Weihnachten ist ein Gedicht von Joachim Ringelnatz, das 1910 in seiner ersten Buchveröffentlichung Gedichte erschienen ist. Entstanden ist es im Jahr zuvor in München. Es gestaltet Weihnachten als ein idyllisches Fest, das im Kleinsten das Größte erfahrbar werden lässt.
Hintergrund
Der Band Gedichte erschien am 28. Juli 1910 im Münchner Hans-Sachs-Verlag noch unter Ringelnatzens bürgerlichem Namen Hans Bötticher; er war damals 26 Jahre alt. Die Sammlung lyrischer Texte umfasst auf 56 Seiten 74 Gedichte und ist dem Vater, Georg Bötticher, gewidmet. Weihnachten ist unter Die sonnige Kinderstraße angeordnet. Zwei themenverwandte Texte folgen: Der WeihnachtsbaumSeite 43–45, vgl. Der Weihnachtsbaum (Wikisource) und Weihnacht zur See.Seite 47 f., vgl. Weihnacht zur See (Wikisource)
Nach Angaben Ferdinand Kahns wollte Ringelnatz mit seiner Buchveröffentlichung beweisen, „daß er auch anderes schreiben könne als Simpel-Träume und feucht-fröhliche Verse. Sorgsam wurde gewählt und gesichtet, was aufgenommen werden sollte.“ Eine Äußerung aus seinem zweiten autobiographischen Buch Mein Leben bis zum Kriege zeigt jedoch, dass der Dichter diese Texte später kritisch sah: „Ein dünner Band lyrischer Gedichte. Gedichte, wie sie von Tausenden junger Schwärmer gedichtet werden, aber in ehrlichen Stimmungen mit unbeschreiblicher Leidenschaft geschrieben.“
Text Weihnachten
Liebeläutend zieht durch Kerzenhelle, Mild, wie Wälderduft, die Weihnachtszeit Und ein schlichtes Glück streut auf die Schwelle Schöne Blumen der Vergangenheit.
Hand schmiegt sich an Hand im engen Kreise Und das alte Lied von Gott und Christ Bebt durch Seelen und verkündet leise, Daß die kleinste Welt die größte ist.
Form Das Gedicht besteht aus zwei Strophen mit je vier Verszeilen, welche als trochäische Fünfheber gestaltet sind. Dabei wechseln sich klingende und stumpfe Kadenzen regelmäßig ab. Diese Gestaltung findet im Kreuzreim ihre Entsprechung. Als Subjekte fallen auf: die Weihnachtszeit (sie zieht „durch Kerzenhelle“), das Glück (es streut „Blumen der Vergangenheit“) sowie das alte Lied (es „bebt durch Seelen und verkündet leise“). Der Text bedient sich also einer bildhaften Sprache, die Personifikationen und Metaphern einschließt. Hans-Joachim Simm resümiert: „Die Form des Gedichts – seine Kürze, sein Versmaß, seine Reime – spiegelt die Idee des Großen im Kleinsten.“
Interpretation Als zentrale Begriffe stellt Simm Liebe, Helle, Milde und Glück heraus. Auffällig sei, dass „Liebe“ das erste Wort des Gedichts sei, der „Inbegriff des Weihnachtsfestes“, wenn auch im partizipialen Kompositum „liebeläutend“. Das Glück werde besonders hervorgehoben: Es bringe „schöne Blumen der Vergangenheit“, sorge also für eine freudvolle Vergegenwärtigung positiver Erinnerungen. „Um dieses Glück festzuhalten, fassen sich die Feiernden an den Händen, im ›engen Kreis‹.“ In der Vorstellung von der kleinsten Welt, die zur größten Welt werde, verlasse der Text das Familienidyll. Hier komme ein geradezu pantheistisches Denken zum Ausdruck, das in die Ehrfurcht vor dem Leben insgesamt münde.
Nachwirkung Die einzige nachweisbare Rezension zu dem Band Gedichte erschien erst am 13. Dezember 1911 im Vorabendblatt der Münchner Neuesten Nachrichten. Hans Taub erkennt darin einerseits Texte düsterer Melancholie, die er als „charakteristisches Zeichen der Gegenwart“ wertet.
Bezüge zu einzelnen Texten stellt Taub nicht her. Der Interpretation folgend, werden auch im vorliegenden Gedicht „echte, warme Herzenstöne“ hörbar.
Ringelnatz nahm jedoch keines der 74 Gedichte aus seinem Erstlingswerk in seine späteren Anthologien erneut auf.Anlässlich des 50. Geburtstages erschien im Juli 1933 der Band 103 Gedichte, in dem Ringelnatz neben neun neuen Texten 94 Gedichte aus 14 verschiedenen Ausgaben versammelt (vgl. ). Gleiches gilt für Gedichte, Gedichte von einstmals und heute, die letzte Buchveröffentlichung zu Lebzeiten vom Juni 1934, in die der Dichter neben 38 neuen Texten 68 bereits publizierte aus zwölf Ausgaben aufnahm (vgl. ). Der Literaturwissenschaftler Walter Pape schlussfolgert, der Schriftsteller habe eine „zwiespältige Haltung diesen Gedichten gegenüber“ eingenommen. Pape zufolge habe Ringelnatz erkannt, wie sehr er seine Texte in die Tradition bekannter Dichter gestellt hatte, etwa zu Joseph von Eichendorff, Emanuel Geibel, vor allem aber zu Heinrich Heine und Richard Dehmel. Deswegen galten ihm viele Texte nur als Nachahmungen und weniger als literarisch selbstständige Werke.Außerdem thematisierten viele Gedichte Ringelnatzens unvorteilhaftes Äußeres (etwa Die lange Nase), ein Thema, das sich für spätere Veröffentlichungen nicht eignete (vgl. Walter Pape 1974, S. 115). Noch im Oktober 1910 hatte Ringelnatz einen Verlagsvertrag für einen weiteren Gedichtband abgeschlossen. Die Schnupftabaksdose. Stumpfsinn in Versen und Bildern erschien 1912. Dieses Buch beginnt mit drei Texten in jenem Stil, für den der Dichter bekannt wurde: die titelgebende Schnupftabaksdose, Ein männlicher Briefmark erlebte und Die Ameisen.
In der Gegenwart wird Weihnachten häufig abgedruckt. Das Gedicht findet sich in unter anderem in der Anthologie Am Weihnachtsabend der Insel-Bücherei. Neben dem Weihnachtsbuch Wundervoller Weihnachtszauber. Adventsgeschichten, Bräuche und Rezepte für die ganze Familie wurde es 2025 auch in kleinere Geschenkbücher aufgenommen. Der Band Ein Weihnachtsabend mit Joachim Ringelnatz des Reclam-Verlages enthält es ebenfalls. Dort leiten auf der hinteren Umschlagseite die ersten beiden Verse des Gedichts einen kurzen Klappentext ein und stehen gleichsam programmatisch für die weihnachtlichen Texte des Dichters.
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Einzelnachweise
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