Das Ottenschlag-Projekt ist eines der frühesten Oral-History-Projekte Österreichs, das 1974 von einer Gruppe von Dissertanten des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Wien konzipiert und durchgeführt wurde. Im Rahmen des Projekts entstanden 94 lebensgeschichtliche Interviews, die im Schwerpunkt die Themen Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 und russische Besatzung im Ort Ottenschlag behandeln.

Sämtliche Interviews wurden auf Deutsch geführt und sind seit 2013 als Audioaufnahmen in der Österreichischen Mediathek zugänglich.

Geschichte Entstehungskontext Das Ottenschlag-Projekt entstand zu einer Zeit, in der für die Oral History in Österreich noch keine klare Methodik etabliert war. Frühe Interviewprojekte fokussierten sich auf wichtige politische Akteure. Erst ab Ende der 1970er Jahre führten ein verstärktes Interesse an der Alltags- und Sozialgeschichte, die Etablierung der Zeitgeschichte und Herausforderungen im Zusammenhang mit der Erforschung des Nationalsozialismus zur Festigung der Methodik. Bereits darin zeigt sich eine Besonderheit des Ottenschlag-Projekts.

Von der ersten Idee zum Konzept Die Idee zum Ottenschlag-Projekt entstand im Herbst 1974 aus einem Dissertantenseminar von Gerhard Jagschitz, einem der damaligen Assistenten von Ludwig Jedlicka, dem Leiter des Instituts für Zeitgeschichte an der Universität Wien. Jede Woche wurde im Seminar über die Forschungsarbeiten der Dissertanten, aber auch über grundlegende Themen der Geschichtswissenschaft diskutiert. Ausgehend von einer Dissertation zum Kriegsende 1945 und zur russischen Österreich-Politik stellte sich die Frage, ob es ausreichend Quellen gäbe, um fundierte geschichtswissenschaftliche Aussagen zu ermöglichen. Aus diesen Überlegungen entstand eine konkrete Projektidee. Die sowjetische Österreich-Politik sollte mithilfe von schriftlichen und mündlichen Quellen nachgezeichnet werden. Dabei interessierte die Frage nach einer Politik der Einbeziehung Österreichs in ein sowjetisches System sowie die Rolle der österreichischen Bevölkerung im Prozess der Demokratisierung. Besonders im Fokus standen der Übergang vom Nationalsozialismus zu demokratischen Strukturen in der sowjetischen Besatzungszone sowie die Beziehungen zwischen den sowjetischen Truppen und den neuen Parteien.

Vorbereitungen und Methodik Im Oktober 1974 setzte sich die Gruppe verstärkt mit der Methodik und dem Forschungsentwurf auseinander. Es wurde entschieden, die soziologische Methode für eine geschichtswissenschaftliche Fragestellung zu erproben. Die Dissertanten arbeiteten einen Fragebogen aus, der den Interviews eine Struktur geben sollte. Dieser enthielt einerseits Fragen mit einer begrenzten Anzahl von Antwortmöglichkeiten, die in der Auswertung standardisierbar sein sollten. Dazu zählten Fragen nach Alter, Beruf, Geschlecht, sozialer und wirtschaftlicher Stellung und persönlichen Haltungen. Andererseits wurden offenere Fragen gestellt, die neue Informationen generieren und Platz für persönliche Einschätzungen lassen sollten. Die Fragebögen enthielten Themenblöcke zum Nationalsozialismus, dem Einmarsch der Roten Armee und der russischen Besetzung.

Die ausgearbeiteten Fragestellungen wollten die Dissertanten vergleichend am Beispiel zweier Orte mittlerer Größe untersuchen, die eine funktionierende administrative Verwaltung sowie eine differenzierte Sozialstruktur aufweisen sollten. Wichtige Kriterien waren auch eine geringe Mobilität der Bevölkerung und eine verhältnismäßig konstante Ortsstruktur seit 1945. Ausgewählt wurden schließlich Ottenschlag im Waldviertel und Ebreichsdorf in Baden. Die beiden Orte unterschieden sich darin, dass Ottenschlag eher landwirtschaftlich geprägt war, eine „starke ,nationale‘ Tradition“ hatte und von der ÖVP regiert wurde, wohingegen Ebreichsdorf eine industrielle Prägung und eine sozialdemokratische Mehrheit aufwies. Im Voraus wurden alle verfügbaren schriftlichen Quellen zur Ortsgeschichte gesichtet sowie eine Liste mit aufzusuchenden Häusern und eine Sach- und Personenkartei erstellt.

Tonbandgeräte und Finanzierung Die benötigten Tonbandgeräte wurden von der Österreichischen Phonothek, dem Theodor-Körner-Fonds und dem ORF zur Verfügung gestellt. Die Kosten für die technische Ausrüstung übernahmen die Niederösterreichische Landesregierung und das Institut für Zeitgeschichte.

Befragungen vor Ort Bereits vierzehn Tage vor der Ankunft der Forschenden wurde die ortsansässige Bevölkerung über ein Informationsblatt informiert.

Im Herbst 1974 reisten elf Personen aus der Gruppe für eine Woche nach Ottenschlag, um vor Ort die Interviews durchzuführen. Sie wurden im Gasthof Schmid einquartiert, wo direkt am ersten Abend ein gemeinsames Interview mit Paul Lenauer, dem Direktor der Hauptschule, geführt wurde. Dieses Gespräch sollte exemplarisch für die kommenden Interviews stehen und eine vorbildhafte Vorgehensweise etablieren. Die Dissertanten arbeiteten jeweils in Zweiergruppen.

Am 15. November begannen die Teams mit ihren Befragungen. Die Interviews wurden auf Tonband aufgezeichnet, zudem wurden schriftliche Notizen festgehalten. Am Abend erstellten die Dissertanten zu jedem Interview ein Protokoll in Form eines Fragebogens, in dem sie ihre Eindrücke zur interviewten Person und zum Interview festhielten.

Insgesamt wurden in Ottenschlag 94 meist mehrstündige Interviews geführt. Unter den Befragten waren 38 Männer und 58 Frauen, in manchen Fällen wurden mehrere Personen gleichzeitig befragt. Am Ende deckten die Befragungen etwa 50 % der Personen ab, die das Kriegsende in Ottenschlag erlebt hatten und dabei mindestens fünfzehn Jahre alt gewesen waren.

Methodische Schwierigkeiten und Ende des Projekts Erste Schwierigkeiten mit der Methodik zeigten sich bereits während der Befragungen in Ottenschlag in Zusammenhang mit den Fragebögen. Die ausgearbeiteten Fragen waren zu eng konzipiert und wurden daher bald so angepasst, dass sie nur noch als Erinnerungshilfe dienten, während spontanen Erzählphasen mehr Raum gelassen wurde. Doch auch trotz Anpassungen wurde im Vergleich mit der später etablierten Oral History Methode eher viel nachgefragt, was die Interviews stark beeinflusste. Dies hatte Einfluss auf die Auswertung der Interviews. Diese wurden in Teams von je drei Personen durchgeführt, welche die Antworten nach 12 Gesichtspunkten einteilten. Sie arbeiteten vor allem mit den Fragebögen, die Tonbandaufnahmen dienten als Korrektiv. Es wurden keine Transkripte erstellt, was auf Überlegungen zur Aufwertung der Originalquelle zurückzuführen ist. Allerdings wurden Regesten mit den wesentlichen Inhalten der Interviews angefertigt.

Aufgrund von methodologischen Schwierigkeiten und Vorannahmen, wie beispielsweise der Hoffnung, einen klischeefreien Bereich abfragen und Vorstellungen zu Kriegsende noch unverzerrt darstellen zu können, stellte sich die inhaltliche Analyse als schwierig dar. Es zeigte sich, dass auch trotz einer entsprechenden Methodik die erlebte neben der erzählten Geschichte nicht oder nur bedingt zugänglich wurde. Geplant war eine wissenschaftliche Publikation, die Analysen der Teams sollten darin Kapitel bilden. Die Publikation der Ergebnisse blieb jedoch aus vielfältigen Gründen aus. Einerseits konnten gewisse Ansprüche des Projektes nicht erfüllt werden, andererseits begann die Gruppe sich mit dem Abschluss der Dissertationen aufzulösen. Ein weiterer Faktor war, dass sich die beteiligen Personen aus reinem Interesse mit dem Projekt beschäftigten, weshalb es durchgehend zu Fluktuationen in der Gruppe kam.

Für die Befragungen in Ebreichsdorf wurde geplant, Fragen zu weiteren Themenkomplexen zu stellen und die Interviews methodisch fundierter durchzuführen. Schließlich verlief sich das Projekt jedoch, ohne dass der zweite Teil der Interviews durchgeführt werden konnte. Somit war der geplante Vergleich zwischen den Orten nicht möglich.

Rezeption Kurz nach den Befragungen wurde am 31. März 1975 eine von Gerhard Jagschitz moderierte Reportage zum Ottenschlag-Projekt im ORF-Radio ausgestrahlt.

In den folgenden Jahren wurde das Ottenschlag-Projekt in der Forschung kaum beachtet. Erst 2017 erschien im Rahmen einer Publikation zum fünfzigjährigen Bestehen des Instituts für Zeitgeschichte ein Artikel von Regina Fritz und 2021 beschrieb der Historiker Rainer Hubert seine Erinnerungen an das Projekt in einer Festschrift für Gerhard Jagschitz. Dennoch hat das Ottenschlag-Projekt laut Hubert heute die „Qualität eines Geschichtsmythos angenommen – in dem Sinn, dass es immer wieder im wissenschaftlichen Diskurs erwähnt wird, aber keine Darstellungen, kein Projektergebnis, schriftlich vorliegt.“

Außerhalb der wissenschaftlichen Kreise erschien am 6. Juni 2017 ein Artikel zum Projekt im Standard. Am 30. Juli 2019 berichtete Rainer Hubert in der Ö1-Sendung Betrifft:Geschichte über das Projekt, am 1. Juli 2022 unterhielt er sich mit Gabriele Fröschl von Resonanzraum, dem Podcast der Österreichischen Mediathek. Außerdem stellt die Österreichischen Mediathek auf ihrer Website eine kleine Online-Ausstellung mit kurzen Ausschnitten aus den Tonaufnahmen zur Verfügung.

Literatur Rainer Hubert: Das „Ottenschlag-Projekt“ und die audiovisuellen Medien überhaupt. Gerhard Jagschitz und frühe Oral History in Österreich. Bericht und Erinnerung. In: Gabriele Fröschl, Rainer Hubert, Michael Loebenstein (Hrsg.): Zeithistoriker und Protagonist. Festschrift für Gerhard Jagschitz, 1940-2018. LIT Verlag, Wien 2021, ISBN 978-3-643-51090-7. Regina Fritz: Die Anfänge der Oral History in Österreich. Das Ottenschlag-Projekt (1974) zum Kriegsende im Waldviertel. In: Bertrand Perz, Ina Markova (Hrsg.): 50 Jahre Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien, 1966-2016. New Academic Press, Wien 2017, ISBN 978-3-7003-1946-7.

Weblinks Oral History neu entdeckt: "In Ottenschlag drinnen sind die Russen" - Gesellschaft - derStandard.at › Panorama (deutsch) – Bericht zum Ottenschlag-Projekt, 6. Juni 2017. Historische Oral History: Das Forschungsprojekt "Ottenschlag im Jahr 1945" – Resonanzraum #03 (deutsch) – Podcast zum Forschungsprojekt mit Rainer Hubert, 1. Juli 2022. Ottenschlag | Mediathek (deutsch) – Online-Ausstellung zum Projekt mit Audioausschnitten und Radiosendungen zum Thema, 2024.

Siehe auch Peter Kammerstätter, er interviewte ab 1967 in Oberösterreich hunderte Personen zur regionalen Geschichte der NS-Zeit.

Einzelnachweise

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