Der Spital- und Spendfonds Überlingen ist eine in der Stadt Überlingen am Bodensee von Bürgern gestiftete Einrichtung, die vor allem durch die Fürsorge von alten, kranken und bedürftigen Menschen ihren Stiftungszweck erfüllt. Nach der Überlieferung wurde sie vor fast 800 Jahren von Heinrich und Ursula Bubo gegründet und 1264 erstmals in Folge des Ankaufs eines landwirtschaftlichen Anwesens nördlich von Überlingen erwähnt. Somit ist der Fonds eine der ältesten Stiftungen Deutschlands und gehört heute, gemessen an Gesamtausgaben, zu den 20 größten Stiftungen des öffentlichen Rechts in Deutschland.

Organe Der Stiftungsrat besteht aus dem Gemeinderat der Stadt Überlingen. Vorsitzende des Stiftungsrates ist der Oberbürgermeister. Innerhalb des heute 26-köpfigen Gemeinderats beschäftigen sich zehn Ratsmitglieder des Ausschusses für Spital, Forst und Umwelt eingehend mit den Aktivitäten des Stiftungsfonds. Der Stadtkämmerer von Überlingen ist zugleich der Spitalverwalter.

Der Spitalfonds ist Mitglied im Bundesverband Deutscher Stiftungen.Bundesverband Deutscher Stiftungen

Aufgabengebiete Der Spital- und Spendfonds ist in vielfältiger Weise am Funktionieren der Stadtgesellschaft beteiligt. In der aktuellen Satzung steht, dass die Stiftung „gemeinnützigen, sozialen, mildtätigen und kirchlichen Zwecken in Überlingen [dient]. Der Stiftungszweck ist die Versorgung armer, kranker und alter Einwohner.“ Der Spitalfonds ist zuständig für zwei Alten- und Pflegeheime, die insgesamt 158 Mitbewohner betreuen können. Im Jahr 2026 wird ein neues 35 Millionen Euro teures Pflegezentrum unweit der Kernstadt und des Krankenhauses eröffnet und das veraltete Altersheim St. Ulrich wird anschließend in Mietwohnungen umgebaut. Wie auch bei anderen Grundstücken in seinem Besitz, behält der Spitalfonds hier das Erbbaurecht.

Außer den landwirtschaftlichen Nutzflächen wie etwa Gärten und den bebauten Flächen, die verpachtet oder im Erbbaurecht vergeben sind, gehörten dem Spital zwei öffentlich zugängliche Anwesen, die als Ausflugsziele sehr bekannt sind: einem saisonal betriebenen Gasthof- und Hotelbetrieb, Haldenhof, und dem seit 1994 saisonal geöffneten Haustierhof Reutemühle, der zuvor über Jahrhunderte als Bauernhof und Getreidemühle gedient hat. Außerdem gehörten dem Spital landwirtschaftliche Nutzflächen wie Gärten und bebaute Flächen, die durch Pacht oder Erbbaurecht an Partner vergeben werden. Dem Spital zum Heiligen Geist gehören Weinanbauflächen, die an einen Winzerfamilienbetrieb verpachtet werden.

Durch Geldanlagen und -leihen zu relativ geringen Zinssätzen fungierte der Spitalfonds als erste Bank in Überlingen.

Geschichte Die Geschichte des Spital- und Spendfonds Überlingens reicht bis in die Mitte des 13. Jahrhunderts zurück. Mit ihren Schenkungen von Gütern, sicherten Bürger, die Vermögen durch Besitz von Häusern, Weinbergen und Ländereien besaßen, ihre eigene Altersvorsorge mit Unterkunft und Pflege. Die Liegenschaften, die dem Spital im Laufe der Jahrhunderte übergeben wurden, befinden sich überwiegend im nordwestlichen Bodenseebereich im Dreieck zwischen Pfullendorf, Stockach und Überlingen. Nachdem die Stadt 1275 Reichsstadt wurde, wuchs die Wirtschaftskraft von Überlingen durch die Einnahmen aus Lehengütern, Herrschaftsrechten und den Wäldern, aber insbesondere durch den Weinbau.

Chronologie in Auszügen

Basierend auf örtlichen Quellen.

vor 1264: Gründung durch Heinrich und Ursula Bubo 1264: Ankauf der heutigen „Reutemühle“ von Lena, Witwe des Ritters von Billafingen 1267: Erste urkundliche Erwähnung durch Schultheiß Werner in seinem Testament ab 1300: Verwaltungsaufsicht durch den Rat der Reichstadt ab 1351: Unterbringung von Pfründner im Pfründnerhaus am See mit eigener Kapelle um 1500: Besitz von 33 Dörfern, Weilern, Höfen und kleineren Ländereien 1351 bis 1714: Ständige Erweiterung des Gebäudeensembles am See 1428: Beschränkung der Fürsorge des Spitals auf die Bürger der Reichsstadt 1438: Einrichtung eines „Spend“ für Verarmte ohne Bürgerrecht, u. a. mit einer Großbäckerei in der Hafenstraße Ab 1558: Einschränkung der Wohltätigkeit aufgrund von Misswirtschaften 1593 bis 1597: Aufnahme von Pfründnern ganz eingestellt 1609: Verpflichtung zur Abgabe von Wein übernommen nach Gründung eines Kollegiatstifts 1634: Verwüstungen der Felder und der Weinberge bei der Schwedenbelagerung ab 1634: Infolge der Belagerung ein Verlust des nahezu gesamten Vermögens, Verpfändung eines Großteils der Höfe an Kreditgebern 1714: Unterbringung der Spitalkanzlei mit Spitalverwaltung im Pfründnerhaus 1636: Verkauf des Gasthauses „Zur goldenen Krone“ aufgrund von Geldnot 1655: Am Obertor Einrichtung des Leprosoriums, das als Nebenspital zur Unterbringung von Aussätzigen diente 1803: Übergang an Baden mit enormen Verlusten und Schulden 1821: Verwaltung des Spitals dem Gemeinderat entzogen und an einen katholischen Stiftungsvorstand übertragen ab 1821: Umwandlung der Lehengüter in Privatbesitz (Allodifikation); Vermögen vermehrt 1854: Ankauf des ehemaligen Franziskanerklosters 1857: Einzug in den neuen 50-Zimmer-starken Spital, Abbruch des alten Gebäudes am See; Eintausch des frei gewordenen Platzes (des heutigen Landungsplatzes) gegen die Franziskanerkirche um 1860: wirtschaftliches Aufblühen; ein geschätztes Vermögen von über 1,5 Millionen Gulden 1867: Spitalverwaltung wieder dem Gemeinderat unterstellt 1869: das Spital und die städtische „Spend“ zum Spital- und Spendfonds Überlingen vereinigt ab 1869: Verwendung von Überschüssen für gemeinnützige Zwecke, u. a. die Finanzierung der Wasserversorgung der Stadt 1883: Eröffnung eines neuen Krankenhauses 1892: Einweihung eines vom Spital finanzierten, repräsentativen Verwaltungsgebäudes für das Großherzogliche Amtsgericht 1913: Kauf und Herrichtung des Reichlin-von-Meldegg-Hauses als Städtisches Museum bis 1914: Systematischer Kauf von Land und Wald; Blütezeit für die Stadt und starke Entwicklung als Touristenort 1934: Verwaltung des Spitals in Personalunion mit der Stadtverwaltung ab 1945: Sozialer Wohnungsbau stark gefördert 1960: Eröffnung des noch heute bestehenden Krankenhauses unterhalb von Aufkirch; Umbau des alten Krankenhauses zum Altersheim St. Ulrich 1995: Umbau des Alten- und Pflegeheims St. Franziskus 2005: Sanierung des Alten- und Pflegeheims St. Franziskus 2026: Geplante Eröffnung eines neugebauten Pflegezentrums und Umbau des ehemaligen Pflegeheims St. Ulrich

Weblinks Internetseite des Spital- und Spendfonds Überlingen

Literatur Alfons Semler: Überlingen. Bilder aus der Geschichte einer kleinen Reichsstadt. Oberbadischer Verlag, Singen 1949. Alfons Semler: Geschichte des Heilig-Geist-Spitals in Überlingen am Bodensee. Verlag der Spitalverwaltung, Überlingen 1957. Walter Liehner: Geschichte des Heilig-Geist-Spitals Überlingen – Ort christlicher Nächstenliebe, Herrschaftsinstrument und Wirtschaftunternehmen. In: 1250 Jahre Überlingen: eine Zeitreise vom Mittelalter bis zur Moderne. Hg: Stadt Überlingen, Gmeiner Verlag, Meßkirch 2023, ISBN 978-3-8392-0446-7, S. 126–166. Annemarie Kinzelbach: Nicht krank und hilflos. Gesundheit und Politik in der Reichstadt Überlingen in der Vormoderne. In: 1250 Jahre Überlingen: eine Zeitreise vom Mittelalter bis zur Moderne. Hg: Stadt Überlingen, Gmeiner Verlag, Meßkirch 2023, ISBN 978-3-8392-0446-7, S. 248–262. Senta Herkle: Niedergang oder Neuanfang? Überlingen zwischen 1650–1802. In: 1250 Jahre Überlingen: eine Zeitreise vom Mittelalter bis zur Moderne. Hg: Stadt Überlingen, Gmeiner Verlag, Meßkirch 2023, ISBN 978-3-8392-0446-7, S. 390–416.

Einzelnachweise

Kategorie:Organisation (Überlingen) Kategorie:Stiftung in Baden-Württemberg Kategorie:Deutsche Organisation (Gesundheitswesen) Kategorie:Sozialgeschichte (Deutschland)