Dieser Artikel hat den FC Wil in der Saison 1998/99 zum Thema.
Ausgangslage
Der FC Wil war in der vorherigen Saison relativ knapp nicht in die Aufstiegsrunde gelangt. In der Abstiegsrunde konnten die Wiler sich mit einer vergleichsweise schwachen Leistung (mit 17 Punkten) in der NLB halten.
Im Cup war aber Wil überraschend stark, besiegte auf dem Weg in den Halbfinal unter anderem den FC Zürich. Im Halbfinal schieden die Äbtestädter schliesslich gegen Lausanne aus dem Turnier aus.
In die NLB waren zur neuen Saison Kriens und Carouge abgestiegen. Die Thurgauer Zeitung erwartete von den Absteigern nicht viel, da sie sich in einer «Regenerierungsphase» befänden. Generell gäbe es in der zweithöchsten Liga zu wenige «grosse Namen», verglichen mit den vorherigen Saisons. Auch das Giornale del Popolo sah die Liga als ausgeglichener an, als in vergangenen Jahren. Bei Wil stellte sie schliesslich ein grosses Kommen und Gehen fest. Der Hauptschwerpunkt sei die defensive Stabilität, der Verein wolle um die ersten vier Plätze mitspielen, die ihm eine Teilnahme an der Aufstiegsrunde ermöglichen würde.
Transfers Zum FC St. Gallen wechselte der Verteidiger Anastasios Salonidis und Adrian Eugster. Olivier Python verliess Wil in Richtung Nyon. Agnaldo, mit 33 Meisterschaftstoren ein wichtiger Wiler Torjäger, wechselte vermeintlich zum FC Thun. Tatsächlich wurde der Transfer nach Uneinigkeit bei den Detailverhandlungen aufgegeben. Wenige Tage später wechselte er zum FC Schaffhausen. Claudio Besio und René Soller wechselten zum FC Kreuzlingen, Hafner zu Vaduz, Oehy zu Veltheim und Rutschmann zu Red Star Zürich.
Vom FC Schaffhausen wechselten Claudio Calvi und Vaidotas Šlekys, der bereits in Wil gespielt hatte, nach zum FC Wil. Wil verpflichtete den Brasilianer Jairo aus seiner Heimat. Vom 1. Liga Club FC Frauenfeld wurde Charles Amoah übernommen. Der Ghanaer hatte zuvor bereits in der NLB für den FC Winterthur gespielt. Er unterschrieb in Wil einen 2-Jahres-Vertrag. Von YF Juventus kam Massimo Rizzo, Sascha Rutz von Amriswil, sowie Daniel Imhof, der aus dem College in Kanada kam.
Testspiele Die Reihe an Testspielen begannen die Wiler mit einem 0:1-Sieg in Schleitheim gegen den FC Schaffhausen. Wie im Cup konnten die Wiler erneut den oberklassigen FC Zürich schlagen, dieses Mal mit 5:3. Am 1. Juli empfingen die Wiler zuhause den FC Red Star Zürich (damals 1. Liga) und spielten unentschieden 2:2. Calvi und Güntensperger erzielten die Wiler Tore. Gegen den FC St. Gallen verloren die Wiler Anfang Juli 2:1.
Saisonverlauf Qualifikationsrunde Die Sportnachrichtenagentur Sportinformationen zählten die Wiler zusammen mit Solothurn und Schaffhausen zu den Favoriten der Saison. Bei den Wilern wurde vor allem die gestärkte Offensive mit Amoah, Jairo und Šlekys hervorgehoben. Die Wiler und insbesondere Trainer Marcel Koller gaben als Ziel einen der vier Aufstiegsrundenplätze oder sogar Platz eins aus.
Die Saison begann Mitte Juli gegen den FC Thun. Die Thuner absolvierten ihre zweite Saison in der NLB und blickten nach einer guten Qualifikationsphase relativ optimistisch auf die neue Saison. Wil wurde vom Thuner Tagblatt als ein «erster harter Brocken» bezeichnet. Das Spiel endete, entgegen den hohen Erwartungen, mit einem 1:1-Unentschieden. Bereits drei Tage später konnten sich die Wiler zum zweiten Mal messen. Zuhause gegen Chiasso konnten sie mit einer überzeugenden Leistung mit 2:0 gewinnen. Die Siegesserie konnten die Wiler mit einem 1:3-Sieg in Delsberg fortsetzen. Alle drei neuen Stürmer konnten sich in die Torschützenliste eintragen. Olivier Odiet für Le Matin meinte zum Spiel, dass die Jurassier oft nicht unterlegen gewesen seien und machte vor allem die erste Hälfte als Problem aus. Beim 2:0-Heimsieg gegen Locarno war Doppeltorschütze Charles Amoah der Mann des Spiels.
In der ersten Augustrunde verloren die Wiler erstmals ein Spiel. Die Niederlage gegen Baden kam relativ überraschend, da der FC Baden zuvor alle Spiele verloren hatte. Gegen den SC Kriens konnten die Wiler knapp mit 2:1 gewinnen. Gegen Schaffhausen gewannen die Wiler zuhause 4:1 und dies, obwohl sie nach einer gelb-roten Karte gegen Steingruber beinahe eine Halbzeit in Unterzahl spielten. Auswärts in Carouge gewannen die Wiler 0:2. In der ersten Halbzeit gab es sogar noch zwei Pfostenschüsse. Der Sieg war umso bemerkenswerter, da es sich bei der Niederlage um die erste Niederlage nach sieben Partien des Teams aus dem Kanton Genf handelte. Wil übernahm damit die Spitze der Tabelle. Gegen den FC Solothurn konnten die Wiler sich mit 4:2 durchsetzen. Damit bauten sie den Abstand zu Carouge sogar noch aus, da diese nur Unentschieden spielten.
Die erste Partie im September verlief turbulent. In der 55. Minute wurden je ein Spieler von Stade Nyonnais und Wil wegen Tätlichkeiten vom Platz gestellt. Das Spiel ging 2:2 aus. Nyon konnte das Spiel in den letzten Sekunden noch ausgleichen. Gegen die, auf Platz vier rangierten und von Lucien Favre trainierten, Yverdoner gewannen die Wiler zweimal mit zwei Toren zu null, zuerst auswärts mit 0:2 und schliesslich 2:0 zuhause. Die Wiler konnten sich damit an der Spitze halten. Für Yverdon bedeuteten die Niederlagen den Absturz auf Platz 7, ausserhalb der Aufstiegsrundenplätze. Gegen Schaffhausen verloren die Wiler knapp mit 1:0, Jairo erzielte kurz vor der Pause noch einen Lattentreffer. Den September schlossen die Wiler mit einem umkämpften 1:1 in Thun ab. Die Wiler mussten auf den verletzten Charles Amoah verzichten, was Marcel Koller nach dem Spiel betonte. Hans Hugentobler kommentierte im Thuner Tagblatt, dass die Wiler zwar spielerisch dominierten, die Thuner aber mit einer guten Taktik, solider Abwehrleistung und etwas Glück den Wilern «Paroli bieten» konnten.
Im Oktober versah Marco Lodigiani (Giornale del Popolo) das Spiel des FC Chiasso gegen Wil mit dem Titel «Grande cuore, piccolo punto». Seiner Meinung nach hat sein Team mit viel Einsatz gespielt, allerdings mit dem 1:1-Unentschieden nur einen Punkt erkämpft.
Nach einem spielerisch klaren 1:0-Sieg gegen Délemont, spekulierte die Neue Zürcher Zeitung erstmals über die «verwegenen Pläne im FC Wil». Nach einer Phase der unglaublichen Euphorie unter Christian Gross habe sich der FC Wil in den letzten Jahren konsolidiert. Unter den Präsidenten Schmidhauser und Scherrer habe der Verein «vernünftiges Haushalten» geübt. Mit Präsident Andreas Hafen habe diese Phase geendet. Statt sich vielleicht sogar mit einem Abstieg in die 1. Liga zufriedenzugeben, sei die Dynamik eine andere geworden. Zur finanziellen Frage des Vereins schrieb die Zeitung: «Bei der Suche nach zusätzlichen monetären Mitteln konnte der Präsident eine erfreuliche Erfahrung machen: Die angepeilten Finanzierungsgruppen des Klubs begrüssten die Kehrtwendung und zeigten sich erstaunlich willig, für die aufkommende Dynamik etwas tiefer in die Tasche zu greifen.» 2002 kam heraus, dass es sich bei den «Finanzierungsgruppen» zu einem grossen Teil um Andreas Hafen selbst handelte, der ab 1998 etwa 10 Millionen Franken in den Verein gesteckt hatte. Das Geld stammte aus Veruntreuung bei seinem Arbeitgeber der Grossbank UBS.
Die Wiler gewannen anschliessend mit einem knappen 0:1-Sieg gegen Locarno, entschieden durch einen «umstrittenen Penalty» (Filippo Frizzi für das Giornale del Popolo). Ende Oktober spielte der FC Wil ein Unentschieden (3:3) gegen Baden und vergab die erste Möglichkeit, die Teilnahme an der Aufstiegsrunde zu sichern.
Der Oktober begann unerfreulich. Auch bei der zweiten Möglichkeiten die Aufstiegsrundenteilnahme zu sichern, scheiterten die Wiler in einem umkämpften Spiel gegen Kriens, als sie dort 4:3 verloren. Beim dritten «Matchball» die Teilnahme klarzumachen, reichte zwei Runden vor Schluss ein 2:2 gegen Carouge. Beim FC Solothurn er spielten die Wiler erneut nur ein Unentschieden (1:1). Das torreiche 5:3 gewannen die Wiler zuhause gegen Nyonnais erst in der Nachspielzeit mit zwei Treffern. Kommentatoren machten für das Resultat auch die zwei Platzverweise gegen Nyon aus. Die Wiler konnten die Qualifikationsphase auf Platz 1 abschliessen und wurde damit erstmals NLB-Meister.
Aufstiegsrunde Das neue Jahr begann mit einem Knall. Trainer Marcel Koller, der die Wiler zum NLB-Meistertitel führte, verliess den Verein zum FC St. Gallen.. In: St. Galler Tagblatt. 4. Januar 1999. Als neuer Trainer von Wil wurde wenige Tage später Hanspeter Latour vorgestellt. Eigentlich hätte man sich mit dem damaligen FC Winterthur Trainer Peter Knäbel einen anderen Übungsleiter gewünscht, der allerdings eine Absage erteilte. Latour wechselte vom FC Baden, wo er seinen laufenden Vertrag auflöste. In Wil verpflichtete er sich bis Ende Juni 2000. Ebenfalls Richtung St. Gallen wechselte Jairo, dafür kam die spätere Club-Legende Fabinho aus Brasilien. Weiter verpflichteten die Wiler leihweise Bruno Sutter. Er gehörte dem FC Zürich, spielte als Leihgabe die Qualifikationsrunde beim FC Schaffhausen·
Bei einem Testspiel im Februar gegen den FC Sursee aus der 1. Liga spielten die Wiler in Lumino TI 2:9 (1:3). Amoah und der Testspieler Da Silva schossen je drei Tore. Ende Februar wurde nochmals ein Trainingsspiel im Tessin absolviert, gegen die Erstligisten aus Naters gewannen die Wiler deutlich mit 6:0.
Die erste Partie der Aufstiegsrunde gegen die Young Boys musste aufgrund «unbespielbaren Terrains» verschoben werden. Die Partie wurde schliesslich am 1. April nachgeholt.
Im März stieg der FC Wil nun in die Aufstiegsrunde ein. Gegen Carouge fügten die Wiler der Heimmannschaft eine «verdiente 1:3-Niederlage» (Si) zu. Die Westschweizer hatten nach einem groben Foul durch Koudou ab der 22. Minute einen Mann weniger, ausserdem erhielt Trainer Pierre-Albert Chapuisat nach einem Tor von Fabinho ebenfalls eine rote Karte. Aus Sicht der Genfer war die erste rote Karte umstritten. Gegen die SR Delémont verloren die Wiler überraschend 1:4, obwohl die Wiler die spielbestimmende Mannschaft waren. Es war, wie der Delsberger Trainer Michel Decastel stolz verkündete, der erste Sieg der Jurassier in Wil. Nachdem die Wiler den NLA-Club Aarau aus dem Cup geworfen hatten (siehe unten), trafen sie in der Aufstiegsrunde eine Woche später wieder aufeinander. Die Aargauer konnten sich mit einem 3:1 revanchieren. Für Aarau bedeuten die drei Punkte ausserdem, dass sie auf Platz vier vorzogen und damit in der NLA verblieben wären. Die Wiler hingegen platzierten sich auf dem sechsten Rang, allerdings mit einem Spiel weniger.