeugbau (1964–1972) Bereits seit 1960 beschäftigte sich das SIAT-Entwicklungsbüro auch mit der Entwicklung eines Sportflugzeugs. Bereits 1952 hatte Friedrich Siebel die Idee für eine modernisierte Siebel Si202 als Superhummel Schulflugzeug. In Anlehnung an diese Idee entstand 1960 die SIAT 222, deren Prototyp allerdings während der Erprobung durch Absturz verloren ging. Die Pläne für ein verkleinertes Schulflugzeug SIAT 223 wurden daraufhin zurückgestellt. Erst nach dem Wegfall der S/VTOL-Projekte wurde 1964 der Entwurf der SIAT 223 im SIAT-Entwicklungsbüro wieder aufgegriffen und ab 1965 gemeinsam mit dem Bölkow-Vertrieb zur Serienreife gebracht. Die SIAT 223 war ab 1967 das einzige bei SIAT entwickelte und in Serie gebaute Flugzeugmuster.
Für den Serienbau der SIAT 223 wurden der Bölkow Sportflugzeugbau in Laupheim und der SIAT-Sportflugzeugbau 1967 unter Federführung des WMD-Betriebs in Donauwörth zusammengefasst. Für die SIAT 223 entstanden bei WMD in Donauwörth die vormontierten Baugruppen, die in Laupheim für den Erstflug endmontiert wurden. Die Serienfertigung der SIAT 223 endete bei WMD nach nur 25 gebauten Exemplaren. Im MBB-Konzern wurde der Sportflugzeugbau aufgegeben.
Übergang in den MBB-Konzerns Nach der vollständigen Übernahme der WMD/SIAT durch die Bölkow GmbH wurden die Entwicklungskapazitäten aus der Siebelwerke ATG GmbH in die Bölkow GmbH überführt. Auch der Vertrieb der SIAT 223 lag in der Verantwortung des Bölkow-Vertriebs. Die Rolle der Siebelwerke ATG GmbH beschränkte sich ab 1965 im Wesentlichen auf die Halterschaft von Kooperationsverträgen und Geschäftsanteilen.
Am 3. August 1964 gründete die Siebelwerke ATG GmbH, sowie die Bölkow Entwicklungen KG gemeinsam mit dem Messerschmitt-Konzern zunächst die Interessengemeinschaft Luft- und Raumfahrt, aus der kurze Zeit später die Bölkow.-Messerschmitt-Siebel BMS Flugtechnik entstand. Im Juni 1965 beteiligte sich die Siebelwerke ATG GmbH mit 25 % an der Entwicklungsring Süd GmbH und im September 1967 mit 20 % an der Deutschen Airbus GmbH, deren erster Geschäftsführer Bernhard Weinhardt wurde. Im August 1968 erfolgte die Verlegung der Siebelwerke ATG GmbH von Donauwörth nach Neuburg a.d. Donau. Als Bölkow-Tochterunternehmen gingen die WMD und die Siebelwerke ATG GmbH 1969 in den Besitz des neu gebildeten Messerschmitt-Bölkow-Blohm-Konzerns über. Beide Unternehmen wurden zum 31. Dezember 1971 in die MBB-Konzernstruktur in den Geschäftsbereich Verkehr überführt.
Die luftrechtlichen Verantwortlichkeiten der Siebelwerke ATG GmbH für das Flugzeugmuster SIAT 223 übernahm die Flugzeug Union Süd GmbH. Die Siebelwerke ATG GmbH wurde am 29. Juni 1972 offiziell aufgelöst.
WMD-Betrieb Donauwörth nach 1972 Der WMD-Betrieb in Donauwörth war nach dem Ende des Sportflugzeugbaus im MBB-Konzern weiterhin mit der Sparte Waggonbau vertreten und lieferte noch bis 1992 insbesondere Dieseltriebwagen und ICE-Wagen. Bereits in den 70er Jahren wurde der WMD-Betrieb auch in die Helikoptersparte des MBB-Konzerns einbezogen. Seit 1978 fertigte der Betrieb im deutschen Helikopter-Zentrum Donauwörth Helikopter vom Typ Bölkow Bo105 in Serie. Seit 1992 war das DASA-Werk Donauwörth Sitz der deutschen Eurocopter, die seit 2014 als Airbus Helicopters Teil des Airbus-Konzerns ist.
SIAT-Musterübersicht Bezeichnung BeschreibungSIAT-Zeichnungsverzeichnis vom Dez. 1965. Zeitraum Stückzahl BemerkungenSiebel-Macchi MB-308Schul-, Reise- und Sportflugzeug19531SIAT-Lizenzbau bei Macchi in Varese EinzelexemplarSIAT 222viersitziges Reiseflugzeug19611ein Prototyp bei WMDSIAT 223 (1961)zweisitziges Schulflugzeug1961 -für Schulflugzeug-Ausschreibung der Wissenschaftl. Gesellschaft für Luftfahrt (WGL) 1961SIAT 223 (1965) Flamingodreisitziges kunstflugtaugliches Schulflugzeug1965–1972WMD: 25 CASA: 50 Farner: 17WMD-Produktion 1967–1971 CASA-Lizenzfertigung 1972–1976 Farner: 1976–1977SIAT 224Mehrzweckflugzeug1961 -STOL-Transporter mit Turboprop und 3 HubtriebwerkenSIAT 225Mehrzweckflugzeug1961STOL-Transporter mit StrahlantriebSIAT 226Mehrzweckflugzeug1961/62 -VTOL-Transporter mit Strahlantrieb und 2 HubtriebwerkenSIAT 227–234Mehrzweckflugzeug1961–1962 -verschiedene Entwürfe als Turboprop- und Strahlflugzeuge für VTOL- oder STOL-Einsätze mit Hubtriebwerken, Hubfans und SchwenktriebwerkenSIAT 241–246STOL-Erdkampfflugzeug1963 -Fallstudien mit Konkurrenzentwürfen Grenzschichtmodell/Hubtriebwerk/Schwenk-FanSIAT 235Mehrzweck-Versuchsflugzeug1962 -Erprobungsträger V/STOL-TechnikSIAT 301V/STOL-Mehrzweckflugzeug1962 -Detailentwurf der SIAT 226 mit Hubtriebwerken und Grenzschichtbeeinflussung für die NATO NBMR-4 AusschreibungSIAT 302–306STOL-Erdkampf-Unterstützungsflugzeug1962 -verschiedene Basis-Entwürfe für NATO NBMR-3b Ausschreibung SIAT 303 in verschiedenen STOL-Versuchsvarianten SIAT 305 Versuchsflugzeug für ruderlose StrahlsteuerungSIAT 307VSTOL-Erdkamof-Unterstützungsflugzeug1962 -Zusammenfassung der SIAT 302–306