Öl! ist ein Roman von Upton Sinclair, der zuerst zwischen Juni 1926 und März 1927 im Daily Worker, der Zeitung der kommunistischen Partei der USA, erschienen ist und die industrielle, fordistische Umwandlung der amerikanischen Gesellschaft am Beginn des 20. Jahrhunderts beschreibt. Die forcierte Transformation auf der Grundlage der sich schnell entfaltenden Ölindustrie in Kalifornien wird als Entwicklungsroman einer Hauptfigur und als ein Ineinander von technischen, sozialen und politischen Veränderungen erzählt: „Eigentlich ist es die Geschichte einer völlig neuen, ölbasierten Gesellschaft, die am Anfang des 20. Jahrhunderts entsteht.“„ At its core is the story of a whole new kind of society being born through the early twentieth century.“ Siehe Weblink zu Michael Tondre. „The novel is more than a critique of the oil industry and its corruption. In the book’s 543 pages, Sinclair takes shots at the social trends during the U.S. entry into WWI and the early 1920s.“ Siehe Weblink zu Paul Hormick.

Trotz dieser „Modernität von Sinclairs Kalifornien“ bleibt sein Fokus das Öl, das diese gesellschaftlichen Entwicklungen vorantreibt und beides symbolisiert, jene großen Möglichkeiten der Nutzung des Rohstoffs Öl und zugleich die Gier, mit der Individuen und Unternehmen nun um Einfluss und Profite wetteifern.„The novel dips into these different spheres without ever taking its eye off oil, which sets them all in motion.“ Siehe Weblink zu Edmund Gordon. „The discovery of oil serves as the central plot device, driving the narrative and shaping characters' actions. It symbolizes both opportunity and greed, as individuals and companies vie for control and profit.“ Siehe Weblink zu Bookssobrief. Mit der Entstehung der Konsumwelt des 20. Jahrhunderts, der Entwicklung der Filmproduktion inHollywood, der Jugendkultur an High-Schools und Universitäten, mit dem massenhaften Betrug kleiner Investoren und der Verarmung der unteren Schichten beschreibt Sinclair auch heute noch wichtige Trends der amerikanischen Gesellschaft: „Alles in allem ist das von Sinclair gezeichnete Bild Amerikas der 1920er Jahre nicht weit entfernt vom Amerika von heute.“„Taken together, the portrait Sinclair draws of 1920s America is not so different from that of contemporary America.“ Siehe Weblink zu Penguin Books Readers Guide.

Zugleich ist es „der Morgen einer neuen Welt“„It was the morning of the world!“ Sinclair, Oil!, Penguin 2007, S. 339, 340. „Sinclair uncovers a massive web of social, cultural, and economic conditions that typified the oil era: not only new class relations but desires, routines, assumptions, and affects that made the industry difficult to reform, and that Sinclair sought ultimately to reinvent.“ Siehe Weblink zu Michael Tondre. und Sinclairs Beschreibung auch eine Kulturgeschichte,„It animates a broader cultural system: a grid of forms and feelings that makes oil seem desirable, indeed inevitable. [...] Oil names something like a process: a web of material and cultural relations that unfold in time.“ Siehe Weblink zu Michael Tondre. die die Moral nicht nur der Mittel- und Oberschicht-Jugend als sexuell freizügig und Missbrauch erleichternd darstellt. Diese Mischung aus politischen Skandalgeschichten, ethischem Nonkonformismus und moralischen Grenzüberschreitungen war wegen der Länge des Romans und der politischen Position des Autors kein Rezept für einen Bestseller, aber nach einer Bemerkung Sinclairs in einem Brief von 1925 doch das Beste, was er je geschrieben habe.Siehe Weblink zu Edmund Gordon.

Übersicht mini|Kartierte Öl-Lagerstätten heute in und um Los Angeles, Kalifornien.Die Erzählung beginnt 1912 mit einer langen Autofahrt der Protagonisten James Arnold Ross, des neunundfünfzigjährigen Dad, und seines Sohnes Bunny, der anfangs dreizehnjährigen Hauptperson, die zu einem geschäftlichen Treffen in Süd-Kaliforniens in der Nähe von Los Angeles unterwegs sind. Dad, der als Maultiertreiber begonnen hat, ist inzwischen sehr erfolgreich im Ölgeschäft. Er lässt sich oft von seinem Sohn bei seinen Unternehmungen begleiten, um seinen Erben von klein auf mit dem Geschäft vertraut zu machen. Auf einem Jagdausflug stoßen sie in den Bergen auf Oberflächenöl und Dad kauft die Farm der Familie Watkins und große umliegende Gebiete: „Entweder sitzen wir in der ersten Reihe im Ölgeschäft oder wir werden die Ziegen- und Schafkönige Kaliforniens!“„Either you and me move up to front row seats in the oil game, or else, by golly, we´ll be the goat and sheep kings of California!“ Sinclair, Oil!, Penguin 2007, S. 107. Aber sie haben Glück und während Bunny High-School, College und Universität durchläuft, kann Dad sein Ölgeschäft umsichtig vergrößern und leitet bald das größte unabhängige Unternehmen der Region.„He had come to be knwon as the biggest independent operator in the field.“ Sinclair, Oil!, Penguin 2007, S. 113. Da sich Bunnys Vater mit dem wachsenden Geschäft an seine Grenzen stößt, nimmt er den ebenfalls unabhängigen Ölunternehmer Vernon Roscoe als Teilhaber auf.Sinclair, Oil!, Penguin 2007, S. 226 ff. In 1921 besitzt das Unternehmen schon 143 Ölbrunnen. Sinclair, Oil!, Penguin 2007, S. 292.

Bei einem Streik der Ölarbeiter erlebt Bunny zum ersten Mal den Gegensatz der Interessen von Kapital und Arbeit mit großen Sympathien für die Forderungen der Arbeiter: Es geht ihnen um eine Verkürzung der 12-Stunden-Schichten auf acht Stunden und um höhere Löhne. Erst durch den Eintritt der USA in den Krieg und die Notwendigkeit, kriegswichtige Branchen ungestört produzieren zu lassen, erzwingt die US-Regierung eine Einigung auf den 8-Stunden-Tag und höhere Löhne.„Bunny would [...] persuade himself that he had made a start as a social reformer, resolving the disharmonies between capital and labour.“ Sinclair, Oil! „[...] To the hour of his death, the elder Ross never really understood this strange son of his.“ Sinclair, Oil!, Penguin 2007, S. 167, 177, 195 ff. mini|Die Karte zeigt einen Teil der Interventionen gegen die Bolschewiki an 26 Fronten zur Beendigung der Oktober-Revolution. Siehe auch das Stichwort zur Sibirischen Intervention. In seiner Sorge um den in Sibirien nach dem Ende des Ersten Weltkriegs als Soldat gegen die Bolschewiki kämpfenden Paul Watkins, den mit ihm befreundeten Farmersohn,„This meeting with Paul was the most exciting event of Bunny’s life. It transvaluated all his values.“ Sinclair, Oil!, Penguin 2007, S. 275. Zusätzlich S. 249 ff., 260, 270 ff., 277 ff., 288, 319 f., 344 ff., 381 ff. sucht Bunny, der „Ölprinz“, nach Erklärungen und erzählt den Jugendlichen in seiner Oberklassen-Umgebung treuherzig von seinen regierungskritischen Informationen: Den westlichen Regierungen ging es allein um die Rückzahlung der Kredite durch das Zarenreich, was die Bolschewiki abgelehnt hätten, sodass die Banken der Alliierten eine andere Regierung installieren wollten.Sinclair, Oil!, Penguin 2007, S. 250 ff., 259 ff., 270 ff., 277 ff. Das führt dazu, dass Bunny mit gerade 20 Jahren schon Thema einer Geheimdienstakte wird und seine Schwester ihm wiederholt vorwirft, er würde ihre gesellschaftliche Karriere stören.Sinclair, Oil!, Penguin 2007, S. 252 f., 288, 466 f., 468, 484, 491. Die Repression der Universität gegen die kleine linke Studentengruppe, die Horrorberichte der lokalen Zeitungen, und die Polizeiaktionen gegen streikende Arbeiter werden zu weiteren Lernschritten Bunnys weg von seiner Naivität. Pauls Bericht über den amerikanischen Truppeneinsatz in Sibirien im Krieg der „Weißen“ gegen die „Roten“ und seine Hintergründe, die von den Zeitungen verschwiegen werden, verwandeln seine Einstellung zum amerikanischen Kapitalismus und entfernen ihn auch von seinem politisch toleranten Vater.

Ein Nebeneffekt der ungeheuren finanziellen Möglichkeiten der Industrie ist die Bestechung auch der Gewerkschaftsfunktionäre, die aus Angst vor dem Verlust ihrer Privilegien die Sozialisten und Kommunisten unter den Arbeitern an die Unternehmer verraten und zu schnellen Kompromissen bei Lohn und Arbeitszeiten bereit sind.Sinclair, Oil!, Penguin 2007, S. 384, 420. Auch die Auseinandersetzungen innerhalb und zwischen den linken Bewegungen über die Vorgänge in Russland und die besten Mittel im Kampf gegen den Kapitalismus erschüttern Bunnys Annahmen über den Lauf der Welt ebenso wie die Abwehrmaßnahmen der Ölbosse mit Schlägern, Spionen und Provokateuren. Immer wieder hilft Bunny seinen Freunden, indem er sie aus den Gefängnissen freikauft – und damit auch sein Gewissen erleichtert.„Bunny hauled out his check-book, and sought to salve his conscience by making a present to his friends.“ Sinclair, Oil!, Penguin 2007, S. 406. Er setzt sich für seine linken Kommilitonen an der Universität ein und muss dabei erleben, dass ironischerweise die Aufhebung einer ungesetzlichen Verhaftung bei einem Streik nur durch eine sonst ihm verhasste Bestechung möglich wird.Sinclair, Oil!, Penguin 2007, S. 172 f., 188 ff., 203 ff., 213ff., 219 f., 225 ff.231 ff, 242 ff, 249 ff., 260 ff, 272 ff., 364. Als Dad ihm ein festes Monatseinkommen von 1000 Dollar anbietet, plant Bunny damit sofort die Finanzierung einer kleinen sozialistischen Postille. Seine linke jüdische frühere Kommilitonin Rachel Menzies wird seine Chefredakteurin.Sinclair, Oil!, Penguin 2007, S. 452 ff., 467.

Auf dem Landsitz von Roscoe in Kalifornien lernt Bunny einen Film-Star kennen und lieben, die lebenskluge Viola Tracy, die mit 15 begonnen hatte, sich für ihren Einstieg ins Filmgeschäft mit Männern in Hollywoods Betten zu legen.„´I hung round the doors of the studios – I was only fifteen – and I starved and yearned, still I`d have slept with the devil to get inside.´ [...] The arts he [Bunny] had learned from Eunice Hoyt were combined with those Vee had learned from many lovers, and they were dizzy with delight.“ Sinclair, Oil!, Penguin 2007, S. 350, 390, 398. Ihre Ansichten über Gesellschaft und Politik trennen sie mehr von Bunny, als dass der Sex sie verbindet. Erst mit dem Ende ihrer dreijährigen Beziehung endet für Bunny die ambivalente Teilhabe an den Kulturen von Kapital und Arbeit, von Luxus und Armut: „Damit endete ein Kapitel in Bunnys Leben.“„And so there was a chapter closed in Bunny’s life.“ Sinclair, Oil!, Penguin 2007, S. 493. mini|Amerikanische Soldaten verlassen Sibirien 1920. Bunnys Vater und sein Compagnon Vernon Roscoe planen nun eine weit in die Politik hinauf reichende Korruption, zu der sie sich durch ihre größeren Rivalen genötigt sehen: „Wir werden dieses Land nach unseren Geschäftsinteressen führen“. Aber die Korruption der Regierung in Washington ist schwieriger als gedacht, ihre Gegner streuen Gerüchte über den Umfang eines präsidentiellen Netzwerks, eine offizielle Untersuchung beginnt und Dad und Verne fliehen nach Europa.„We`re going to run this country on business lines.“ Sinclair, Oil!, Penguin 2007, S. 384; 299 ff., 392 ff., 414 f., 420 ff., 432 ff., 439 ff., 458 ff. Roscoe nutzt seine neue europäische Übersicht pragmatisch, fokussiert die Geschäftsinteressen nun auf das Öl im Vorderen Orient und überzeugt das US-Außenministerium, den Briten dort nicht das Feld zu überlassen – für die dankbaren Spitzenbeamten spielen Dad und Vernon bald keine Rolle mehr in der Korruptionsaffäre, die sich in den USA mehr und mehr auf ihre Handlanger in den Behörden konzentriert.Sinclair, Oil!, Penguin 2007, S. 464 ff., 471. Seit den 1850er Jahren hatten geologische Untersuchungen den Ölreichtum der Gebiete rund um den Persischen Golf bestätigt. Der Treibstoffbedarfs des sich industrialisierenden Westens habe zur Sicherung von Konzessionen durch zunächst englische, dann amerikanische Unternehmen geführt. Diese Ereignisse und ihre Folgen beschreibt Frankopan aus einer entschieden pro-arabischen Perspektive. In: Peter Frankopan: Licht aus dem Osten, Rowohlt 2018, S. 462 ff.