Vineta nannte sich eine 1941 gebildete, geheime Dienststelle der Ostabteilung des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda. Sie diente der psychologischen Kriegsführung gegen die Sowjetunion. Die Dienststelle entwarf Texte von Rundfunksendungen, Flugblättern und Broschüren in fast allen in der Sowjetunion gebräuchlichen Sprachen zur propagandistischen Beeinflussung der Roten Armee und der russischen Bevölkerung, aber auch der Wlassow-Truppen und der Ostarbeiter in Deutschland.Heinz Boberach, Rolf Thommes, Hermann Weiß: Ämter, Abkürzungen, Aktionen des NS-Staates. Institut für Zeitgeschichte, München 1997, S. 403. ISBN 978-3-11-095167-7
Entstehung Die Dienststelle „Vineta“ entstand Anfang Juni 1941 in Berlin im Vorfeld des Russland-Feldzuges. Der Name Vineta bezog sich auf eine sagenhafte, verborgene Stadt in der Ostsee, die nahe der Mündung der Swine versunken sein soll und Swineta hieß.
Vineta wurde ebenso verborgen als geheime, zentrale Dolmetscher- und Propaganda-Dienststelle für alle Ostsprachen eingerichtet und gehörte zur Ostabteilung des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda (RMVP) unter Joseph Goebbels. Leiter der Ostabteilung war Eberhard Taubert. Mit Vineta sollte verhindert werden, dass andere Ministerien eigene Übersetzerstäbe einrichteten. Vineta sicherte so als übergreifend tätige Einheit somit den zentralen Einfluss des Propagandaministeriums. Nachdem die Vorbereitungen des Russlandfeldzuges geheim zu halten waren, erfolgte vor Kriegsbeginn die Kasernierung der Mitarbeiter. Die Tarnung blieb auch weiter erforderlich, weil das überwiegend nichtdeutsche Personal schlecht offiziell einer deutschen Dienststelle angehören konnte. Denn der Kern der Mitarbeiter bestand aus ostsprachigen Dolmetschern, die erst kurz zuvor im Zuge der Umsiedlungsaktionen („Heim ins Reich“) in das Reich gelangt waren.Buchbender: Das tönende Erz, S. 36.
Die Dienststelle Vineta hatte anfänglich ihren Sitz in der Viktoriastr. 10 in Berlin. Sie wurde auf Anweisung von Eberhard Taubert von dessen Gruppenleiter IV (Politik) Heinrich Kurtz aufgebaut, der im August 1939 noch als Mitarbeiter des militärischen Geheimdienstes Abwehr dem deutschen Konsulat in Lemberg angehört hatte und dann Propagandist in Krakau war.Kai Struve: Deutsche Herrschaft, ukrainischer Nationalismus, antijüdische Gewalt. De Gruyter, 2015, S. 99, FN 117 und 170.
Heinrich Kurtz hat die Aufbauphase so beschrieben: „Anfang Juni 1941 meldet ich mich bei Dr. Taubert im Propagandaministerium. Dr. Taubert teilte mir mit, dass ich für eine neue Verwendung von ihm angefordert worden sei. Es handelte sich um den Aufbau der „Vineta“. Die Vineta sollte eine Propaganda-Dolmetschergruppe zur besonderen Verfügung des Propagandaministeriums werden. Zunächst existierte sie nur auf dem Papier und in der Planung. Der erste Schritt zur Aktivierung war die Anmietung des Hauses Viktoriastr. 10. Der nächste konkrete Schritt war die Auswahl von Leuten, die die Sprache und das Land folgender Staaten kannten: Estland, Lettland, Litauen, Weißruthenien, Großrussland und Ukraine. Es handelte sich hierbei meist um Leute, die erst kürzlich im Zuge der Umsiedlung aus diesen Staaten nach Deutschland zurückgekehrt waren. Sie wurden in der Viktoriastraße 10 unter Klausur genommen und die Verbindung mit der Außenwelt wurde ihnen zunächst abgeschnitten. Der Verkehr mit den Angehörigen wurde durch zensierte Briefe ohne Angabe der Tätigkeit aufrechterhalten. Bewachung des Hauses durch Kriminalbeamte."Heinrich Kurtz, Institut für Zeitgeschichte (IfZ), Zeugenschrifttum, ZS-0412, Blatt 19 ff.
Personal und Tätigkeit von Vineta Heinrich Kurtz übergab im November 1941 die Leitung der Vineta an Theodor von Radloff, einem Anhänger der niederländischen NS-Bewegung, der 1940 nach der Eroberung der Niederlande den Übersetzungsdienst beim Rundfunk in Den Haag geleitet hatte. Radloff musste wegen finanzieller Ungereimtheiten gehen und wurde 1943 durch Hans Humpf ersetzt. 1944 übernahm die Vineta schließlich der in Moskau geborene Hermann Greife.Krause: Vineta, S. 313 ff.
Mit Kriegsbeginn gegen die Sowjetunion begann Vineta zu arbeiten und die Kasernierung wurde aufgehoben. Neben Druckmedien und Filmen produzierte der Propagandadienst Rundfunksendungen in 16 Ostsprachen. Eine Aufgabe war die Aktiv-Propaganda in Rundfunksendungen zur Beeinflussung des Feindes, um etwa russische Soldaten zum Überlaufen aufzufordern. Dazu wurden die Geheimsender der sogenannten Concordia-Gruppe genutzt. Gesteuert wurden diese Sender vom Leiter der Gruppe VII (Rundfunk) in Tauberts Ostabteilung Julius Jacobi. Ihm standen zwei dieser Geheimsender zur Verfügung.Buchbender: Das tönende Erz, S. 35 und 39.
Der Sender Concordia »V«: »Alte Garde Lenins« verbreitete die „alten leninistischen Prinzipien“. Autor und Moderator der Sendungen war der Tschechoslowake Michail Wassiljewitsch Tarnowski, Mitglied der antisowjetischen Emigranten-Organisation Bund der russischen Solidaristen (NTS). Mitarbeiter waren u. a. kommunistische Renegaten wie Ernst Torgler oder Karl Iwanowitsch Albrecht.Krause: Vineta, S. 38 ff. und 43 ff.Buchbender: Das tönende Erz, S. 35.
Der zweite Geheimsender „Y“ wurde zunächst vom Estländer Alexander Birk geleitet, der 1938 aus Estland nach Deutschland gekommen war.Buchbender: Das tönende Erz, S. 36. Der Sender strahlte großrussische Zersetzungspropaganda aus. Später übernahm das NTS-Mitglied Dmitri Brunst die Sendeleitung.Igor Petrov: „Und Lenins Geist verschwand mit einem sehr seltsamen Klang“: Die Vineta-Institution und die nationalsozialistische Radiopropaganda gegen die UdSSR, Wissenschaftszeitschrift „Neprikosnovny Zapas“, Heft 8, April 2016 (Russisch).
Zu den weiteren Aufgaben der Vineta gehörte das Abhören russischer Nachrichten, die Produktion von NS-Propaganda in Flugblättern, Zeitungen usw. Auch die Betreuung der osteuropäischen Freiwilligen auf deutscher Seite mit kulturellen Angeboten war eine Aufgabe. Sie musste natürlich im Einklang mit der NS-Propaganda stehen. Für alle diese Aufgaben gab es jeweils Redaktionen in den Sprachen der Ostvölker, die auf deutscher Seite zum Einsatz kamen. 1942 verlegte die Vineta ihren Hauptsitz in die Münzstr. 12 in Berlin. Daneben bestanden mehrere Niederlassungen, denn die Personalstärke war wegen immer neuer Aufgaben ständig angewachsen. Nach außen trat die Dienststelle ab 1943 unter dem Namen Vineta - Propagandadienst Ostraum e.V. als Verein auf.Prüfungsbericht der Vineta vom 7. Mai 1943, BA R_55_1296_0100.
Im April 1943 erfolgte eine Umstrukturierung bei Vineta. Danach bestand die Dienststelle aus den Gruppen Rundfunksendungen, Aktivpropaganda, Übersetzerstäbe und Propaganda für Ostarbeiter und Kriegsgefangene. 1944 war Vineta mit steigender Bedeutung osteuropäischer Freiwilliger für das Reich dann schon auf 12 Gruppen angewachsen.Buchbender: Das tönende Erz, S. 38–39. Im Januar 1944 waren 932 Mitarbeiter bei Vineta beschäftigt, im September 1944 waren es bedingt durch den Kriegsverlauf nur noch 306.Buchbender: Das tönende Erz, S. 40.
1944 war die Vineta wegen der Bombenangriffe auf Berlin auf Dienststellen in Brandenburg verteilt worden, die Rundfunkgruppe wurde bis nach Königsberg verlegt.Krause: Vineta, S. 307 ff. Zuletzt hatte Vineta die Russische Befreiungsarmee ROA mit Propaganda versorgt. Vineta arbeitete bis Kriegsende.Krause: Vineta, S. 316.
Literatur Ortwin Buchbender: Das tönende Erz. Deutsche Propaganda gegen die Rote Armee im Zweiten Weltkrieg. Seewald, Stuttgart 1978, ISBN 3-512-00473-3. Werner H. Krause: Vineta – Die geheimste Dienststelle des Dritten Reiches. Adoria Verlag, Naunhof 2017, ISBN 978-3-944951-30-0.
Weblinks Heinrich Kurtz: Zeugenschrifttum, ZS-0412 bei Institut für Zeitgeschichte (IfZ) Online-Dateien zu Vineta Propagandadienst Ostraum e. V. im Bundesarchiv Igor Petrov: Artikel in der Wissenschaftszeitschrift „Neprikosnovny Zapas“, Heft 8, April 2016 (russisch)
Einzelnachweise
Kategorie:NS-Propaganda Kategorie:Behördengründung 1941 Kategorie:Aufgelöst 1945 Kategorie:Deutsch-Sowjetischer Krieg Kategorie:Rundfunk im Zweiten Weltkrieg Kategorie:Hörfunk (Nationalsozialismus) Kategorie:Reichsbehörde in Berlin Kategorie:Mehrsprachiges Medium Kategorie:Historische Organisation (Berlin)