Vischer & Co. war eine schweizerische Bandwarenfirma mit Sitz in Basel.Leonie Häsler: Die Seidenbandsammlung Vischer & Co. bei Archäologie und Museum Baselland. Einblick in die Firmengeschichte und Musterbücher. In: Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde. Bd. 125, 2025, S. 189–218. Sie ist 1884 aus der Firma Hans Franz Sarasin hervorgegangen, die im Jahr 1696 von Hans Franz Sarasin (1649–1719) gegründet worden war. Vischer & Co. produzierte textile Bänder. Die Firma beschäftigte Bandweberinnen und ‐weber zunächst in Heimarbeit, ab Mitte des 19. Jahrhunderts auch in mehreren zentralen Fabrikstandorten, unter anderem auch in der elsässischen Nachbarstadt Saint-Louis (F). Die Firma war bis um 1970 in der Bandfabrikation operativ. Sie war eine der ältesten und grössten Herstellerinnen in diesem Bereich in der Schweiz. Die Branche erlebte ihre Blütezeit im 18. und 19. Jahrhundert und stellte in jenen Jahrhunderten die bedeutendste Exportwirtschaft in der Region Basel dar.Walter Mangold: Die Entstehung und Entwicklung der Basler Exportindustrie mit besonderer Berücksichtigung ihres Standortes. Philographischer Verlag, Basel 1935.

Vorgängerfabrik und Übergang zu Vischer & Co. 1696 gründete Hans Franz Sarasin, ein Enkel des aus Frankreich nach Basel eingewanderten Gédéon Sarasin, die Bandfirma Hans Franz Sarasin.Paul Roth: Die Blüte der Textilindustrie in Basel. In: Beiträge zur Geschichte der Naturwissenschaften und der Technik in Basel. Hg. von Ciba aus Anlass ihres 75-jährigen Bestehens als Aktiengesellschaft, Urs-Graf-Verlag, Olten 1959, S. 139. Er liess die Bänder von Menschen ausserhalb der Stadtmauern im Verlagssystem herstellen. Auf Kunststühlen webten sie in seinem Auftrag Florettband, seidene Rundschnur, Taffetband und figuriertes Band.Emil Schaub u. a.: Geschichte der Familie Sarasin in Basel. Buchdruck Frobenius A.G., Basel 1914, Bd. 1, S. 42. Im Gegensatz zu eingängigen Webstühlen liessen sich auf Kunststühlen (‹Bändelmühlen›) 16 bis 50 Bänder in einem Arbeitsgang weben. Die Bänder verkaufte Sarasin auf Messen, etwa in Frankfurt am Main, Strasbourg, Leipzig oder Zurzach.

Sarasins fünftes Kind, das wie er Hans Franz hiess (1695–1746), übernahm 1717 die Leitung der Firma. Er bekam mit seiner Ehefrau Susanna (1697–1754), geb. Fattet, zwölf Kinder. Zwei von ihnen, Lukas und Jakob, führten die Bandfirma weiter, nachdem Grossvater, Vater und Mutter verstorben waren. Lukas Sarasin (1730–1802) machte eine Lehre zum Seidenfärber in Zürich.Staatsarchiv Basel-Landschaft: PA 6535, 01.01–02. Gesellenbrief Lukas Sarasin, 1748. 1751 wurde er Teilhaber der Bandfirma. Im Jahr 1763 begann er mit dem Bau des Reichensteinerhofs und des Wendelstörferhofs in der Grossbasler Altstadt. In den Reichensteinerhof zog er mit seiner Familie, der Wendelstörferhof war für seinen Bruder Jakob (1742–1802) und dessen Familie bestimmt. Lukas und Anna Margaretha (geb. Werthemann, 1736–1765) Sarasin-Werthemanns Tochter Anna Elisabeth (1760–1817) heiratete 1777 Peter Vischer (1751–1823). Peter Vischer stammte ebenfalls aus einer Patrizierfamilie in Basel, die während des Dreissigjährigen Krieges aus Colmar geflüchtet war.Fritz Vischer-Ehinger: Die Familie Vischer in Colmar und Basel. Birkhäuser, Basel 1933.

Als 1802 sowohl Lukas als auch Jakob Sarasin starben, übernahm Peter Vischer-Sarasin die Geschäftsführung der Bandfabrikation. 1805 verkaufte er den Wendelstörferhof (das Weisse Haus). 1884 wurde die Firma unter Karl Vischer-Merian, Peter Vischer-Burckhardt (1820–1901), Carl Vischer-VonderMühll (1841–1922) und Rudolf Vischer-Bachofen (1852–1927) von Hans Franz Sarasin in Vischer & Co. umbenannt.Fritz Vischer-Ehinger: Die Familie Vischer in Colmar und Basel. Birkhäuser, Basel 1933, S. 272–273, 280–281.

Produktionsstandorte Ein Grossteil der Bandherstellung von Vischer & Co. und deren Vorgängerfirma Hans Franz Sarasin geschah durch die Heimweberinnen und Heimweber, die sich mit dem Weben einen Zuverdienst ermöglichten. Noch im Jahr 1922 verzeichnete Vischer & Co. 293 Heimwebstühle, auf denen für die Firma Bänder hergestellt wurden.Schweizerisches Wirtschaftsarchiv: HS 271 B1: Rundschreiben bzw. Zirkulare. Rundschreiben Nr. 13/1923 des Schweizerischen Bandfabrikanten-Vereins (SSV). In den Stadthäusern von Lukas und Jakob Sarasin waren anfangs das Kontor und die Musterherstellung untergebracht. 1844 baute die Firma Hans Franz Sarasin unter Peter Vischer-Passavant (1779–1851), dem Sohn von Peter und Anna Elisabeth Vischer-Sarasin, die Fabrik in der Martinsgasse, auf der Rückseite des Reichensteinerhofs.Martin Möhle: Martinsgasse 6–14. In: Anne Nagel u. a.: Die Altstadt von Grossbasel I. Profanbauten, Die Kunstdenkmäler des Kantons Basel-Stadt VII. Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte GSK, Bern 2006, Bd. 7, S. 302. Ein Jahr später trat der Sohn, Peter Vischer-Burckhardt (1820–1901), in die Firma ein.Fritz Vischer-Ehinger: Die Familie Vischer in Colmar und Basel. Birkhäuser, Basel 1933, S. 195. 1860 expandierte sie und nahm eine grosse Fabrik mit drei Hochbauten im rechtsrheinischen Kleinbasel zwischen Klingentalstrasse, Claragraben und Sperrstrasse in Betrieb.Staatsarchiv Basel-Landschaft: PA 6535, 01.06.03-01. Fabrik Sperrstrasse Situationsplan, 1860. Später wurden auf dem Gelände noch zwei Shedhallen gebaut. Die Webstühle in der Fabrik wurden zunächst dampfbetrieben. Eine weitere Fabrik entstand 1872 im grenznahen, elsässischen Saint-Louis.Carl Burckhardt-Sarasin: Aus der Geschichte der Basler Seidenbandindustrie. Verlag nicht ermittelbar, Basel 1947, S. 76. Daneben besass Hans Franz Sarasin bzw. Vischer & Co. mehrere Vorwerkbetriebe, u. a. in Binningen und in Büsserach.

Bandherstellung und Bandverwendung Während die Heimweberinnen und Heimweber vor allem Bänder in Uni-, Streifen- und Karomuster in Leinwand- oder Atlasbindung herstellten, wurden in der Fabrik von Vischer & Co. aufwendiger gemusterte und bedruckte Bänder, z. B. auf Jacquardbandwebstühlen, produziert.Leonie Häsler: Die Seidenbandsammlung Vischer & Co. bei Archäologie und Museum Baselland. Einblick in die Firmengeschichte und Musterbücher. In: Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde. Bd. 125, 2025, S. 197. Über das Warenrepertoire, Stoffqualitäten, Muster und Farben geben rund 1040 Musterhefte und -bücher sowie circa 4000 Bandmuster aus dem Firmennachlass Auskunft. Bis in die 1920er-Jahre waren die Bänder vor allem aus reiner Seide, dann kamen Bänder aus Kunstseide, ab den 1940er-Jahren auch aus Synthetikfasern hinzu.

Seidenbänder wurden vor allem in der Frauenkleidung des 18. und 19. Jahrhunderts verwendet. Vielfach zierten sie Hüte, Kleider, Unterwäsche und Accessoires. Einen kleineren Bereich machten militärische Bänder, Blumenbänder und Funktionsbänder aus. Auch auf ländlicher Kleidung und Trachten wurden Bänder verwendet. Dies erklärt die grosse Nachfrage an Bändern.

Ende der Bandfabrikation Eine Vereinfachung der Frauenkleidung nach dem Ersten Weltkrieg gilt als Hauptursache dafür, dass die Basler Bandindustrie und mit ihr Vischer & Co. zunehmend an Bedeutung verlor. Hinzu kamen Schutzzölle der Hauptabnehmerländer Deutschland und USA.Fritz Grieder: Glanz und Niedergang der Baselbieter Heimposamenterei im 19. und 20. Jahrhundert. Ein Beitrag zur wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und politischen Geschichte von Baselland. Kantonale Schul- u. Büromaterialverwaltung Liestal 1985, S. 153. Noch bis in die 1960er-Jahre hinein produzierte Vischer & Co. Bänder. In den 1960er-Jahren werden erste Pläne für die Überbauung des ca. 22'750 Quadratmeter grossen Fabrikareals in Kleinbasel publik.National Zeitung, 6. Dezember 1963: Ein neues Hochhaus im Kleinbasel. StABS TOPO 1/339-1. In den 1970er-Jahren entstehen zwei markante Wohnhochhäuser. Im Jahr 2022 erwarb der Kanton Basel-Stadt das ehemalige Kleinbasler Fabrikareal von der ehemaligen Bandfabrikantenfamilie Vischer. Heute stehen auf dem Areal zwei Hochhäuser. Bis 2021 lagerte dort der Firmennachlass der Bandfabrik.

Die Sammlung Vischer & Co. bei Archäologie und Museum Baselland mini|Aus einem Musterbuch der Seidenbandfabrik Vischer 2022 wurde der Firmennachlass von Vischer & Co. mit Bezug zur Bandfabrikation an den Kanton Basel-Landschaft übergeben. Der Nachlass besteht aus einem fragmentarischen Firmenarchiv, Bandmustern, Musterbüchern und diversen kleineren Objekten. Das Aktenarchiv von circa 3,7 Laufmetern, darunter Dutzende Bauzeichnungen und Grundrisse der Firmenstandorte, lagern im Staatsarchiv Basel-Landschaft. Die Textilien, Musterbücher und Objekte werden von Archäologie und Museum Baselland betreut. Die Inventarisierung des gesamten Firmennachlasses geschah durch den Verein Textilpiazza Kultur. Die Geschichte der Seidenbandproduktion im Raum Basel wird in der Dauerausstellung ‹Seidenband. Kapital, Kunst & Krise› im Museum.BL in Liestal gezeigt. Dort steht auch ein noch funktionierender Bandwebstuhl. Im Rahmen der kulturellen Grundversorgung des Kantons beschäftigt sich das Wissenssicherungsprojekt ‹Seidenband jetzt!› von Archäologie und Museum Baselland seit August 2025 mit der traditionsreichen Wirtschafts- und Sozialgeschichte, erforscht die Seidenbandsammlungen und stellt sicher, dass dieses Kulturerbe für kommende Generationen bewahrt bleibt.

Weblinks Sammlungen Museum.BL

Einzelnachweise

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