mini|Sternstraße und Sternplatz (2019)

Die Geschichte der Stadt Bethlehem beginnt mit der Nekropole Chalet al-Dschamʾa, die von der mittleren Bronzezeit bis in die Eisenzeit genutzt wurde. Im eisenzeitlichen Bethlehem war der Hebräischen Bibel zufolge die Familie des Königs David ansässig.

Bethlehem (), eine Kleinstadt in den Palästinensischen Autonomiegebieten und Hauptstadt des Gouvernements Bethlehem, ist als Geburtsort Jesu Christi seit der Spätantike nach Jerusalem das wichtigste christliche Pilgerziel. In der Geburtskirche wurden in der Kreuzfahrerzeit Herrscher des Königreichs Jerusalem gekrönt. Franziskaner („Lateiner“) und griechisch-orthodoxe Mönche stritten im Osmanischen Reich um die Nutzungsrechte an der Geburtskirche. Auch armenische Mönche feiern in dieser Kirche ihre Liturgie. Diese drei Gemeinschaften haben ihre Klöster in Nachbarschaft der Kirche.

Die Bevölkerung Bethlehems war Anfang des 17. Jahrhunderts griechisch-orthodox; durch franziskanische Mission unter den Orthodoxen entstand seitdem eine römisch-katholische Ortsgemeinde, die im späten 19. Jahrhundert größer war als die griechisch-orthodoxe. Eine muslimische Minderheit lebte in Bethlehem seit etwa 1750.

Perlmutt-Einlegearbeiten Bethlehemer Kunsthandwerker wurden im 19. Jahrhundert international vermarktet; der damit erzielte Gewinn trug zum Entstehen einer christlichen Oberschicht bei. Um 1900 erbaute Villen zeigen den durch Handel und Grundbesitz erworbenen Reichtum ihrer Besitzer. Viele Familien wanderten nach Übersee aus, hielten aber Kontakte nach Bethlehem.

Seit etwa 1840 hatten europäische Staaten und Kirchen größere Betätigungsmöglichkeiten in Palästina. Neben Schulen entstanden in Bethlehem Ende des 19. Jahrhunderts repräsentative Kirchen für Katholiken und Lutheraner und als karitatives Großprojekt des preußischen evangelischen Jerusalemsvereins das Armenische Waisenhaus. Das Schulgebäude der katholischen La-Salle-Brüder dient seit 1973 der Universität Bethlehem.

Seit dem 1995 abgeschlossenen Interimsabkommen über das Westjordanland und den Gazastreifen (Oslo II) bildet Bethlehem zusammen mit den Nachbarstädten Bait Dschala und Bait Sahur, drei Flüchtlingslagern und mehreren Dörfern eine Zone-A-Enklave, die der Palästinensischen Autonomiebehörde untersteht. Seit Errichtung der israelischen Sperranlage (2002), die im Norden von Bethlehem als Stahlbetonmauer ausgeführt wurde, sind die jahrhundertelang für Bethlehems Stadtgeschichte prägenden Verbindungen nach Jerusalem sehr stark eingeschränkt.

Im Jahr 2012 wurde die Geburtsstätte Jesu Christi: Geburtskirche und Pilgerweg, Bethlehem als UNESCO-Welterbe eingetragen.

Topographie mini|Altstadt von Bethlehem (1937)

Bethlehem liegt etwa 10 km südlich von Jerusalem östlich der überregionalen Nord-Süd-Verbindung von Jerusalem nach Hebron und somit etwas abseits historischer Verkehrswege. In diesem durch Regenfälle recht fruchtbaren Gebiet werden seit altersher Getreide, Oliven, Feigen und Wein angebaut. Die Stadt wurde auf einem halbmondförmigen Höhenrücken erbaut, der etwa 1000 m lang und maximal 300 m breit ist. Der höchste Punkt, el-Baten, liegt im Westen auf etwa 830 m; dann folgt ein Sattel von etwa 750 m, jenseits davon steigt der Höhenrücken im Osten wieder etwas an. Besonders im Süden, aber auch im Osten und Norden sind die Hänge recht steil. Bethlehem besitzt keine Quelle. Die Bethlehemer waren daher für ihre Wasserversorgung jahrhundertelang auf Zisternen angewiesen.Othmar Keel, Max Küchler: Orte und Landschaften der Bibel, Göttingen und Zürich 1982, S. 611. Am nördlichen Stadtrand, rās al-ftēs, befinden sich große Zisternen, die als „Davidsbrunnen“ bezeichnet werden. Die Geburtskirche im Südosten von Bethlehem ist von drei Klosteranlagen umgeben: im Norden das Franziskanerkloster, im Süden die Klöster der Armenier und der Griechen.Paul Palmer: Das jetzige Bethlehem, 1894, S. 89.

mini|Stadtviertel von Bethlehem (1912)

Im ausgehenden 19. Jahrhundert hatte Bethlehem acht Stadtviertel:Paul Palmer: Das jetzige Bethlehem, 1894, S. 94. ʿAntari-Viertel (ḥārat al-ʿanātera) südlich der Geburtskirche; Qawāwseh- oder Schützenviertel (ḥārat al-ḳawāwsi) südlich des Krippenplatzes; Nadschādschreh- oder Schreinerviertel (ḥārat an-naǧāǧri) westlich des Krippenplatzes; Taradschmeh- oder Dolmetscherviertel (ḥārat at-taraǧme) nördlich des Krippenplatzes; Rijādīje-Viertel (ḥārat ar-rijādīje); Farahīje-Viertel (ḥārat al-faraḥīje) nordwestlich des Krippenplatzes und entlang der alten Sternstraße; Viertel der Leute aus Faghur (ḥārat al-fawāghre); Herēzat-Viertel (ḥārat al-ḥerēzāt) nördlich des Krippenplatzes.

Weniger als 2 km nördlich des Stadtzentrums von Bethlehem befindet sich an der Straße nach Jerusalem das Rahelgrab, ein Bauwerk des 18. Jahrhunderts im Stil eines muslimischen Heiligengrabes (Wālī); hier oder in der Nähe wurde bereits im Altertum und dann wieder seit der Kreuzfahrerzeit das in und erwähnte Grab der Erzmutter Rahel verehrt.Moshe Sharon: Bethlehem, Leiden / Boston 1999, S. 177.

Bethlehem im Altertum „Die starke moderne Überbauung und die Tradition des Geburtsortes Jesu hat dazu geführt, dass ältere Spuren kaum noch sichtbar oder auffindbar sind.“Ulrich Hofeditz: Die Ortslagen des judäischen Berglandes und des nördlichen Negev von der späten Eisenzeit bis zum Hellenismus (= Ägypten und Altes Testament. Band 104). Zaphon, Münster 2020, S. 284.

Bronze- und Eisenzeit Südlich des Stadtzentrums von Bethlehem liegen in einem Radius von 1,5 km vier archäologisch untersuchte Nekropolen: Chalet al-Dschamʾa, Dschebel Dhaher, Bardhaa und el-Atan. Die lange Belegungszeit (etwa 2200 bis 650 v. Chr.) und die Zahl der Bestattungen (mindestens hundert Schachtgräber) deuten darauf hin, dass Chalet al-Dschamʾa die Nekropole einer regional bedeutenden, vermutlich städtischen Siedlung war, die von der Mittelbronzezeit bis in die Eisenzeit bestand, möglicherweise mit einer Siedlungslücke in der Spätbronzezeit.Lorenzo Nigro: Bethlehem in the Bronze and Iron Ages in the light of recent discoveries by the Palestinian MOTA-DACH, 2015, S. 5. Die Lage dieser Vorgängersiedlung von Bethlehem ist archäologisch nicht nachgewiesen, wahrscheinlich aber der höchste Punkt des halbmondförmigen Höhenrückens, auf dem das moderne Bethlehem liegt, da die steilen Flanken dieses Hügels eine strategisch vorteilhafte Situation schufen.Lorenzo Nigro: Bethlehem in the Bronze and Iron Ages in the light of recent discoveries by the Palestinian MOTA-DACH, 2015, S. 6.

Das eisenzeitliche Bethlehem ist der Schauplatz der biblischen Ruth- und David-Erzählungen. Wenn man sie als historisch belastbar ansieht, kann man ihnen entnehmen, dass Bethlehem eine Stadtmauer besaß und beim Stadttor ein Brunnen oder eine Zisterne vorhanden war.Michael Avi-Yonah: Bethlehem, History and Identification. In: NEAEHL, Band 1, Jerusalem 1993, S. 204.

Archäologische Befunde ergeben folgendes Bild des eisenzeitlichen Bethlehem: Nicht nur in der Nekropole von Chalet al-Dschamʾa, sondern auch an weiteren Fundorten südlich, westlich und nördlich des modernen Stadtzentrums wurden in den Fels gehauene Grabkammern mit Bänken und Ossuaren ähnlich zeitgenössischen Jerusalemer Grabanlagen festgestellt. Zu den Grabbeigaben gehören Keramik, Schmuck, Waffen sowie Salbgefäße aus Calcit.Lorenzo Nigro: Bethlehem in the Bronze and Iron Ages in the light of recent discoveries by the Palestinian MOTA-DACH, 2015, S. 7 f. Bei der Ausgrabung dreier Zisternen im Norden der Stadt (der sogenannten Davidsbrunnen) wurden 1968, allerdings ohne ihren archäologischen Kontext, Fragmente von zwei „Kragenrand-Krügen“ (collared rim jars) gefunden, die für die Eisenzeit charakteristisch sind.Lorenzo Nigro: Bethlehem in the Bronze and Iron Ages in the light of recent discoveries by the Palestinian MOTA-DACH, 2015, S. 7.

Auf dem Jerusalemer Antikenmarkt tauchten 1953/1954 drei westsemitisch beschriftete und mehrere unbeschriftete bronzene Speer- oder Pfeilspitzen auf, die von Józef T. Milik, Frank M. Cross und Gerald Lankester Harding erworben wurden. Milik und Cross hielten die Provenienz für gesichert: die Objekte gehörten demnach zu einem Hort von 26 Speer- und Pfeilspitzen, den ein Fellache im Dorf el-Chadr, 5 km westlich von Bethlehem, gefunden hatte.Józef T. Milik, Frank M. Cross: Inscribed Javelin-Heads from the Period of the Judges: A Recent Discovery in Palestine. In: Bulletin of the American Schools of Oriental Research, Nr. 134, 1954, S. 5–15, hier S. 5. Israel Finkelstein und Benjamin Sass dagegen betonen, dass wegen der Herkunft aus dem Antikenmarkt Fundort und -kontext unbekannt sind.Israel Finkelstein, Benjamin Sass: The West Semitic Alphabetic Inscriptions, Late Bronze II to Iron IIA: Archeological Context, Distribution and Chronology. In: Hebrew Bible and Ancient Israel. Band 2, 2013, S. 149–220, hier S. 163; vgl. für eine sehr spekulative Interpretation Benjamin Mazar: The Military Élite of King David. In: Vetus Testamentum. Band 13, 1963, S. 310–320, hier S. 315: “The El-Khadr arrows may very well have belonged to King David’s bowmen.”

Im Auftrag des Stabsoffiziers von Judäa und Samaria führte ein Team um Uri Dinur 1985 eine Rettungsgrabung nahe Bait Sahur durch, bei der eine Wohnhöhle untersucht wurde, die ausweislich der Keramik von der Kupfersteinzeit bis in die Eisenzeit II genutzt und dann mit Schutt gefüllt wurde. Zum Fundspektrum dieser Höhle gehörten Tierknochen, Mahlsteine, ein kleiner Mörser aus Kalkstein, eine Feuersteinklinge und eine kleine Knochenplatte. In Nachbarschaft der mittlerweile aufgegebenen Wohnhöhle wurde in herodianischer Zeit ein Grab mit sechs Kokhim angelegt, das zwar geplündert worden war, von dessen Ausstattung aber zerbrochene Kochtöpfe, Kosmetikkännchen, Reste eines steinernen Ossuars, Glas- und Metallreste gefunden wurden. Auf einem terrassierten und landwirtschaftlich genutzten Gelände von 50 Dunam führte Dinurs Team außerdem einen Survey durch. Er ergab, so Dinur, dass Bethlehem „in der Zeit der Patriarchen und der Zeit der Landnahme (patriarchal and settlement periods) auf den Abhang des Osthügels beschränkt war und sich erst in der späteren Eisenzeit auf die Hügelkuppe ausdehnte.“Uri Dinur: Bethlehem. In: Excavations and Surveys in Israel. Band 5, 1986, S. 15 f.

Römische Kaiserzeit