Die Schlacht bei Vittorio Veneto (oder „Dritte Piaveschlacht“) wurde gegen Ende des Ersten Weltkrieges vom 24. Oktober 1918 bis zum 3. bzw. 4. November 1918 an der italienischen Front in Nordostitalien ausgetragen. Sie führte zum Waffenstillstand von Villa Giusti bei Padua und zur Niederlage Österreich-Ungarns im Krieg gegen Italien.

Lage im Frühjahr 1918 mini|hochkant|links|Der italienische Generalstabschef Armando Diaz mini|hochkant|links|Feldmarschall Svetozar Boroević, Oberbefehlshaber der k.u.k. Heeresgruppe am Piave mini|Italienische Stellungen am Piave mini|Vorgelagerte italienische Stellung (bei Fossalta)

In der Zwölften Isonzoschlacht (auch Schlacht bei Karfreit Oktober/November 1917) war es Österreich-Ungarn und Deutschland gelungen, die Italiener in den Julischen Alpen vernichtend zu schlagen und sie zum Rückzug vom Isonzo zum Piave zu zwingen. Auf dem Monte Grappa und am Piave kam der Vorstoß der Mittelmächte teils wegen des italienischen Widerstandes auf dem Grappa-Eckpfeiler, teils wegen des schlechten Wetters und des hochwasserführenden Piave, teils wegen eigener Zögerlichkeiten zum Stehen (Erste Piaveschlacht, Dezember 1917).

Nach der Schlacht bei Karfreit war das italienische Heer wegen der hohen Verluste seinem Gegner an Truppenzahl stark unterlegen (56 zu 65 Divisionen) und musste durch herangeführte Truppen von der Westfront verstärkt werden. Ab März 1918 hatten Großbritannien und Frankreich insgesamt fünf Divisionen in Italien stehen, dazu kam die aus Deserteuren der österreichisch-ungarischen Streitkräfte aufgestellte tschechoslowakische Legion und ein amerikanisches Regiment, das zum Teil aus italienischen Auswanderern bestand. Zur Abwehr der deutschen Frühjahrsoffensive an der Westfront wurde im Gegenzug das II. italienische Korps unter General Alberico Albricci mit zwei Divisionen an die Westfront gesandt. Daneben verfügte die französische Heeresleitung über 70.000 italienische Arbeiter, die unter Militärjurisdiktion stehend den französischen Nachschub sicherten.

Angesichts der zunehmenden eigenen Probleme versuchte Österreich-Ungarn in der Zweiten Piaveschlacht im Juni 1918, Italien definitiv zu besiegen und den Krieg schnellstmöglich zu beenden. Dies scheiterte am italienischen Widerstand. Spätestens seit der Zweiten Piaveschlacht im Juni 1918 erkannten und nutzten auch die Italiener den Vorteil, den die Österreicher schon während des ganzen Krieges hatten: die insbesondere in der Defensive enorme Wirkung der neuen Maschinenwaffen (MG), insbesondere wenn sie aus überhöhten Stellungen feuerten und einen frontalen Angreifer in der Flanke fassten. Grundsätzlich wünschte sich die italienische Führung eher einen erneuten österreichischen Großangriff wie im Juni 1918, um bei einer solchen Gelegenheit einen von langer Hand geplanten entscheidenden Gegenangriff zu starten.

Militärische Lage im Sommer 1918 Der französische Oberbefehlshaber Marschall Ferdinand Foch forderte nach dem Abwehrerfolg am Piave von der obersten Heeresleitung der Italiener (Comando Supremo) eine baldige Gegenoffensive. Von den 300.000 US-Soldaten, die monatlich (ab Juni 1918) in Frankreich eintrafen und an der Westfront den Krieg entschieden, wollte Foch aber keine weiteren Verstärkungen nach Italien abgeben. Die militärische Lage Italiens war im Spätsommer 1918 bei weitem noch nicht so überlegen wie die westliche Entente glaubte. Von Juli bis Oktober 1918 ging der Krieg an der Italienfront mit hoher Intensität weiter. Im Sommer gab es schwere Kämpfe, unter anderen auf dem Monte Mantello, dem Monte Cornone, dem Col Tasson, dem Monte Corno und dem Col del Rosso. Handstreichartige Gefechte fanden bis in den Oktober hinein von der Schweizer Grenze bis zur Adria statt, die sich an verschiedenen Stellen, so bei Papadopoli am Piave, auf dem Grappa-Massiv und auf der Hochfläche von Asiago manchmal zu schweren Kämpfen entwickelten. Bemerkenswert waren auch die Operationen der Luftstreitkräfte beider Seiten. Italienische Flieger bombardierten wiederholt den Kriegshafen von Pola und andere österreichische Stützpunkte in Dalmatien. Man griff auch östlich des Piave an, darunter Villach und Lienz. Eine Staffel unter dem Kommando von Gabriele d’Annunzio flog im August 1918 bis nach Wien und warf knapp 400.000 Flugblätter über der Stadt ab. Die österreichischen Flieger bombardierten Ziele zwischen Ravenna und Rimini; wiederholt waren Treviso, Padua und Venedig Ziele österreichischer Luftangriffe, die hauptsächlich Ende August 1918 stattfanden.

Anlass zu Optimismus gab es wegen der Erfolge der Entente in Frankreich, wo die Deutschen im Juli und August 1918 schwere Niederlagen einstecken mussten (der 8. August 1918 gilt als Schwarzer Tag des deutschen Heeres), und zusätzlich wegen der Lage Österreich-Ungarns, besonders seiner Armee, die immer mehr an Nachschubproblemen, Desertionen und allgemeiner Auszehrung litt. Angesichts der Niederlagen der Mittelmächte an den anderen Fronten und den Forderungen Ludendorffs und anderer nach einem Waffenstillstand verlangte man nach einer schnellen Entscheidungsschlacht, für welche die Planungen Ende September, Anfang Oktober ausgearbeitet wurden.

Insgesamt schien die Entwicklung trotz aller Bedenken das Wagnis eines italienischen Angriffs zu rechtfertigen. Politisch und zeitlich schien ein Angriff im Oktober 1918 aus italienischer Sicht gut gewählt. Die strategische Entscheidung Fochs, Italien nicht zu unterstützen und den Schwerpunkt an der Westfront zu belassen, war militärisch fragwürdig, denn die schnelle Konzentration auf das schwächere Österreich-Ungarn und eine eventuell folgende Bedrohung Deutschlands aus dem Süden hätte das Deutsche Kaiserreich womöglich schneller zur Kapitulation gezwungen als eine Offensive an der Westfront. Politisch war die Entscheidung Fochs im Sinne Frankreichs verständlich: er wollte der Italienfront keine für das französische Prestige abträgliche Rolle zukommen lassen. Umgekehrt könnte man Ähnliches bezüglich der Südfront auch über Deutschland und Österreich-Ungarn sagen. Die Italiener befürchteten eine solche strategische Entscheidung bis zum Schluss.

Militärische Planung und Aufmarsch Anfang September 1918 begann das italienische Hauptquartier mit Planungen für einen begrenzten Angriff im Tiefland. Man dachte an einen Brückenkopf östlich des Piave, zwischen dem Monte Cesen (nördlich von Valdobbiadene) und Susegana, von wo aus man im Frühjahr 1919 eine Großoffensive starten wollte. Diese Planungen wurden wegen des Drucks der anderen Entente-Mächte und der italienischen Regierung bald aufgegeben. Die neue Zielsetzung des italienischen Oberkommandos unter General Armando Diaz, dem Chef des Generalstabes, bestand darin, eine Trennung der österreichischen Kräfte im Trentino von denen am unteren Piave zu erreichen. Den Verkehrsknoten von Vittorio Veneto zu erreichen, bedeutete nicht nur, die Heeresgruppe Tirol (k.u.k. 10. und 11. Armee unter Erzherzog Joseph) von der im venetianischen Tiefland stehenden Heeresgruppe Boroevic (k.u.k. 6. Armee und sogenannte Isonzo-Armee) zu trennen, sondern auch Nachschublinien des Gegners zu lähmen. Um den italienischen Vorstoß auf Vittorio Veneto zu ermöglichen, sollte am Piave an einer Schwachstelle des Gegners angegriffen werden, nämlich an der Grenze zwischen seiner 5. und der 6. Armee. Die Trennung durch einen sichelartigen Schnitt auf Vittorio Veneto (das damals noch Vittorio hieß, den Zusatz bekam es erst 1923) und darüber hinaus sollte die österreichische Gebirgsfront (die eine ständige Bedrohung für die italienischen Verbände im Tiefland südöstlich des Monte Grappa waren) zum Einsturz bringen und in der Folge, mangels Verbindungen nach Norden, auch die Piavefront im Tiefland.

Die im Hauptangriffsfeld der italienischen 8. Armee unter General Caviglia stehende k.u.k. 6. Armee (General der Infanterie Alois von Schönburg-Hartenstein), die zwischen Pederobba bis Ponte della Priula am Piave hielt, stützte sich auf die strategisch ungünstigste Nachschublinie (Vittorio Veneto-Conegliano-Sacile). Der an der Grappafront stehenden italienischen 4. Armee unter General Giardino war Feltre als Ziel zugewiesen, also die Gegend im Rücken der dort verteidigenden österreichischen Armeegruppe Belluno (FZM Ferdinand Goglia). Dadurch sollten die gegenüberliegenden Verbände abgeschnitten und die Täler Val Cismon und Valsugana erreicht werden. Danach wollte man über das Cadore-Tal (Belluno) nach Norden vorstoßen und dadurch die gesamte österreichische Front im Trentino aufrollen.

Die italienischen Verbände wurden umfassend auf diesen Angriff vorbereitet, insbesondere auf die schwierige Überquerung des im Oktober Hochwasser führenden Piave (wie schon 1917 nach Karfreit) und auf das Halten großer Brückenköpfe östlich des Flusses (um schwierige Rückzugsgefechte wie die der Österreicher im Juni 1918 zu verhindern). Besondere Aufmerksamkeit schenkte man auch dem Nachschub. Zur besseren Führung der Großverbände wurden zwischen der Brenta und der Piavemündung Mitte Oktober neue Armeekommandos eingerichtet, darunter die unter dem französischen Kommando stehende 12. Armee unter General Graziani und die unter englischer Führung stehende 10. Armee unter General Lambert Earl of Cavan, dem Oberbefehlshaber der britischen Streitkräfte in Italien.

Bis zum 15. Oktober erfolgten alle italienischen Truppenbewegungen fast ausschließlich nachts und unter strenger Geheimhaltung. Ab dem 15. Oktober konnte der Angriff beginnen, doch das Hochwasser und ständiger Regen zwangen abermals zu einer Verschiebung. Am 18. Oktober verschlechterte sich das Wetter so sehr, dass eine Verschiebung um eine Woche unvermeidlich wurde. Ein Schnee-Einbruch hätte das gesamte Unternehmen undurchführbar machen können.

Auf österreichischer Seite standen insgesamt 61 Divisionen.David Stevenson, With our backs to the wall. Victory and defeat in 1918, ISBN 978-0-7139-9840-5, Harvard University Press, 2011, S. 157: "According to Austrian sources, on the eve of the battle the Austro-Hungarian forces comprised 55 infantry and 6 cavalry divisions" Google Book Die italienische Seite hatte 57 Divisionen (52 italienischen Divisionen, drei britische und zwei französische Divisionen), die Tschechoslowakische Legion und ein US-Regiment.

Die österreichische Seite hatte noch am 20. Oktober in Erwartung des italienischen Angriffs Truppen in Marsch gesetzt. Diese trafen die vier Tage später zum Beginn der Schlacht an der Front ein. Überlegungen, sich taktisch hinter die eigene Landesgrenze zurückzuziehen, waren wegen der fortgeschrittenen Zeit hinfällig geworden.David Stevenson: With our backs to the wall. Victory and defeat in 1918, ISBN 978-0-7139-9840-5, Harvard University Press, 2011, S. 160 Google Books

Verlauf der Schlacht Erste Angriffsphase mini|Italienische Arditi (Sturmtruppen) auf den Weg zur Front, mit US-Flagge (links), Oktober 1918 mini|Bei der Schlacht eingesetztes italienisches Panzerfahrzeug (Ansaldo-Lancia) mini|Nachrücken italienischer Infanterie bei der Schlacht von Vittorio Veneto