mini|Porträt des Dichters „Petrus Chiari Brixiensis“, in seinem Werk Poesie, e prose italiane, e latine, Venedig 1761 mini|Titelblatt des Filosofo Viniziano, Bologna 1760 Pietro Chiari (* 25. Dezember 1712 in Brescia; † 31. August 1785 ebenda) war ein italienischer Weltgeistlicher, Dichter und Romanautor, der vor allem in Venedig und in Brescia tätig war, das noch zur Republik Venedig zählte.

Leben und Werke Herkunft, Jesuit, Weltgeistlicher Pietro Chiari wurde in einer Stadt geboren, die zur Republik Venedig gehörte. Über seine frühen Jahren erfahren wir nur durch seine eigenen Schriften, in denen er jedoch vage bleibt. Als erstes zweier Kinder einer Familie mit militärischer Tradition und bescheidenen wirtschaftlichen Möglichkeiten verlor die Familie früh die Mutter, die bei der Geburt ihres zweiten Sohnes starb. Eine Zeit lang folgte Pietro seinem Vater, einem Oberst im Dienst Venedigs, weshalb er von sich sagen konnte, er sei „nato, cresciuto ed educato come Caligola sotto a’ padiglioni“ (sinngemäß: ‚wie Caligula unter den Zelten geboren, aufgewachsen und gebildet‘).

Ohne Begabung für die militärische Laufbahn, zog er sich in die Lektüre zahlreicher Bücher aus den unterschiedlichsten Disziplinen zurück, begann ein Studium bei den Jesuiten, vielleicht in Modena. Dabei besaß er eine Vorliebe für Literatur, Geschichte und Philosophie. Da er die Ordensdisziplin nicht ertragen wollte, verließ er die Jesuiten und wurde einer der zahlreichen weltlichen Abbés seiner Epoche, denen die Ordenskleidung mehr Vorrechte als Einschränkungen verschaffte. Pietro Chiari wurde also Weltgeistlicher. Von sich selbst schrieb er bar jeder echten Selbstkritik: ‚soweit ich mich selbst beurteilen kann, waren meine besten Eigenschaften zu jeder Zeit Treue, Diskretion und Ehre, während meine größten Laster zu jeder Zeit übermäßige Aufrichtigkeit, unangebrachtes Vertrauen und ein allzu gutes Herz waren‘.

Modena: Lehrer für Rhetorik, Tod des Vaters (bis 1744) In Modena wurde er Lehrer für Rhetorik am Collegio di S. Bartolomeo della Compagnia di Gesù. Zwei seiner lateinischen Vorlesungen sind erhalten, aber auch theologische Abhandlungen und zahlreiche Gedichte, sowohl auf Latein als auch in der Volkssprache. Eine Reihe von Liebschaften führten ihn nach Imola, Parma, Bologna sowie wieder nach Modena – Erfahrungen, aus denen einige seiner Gedichte entstanden, wie das auf die hochmütige Mirtinda (möglicherweise die Bologneserin Angela Pizzi) und die schönen Augen der Crimatea (der Marquise Caterina Landi).

Freundschaftlichen Beziehungen, insbesondere zum Grafen Camillo Zampieri (1701–1784) aus Imola und zum Jesuiten Iacopo Antonio Bassani (1686–1747) aus Vicenza, waren weitere Inspirationsquellen. Als sein Vater starb, kehrte er für einige Zeit nach Brescia zurück, sein Wohnsitz blieb allerdings Modena, wo er weiterhin als Privatlehrer arbeitete. Doch diese Tätigkeit gefiel ihm wenig, da ihm die Qualitäten eines Erziehers fehlten.

Sekretär, Reisen durch Italien Er verkehrte auch am Hof, jedoch mit wenig Erfolg, sodass er – vielleicht als Opfer von Verleumdungen – die Stadt 1744 plötzlich verließ. Nach der Schlacht von Velletri (16.–17. Juni und 11. August 1744), in der spanisch-neapolitanische Truppen eine österreichische Armee besiegten, erscheint Chiari im November 1744 als Sekretär im Dienst des Kardinals Federico Marcello Lante della Rovere. In dessen Gefolge reiste er durch Italien und gelangte bis nach Neapel. Während eines Aufenthalts in Rom hatte er Gelegenheit, an einer Versammlung der Accademia dell’Arcadia teilzunehmen, wo er ein Gedicht im Stil Dantes vortrug.

Venedig (ab 1747), Protektion durch Grimani An der Jahreswende 1746 auf 1747 nahm Chiari Aufenthalt in Venedig, wobei er die alten Kontakte seines Vaters zum einflussreichen Haus Mocenigo nutzte, das allein im 18. Jahrhundert drei Dogen stellte. Tatsächlich fand er allerdings Unterstützung bei der Familie Grimani, die ihm den Einstieg in das Milieu der Literaten sowie in die exklusiven Zirkel der patrizischen Salons eröffnete. Mit Pietro Grimani hatte auch sie einen Dogen in dieser Zeit gestellt (1741–1752). Vor allem aber unterhielt sie Theater in der Stadt. Chiari stieß auf eine Gesellschaft im Umbruch, und zu dieser Erneuerung leistete auch er durch ständige literarische und theatralische Polemiken, in die er verwickelt war, seinen zeittypischen Beitrag.

Chiari begann mit Gelegenheitsgedichten, die er zu Hochzeiten, Ordensweihen, aber auch zu Amtsantritten von Prokuratoren und zum Städtelob mit großer Leichtigkeit vortrug. Mehrere Gedichte sind der schönen Cornelia Barbaro Gritti (unter dem Namen „Eurilla“) gewidmet, womit er sich in die Schar ihrer Verehrer einreihte, zu denen Francesco Fulvio Frugoni und Pietro Metastasio ebenso zählten wie Carlo Goldoni und Francesco Algarotti. Sie selbst unterhielt, nachdem ihr gewalttätiger Ehemann in der Festung Cattaro auf Lebenszeit eingesperrt worden war, einen berühmten Salon und betätigte sich auch als Dichterin.Ada Zapperi: Barbaro Gritti, Cornelia, in: Dizionario Biografico degli Italiani, Bd. 6, 1964.

Theater, Polemiken, Gegnerschaft zu Goldoni mini|seite=5|Titelblatt von Chiaris La mascherata degli dei, nell’ingresso dell’eccellentissimo signor Girolamo Veniero procurator di S. Marco, Venedig 1759 Angeregt von den Lettere critiche aus der Feder von Giuseppe Antonio Costantini wandte er sich 1749 der Briefmode zu. So verfasste er seine Lettere scelte (die mit dem Datum 1750 erschienen), wobei er durchaus gegen sein Vorbild polemisierte, etwa gegen dessen Konservatismus. In der neuen Ausgabe seines Werks reagierte Costantini ausgesprochen heftig, insbesondere in einem Brief mit dem anspielungsreichen Titel „La scimia [sic!] col fagotto“, in dem er Chiari beschuldigte, ein plumper Plagiator und ein maßloser Schreiberling zu sein.

1748 nahm Chiari seine Arbeit als Bühnenautor der Truppe des Genuesen Giuseppe Imer († 1758) am Teatro San Samuele in Venedig auf, wo er die Protektion der Grimani genoss. Diese hatten Imer 1734 das besagte Theater überlassen. Somit nahm Chiari dort die frühere Stelle Goldonis ein, der im Dienst des Gerolamo Medebach (1706–1790) stand, der das Teatro Sant’Angelo gepachtet hatte – worauf sogleich eine heftige Polemik entbrannte. Dabei konnte Chiari auf arrivierte Schauspieler wie Gaetano Casali,Roberta Ascarelli: Casali, Gaetano, in: Dizionario Biografico degli Italiani, Bd. 21 (1978). Antonio Vitalba († 1758) und vor allem Antonio Sacchi (Sacco)Piermario Vescovo: Sacco, Antonio, in: Dizionario Biografico degli Italiani, Bd. 89 (2017). setzen. Dort inszenierte er 1749 La scuola delle vedove, eine Parodie auf Carlo Goldonis La Vedova scaltra aus dem Jahr 1748. Diese Auseinandersetzung soll sogar einer der Gründe gewesen sein, warum Goldoni schließlich Venedig verließ.Jessica Goodman: Goldoni in Paris. La Gloire et le Malentendu, Oxford University Press, 2017, S. 28 f. In jedem Falle galt Chiari als Goldonis „antagonist par excellence“.Sonia Bellavia: Theatermania in Eighteenth-Century Europe. An Interdisciplinary and Contextual Approach to the History of Theater, Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2023, S. 166. Chiaris Debüt im Herbst fand mit L’avventuriere alla moda statt, doch verlief sie schlecht; zudem verbreitete sich in der Stadt ein satirisches Sonett über die erfolglose Komödie, das Goldoni zugeschrieben wurde. Im Theater S. Angelo wurde unterdessen La vedova scaltra erfolgreich wiederaufgeführt, woraufhin Chiari eine unwürdige Parodie darauf verfasste: La scuola delle vedove. Dies rief wiederum Goldonis Empörung hervor, der umgehend mit einem apologetischen Prolog konterte. Der Streit sorgte für so großes Aufsehen, dass schließlich die Justiz eingriff, die das Werk von Chiari verbot und damit im November 1749 eine Theaterzensur verhängte. Chiari glaubte, jedes Stück um- oder neu schreiben zu dürfen, weil er die bessere Ausbildung zu besitzen meinte; andere hielten die so entstandenen Werke für Plagiate.

Im Herbst 1751 zog die Truppe von S. Samuele in das größere und besser ausgestattete Teatro San Giovanni Grisostomo um, das ebenfalls den Grimani gehörte. Doch schon im Herbst 1752 gab Chiari diese Tätigkeit aufgrund von Meinungsverschiedenheiten mit der Theatergesellschaft auf.

Romanautor (ab 1753) Nun machte er sich daran, Romane zu schreiben. Einen ersten Versuch hatte er bereits 1749 unternommen, als er eine Bearbeitung eines anonymen Roman-Pasticcio betitelte, nämlich L’ussaro italiano cioè Le avventure amorose e militari del conte V.… di K.… Accadute nel presente Secolo, e scritte da lui medesimo in lingua italiana.Digitalisat bei der Jagiellonian Digital Library, bzw. Jagiellońska Biblioteka Cyfrowa. Sein erster echter Roman war jedoch La filosofessa italiana, der Ende 1753 erschien.Pietro Chiari: La filosofessa italiana o sia le avventure della Marchesa N. N., scritte in francese da lei medesima, Bd. 1, Filippo Carmignani, Venedig 1755 (Digitalisat); Bd. 2, Venedig 1755 (Digitalisat); Bd. 3, Venedig 1756 (Digitalisat beim Münchener Digitalisierungszentrum). Das Werk traf den Zeitgeschmack durch seine ungezügelte Phantasie und seine unwahrscheinlichen Wendungen. Tatsächlich fanden die extravaganten und geradezu verworrenen Abenteuer der Marquise N. N., die am Ende ihres bewegten Lebens ihre Memoiren verfasste, so großen Anklang, dass das Werk nicht weniger als zehn Auflagen erlebte. Chiari schrieb nun, neben literarischen und Theaterwerken, ein oder sogar zwei Romane pro Jahr, insgesamt mehr als vierzig.

Seine Protagonisten, meistens Frauen, erzählen in der Ich-Form. Neben überraschenden und glanzvollen Handlungen finden sich ungewöhnliche Orte, wie ein Kloster in Avignon, aber auch Lyon oder Paris, Mailand und Rom, Amsterdam und London. Reisen und Entdeckungen fanden eine breite Leserschaft. So erschienen La Bella pellegrina o sia Memorie di una dama moscovita (1759), La viaggiatrice o sia Le avventure di madamigella E. B. (1761), dann die Trilogie La ballerina onorata, La cantatrice per disgrazia und La commediante in fortuna (1754–1755). Es folgten Il poeta o sia Le avventure di D. Oliviero de Vega (1756), La giuocatrice di lotto (1757), La zingana. Memorie egiziane di madama N. N. scritte in francese da lei stessa (1758),Digitalisat, Bd. 1, Bd. 2. La francese in Italia (1759), L’uomo d’un altro mondo (1760). Chiari bezog sich dabei deutlich auf Voltaire, Montesquieu oder Jonathan Swift.

Hofdichter (1754), erneute Polemik gegen Goldoni (bis 1760/1762) 1754 wurde er in Venedig durch den Herzog von Modena Francesco III. d’Este zum Hofpoeten gekrönt. Er verfasste insgesamt mehr als 60 Lustspiele, durch die er mit Carlo Goldoni zu wetteifern suchte.Susanne Winter: Von illusionärer Wirklichkeit und wahrer Illusion, Klostermann, 2007, S. 47 f. Giacomo Casanova, der sich in La commediante in fortuna verunglimpft fühlte, verfasste 1755 eine Satire gegen Chiari.Aldo Ravà: Giacomo Casanova e l’abate Chiari, in: Nuovo Archivio Veneto, n. s., XI (1911) 183–198. Allerdings räumte er in seinen Lebenserinnerungen ein, dass er Chiari für einen guten Dichter halte.

Chiari fühlte sich zu einigen mehr oder weniger philosophischen, ebenfalls für die Epoche typischen Werken berufen, wie L’uomo. Lettere filosofiche (1755) oder La filosofia per tutti – Werke, die sein Bestreben nach unterhaltsamer Vermittlung widerspiegeln, die allerdings für die Philosophie selbst ohne Bedeutung blieben.