mini|Aus der Sicht der chaîne opératoire sind Keramiken soziale Produkte. Geometrische Keramik, 9./8. Jahrhundert v. Chr. Archäologisches Museum in Mykonos mini|Einfache Darstellung einer chaîne opératoire für ein Steinwerkzeug mini|Schematisches Diagramm einer chaîne opératoireRoger Grace: The ‚chaîne opératoire‘ approach to lithic analysis. Oslo 1997. (intarch.ac.uk) Chaîne opératoire (französisch, femininum, Aussprache: ; deutsch Operationskette) ist ein Konzept aus der Anthropologie und Archäologie. Es handelt sich um einen Ansatz, der eine Technik einer archäologischen Stätte wie zum Beispiel ein Steinwerkzeug oder eine Keramik, als soziales Produkt rekonstruiert. Mit den Methoden der chaîne opératoire sollen alle Aktionen, die ein Produkt von der Beschaffung des Rohmaterials bis zu seiner Vollendung durchläuft, in einem interdisziplinären Ansatz beschrieben werden.

Definition Die Analyse von Operationsketten, der chaînes opératoires, ist ein technischer Ansatz, der das Ziel hat, die Organisation eines technischen Systems einer archäologischen Stätte zu rekonstruieren. Mit seinen Methoden sollen alle kulturellen Transformationen beschrieben und verstanden werden, die ein Rohmaterial bis zum Produkt durchlaufen hat. Es ist eine chronologische Gliederung von Aktionen und mentalen Prozessen, die für die Herstellung und Handhabung eines Artefakts in einem technischen Systems einer prähistorischen Gruppe benötigt wurden. Die Gliederung beginnt mit der Gewinnung des Rohmaterials und endet mit der Entsorgung des Artefakts.Frédéric Sellet: Chaîne opératoire, the concept and its applications. In: Lithic Technology. Band 18 Nr. 1/2. 1993, S. 106–112. (tandfonline.com)

Soziale Dimension der Techniken Eine Technik hat eine identitätsstiftende Dimension. Die Erklärung dafür findet sich in den Lern- und Vermittlungsprozessen, die in den Bereichen der experimentellen Psychologie und der Sozialanthropologie anzutreffen sind. Die Ergebnisse dieser Studien zeigen, dass die Beherrschung technischer Praktiken mit einem Vererbungsprozess korrespondiert. Der Prozess kann auf individueller Ebene als Lernprozess stattfinden. Auf der kollektiven Ebene ist er ein Übertragungsprozess. Beide funktionieren nach „biologisch-verhaltensbezogenen“ und „anthropologischen“ Regeln.Valentine Roux: Ceramic Manufacture: The chaîne opératoire approach. In: Alice Hunt (Hrsg.): The Oxford Handbook of Archaeological Ceramic Analysis. 2016, S. 101–113.

Lernprozess Auf der individuellen Ebene ist neben dem Schüler der Lehrer und ein Modell involviert. Der Schüler lernt die Technik durch die Beobachtung eines Modells, das der Vorgehensweise des Lehrers entspricht. Die Rolle des Tutors besteht darin, die Aufmerksamkeit des Lernenden zu schulen und seine Erkundungsaktivitäten auf das Modell und das angestrebte Ergebnis auszurichten. Der Lehrer erleichtert nicht nur den Lernprozess, sondern auch die Reproduktion der Aufgabe, die der Schlüssel der kulturellen Übertragung ist. Am Ende des Lernprozesses kann der Lernende genau die Objekte herstellen, die ihn der Lehrer gelehrt hat. Für ihn wird es schwierig sein, andere Objekte als die Reproduktionen seiner Ausbildung herzustellen. Er wird zum „Fixiermittel“ des kulturellen Modells.

Übertragungsprozess Die Übertragung auf kollektiver Ebene findet innerhalb von Gruppen statt, die aus Individuen bestehen. Diese sind durch soziale Bindungen miteinander verbunden. Die Bindungen bestimmen den sozialen Perimeter, in den Handlungsweisen übertragen werden. Gleichzeitig ist der soziale Perimeter die Grenze. Wenn sie überschritten wird, sind es andere Netzwerke mit anderen Handlungsweisen, die zu wirken beginnen. Die „anthropologischen“ Regeln, die das Netzwerk der Kompetenzübertragung bestimmen, sind dieselben, die den Zusammenhalt der Gruppe aufrechterhalten und ihre Reproduktion ermöglichen. Die Natur und Struktur der Gruppen, innerhalb derer die Vorgehensweise übermittelt wird, sind sehr verschieden. Sie können mit einem Klan, einer Fraktion, einer Abstammungslinie, einer Berufsgemeinschaft, einer ethnische Gruppe, einer Bevölkerungsgruppe oder mit einem Geschlecht korrespondieren, um nur einige zu nennen. Die Natur und Struktur einer Gruppe kann sich über die Zeit verändern und soziale Grenzen können neu definiert werden. Deshalb kann eine Vorgehensweise zu dem Zeitpunkt t von einer kleinen sozialen und zu einem Zeitpunkt t+1 von einer größeren Gruppe benutzt werden. Die soziale Grenze, die durch das Übertragungsnetzwerk begrenzt ist, hat sich im Lauf der Zeit verändert.

Folgen für die Archäologie Der Einbezug der sozialen Dimension hat für die Archäologie weitreichende Folgen: Chaînes opératoires beinhalten vererbte Vorgehensweisen, die als technische Traditionen über aufeinanderfolgende Generationen weitergegeben werden. Die Verbreitung technischer Traditionen zeigt die sozialen Rahmenbedingungen auf, in denen diese erlernt und weitergegeben wurden. Die Veränderungen von technischen Traditionen sind Ausdruck von kulturellen Geschichten und Faktoren. Technische Traditionen sind in Raum und Zeit verortet. Sie sind mächtige zeitliche und kulturelle Markierungen. Für die Archäologie sind sie von besonderer Bedeutung, wenn stilistische Eigenschaften nicht von Bedeutung sind. Das kombinierte Studium von technischen Prozessen und Objekten ist für ein anthropologisches Verständnis von archäologischen Fundkomplexen entscheidend.

Chaîne opératoire für die Keramik Die Forschung nach den chaînes opératoires für die Steinwerkzeuge hatte bereits in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts begonnen. Die chaîne opératoire für Keramik wurde viel später entwickelt. Der Grund lag in der Vielfalt und den Schwierigkeiten bei der Identifizierung der Herstellungsprozesse. Seit den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts werden Oberflächenmerkmale und Mikrogewebe mit Hilfe von ethnographischen und experimentellen Daten in die Studien mit einbezogen. Sie haben die Forschung der chaîne opératoire für die Keramik ermöglicht.

Die keramische chaîne opératoire besteht aus zwei Beschreibungsebenen. Die erste Ebene legt die wichtigsten Handlungen dar, die für die Umwandlung des Rohmaterials in ein fertiges Produkt ausgeführt wurden. Die zweite Ebene identifiziert die chaînes opératoires, die in jeder dieser Handlungen beteiligt sind. Auf dieser zweiten Ebene sind technologische Verhaltensweisen sehr variabel. Diese Vielfalt wird sowohl durch kulturelle als auch durch funktionale Faktoren bestimmt.

Vor der Klassifizierung keramischer Fundkomplexe nach dem Konzept der chaîne opératoire wird der Fundbestand identifiziert. Dies geschieht über den Vergleich von petrografischen Charakteristiken des fertigen Produkts und petrofazien Charakteristiken des Rohmaterials. Die Identifizierung des Herstellungsprozesses spielt sich über das Prinzip der „kontrollierten Analogie“ ab. Experimente werden nach einem Protokoll durchgeführt, bei dem jeweils ein einzelner Parameter variiert. Bedeutsame Indikatoren sind Attribute, deren Entstehung erklärt und deren eindeutiger Charakter nachgewiesen ist. Angesichts der Mehrdeutigkeiten wird eine ganze Skala von Hilfsmitteln eingesetzt.

Mit der Klassifizierung der Beschreibung und Identifikation des Fundbestands wird der letzte Schritt der keramischen chaîne opératoire eingeleitet. Sie beinhaltet eine hierarchische Klassifizierung mit drei aufeinanderfolgenden Sortierungen. Mit den Sortierungen werden die verschiedenen chaînes opératoires charakterisiert und in Verbindung zu den Absichten des Herstellers gebracht. Die soziologische Komplexität kann über das Mass der petrografischen Homogenität oder Heterogenität des Fundkomplexes ermittelt werden. Homogene Fundbestände sind durch homogene petrographische Gruppen mit geringer oder hoher soziokultureller Variabilität charakterisiert. Diejenigen mit geringer soziokultureller Variabilität zeichnen sich durch nur eine einzige technische Tradition und die Verwendung lokaler Rohmaterialien aus. Sie beschreiben Stätten, die von einer einzelnen homogenen sozialen Gruppe besetzt waren, die dieselbe Vorgehensweise teilte. Auf regionaler Ebene drückt die Gegenüberstellung einfacher homogener Zusammensetzungen das soziologische Mosaik einer Region aus. Homogene Fundkomplexe mit einer hohen soziokulturellen Variabilität zeichnen sich durch einige wenige technologische Traditionen und die Nutzung einer oder mehrerer Quellen für Rohmaterialien in der Umgebung der Fundstätte aus. Sie zeigen Fundorte mit mehreren sozialen Komponenten, deren soziologische Interpretation von den petrographischen, quantitativen und kontextuellen Daten abhängt. Heterogene Fundbestände bestehen aus vielen technologischen Traditionen, die durch heterogene petrographische Gruppen mit geringer oder starker Variabilität gekennzeichnet sind, was auf eine Vielzahl von Tonquellen in der Region oder darüber hinaus hinweist.

Sobald die funktionale und soziologische Variabilität von Keramikfunden charakterisiert ist, kann jede chaîne opératoire aus sozioökonomischer, historischer und evolutionärer Perspektive untersucht werden.

Von der synchronen Perspektive aus gesehen beziehen sich die Themen der chaîne opératoire auf die Produktion, Verteilung und Verbreitung des Fundbestands. Aus der diachronen Perspektive befasst sich der Ansatz mit der Entwicklung von Traditionen und Technologien über den Lauf der Zeit. Sowohl das Endprodukt als auch die Operationsketten unterliegen auf unterschiedliche Art und Weise geschichtlichen Veränderungen. Diese unterschiedlichen Dynamiken sind der privilegierte Zeuge von Evolutionsphänomenen in Bezug auf Produzenten und Verbraucher.

Konkret wird im Ansatz der keramischen chaîne opératoire zuerst das Muster kultureller Abstammung identifiziert. Wenn Traditionen durch überlieferte technische Gesten miteinander verbunden sind, existiert eine historische Kontinuität. Wenn die Verbindungen fehlen, ist es ein Hinweis auf nicht untereinander verbundene soziale Gruppen. Es besteht dann ein Potential für das Auftauchen oder einer Expansion von neuen Gruppen oder es zeigt das Verschwinden vorheriger Gruppen an.

Forschungsgeschichte Der Begriff chaîne opératoire wurde Mitte des 20. Jahrhunderts in Le Geste et la Parole. Technique et Langage von André Leroi-Gourhan André Leroi-Gourhan: Hand und Wort. Die Evolution von Technik, Sprache und Kunst. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-518-28300-6. geprägt und hat seine Wurzeln in der französischen Kulturanthropologie, die sich für die kulturelle Dimension der materiellen Kultur einsetzt. Bekannte Schriften dazu sind Manuel dʼethnographie von Marcel Mauss (1947), Guide dʼétude directe des comportements culturels von Marcel Maget (1953) und La technologie science humaine. Recherches dʼhistoire et dʼethnologie des techniques von André-Georges Haudricourt (1987).

Der Begriff tauchte erstmals 1968 in der archäologischen Literatur auf.Michel Brézillon: La dénomination des objects de pierre taillée. Centre National de la Recherche Scientifique. Paris 1968. Darin wurde er als Folge von Operationen beschrieben, die im Kontext der Herstellung von Artefakten aus Stein nötig sind. Da es sich um eine Beschreibung und noch kein Konzept handelte, wurde die Idee über Jahre vernachlässigt. Erst in den späten 80er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde die Idee wieder aufgegriffen und mit dem Zusatz versehen, dass Operationsketten eine konzeptuelle Ebene beinhalten und ohne Referenz zum Wissensstand einer Gruppe nicht verstanden werden können.Jacques Pelegrin, Claudine Karlin, Pierre Bodu: Chaînes opératoires: un outil pour le préhistorien. Centre National de la Recherche Scientifique. Paris 1988. Daraufhin wurde eine Definition entwickelt, die an die Archäologie angepasst war.