mini|Eine junge Frau einem Ungeheuer zu opfern, ist eines der ältesten Motive der Erzählung und Literatur. Die Szene der Mädchenopferung hat Parallelen zu jener der Opferung der griechischen Prinzessin Andromeda. Bild: Andromeda von Arthur Hill, 1876. Der König und die Gazelle ist eine Geschichte aus Hundertundeine Nacht (→ Hundertundeine Nacht – Liste der Geschichten, HEN 37), dem kleinen Schwesterwerk von Tausendundeine Nacht (→ Tausendundeine Nacht – Liste der Geschichten).
Auf der Jagd trifft ein König auf eine Gazelle, die sich als eine schöne Frau herausstellt. Ihre Geschichte führt zu einem Dämon, der junge Frauen raubt.
Handlung Einst ritt ein König mit seinen Wesiren zur Jagd in der Wüste aus. Da sprang plötzlich anmutige Gazelle vor ihnen auf. Sie trug ein Perlenhalsband um den Nacken, Goldkettchen an den Füßen und um die Schenkel silberne Fußreifen. Auf ihrem Rücken lag ein Kleid aus grünem Brokat. Der König war verwundert und befahl seinen Wesiren, das Tier nicht entkommen zu lassen. So ließen sie ihre Hunde und Falken los und begannen das Tier zu hetzen, doch die Gazelle ließ sich nicht fangen, konnte ihre Verfolger jedoch nicht abschütteln. Als der Tag sich dem Ende neigte, führte die Gazelle sie auf eine große Wiese, die reich an Bäumen und Früchten war und wo Kamele, Schafe, Rinder und Ziegen grasten. In der Mitte der Wiese stand sein gewaltiges, prächtiges Schloss. Der König und seine Wesire waren sehr erstaunt, als ihnen schließlich ein junger Mann auf einem edlen Pferd aus dem Schlosstor entgegenritt. Sobald die Gazelle ihn sah, sprang sie um ihn herum und er führte sie liebevoll ins Schloss.
Der König und seine Wesire baten um Einlass im Schloss und sie trafen auf den jungen Schlossherrn. Von der Gazelle war keine Spur zu sehen. Der König bat den jungen Mann, ihm das Tier zu verkaufen, der ihm daraufhin erklärte, dass die Gazelle seine Frau sei. Der König konnte dies nicht glauben, doch holte der Mann die Gazelle, die sich auf seinen Befehl hin in eine wunderschöne Frau verwandelte. Der König war verwundert und bat erneut darum, sie kaufen zu dürfen. Der Mann lehnte ab und fragte, wie er seine Frau verkaufen könne, mit der er doch zwei Kinder habe. Stattdessen begann er von ihrer Geschichte zu erzählen.
Der Schlossherr stammte aus Damaskus und war von seinem Vater und einem klugen Lehrer zu einem Wissenschaftler ausgebildet worden. Der Lehrer hatte ihm zum Abschluss seiner Ausbildung ein Amulett gegeben, dass ihn vor Menschen, den Dschinn und Teufeln schützen sollte. Bald darauf starb der Lehrer, der Junge aber wurde zum Mann und heiratete seine Cousine. Eines Tages bekam der junge Mann Besuch von einem Ritter aus Basra und ihm bis zu seiner Abreise so viel über die Stadt erzählte, dass der junge Mann und seine Frau den Wunsch verspürten, nach Basra zu ziehen. Sie verkauften all ihren Besitz und machten sich auf den Weg. Dort trafen sie auch den Ritter wieder, der in einem prächtigen Palast lebte und sie als Gäste aufnahm. Nach zwei Monaten erkrankte er jedoch. Kurz vor seinem Tod vermachte er seinem Freund, dem Ehemann, seinen halben Besitz.
Von dem Geld kaufte der Mann ein Schiff und er und seine Frau reisten nach Indien, bis ihnen das Trinkwasser zur Neige ging, und sie an einer Insel anlegten, um ihren Vorrat aufzufüllen. Der Kapitän riet davon ab, da auf der Insel ein Ifrit lebte, ein Dschinn. Kaum hatten der Mann die Insel jedoch betreten, wurde er von dem fliegenden Ifrit angegriffen. Das Amulett schützte ihn vor dem Angriff, doch er fiel in Ohnmacht. Der Ifrit aber raubte von dem Schiff seine Ehefrau und flog mit ihr davon. Nun machten sie sich auf zu jener anderen Insel, wo der Ifrit sich oft hin zurückzog. Die Insel war von Menschen bewohnt. Die Bewohner erzählten, dass der Ifrit sie Jahr für Jahr heimsuchte und sie ihm ein Mädchen als Opfer darbringen mussten. Opferten sie nicht, stieß der Ifrit einen schrecklichen Schrei aus, durch den alle schwangeren Frauen augenblicklich die Frucht ihres Leibes ausstießen. Ebenso verdürbe er ihre Ernte und verbrenne die Bäume. Welches Mädchen der Ifrit für sich auswählte, erkannten sie daran, dass er einen Wind ausstieß, der alle Gesichter der Menschen, außer die des auserwählten Mädchens erbleichen ließ, während das ihre errötete.
Nun war es Zeit, dass der Ifrit wieder ein Mädchen holen kommen sollte; wobei er diesmal die Tochter des Königs ausgewählt hatte. Das Mädchen wurde ins Hammam gebracht, zurechtgemacht und dann in eine Höhle gebracht, wo sie mit Essen und Trinken versorgt wurde, wo der Ifrit sie holen kommen sollte. Nun verbarg sich der junge Mann bewaffnet in der Höhle bei dem Mädchen. Als der Ifrit erschien, versetzte er ihn mit dem Schwert einen Hieb und trieb ihn zur Flucht und blieb bei dem verängstigten Mädchen. Am nächsten Morgen kamen die Menschen wieder und der König konnte kaum glauben, seine Tochter lebendig vorzufinden. Der König wollte dem jungen Mann seine Tochter zur Frau geben, doch dieser wollte nur seine Cousine und Ehefrau finden.
Die Menschen zeigten dem jungen Mann den Eingang zu einem verborgenen Tal, in das sich der Ifrit zurückzog. Dort erhob sich ein prächtiges Schloss; am Schlosstor saß eine alte Frau, den Schlüssel in der Hand. Aus dem Schloss kam eine Frau schön wie der Vollmond, die sich als die Schwester des Ifrits vorstellte. Diese hasste ihren Bruder und wollte dem Mann helfen, ihn zu töten – als Gegenleistung solle er sie heiraten. Der Mann erwiderte, dass er dies tun könne, wenn seine Cousine einverstanden sei. Diese kam nun ebenfalls aus dem Schloss, umarmte ihren Mann und stimmte ebenso zu, dass die Schwester des Ifrits seine Zweitfrau werden dürfe. Die Schwester führte ihn ins Innere des Schlosses, wo der junge Mann einhundert Mädchen vorfand, die der Ifrit geraubt hatte. Als der Ifrit schlief, führte seine Schwester den Mann herein, gab ihm ein Schwert und der Mann schnitt dem Ifrit die Kehle durch.
Nachdem der Ifrit tot war, kehrten der Mann, seine Frau, die Schwester des Ifrit und alle Mädchen zurück zu ihren Familien. Der König war so glücklich, dass er wieder seine Tochter dem Mann zur Ehe anbot und diesmal lehnte er nicht ab. Er hatte nun drei Ehefrauen: seine Cousine, die Königstochter und die Schwester des Ifrits. Nachdem der König gestorben war, erbte der junge Mann sein Reich, übertrug die Herrschaft jedoch bald einem anderen und kehrte mit seinen drei Frauen in seine Heimat zurück. Allerdings starben bald darauf sowohl seine Cousine, als auch die Königstochter.
Daraufhin zog der junge Mann mit seiner letzten Ehefrau, der Schwester des Ifrit, auf die Wiese und baute dort das Schloss, wo ihn nun der König und seine Wesire gefunden hatten. Die Schwester des Ifrit konnte jegliche Gestalt annehmen, darunter auch die Gestalt der Gazelle, in der der König sie gesehen hatte. Sie lebte innigst vertraut mit ihrem Mann und gebar ihm zwei Söhne. Damit beendete der junge Mann seine Geschichte.
Der König und seine Wesire verließen ihn am nächsten Morgen, besuchten ihn und seine Frau jedoch jedes Jahr.
Hintergrund Die Geschichte spielt in der 95. bis 100. Nacht von Hundertundeine Nacht.Claudia Ott: 101 Nacht, Manesse Verlag, Zürich 2012, S. 221–232.
Für ihre Übersetzung griff die deutsche Arabistin Claudia Ott auf das Aga-Khan-Manuskript aus dem Jahr 1234 zurück, es ist die älteste erhaltene Handschrift der Geschichten aus Hundertundeine Nacht.Claudia Ott: 101 Nacht, Manesse Verlag, Zürich 2012, S. 241.
Literatur
Claudia Ott: 101 Nacht, Manesse Verlag, Zürich 2012, S. 221–232.
Einzelnachweise
Kategorie:Hundertundeine Nacht Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Literatur (Arabisch) Kategorie:Vergewaltigung in der Literatur