Die Bielefelder Nähmaschinenindustrie entwickelte sich in den 1860er-Jahren aus kleinen mechanischen Werkstätten. Sie gilt als Ausgangspunkt der industriellen Entwicklung der Stadt und als Wiege des Maschinenbaus in Bielefeld und Ostwestfalen.
Geschichte Anfänge um 1860 Mitte des 19. Jahrhunderts stieg in Europa das Interesse an mechanischen Nähmaschinen, die bis dahin fast ausschließlich aus den USA importiert worden waren. Der Schlosser Heinrich Koch (1829–1866) arbeitete in Berlin bei Borsig und später bei Carl Beermann, einer Maschinenbaufirma, die unter anderem auch Nähmaschinen produzierte. Bei Beermann lernte er den Mechaniker Carl Baer (1833–1910) kennen. Beide Mechaniker planten zusammen bereits eine eigene Produktion deutscher Nähmaschinen.
Baer zog 1860 nach Bielefeld und reparierte bei einem Juwelier Nähmaschinen und suchte parallel Werkstatträume in Bielefeld. In einem überlieferten Brief vom 26. August 1860 beschreibt Baer Koch, der noch in Berlin war, die örtlichen Schwierigkeiten, berichtet aber auch von ersten Bestellungen. Koch folgte Baer im Oktober 1860 nach Bielefeld.
Gründung von C. Baer & Koch (1861–1864) 1861 begannen Baer und Koch mit der Fertigung von Nähmaschinen in einer kleinen Werkstatt. Zwei Jahre später errichteten sie an der Bahnhofstraße ein eigenes Betriebsgebäude. Am 11. Oktober 1864 wurde das Unternehmen C. Baer & Koch offiziell gegründet.
Zu den frühen Beschäftigten von C. Baer & Koch gehörten unter anderem Nikolaus Dürkopp (1842–1918) und Friedrich Gildemeister, die später selbst bedeutende Firmen aufbauten.
Trennung der Gründer und neue Firmen (1865–1870) Carl Baer schied im Juni 1865 aus und gründete gemeinsam mit dem Industriellen Rudolf Rempel die Firma Baer & Rempel, aus der später die Anker-Werke hervorgingen. Heinrich Koch führte das Unternehmen unter dem Namen H. Koch & Co. weiter. Nach seinem frühen Tod im Januar 1866 übernahm seine Witwe Auguste Koch zusammen mit Friedrich Busse die Leitung.
Der frühere Mitarbeiter Nikolaus Dürkopp machte sich 1867 selbstständig und gründete mit Schmidt die Firma Dürkopp & Schmidt, aus der später die Dürkopp-Werke hervorgingen.
Aufstieg des Industriezweigs (1870–1900) In den folgenden Jahrzehnten entstanden in Bielefeld mehrere Unternehmen, die Nähmaschinen in Serie fertigten und weltweit exportierten. Neben Kochs Adler, Dürkopp und den Anker-Werken traten weitere Betriebe wie Phoenix hinzu. Die Verbindung von mechanischer Fertigung, Textilindustrie und kaufmännischer Ausbildung machte Bielefeld um 1900 zum wichtigsten deutschen Standort der Nähmaschinenproduktion.
Bielefelder Nähmaschinenindustrie nach 1900 Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts trat die Bielefelder Nähmaschinenindustrie in eine Phase der Expansion und technischen Differenzierung ein. Nach der Konsolidierung der Gründerunternehmen im 19. Jahrhundert entwickelten sich die Betriebe zu modernen Industriefirmen, die zunehmend eine überregionale und internationale Bedeutung erlangten.
Technische Weiterentwicklung und Produktausweitung Um 1900 verfügten die Bielefelder Hersteller über ein breites Spektrum an Haushalts-, Gewerbe- und Industrienähmaschinen. Während einfache Maschinen für den Privatgebrauch weiterhin produziert wurden, verlagerte sich der Schwerpunkt zunehmend auf robuste Industrienähmaschinen für Bekleidungs- und Lederverarbeitung.
Die Fabriken wie Dürkopp, Kochs Adler und die Anker-Werke investierten in verbesserte Mechaniken, höhere Stichzahlen und spezialisierte Maschinen für bestimmte Nähverfahren. Dadurch stiegen Leistungsfähigkeit und Präzision erheblich, was die Exportfähigkeit der Produkte stärkte.
Diversifikation in neue Industriezweige Die technische Kompetenz und der wachsende Maschinenpark führten die Bielefelder Firmen bald über die reine Nähmaschinenproduktion hinaus:
Dürkopp begann bereits im späten 19. Jahrhundert mit der Herstellung von Fahrrädern und später Motorrädern und Automobilen. Die Anker-Werke erweiterten ihr Programm um Registrierkassen, Bürogeräte und später Datenverarbeitungssysteme. Kochs Adler entwickelte Spezialnähmaschinen für Sattlereien, Schuhproduktion und industrielle Lederverarbeitung und etablierte sich damit in einem internationalen Nischenmarkt.
Diese Diversifikation war typisch für die regionale Industriekultur: Metallverarbeitung, Feinmechanik und Textiltechnologie ergänzten sich, sodass Bielefeld zu einem breit aufgestellten Industriestandort wurde.
Bedeutung im Ersten Weltkrieg und in der Zwischenkriegszeit Im Ersten Weltkrieg produzierten mehrere Bielefelder Betriebe kriegswichtige Ausrüstung, was zu einem zeitweisen Ausbau der Kapazitäten führte. Nach 1918 mussten sich die Unternehmen erneut auf zivile Nachfrage ausrichten. Die Zwischenkriegszeit war geprägt von rationalisierter Fertigung, Internationalisierung und der Einführung neuer Produktlinien.
Trotz wirtschaftlicher Krisen gelang es den Firmen, wesentliche Marktanteile zu halten. Ein zentraler Wettbewerbsvorteil blieb die enge Verbindung von Maschinenbau und Textilindustrie in der Region.
Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg Während der NS-Zeit wurden auch die Bielefelder Nähmaschinenfirmen in die staatliche Rüstungswirtschaft eingebunden. Kochs Adler produzierte neben Nähmaschinen und Fahrrädern auch Rüstungsgüter. Wie viele deutsche Industrieunternehmen beschäftigten die Betriebe in dieser Zeit Zwangsarbeiter, ein Aspekt, der in der späteren Unternehmensgeschichtsschreibung aufgearbeitet wurde.
Die Produktion zivilen Maschinenbaus ging während des Krieges stark zurück; viele Anlagen wurden beschädigt oder zerstört.
Wiederaufbau und Nachkriegszeit Nach 1945 nahmen die Firmen rasch wieder den Bau von Haushalts- und Industrienähmaschinen auf. Besonders gefragt waren robuste Maschinen für Werkstätten, Sattlereien, Schuhfabriken und Polstereibetriebe.
Bielefelder Produkte gelangten in dieser Phase in große Teile Westeuropas, nach Nordamerika und Asien. Mit der beginnenden Automatisierung wurden halb- und vollautomatische Maschinen entwickelt, die repetitive Nähprozesse in der Industrie erleichterten.
Beispielsweise entwickelte Kochs Adler auch Schreibmaschinen sowie Spezialnähmaschinen wie sogenannte „Fisch-Nähmaschinen“, mit denen in Norwegen nach dem Ausnehmen Fische paar- oder bündelweise zusammengenäht wurden, um sie anschließend zum Trocknen oder Räuchern aufzuhängen.
Strukturwandel ab den 1960er-Jahren Die globale Verlagerung der Textil- und Bekleidungsindustrie führte ab den 1960er-Jahren zu einem starken Rückgang der Nachfrage nach Industrienähmaschinen in Deutschland. Die Bielefelder Hersteller reagierten unterschiedlich:
Die Anker-Werke wurden später in der Bürotechnik- und Elektronikindustrie aktiv. Kochs Adler fusionierte mit Dürkopp zur heutigen Dürkopp Adler AG.
Trotz des Rückgangs der klassischen Nähmaschinenproduktion blieb Bielefeld ein bedeutender Standort des technischen Maschinenbaus.
Gegenwart Die Dürkopp Adler AG ist heute einer der weltweit führenden Hersteller von Industrienähmaschinen. Spezialmaschinen aus Bielefeld werden im Automobilbau, in der Polsterindustrie, in der Sicherheitstechnik und in Lederverarbeitungsbranchen eingesetzt.
Die historischen Fabrikanlagen vieler früherer Nähmaschinenhersteller prägen noch heute das Stadtbild und dokumentieren die anhaltende Bedeutung dieses Industriezweigs für die Entwicklung Bielefelds.
Wirtschaftlicher und sozialer Hintergrund Die Entstehung der Nähmaschinenindustrie in Bielefeld fällt in eine Phase tiefgreifender wirtschaftlicher Veränderungen. Die Stadt war bis weit in das 19. Jahrhundert durch die Leinen- und Flachswirtschaft geprägt. Mit dem Einbruch der traditionellen Leinenmärkte in den 1830er- und 1840er-Jahren geriet das regionale Gewerbesystem in eine Strukturkrise. Historiker wie Karl Ditt beschreiben diese Phase als Übergang von einer handwerklich geprägten Textilregion zu einem industriell organisierten Wirtschaftsraum.
Die Bielefelder Kaufleute reagierten auf die Absatzkrise, indem sie neue Produktions- und Vertriebsformen entwickelten. Aus dem Textilgewerbe heraus entstanden verstärkt weiterverarbeitende Branchen, darunter Konfektion, Metallwarenfertigung und feinmechanische Gewerbe. In diesem Umfeld stieg die Nachfrage nach technisch verbesserten und zuverlässigen Nähmaschinen, die in der Bekleidungs- und Weißwarenproduktion benötigt wurden.
Die mechanische Fertigung von Nähmaschinen war daher nicht nur ein isoliertes technisches Projekt, sondern Teil eines umfassenderen strukturellen Wandels: Übergang von der Leinenproduktion zur industriellen Verarbeitung von Textilien und schließlich zur Entwicklung neuer eigenständiger Industriezweige wie dem Metall- und Maschinenbau. Die frühen Betriebe von Baer, Koch und später Dürkopp fügen sich in diese Entwicklung als Beispiele für eine regionale Diversifikation ein, die Bielefeld ab den 1860er-Jahren zu einem industriellen Zentrum Ostwestfalens machte.
Gesellschaftliche Bedeutung und Nachwirkung Die frühe Industrialisierung war eng mit sozialen Reformen verbunden. Heinrich Koch gehörte zu den Mitbegründern und Kassenwarten des Arbeiterbildungsvereins Bielefeld (1863), einer wichtigen Institution der lokalen Arbeiterbewegung.
Die wachsende Industrie förderte durch den Arbeiterbildungsverein die technische Weiterbildung und legte so einen der Grundsteine für die spätere Ingenieurtradition in Ostwestfalen-Lippe.
Aus der Nähmaschinenindustrie entwickelten sich ab 1900 neue Produktionszweige wie Fahrrad-, Automobil- und Fördertechnik. Die Nachfolgeunternehmen, insbesondere die Dürkopp Adler AG, bestehen bis heute.
Hauptakteure
Literatur E. Gläntzer: Die Entstehung der Nähmaschinenindustrie in Bielefeld. In: Ravensberger Blätter. 1995. Bernd Wagner: Koch’s Adler. In: Florian Böllhoff u. a. (Hrsg.): Industriearchitektur in Bielefeld – Geschichte und Fotografie. Bielefeld 1986, S. 134–139.
Einzelnachweise
Kategorie:Wirtschaft (Bielefeld) Kategorie:Wirtschaftsgeschichte (Nordrhein-Westfalen) Kategorie:Nähmaschinen Kategorie:Geschichte (Bielefeld) Kategorie:Geschichte der Textiltechnik