Das Haus Lindenfycht ist eine Villa in Gmund am Tegernsee. Sie wird heute als Hotel genutzt, dessen Eventkonzept sich der „braunen Vergangenheit“ des Hauses entgegen stellen möchte.
Beschreibung Das ehemalige Landhaus Heinrich Himmlers am Tegernsee wurde im alpenländischen Stil errichtet, welcher sich in den 1930er Jahren wachsender Beliebtheit erfreute, sodass dieser Stil bis in Münchener Vororte und in nördlichere Gefilde vordrang.
Haus Lindenfycht weist dieselbe Formensprache auf wie der 1935 vom Architekten Alois Degano umgebaute Berghof auf dem Obersalzberg (wo weitere Politikerresidenzen in ähnlicher Gestaltung errichtet wurden) und wie die Villa Riefenstahl, die zwar in Berlin steht, aber mit der Stilwahl möglicherweise eine Zugehörigkeit oder Nähe der Bauherrin zur politischen Führungselite des Dritten Reichs ausdrücken sollte.
Der Nationalsozialist Baldur von Schirach bezeichnete in seiner Autobiografie Himmlers Haus Lindenfycht als altmodisch und stillos, „unter düsteren Fichten versteckt“. Die Einrichtung des Hauses wirkte auf Schirach „bayerisch-herzig, nicht echt, nachempfunden; Andenkenstil: Kissen mit Herzchen, gestickt von treuen Verehrerinnen, gar nicht bayerisch, sondern so, wie sich ein unkundiger Norddeutscher das Bayerische vorstellt.“
Bei der Renovierung 2023 wurde in einigen Zimmern die originale Holzdecke mit Deckenmalerei freigelegt, der 130 Jahre alte Holzboden wurde restauriert. Auf dem Gelände gibt es einen Luftschutzbunker aus den 1940er Jahren.
Geschichte Die Villa wurde 1892 erbaut. 1897 erwarben die Opernsängerin Marie Schröder-Hanfstängl und ihr Mann, der Fotograf Erwin Hanfstaengl, das Haus. Ab 1904 lebten darin Kaufleute aus München und eine Privatperson aus Wiesbaden. 1914 erwarb der Kammersänger Alois Burgstaller die Villa.Hotel Blyb: Geschichte
Himmler erwarb Haus Lindenfycht 1933 oder 1934.Katrin Himmler: Der private Heinrich Himmler.Großnichte Heinrich Himmlers referiert im Blyb. und an Schulen im Tegernseer Tal., Gymnasium Tegernsee, 1. Juni 2025 Himmler lagerte Gemälde und eine Sammlung von Rüstungen in Gmund ein. Dem Haus war eine kleine Kommandostelle angeschlossen.
Himmler beauftragte den Architekten Degano mit Umbau und Erweiterung des Hauses. 1938 ließ Himmler auf dem Grundstück das Gästehaus umbauen. Belege zeugen von einer Zuteilung von „Eisenkontingenten“ und der Übernahme der Mehrkosten für den Umbau durch Reichsleiter Martin Bormann sowie 1944 von einer „Beschaffung von Sträuchern für Himmlers Garten“. Ins Gästehaus Erika zogen 1943 die Ehefrau von Gebhard und ihre drei Kinder ein.
Heinrich Himmlers Ehefrau konnte im letzten Kriegsjahr über 15 bis 20 Häftlinge des KZ Dachau verfügen, sie führten Reparaturen aus und waren 1944 am Bau eines Luftschutzstollens beteiligt.Gabriele Hammermann in: Wolfgang Benz, Der Ort des Terrors, Band 2, 2005, S. 12, 337 f. Ein Zwangsarbeiter kam dabei ums Leben. Göring und Speer hatten im Oktober 1944 eine neue Regelung für Luftschutzbauten erlassen, von der die Nazi-Prominenz vorrangig profitierte. Ein Telegramm des Architekten Hermann Giesler führt die Arbeiten am Bunker auf: „fertig betoniert, Außenwände isoliert, Drainage-Leitungen fertig verlegt und verfüllt, Zugang vom Wohnhaus einschließlich Decke fertigbetoniert, Hinterfüllung teilweise ausgeführt, Zement für weitere Fertigstellung an Baustelle vorhanden.“
Das dazugehörige Grundstück war weitläufig genug, um Ponys, Schafe, Schweine und Rehe zu halten, daneben gab es noch einen Fischweiher, eine Weide, einen privaten Bootssteg und ein Gewächshaus.
Soldaten der Third United States Army erreichten Gmund in der ersten Maiwoche 1945. Himmlers Ehefrau Margarete und die Tochter Gudrun waren bereits geflohen. Das Gebäude wurde zu einem Hauptquartier. Zwei Soldaten erbeuteten Papiere aus dem Haus als Souvenir. Darunter befanden sich Tagebücher Heinrich Himmlers aus den Jahren 1914 bis 1924 sowie persönliche Briefe. Die Tagebücher wurden vermutlich von Otto Wirth sichergestellt. Die Briefe liegen inzwischen ebenfalls wieder vor.Sven-Felix Kellerhoff, Jacques Schuster, Simone Meyer: Himmler., Welt am Sonntag, 3. Februar 2014. Das Anwesen in der Kurstraße 2–8 blieb während des Krieges von Zerstörung verschont und unverändert erhalten.
Himmler wurde 1945 von der Spruchkammer Miesbach (Bayern) als Hauptschuldiger eingestuft. Sein gesamter Nachlass wurde eingezogen. Die Verfahrenskosten wurden aus dem Nachlass bestritten, seine geflohene Witwe und ihre beiden minderjährigen Kinder behielten zunächst das Besitzrecht an dem Gut Lindenfycht. Erst 1953 wurden sie als Nazi-Belastete eingestuft und enteignet.
Der Freistaat Bayern wurde nach dem Abzug der Eigentümer bis heute. Von 1945 bis 1957 wurde das Haus von Walter Thiele als Sanatorium und Diätkurhaus betrieben. Es folgte die Nutzung als Schönheitsfarm, ab 1982 als Tagungszentrum für ein Konsulting-Unternehmen.
Eine Gruppe junger Einheimischer aus Gmund hat beginnend ab 2022 im Lindenfycht ein neues Hotel- und Gastrokonzept realisiert. Nach einer Renovierung wird das Haus seit 2023 als Hotel Blyb mit öffentlicher Gaststätte geführt. Rein äußerlich soll es an dem geschichtsträchtigen Anwesen wenig Änderungen geben; nur Fenster sollen bodentief verlängert werden, was der Gmunder Bauausschuss im Dezember 2022 genehmigte. Der Luftschutzbunker auf dem 20.000 m² großen Gelände verbleibt ungenutzt.Katrin Woitsch: Drei Freunde machen Himmler-Villa am Tegernsee zum Hotel – „Spüren die Verantwortung“., merkur.de, 9. August 2023
Kritik Sacha Stawski, ein Vertreter der jüdischen Gemeinde, kritisierte die Entwicklung und war der Meinung, das Gebäude hätte in eine Gedenkstätte oder ein Museum umgewandelt werden sollen, das die Öffentlichkeit über Himmlers Gräueltaten aufklärt. Stawsk verurteilte die neue Nutzung scharf: „Wollten Sie schon immer mal wissen, wie es sich anfühlt, Hummus in Himmlers Esszimmer zu essen? Nun, jetzt haben Sie die Gelegenheit dazu.“ Der neue Pächter Florian Zibert wies darauf hin, dass der Pachtvertrag ihnen vom Freistaat Bayern angeboten wurde. Da sie aus der Gegend stammen, haben sie als Teil der lokalen Gemeinschaft die Pflicht, die Verantwortung für diesen Ort zu übernehmen und möchten, dass er ein Zentrum des Friedens, der Toleranz und der Inklusion wird.
Jedenfalls wird die Vergangenheit des Hauses nicht verborgen. In der Eingangshalle thematisiert eine Tafel die NS-Zeit; bei der Renovierung wurde ein von Himmler eingebauter Kamin mit der Wand verschmolzen, um ihm die „Monumentalität“ zu nehmen. Der NS-Belastung will man ein kulturell vielfältiges, naturverbundenes und nachhaltiges Konzept entgegensetzen, sodass der Ort keine Anziehung auf rechte Kreise ausüben soll. Integrative Kulturveranstaltungen sollen Hotelgäste und die Tegernseer Öffentlichkeit ansprechen.„Erst Himmler-Villa, jetzt Hotel“ – Exkursion an den Tegernsee., did.geschichte.uni-muenchen.de, 18. Juni 2024 In Himmlers ehemaligen Wohnzimmer hängen heute Bilder von südafrikanischen Transfrauen. Regelmäßig finden Workshops mit Schulen der Region statt.
Weblinks Fotografie des Hauses, 1933 - 1945 Fotografie des Hauses mit Gemüsegarten, von 1941
Einzelnachweise
Kategorie:Villa in Bayern Kategorie:Bauwerk in Gmund am Tegernsee Kategorie:Wohngebäude im Landkreis Miesbach Kategorie:Heinrich Himmler