mini|ZarinaZarina Hashmi, genannt Zarina (, ; * 16. Juli 1937 in Aligarh; † 25. April 2020 in London) war eine in Indien geborene amerikanische Künstlerin. Sie erlangte internationale Bekanntheit durch ihre Holzschnitte und Tiefdruckgrafiken.

Leben Zarina wurde 1937 als jüngstes von fünf Kindern in Aligarh, einem kleinen Ort in der Nähe von Neu-Delhi, geboren. Ihr Vater, Sheikh Abdur Rashid, lehrte als Professor für Geschichte an der Aligarh Muslim University.

Zarina wuchs in einem traditionell muslimischen Haushalt auf. Dieses Leben fand mit der Teilung Indiens im Jahre 1947 und den gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Hindus ein jähes Ende. Aus Sicherheitsgründen schickte ihr Vater die Familie Anfang der 1950er Jahre nach Karatschi im neu gegründeten Pakistan. Die Erfahrung der Flucht in ein Flüchtlingslager und der Anblick von auf den Straßen zurückgelassenen Leichen prägten Zarina nachhaltig.

Zarina kehrte nach Aligarh zurück und erwarb dort 1958 einen Bachelor-Abschluss in Mathematik und Statistik. Inspiriert vor allem durch ihr Interesse an der Mogul-Architektur, wollte Zarina ursprünglich Architektin werden.

Mit 21 Jahren ging Zarina eine arrangierte Ehe mit dem Diplomaten Saad Hashmi ein, wodurch ein Leben ständiger Reisen begann. 1958 wurden ihr Mann nach Bangkok versetzt, wo sich ihr Interesse für die Druckgrafik entwickelte. 1963 führte eine weitere diplomatische Station nach einem Zwischenaufenthalt in Neu-Delhi nach Paris. Dort studierte sie von 1964 bis 1967 Intaglio im Atelier 17 bei Stanley William Hayter und setzte sich intensiv mit dem europäischen Modernismus und der Abstraktion auseinander. Während der vier Jahre in Paris entfremdete sich das Paar zunehmend. Nach der Rückkehr nach Neu-Delhi lebte und reiste Zarina weitgehend eigenständig. 1974 reiste sie nach Japan, ursprünglich für zwei Wochen, blieb jedoch ein Jahr, um mit einem Stipendium der Japan Foundation bei Yoshida Tōshi in Tokio die Technik des Holzschnitts zu studieren. Zarina verbrachte zudem Zeit in Bonn, Los Angeles und Santa Cruz.

Als 1977 ihr Mann starb, zog Zarina nach New York. Dort unterrichtete sie am neu gegründeten New York Feminist Art Institute und trat der Heresies Collective bei, einer Gruppe feministischer Künstlerinnen, die in ihrer Publikation die Schnittstellen von Kunst, Politik und sozialer Gerechtigkeit untersuchten. Zudem unterrichtete sie an der Cornell University in Ithaca (New York) sowie an der New York University. Zarina lebte und arbeitete bis zu ihrem Tod in New York. Nach langer Krankheit starb sie in London an der Alzheimer-Krankheit.

Werk Zarina legte großen Wert auf das Material und seine Bearbeitung, die integraler Bestandteil ihrer Bildsprache sind. Sie arbeitete in verschiedenen Techniken, darunter Tiefdruck, Holzschnitt, Lithografie und Siebdruck, wobei viele Werke als Serien von Druckgrafiken zu verbundenen Themen entstanden. Zarina setzt hauptsächlich Papier ein, das sie als „zweite Haut“ betrachtet, die „atmet, altert, befleckt, durchstochen oder geformt werden kann.“ In einem Interview mit Uma Nair im Jahre 2007 begründet sie die Wahl ihres bevorzugten Materials so:

Zarina verwendet Papier in Holzschnitten, Radierungen, Zeichnungen, Abreibungen sowie als Pappmaché. Neben der klassischen Papierdrucktechnik erforschte Zarina die materiellen Möglichkeiten des Papiers, deren vielfältige gestalterische Möglichkeiten die Künstlerin intensiv erforscht, indem sie es durchstach, webte, ritzt oder nähte. Darüber hinaus schuf sie Skulpturen aus Materialien wie Bronze, Aluminium, Stahl, Holz oder Zinn.

Ihr frühes Interesse an Architektur und Mathematik spiegelt sich in der Verwendung geometrischer Formen und in der Betonung präziser Strukturen wider. Ihre minimalistisch-abstrakten Kompositionen greifen Themen wie Heimat, Vertreibung, Grenzen, Flüchtlinge und Erinnerung auf. Teilung, Migration und der Verlust von Heimat sind wiederkehrende Themen. Besonders das Motiv „Heimat“ zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Werk.

Zarinas Interesse an der räumlichen Gestaltung gebauter Umgebungen prägt einen großen Teil ihres Werks: Darstellungen von Mauern, Zäunen, Grundrissen und Jalis - durchbrochenen Ornamentgittern - sind häufig. Die archetypische Hausform erscheint als wiederkehrendes Motiv und ist für ihre persönliche Bildsprache ebenso grundlegend wie die Linie, die sie zur Darstellung von Bewegung und Grenze einsetzt.

Viele ihrer Werke verbinden halb abstrakte Darstellungen von Häusern und Städten, in denen sie gelebt hatte, mit eingravierten oder geschriebenen Inschriften ihrer Muttersprache Urdu, die vor allem von muslimischen Südasiaten gesprochen wird.

Home Is a Foreign Place (1999) Bei diesem berühmtesten von Zarinas Werken handelt es sich um ein Portfolio aus 36 Holzschnitten, angeordnet in sechs Reihen, in dem sie reduzierte Bildmotive mit Urdu-Wörtern verbindet. Das Zuhause erscheint als fließender, abstrakter Raum, der über physische Orte hinausgeht. Auf diese Weise entsteht ein bildhaftes Glossar persönlicher Orte und Zustände, der von architektonischen Räumen bis hin zu atmosphärischen und emotionalen Situationen reicht. Jedes Blatt stellt eine Abstraktion einer Erinnerung oder eines Raums ihres Elternhauses dar.

Die in der Sammlung des Museum of Modern Art in New York enthaltenen Blätter des Werkzyklus tragen die folgenden Titel: 1. Home, 2. Threshold, 3. Door, 4. Entrance, 5. Courtyard, 6. Wall, 7. Sky, 8. Earth, 9. Sun, 10. Moon, 11. Stars, 12. Axis, 13. Morning, 14. Dawn, 15. Dew, 16. Afternoon, 17. Stillness, 18. Hot-Breeze, 19. Evening, 20. Shadows, 21. Clouds, 22. Dust Storm, 23. Rain, 24. Fragrance, 25. Night, 26. Darkness, 27. Despair, 28. Country, 29. Dust, 30. Language, 31. Journey, 32. Road, 33. Destination, 34. Distance, 35. Time, 36. Border

Dividing Line (2001) Bei diesem Werk handelt es sich um einen Holzschnitt, der sich auf die Geschichte der Teilung des indischen Subkontinents im August 1947 bezieht, aus der unter anderem Pakistan hervorging. Die darin abstrakt dargestellte indo-pakistanische Grenze liefert einen Beitrag zur Darstellung und zum Verständnis dieses historischen Ereignisses. Durch die Abstraktion macht das Werk die Spannungen und Widersprüche sichtbar, die in den konkurrierenden Erzählungen über die Partition bestehen - darüber, was sie bedeutete und wie sie historisch erzählt, dokumentiert und interpretiert wird. Zarina eröffnet damit einen Dialog zwischen Geschichte und Erinnerung, durch den feste Interpretationen der Partition hinterfragt und aufgebrochen werden können.

Weitere Werke (Auswahl)

1968: Kiss, Holzschnitt 1968: A Sigh, Holzschnitt 1968: Untitled, Holzschnitt auf Papier, National Gallery of Art, Washington, D.C. 1969: Untitled, Holzschnitt auf Papier

1969: Wall, Collagrafie, Whitney Museum of American Art 1970: Cage, Collagrafie, Whitney Museum of American Art 1971: Untitled, Reliefdruck, Museum of Modern Art, New York 1974: Untitled, Reliefdruck, Museum of Modern Art, New York 1975: Spool, Reliefdruck 1976: Fence, Papier 1977: Untitled, Papier 1978: Untitled, Papier 1979: Untitled, gelochtes Papier, Museum of Modern Art, New York 1979: Untitled, Zeichnung auf Papier, Menil Collection, Houston 1979: Untitled (Burnt Sienna/Circles), Papier 1979: Untitled (Graphite), Papier 1979: Wall, Papier 1979–2009: Coin, Papier und Blattgold 1979–2009: Wall III, Papier und Blattgold 1980: Corners, Papier 1980: Pools (Graphite), Papier 1980: Pools (Red), Papier 1980: Pool 2, Papier 1980: Spaces to Hide, Papier 1981: Homecoming 1981: Steps, Papier 1981: Untitled 63-ZH, Papier 1982: Lotus, Papier 1982: Roofs, Papier 1982: Seed, Papier 1982: Untitled 62-ZH, Papier 1983: Shelter, Papier 1984: Ghar, Papier 1984: Night Fall, Papier 1984: Twisted House, Papier 1986: For Abba, Radierung mit Chine-Collé

1987: Flight Log, Skulptur 1987: Home Town, Chine-Collé, Museum of Modern Art, New York 1988: Marrakesh, Papier 1989: Phool, Papier 1989: Untitled, Papier 1991: I Went on a Journey III, Bronzeskulptur (Miniaturhaus auf Rädern) 1994: Atlas of My World 1994: Crawling House, Papier 1994: Father’s House 1898-1994 1997: First Home: Bangkok 1958 – 1961, National Gallery of Art, Washington, D.C.

1997: Homes I Made / A Life in Nine Lines, 1958 – 1998, National Gallery of Art, Washington, D.C. 1997: Planted a garden of Roses from Aligarh: New Delhi 1961- 1963, National Gallery of Art, Washington, D.C. 1997: Watched the Seine flow by and waited for him to come home: Paris 1963- 1967, National Gallery of Art, Washington, D.C. 1997: A room of my own: New Delhi 1968-1974, National Gallery of Art, Washington, D.C. 1997: An uncertain time: Bonn 1971 – 1972, National Gallery of Art, Washington, D.C. 1997: A room of four and a half Tatami: Tokyo 1974, National Gallery of Art, Washington, D.C. 1997: Edge of temporariness: Los Angeles 1975-1976, National Gallery of Art, Washington, D.C. 1997: A space to hide forever: New York 1976-, National Gallery of Art, Washington, D.C. 1997: A horizontal blue line: Santa Cruz 1992- 1997, National Gallery of Art, Washington, D.C. 1997: Title Page, National Gallery of Art, Washington, D.C. 1999: Displaced People/Displaced Homes, gestapelte und geschnittene Drucke und Kordel 1999: Duststorm, Holzschnitt und Papier 2000: Delhi, Serie von 3 Holzschnitten mit schwarzer Tinte, Papier und Pappe, die Karten der Stadt Delhi zeigen

2001: Remains of the City, Holzschnitt, Whitney Museum of American Art 2003: These cities blotted into the wilderness, Serie von 9 Holzschnitten 2004: Letters from Home, Serie von Holzschnitten, in der Zarina Briefe ihrer Schwester Rani verwendete, die diese ihr aus Pakistan schickte. 2006: Shadow House, Papier 2008: few steps in the land of Confucius, Abrieb vom Holzschnitt auf Papier 2008: Noor (Divine Light), Ahornholz, Blattgold und Lederband 2008: Tasbih 4-ZH, Ahornholz, Blattgold und Lederband 2008: Travels with Rani, Intaglio und Papier 2009: Untitled 60-ZH, Papier und Blattgold 2009: Untitled 61-ZH, Papier und Blattgold 2010: Blinding Light, Okawara Papier und Blattgold

2010: Cities I called home, Serie mit 5 Holzschnitten auf Papier, die Luftbildpläne von Städten zeigen, inspiriert durch Zarinas Nomadenleben zwischen Aligarh, Bangkok, New Delhi, Paris und New York. 2010: Dark night of the Soul, laminiertes Papier, Tinte, Eisennadel und schwarzer Obsidian 2010: Darkness & Light, Papier, Tinte und schwarzer Obsidian 2010: Untitled (Map of Delhi with poem by Mir), Holzschnitt und Papier 2011: Tasbih 3-ZH, Ahornholz, Blattgold und Metalldraht 2011: Urdu Proverbs, Druck auf Papier 2012: City, Collage 2012: Enso (Zen Circle), schwarzer Marmor, Papier und Metallkordel 2012: Fleeting Moments, Blattgold und Papier 2012: Wondering Souls, Collage 2013: Abyss, Holzschnitt auf Papier 2013: Aleppo, Collage 2013: Companions of the End of the Night, Holzschnitt auf Papier 2013: Compass, Collage 2013: Dreams from my Veranda in Aligarh, Collage 2013: Folding House, Serie von 25 Collagen 2013: Frozen Light, weißer Marmor, Blattgold, Kunststoffrohr und Messingdraht 2013: Untitled 49-ZH, Collage 2013: Untitled 51-ZH, Collage 2013: Untitled 55-ZH, Goldfaden auf Papier 2013: Untitled 56-ZH, Blattgold auf Papier 2014: Beyond the Stars, Holzschnitt, Museum of Modern Art, New York

2015: Broken Sky, Collage 2015: A Child’s Boat for Aylan and Ghalib 2015: Glimpses, Collage 2015: Refugee Camp, Collage 2015: Untitled, Collage 2016: Completing the Circle, Blattgold auf Papier 2016: Dark Sea, Papier und Tinte 2016: Debris of Destruction, Collage 2016: The Dark House, Collage mit Papier und Tinte 2016: Folded House, Serie von Miniaturhäusern, die aus Collagen von schwarzem Papier, Blattgold und Faden bestehen 2016: Untitled-ZH1, Collage 2016: Weaving Darkness and Silence, Papier 2016: Without Destination 2017: Behind the Fence, Holzschnitt auf Papier