mini|hochkant|Patrick Roth (2010) Patrick Roth (* 25. Juni 1953 in Freiburg im Breisgau) ist ein deutscher Schriftsteller und Regisseur.
Leben
Patrick Roth wuchs in Karlsruhe auf und besuchte das humanistische Bismarck-Gymnasium, an dem er 1972 die Reifeprüfung ablegte. Unmittelbar nach dem Abitur ging er nach Paris, um die französische Sprache zu lernen und u. a. sich an der Cinémathèque vier bis sieben Filme pro Tag anzusehen. Ab 1974 studierte er Anglistik, Germanistik und Romanistik an der Universität Freiburg im Breisgau.
1975 erhielt er ein einjähriges Stipendium des DAAD für die University of Southern California in Los Angeles, wo er Filmproduktion und Regie am Cinema Department studierte. Nach Ablauf des Stipendiums beschloss er, sich auf Dauer in den Vereinigten Staaten niederzulassen.
1978 entstand sein erster eigener Kurzfilm The Boxer, 1980 der Film The Killers, eine Bearbeitung der gleichnamigen Short Story von Charles Bukowski. 1981 bis 1984 absolvierte er eine Schauspielerausbildung bei dem Regisseur Daniel Mann und arbeitete als Co-Autor und Dialogue-Coach bei verschiedenen Produktionen mit.
Seit den 1980er Jahren schrieb Roth eine Reihe von Hörspielen für deutsche Rundfunksender und Theaterstücken, die er überwiegend selbst inszenierte. Er arbeitete als Filmjournalist für deutsche Zeitungen, zuerst als Auslandskorrespondent für das Cinema Magazin, später dann v. a. für die Süddeutsche Zeitung. 1986 bis 2015 war er Mitglied der Hollywood Foreign Press Association und der Motion Picture Association of America und damit stimmberechtigt bei den Golden-Globe-Preisverleihungen.
Seit den 1990er Jahren ist Roth als Schriftsteller bekannt. Er publiziert Novellen, Romane und Erzählungen, die biblisch-mythische Stoffe mit Filmmotiven verbinden und die gegensätzlichen Sphären von Alltag und Transzendenz verknüpfen. Der Erzählzyklus Starlite Terrace (2004) ist für das Verfahren der Einbindung des Mythischen ins Profane exemplarisch, insofern bekannte Hollywoodfilme als kollektive Folie für individuelles Erfahren herangezogen werden.
2001 hielt er die Poetik-Vorlesungen an der Universität Frankfurt am Main, 2004 hatte er die Poetik-Dozentur an der Universität Heidelberg inne. Im Sommersemester 2008 lehrte er, ebenfalls im Rahmen einer Poetik-Dozentur, an der Universität Hildesheim.
2006 kehrte er zu seinen filmischen Anfängen zurück und drehte im Auftrag des ZDF den autobiographischen Film-Essay In My Life – 12 Places I Remember, eine Nachzeichnung seines Weges als deutscher Schriftsteller in Amerika.
Patrick Roth ist seit 1999 Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland. Seit 2007 ist er Resident Scholar des C. G. Jung-Study Center of Southern California und Mitglied im Board of Directors. Er lebte bis 2012 in Santa Monica bei Los Angeles und verlegte im Frühjahr dieses Jahres seinen Wohnsitz wieder nach Deutschland, nach Mannheim.
2012 berief ihn die Universität Heidelberg zum zweiten Mal als Poetikdozenten, mit dem Thema Innen – Amerika – Nacht.Homepage der Universität Heidelberg, abgerufen am 18. November 2012. Im selben Jahr erschien der Roman Sunrise – Das Buch Joseph, der einen neuen Abschnitt in Roths Werk bezeichnet.Philipp Anton Knittel: Und sah unaussprechliche Worte… literaturkritik.de, 11/2012.
2013 erschien Die amerikanische Fahrt. Stories eines Filmbesessenen, ein Rückblick auf Roths amerikanische Jahre (1975–2012), seine Kinobegeisterung und das Finden seines Wegs als Schriftsteller.Ausschnitte aus Autorenlesungen: ; bei YouTube. Die vierzig Jahre, die Roth in Amerika verbrachte, bilden auch den autobiographischen Hintergrund des jüngsten Erzählbands Gottesquartett. Erzählungen eines Ausgewanderten (2020). Die Handlung spielt in Los Angeles im Spätherbst 2019, als der Erzähler, ein deutscher Schriftsteller, noch einmal für vier Tage in seine alte Heimat reist, um der Gedenkfeier für seine verstorbene Freundin, eine bekannte Tiefenpsychologin, beizuwohnen. Im Gepäck hat er sein neues Werk, das Manuskript Gottesquartett – vier längere Geschichten, die der Freundin gewidmet sind. Als das Memorial wegen der Los Angeles bedrohlich einschließenden Flächenbrände abgesagt wird, entschließt er sich spontan, Gottesquartett im Kreis seiner amerikanischen Freunde vorzulesen. Die Rahmenhandlung konstituiert eine Lockdown-Situation, in der der äußeren Brandkatastrophe vier tiefgründige Geschichten entgegengesetzt werden, die im Kern um Gott und die Erfahrung des Göttlichen kreisen.Fragen an Patrick Roth zum Erscheinen von Gottesquartett. Interview von Michaela Kopp-Marx; schriftliche Fassung: .
Künstlerisches Schaffen mini|Titelseite der Poetikvorlesungen von Patrick Roth Am Anfang von Roths Schriftstellertum steht die Liebe zum Kino, die in privaten Filmstudien an der Cinémathèque von Paris (1971–1972) vertieft und im Studium der Filmproduktion und Regie am Cinema Department der „University of Southern California“ (1975–1976) professionalisiert wurde. Erste künstlerische Arbeiten sind zwei Kurzfilme, für die Roth in Drehbuch, Regie, Schnitt und Produktion verantwortlich zeichnet. The Boxer (1978) erzählt die Geschichte eines Ex-Champions, der nach zwanzig Jahren Revanche vom früheren Rivalen fordert. Am Santa-Monica-Strand kommt es zur neuerlichen Begegnung, die unerwartet in eine Epiphanie unterm Pier mündet. The Killers (1980), eine filmische Adaption der gleichnamigen Short Story von Charles Bukowski, stellt dagegen den Abgesang auf jegliche Erlösung dar: Der Plan zweier harmloser Stadtstreicher, eine Beverly-Hills-Villa auszurauben, endet in einer unvorhergesehenen Orgie sinnloser Gewalt.Eine interpretierende Synopse mit Screenshots, filmographischen Angaben und bisher unveröffentlichten Drehbuchskizzen findet sich bei Reinhold Zwick: The Boxer und The Killers. Zu zwei frühen Kurzfilmen von Patrick Roth. In: Michaela Kopp-Marx (Hrsg.): Der lebendige Mythos. Das Schreiben von Patrick Roth. Würzburg 2010 [= Band zur wissenschaftlichen Tagung im Deutschen Literaturarchiv Marbach am Neckar 2007] S. 147–169.
Roths erstes Buch, die Trilogie Die Wachsamen, erschien 1990 in der Edition Suhrkamp. Der erste der drei Monodramen genannten Texte, Paul – Menschengeschichte in einer Vigilie, handelt von der Einsamkeit eines Wachmanns in einem unterirdischen Nuklearwaffen-Silo in den USA. In einem Rückblick auf sein Debüt erinnerte sich Roth 2007 an die Entstehung seines ersten literarischen Textes: „Vorbild fürs Sprechen in völliger Einsamkeit, für jenes Sich-Beugen über Bilder, die aus der Dunkelheit kamen, auch fürs Sich-Beugen unter ihre Last, war Becketts Krapp gewesen.“Vgl. Patrick Roth: Bombe für Anfänger, in: Renatus Deckert (Hrsg.): Das erste Buch. Schriftsteller über ihr literarisches Debüt. Suhrkamp Verlag 2007, S. 301–306, 302.
Als Schriftsteller erregte Roth großes Aufsehen mit seiner Christus-Trilogie, die aus drei Texten besteht: Riverside. Christusnovelle (1991), Johnny Shines oder Die Wiedererweckung der Toten (1993) und Corpus Christi (1996). Sie wurden 1998 unter dem Gesamttitel Resurrection („Auferstehung“), dem Leitmotiv der Trilogie, zusammengefasst und neu herausgegeben. In ihnen verarbeitet der Autor im Rahmen von Kriminalhandlungen neutestamentliche Motive in einer neuartigen Vermischung von Kunst- und Umgangssprache.Günter Beck beschreibt die Leistung der Resurrection-Trilogie für die Literatur der Gegenwart: "Patrick Roth is praised by critics for having revived the literary genre of the "Christ novella" and the biblical legend in German literature with an unknown freshness and boldness. His Christ trilogy Resurrection is definitely unorthodox in style, language, and the positive notion of its subject matter. Read as a trilogy they tell climactically first of the healing of the sick, then of the raising of the dead, and finally of resurrection […]. Roth’s writings can be regarded as almost analogous to the retold and rewritten versions of the scripture and apocryphal legends in Judaism in their basic structure, but also in their intention: In their function as cultural ecology they reinterpret the biblical versions for the contemporary context and comment thus (ironically) on the present to reveal cultural and universal truths in search for a deeper meaning." (Günter Beck: "Between New Testament and New World: Representation of Jews in Patrick Roth’s Fiction." In: Michaela Kopp-Marx (Hrsg.): Der lebendige Mythos. Das Schreiben von Patrick Roth. Würzburg 2010, S. 129–131).
Als seine zentralen Inspirationsquellen nennt Roth den Film und die Stadt des Films, Los Angeles, des Weiteren die Literatur, die Bibel und die Tiefenpsychologie der Schule von C.G. Jung, insbesondere in der Lesart von Edward F. Edinger, des amerikanischen Tiefenpsychologen, der Jungs Werk vielfach kommentierte.Patrick Roth: Ins Tal der Schatten. Frankfurter Poetikvorlesungen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2002, S. 12 u. S. 136–139. Zum Einfluss Edingers vgl. ders.: Letter to Dr. Edinger in: George R. Elder, Dianne D. Cordic (Hrsg.): An American Jungian. In Honor of Edward F. Edinger. Inner City Books, Toronto 2009, S. 271–272. Roths literarische Vorbilder sind Hölderlin, Kleist, Goethe, Hebel, Celan und Joyce. Zu Roths Lieblingsregisseuren zählen insbesondere Charlie Chaplin, Orson Welles, John Ford, Akira Kurosawa, Ingmar Bergman, Alfred Hitchcock und Michelangelo Antonioni.
Spuren dieser künstlerischen Leitbilder finden sich in fast allen seiner Texte. Zum Beispiel wird Kleists Das Erdbeben in Chili in der Erzählung Die Frau, die den Dieb erschoß anverwandelt und weitererzählt oder Edgar Allan Poes Schauergeschichte Das verräterische Herz wird in die Gegenwart der sechziger Jahre übertragen und als abgründige Liebesgeschichte eines Karlsruher Oberschülers zu seiner englischen Privatlehrerin neu erzählt (beide im Erzählzyklus Die Nacht der Zeitlosen, 2001). Der Plot von John Fords Westernklassiker Der Mann, der Liberty Valance erschoß unterliegt wie eine Folie dem Roman Johnny Shines oder Die Wiedererweckung der Toten (1993): Wie im Film wird die Geschichte vom Protagonisten selbst aus der Rückschau erzählt, wie der Film setzt der Roman das Ende an den Anfang, so dass Vergangenheit und Gegenwart sich zu einem Kreis schließen.
Der Einfluss von Film und Tiefenpsychologie Meine Reise zu Chaplin (1997) gilt als deutlichste Hommage Roths ans Kino. Der autobiographische Ich-Erzähler schildert aus der Perspektive des Filmstudenten, wie ihm Chaplins Film City Lights (Lichter der Großstadt) zur künstlerischen Offenbarung wurde. Höhepunkt der Erzählung ist die Schilderung der Schlusssequenz zwischen Blumenmädchen und Tramp, die mit filmischen Mitteln so in Sprache überführt wird, dass der Leser die Szene zu sehen beginnt.