mini|Iranische Bevölkerungspyramide (2020) Die Demografie Irans beschäftigt sich mit der Bevölkerungsentwicklung und anderen demografischen Indikatoren der Islamischen Republik Iran. Das Land zählt weltweit zu den 20 größten Staaten nach Einwohnerzahl. Laut offiziellen iranischen Statistiken zählte der Iran 2024 knapp 86 Millionen Einwohner. Die UN schätzt die Bevölkerung für denselben Zeitpunkt dagegen auf ca. 92 Millionen. Unklarheiten über die genaue Einwohnerzahl des Irans ergeben sich vor allem durch die Präsenz mehrerer Millionen unregistrierter Flüchtlinge aus dem benachbarten Afghanistan. Im 20. Jahrhundert hat der Iran ein rasantes Bevölkerungswachstum erlebt. So lebten im heutigen Staatsgebiet um 1900 nur ca. zehn Millionen Einwohner. Angetrieben wurde dieses Wachstum durch sehr hohe Geburtenraten, die bis in die 1980er Jahre bei über sechs Kinder pro Frau lagen. Durch steigende Bildung und den durch die Urbanisierung ausgelösten Veränderungen der Lebensverhältnisse sank die Geburtenrate deutlich und liegt inzwischen deutlich unter dem Ersatzniveau, weshalb mit einer voranschreitenden Alterung der Bevölkerung und einem Abflachen des Wachstums zu rechnen ist. Die Lebenserwartung ist seit Mitte des 20. Jahrhunderts deutlich gestiegen und lag 2023 bei ca. 78 Jahren. Auch das Bildungsniveau der Bevölkerung hat sich deutlich verbessert und heute hat der Iran eine der am besten ausgebildeten Bevölkerungen in der Region.

Geschichte

Frühgeschichte Das Gebiet des heutigen Iran zählt zu den ältesten Gebieten mit städtischer Kultur, war in der Antike und im Mittelalter jedoch weniger dicht bevölkert als die fruchtbaren Regionen Mesopotamiens oder Indiens. Einige persische Großreiche gehörten zu den größten der Weltgeschichte, wenn der Anteil an der Weltbevölkerung betrachtet wird. Während das Achämenidenreich (550–330 v. Chr.) als Großreich zwar bis zu 50 Millionen Menschen umfasste, lebte jedoch der Großteil dieser Bevölkerung außerhalb des iranischen Kernlands. Einen weiteren Höhepunkt erlebte die Bevölkerungsentwicklung unter dem Sassanidenreich (3. bis 7. Jahrhundert), bevor die Arabische Eroberung Persiens die Islamisierung einleitete. Immer wieder kam es zu demografischen Einbrüchen durch Kriege, Invasionen und Seuchen. So führten die Mongoleninvasion im 13. Jahrhundert und der Schwarze Tod Mitte des 14. Jahrhunderts auch im Iran zu erheblichen Bevölkerungsverlusten. Allein unter den Mongolen könnten über 80 Prozent der Bevölkerung den Tod gefunden haben. In der Safawiden-Zeit (16.–18. Jh.) stabilisierte sich die Bevölkerung wieder etwas. 1600 wurde die Einwohnerzahl innerhalb der heutigen iranischen Staatsgrenzen auf fünf Millionen und 1800 auf sechs Millionen geschätzt, bevor im 19. Jahrhundert ein deutliches Wachstum einsetzte, sodass ca. 1900 über zehn Millionen Einwohner im Iran lebten.Population, 800 to 2023 Our World in Data Zwischen 1917 und 1919 kam es durch den Ersten Weltkrieg zu einer katastrophalen Hungersnot in Kombination mit der Spanischen Grippe, wodurch Millionen Menschen starben. Schätzungen gehen von mindestens zwei Millionen Toten im persischen Kadscharenreich aus.The Great Persian Famine (1917-1919): Causes, Consequences, and Legal Reflections on Historical Responsibility

Pahlavi-Ära mini|Langfristige Bevölkerungsentwicklung des Irans Verbesserungen in Landwirtschaft, Hygiene und innerer Stabilität führten in der frühen Pahlavi-Zeit (ab 1925) zu einem allmählichen demografischen Anstieg. Offizielle Volkszählungen begannen 1956, als rund 19 Millionen Einwohner registriert wurden. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beschleunigte sich das Wachstum deutlich: Zwischen 1950 und 1980 verdoppelte sich die Bevölkerungszahl von etwa 17 Mio. auf über 39 Mio. Insbesondere in den 1960er und 1970er Jahren sank die Sterblichkeit durch medizinischen Fortschritt und Impfbemühungen, während die Geburtenrate (6 bis 7 Kinder pro Frau) hoch blieb. Von 1966 (ca. 26 Mio. Einwohner) bis 1976 (ca. 34 Mio.) stieg die Bevölkerung jährlich um über 3 %. Bedeutende demografische Einschnitte dieser Epoche betrafen regionale Abwanderungen (Landflucht in die Städte) und erste Arbeitsmigration ins Ausland (etwa in die Golfstaaten), die aber das Gesamtwachstum kaum bremsten. Teheran stieg zu einer der größten Städte der Welt auf und 1979 lebte erstmals die Mehrheit der Iraner in städtischen Siedlungen.

Islamische Revolution und demografischer Wandel Die Islamische Revolution 1979 löste zunächst einen starken Anstieg der Hochzeiten und eine konservative kulturelle Wende aus, weshalb die Geburtenraten in den ersten Jahren danach sehr hoch blieben. Die neue Führung propagierte große Familien; während des Ersten Golfkriegs (1980–1988) wurden hohe Geburtenzahlen auch als nationalistisches Ziel gesehen. 1986 lag die Fertilität weiterhin bei rund 6,5 Kindern pro Frau und 1990 hatte das Land ca. 58 Millionen Einwohner. Mitte der 1980er waren knapp die Hälfte der Iraner unter 15 Jahre alt. Gegen Ende der Kriegshandlungen und angesichts wirtschaftlicher Probleme erkannte die Regierung jedoch die Gefahren dieser Bevölkerungsexplosion für Infrastruktur und Wohlstand. Ab 1989 leitete der Iran eine der weltweit effektivsten Familienplanungs-Kampagnen ein. Verhütungsmittel wurden breit verfügbar gemacht, Aufklärung betrieben und staatliche Stellen propagierten kleinere Familien. In der Folge fiel die Geburtenrate innerhalb eines Jahrzehnts drastisch. Bereits um 1996 war die durchschnittliche Kinderzahl je Frau auf unter 3 gesunken und erreichte um 2000 das Bestanderhaltungsniveau von 2,1 Kindern pro Frau.

Die drastische Abnahme der Geburtenrate führte zu einer Alterung der im „Babyboom“ der 1980er geborenen Kohorten, zugleich wuchs die Bevölkerung aufgrund des jungen Altersaufbaus aber noch bis in die 2000er Jahre weiter an (wenn auch langsamer). Zwischen 1990 und 2010 stieg die Einwohnerzahl von ca. 58 Mio. auf 75 Mio. Politisch reagierte die Führung darauf mit einem erneuten Kurswechsel: Ab etwa 2013 forderte Ajatollah Chamenei in Steigerung der Bevölkerung auf 150 bis 200 Millionen und bezeichnete die vorherige Familienplanung als zu erfolgreich. Nachdem die Geburtenraten jedoch weiter zurückgingen, verabschiedete das Parlament ein „Jugend- und Bevölkerungs-Gesetz“, das Anreize für Eheschließung und Kinderreichtum schaffen sollte. Bis 2025 wurde jedoch ein weiterer Rückgang verzeichnet. In einigen nördlichen Provinzen (z. B. Gilan, Mazandaran) übersteigt die Zahl der Sterbefälle inzwischen bereits die der Geburten. Ursächlich für den anhaltenden Geburtenrückgang sind vielfältige sozioökonomische Faktoren: hohe Jugendarbeitslosigkeit, Wohnungsknappheit in den Städten, veränderte Lebensentwürfe der jungen Generation (steigendes Heiratsalter, bessere Bildung von Frauen) sowie die anhaltende Wirtschaftskrise durch internationale Sanktionen.

Bevölkerungsverteilung mini|Bevölkerungsdichte des Irans (2013) mini|Iran bei Nacht Die Bevölkerung Irans ist räumlich sehr ungleich verteilt. Rund 70 % der Einwohner leben im vergleichsweise grünen Nord- und Westteil des Landes – von der Region Teheran über die historische Kernzone Persiens (Isfahan/Fars) bis in den fruchtbaren Nordwesten (Aserbaidschan) und entlang der kaspischen Küste. Demgegenüber sind die weiten Wüsten und Hochgebirge Zentral- und Südostirans äußerst dünn besiedelt; in den ausgedehnten Wüstengebieten der Dascht-e Kawir und Dascht-e Lut beträgt die Bevölkerungsdichte mancherorts weniger als 2 Einw./km². Die Provinz Sistan und Belutschestan im Südosten weist mit gut 3 Mio. Einwohnern auf über 180.000 km² eine der geringsten Besiedlungsdichten (ca. 18 Einw./km²) auf. Dagegen konzentriert sich die Bevölkerung in Oasenlandschaften und vor allem in Städten. Insgesamt nimmt die Urbanisierung seit Jahrzehnten stetig zu: Lebten 1960 erst rund 34 % der Iraner in Städten, so überschritt der Urbanisierungsgrad in den 1980er Jahren erstmals 50 % und erreichte 2024 etwa 78 %. Die mit Abstand größte Agglomeration ist Teheran, die Hauptstadt im zentralen Norden des Landes. Die Metropolregion (Provinz Teheran) zählt über 14 Millionen Einwohner. Weitere Millionenstädte bilden Maschhad, Isfahan, Karadsch, Schiras, Täbris, Ghom und Ahvaz.

Das urbane Wachstum Irans erfolgte teils ungeplant und schnell, was zu großen sozioökonomischen Unterschieden innerhalb der Städte führte. In Metropolen wie Teheran oder Maschhad gibt es moderne Geschäftszentren, aber auch informelle Siedlungen an den Rändern. Die Urbanisierung hat auch die traditionelle Lebensweise verändert: Wichtige demografische Indikatoren (Geburtenrate, Bildungsniveau, Haushaltsgröße) unterscheiden sich heute deutlich zwischen städtischer und ländlicher Bevölkerung. In Städten ist die Geburtenrate besonders niedrig – in der Provinz Teheran lag sie 2020 bei nur ca. 1,3, während ländliche Gebiete wie Belutschestan noch höhere Kinderzahlen verzeichnen. Trotz dieser Unterschiede hat die Verstädterung dazu beigetragen, die Kluft zwischen Stadt und Land zu verkleinern: Viele früher ländliche Gebiete wurden zu Städten erhoben, und die Infrastruktur (Straßen, Strom, Bildung, Gesundheit) verbesserte sich landesweit. Die Alphabetisierungsrate zum Beispiel liegt in Städten heute nahe 100 % und in Dörfern bei rund 80 % (gegenüber 66 % bzw. 30 % in 1976). +Top-10-Städte in IranRangTranskriptionPersischVZ 1986VZ 1991VZ 1996VZ 2006VZ 2016Provinz1.Teheran 6.042.5846.475.5276.758.8457.797.5208.693.706Teheran2.Maschhad 1.463.5081.559.1551.887.4052.427.3163.001.184Razavi-Chorasan3.Isfahan 986.7531.127.0301.266.0721.602.1101.961.260Isfahan4.Karadsch 275.100442.387940.9681.386.0301.592.492Alborz5.Schiras 848.289965.1171.053.0251.227.3311.565.572Fars6.Täbris 971.4821.088.9851.191.0431.398.0601.558.693Ost-Aserbaidschan7.Ghom 543.139681.253777.677959.1161.201.158Ghom8.Ahvaz 579.826724.653804.980985.6141.184.788Chuzestan9.Kermanschah 560.514624.084692.986794.863946.651Kermanschah10.Urmia 300.746357.399435.200583.255736.224West-Aserbaidschan

Ethnische Gruppen mini|Ethnografische Karte des Iran (2004) Iran ist ein multiethnisches Land mit einer Vielzahl von Volksgruppen, die sich vor allem durch Sprache, regionale Verbreitung und teils religiöse Unterschiede unterscheiden. Genaue Bevölkerungsanteile sind umstritten, da der staatliche Zensus seit Jahrzehnten keine Daten zur ethnischen Zugehörigkeit mehr erhebt. Schätzungen zufolge stellen jedoch die Perser die Bevölkerungsmehrheit: je nach Quelle etwa 51–61 %. Persischsprachige Iraner (dazu zählen neben den eigentlichen Persern oft auch Gruppen wie Talischi, Gilaki und Mazanderani im Norden) sind in fast allen Landesteilen zu finden und dominieren kulturell sowie politisch das Land. Aserbaidschaner (ein Turkvolk) bilden die größte Minderheit mit ungefähr 16–24 % Anteil. Sie leben vor allem im Nordwesten (Provinzen Ost- und West-Aserbaidschan, Ardabil sowie als städtische Gemeinden z. B. in Teheran) und sprechen Azeri-Türkisch. Die Kurden siedeln hauptsächlich im Westen Irans (Provinzen Kurdistan, Kermanschah, West-Aserbaidschan u. a. und einige auch im Nordosten in der Region Chorasan) und stellen ca. 7–10 % der Gesamtbevölkerung. Ihre Sprache gehört wie Persisch zur iranischen Sprachfamilie, jedoch sind viele Kurden sunnitische Muslime, was sie religiös von der schiitischen Mehrheit unterscheidet. Im zentralen Westiran (Zagros-Gebirge) leben die Luren und verwandte Volksgruppen (Bachtiaren, Lak usw.), etwa 6 % der Bevölkerung, die einen südwest-iranischen Dialekt sprechen und überwiegend Schiiten sind.