Das Unternehmen Kozara war eine militärische Operation der deutschen Wehrmacht sowie der kroatischen Heimwehr, die zwischen dem 5. Juni und 18. Juli 1942 im Kozaragebirge im heutigen Bosnien und Herzegowina durchgeführt wurde. Alternativ war die Operation als Unternehmen Westbosnien bzw. Operation Westbosnien bekannt. Im serbischen Sprachgebrauch werden die Gefechte als Schlacht von Kozara () bezeichnet.
Hintergrund
Politische Rahmenbedingungen Im Frühjahr 1941 hatte die Wehrmacht im Balkanfeldzug Jugoslawien besetzt und den sogenannten Unabhängigen Staat Kroatien als deutschen Vasallenstaat unter Führung der faschistischen Ustascha errichtet. Im Verlauf des Sommers 1941 begann als Reaktion auf die ethnischen Säuberungen (Völkermord an Serben, Völkermord an Roma, Völkermord an Juden), mit welchen die Ustascha besonders im heutigen Bosnien-Herzegowina sogleich begannen, ein schwerer Partisanenkrieg, an dem sich u. a. die serbisch-nationalistischen Tschetniks sowie die kommunistisch geprägte Partisanenbewegung beteiligten. Die deutschen und italienischen Besatzungstruppen, welche mit den Ustascha verbündet waren, führten die Partisanenbekämpfung mit großer Härte durch. Der Sühnebefehl vom 16. September 1941 sah die gezielte Tötung von 100 Zivilisten für jeden durch Partisanenangriffe getöteten deutschen Soldaten vor.
Kozara Das zerklüftete Kozaragebirge war für Partisanenaktivität gut geeignet, weshalb sich dort seit Beginn des Partisanenkrieges besonders viele Widerstandskämpfer aufhielten. In der Kozara hatten sich schon im Jahr 1941 außerordentlich früh Widerstandsgruppen gegen die Ustascha gebildet. Spätestens ab August 1941 war die Partisanenbewegung der Kozara gut organisiert und ihr Bereich auch den faschistischen Mächten als Partisanenzentrum bekannt. Die Partisanenbekämpfung im heutigen Bosnien-Herzegowina inklusive der Kozara wurde nach dem Sieg der Wehrmacht und der Ustascha im Unternehmen Užice (Oktober 1941) zum neuen Hauptaugenmerk der Besatzungsmacht. Die Partisanen errichteten im Frühjahr 1942 zwischen den Kozarabergen und dem Fluss Save ein fast vollständig befreites Territorium, das die Achsenmächte zurückerobern wollten. Aus Sicht der deutschen Besatzungsmacht war besonders lästig, dass die Partisanen in der Kozara die Produktion der Eisenerzmine bei Ljubija verhindern oder beschränken konnten. Zudem war die Kozara explizit eine Hochburg der Kommunisten, wo die nationalistischen Tschetniks weniger Einfluss hatten als z. B. in Zentralbosnien oder in der Manjača.
Das Kozara-Gebiet war ein wichtiges Rückzugsareal der Partisanen, nachdem die italienische 2. Armee die Region im Jahr 1941 besetzt hatte. Bereits im November 1941 hatten deutsche und kroatische Verbände einen Versuch unternommen, die Partisanen aus den Kozarabergen zu vertreiben, diesen kurzen Zugriff am 25. und 26. November jedoch relativ schnell wegen fehlender Kräfte wieder abgebrochen. Als einige der Partisanen in der Gegend sich jedoch von der kommunistischen Bewegung abwandten und sich stattdessen den serbisch-nationalen Tschetnik-Verbänden anschlossen, entstand für die Partisanenführung die Priorität, die eigene Dominanz in der Gegend wiederherzustellen. Daraufhin unternahmen die örtlichen Partisanen Angriffe auf und schließlich die Besetzung der Ortschaften Prijedor und Ljubija inklusive eines nahegelegenen Bergwerks.
Militärische Vorbereitungen Das Unternehmen Kozara beruhte auf der Kooperation zwischen Kräften der Wehrmacht, der Ustascha und der ungarischen Donauflotte im besetzten Jugoslawien, ähnlich wie schon im Frühjahr 1942 (Unternehmen Südostkroatien, Unternehmen Trio).
Am 23. Mai 1942 gab Paul Bader, der noch bis zum 28. Mai die Kampfgruppe Bader führte, die er im Rahmen der zweiten Phase des Unternehmens Trio unter italienischer Führung eingesetzt hatte, Befehle zu einer eigenständigen deutschen Operation im Kozaragebirge aus. Ziel der Operation war es, die von der Partisanenbewegung unter Josip Broz Tito kontrollierten Teile Westbosniens zurückzuerobern. Sechs Partisanenabteilungen waren im Gebiet aktiv. Zu diesem Zeitpunkt bestand die Kampfgruppe Bader aus ca. 11.000 Wehrmachtsangehörigen, 17.917 Angehörigen der Ustascha und der kroatischen Heimwehr sowie etwa 2000 serbisch-nationalen Tschetniks. Die Partisanen hatten eine Gesamtstärke von ca. 3500 Kämpfern. Zwei in der Nähe stationierte italienische Divisionen (Bergamo und Sassari) konzentrierten sich auf ihre Garnisonen und Konvoi-Eskorten und bekämpften nur sekundär die Partisanen. mini|Soldaten der 1. Partisanenbrigade in der Kozara, 21. Mai 1942Der deutsche Befehlshaber der Operation, Friedrich Stahl (Divisionskommandeur der 714. Infanterie-Division), gab am 4. Juni Befehle an seine neue deutsch-kroatische „Kampfgruppe Westbosnien“ aus, die Partisanengruppen im Operationsgebiet zu zerschlagen. Gleichzeitig übernahm Stahl auch die taktische Führung der kroatischen Truppenteile. Die Grenzen des Operationsgebiets waren die Flüsse Save im Norden, Una im Westen, Vrbas im Osten und die deutsch-italienische Demarkationslinie im besetzten Jugoslawien im Süden.
Das Unternehmen Kozara hob sich von fast allen gemeinsamen Operationen der Wehrmacht und der Ustascha in der Hinsicht ab, dass sich deutsche und kroatische Kommandeure vorab geeinigt hatten, das gesamte Gebirge durch eine großangelegte Deportation der Zivilbevölkerung für die Partisanen als Rückzugsgebiet uninteressant zu machen. Die Gesamtbevölkerung des Gebiets betrug zum Zeitpunkt der letzten jugoslawischen Volkszählung von 1931 ~200.000 Menschen, von denen im Verlauf der Operationen von Juni–Juli 1942 insgesamt ~68.000 entweder deportiert wurden oder im Angesicht anrückender deutscher und besonders kroatischer Truppen die Flucht antraten. Die größte Teilgruppe der Bevölkerung der Kozara waren ethnische Serben, von denen 1931 ~131.000 in der Kozara lebten.
Beteiligte Truppen
Wehrmacht und Ustascha mini|Friedrich Stahl mit einem Ustascha-Offizier sowie mit Tschetnik-Führer Rade Radić, Frühjahr 1942Für den neuerlichen Angriffsversuch trafen die deutschen und kroatischen Offiziere diesmal bessere Vorbereitungen. Die kroatischen Verbände, die den Deutschen zuvor hauptsächlich undisziplinierte Einheiten der Ustascha-Milizen zur Verfügung gestellt hatten, wurden in Form dreier neu aufgestellter Gebirgsinfanteriebrigaden reorganisiert. Diese agierten im Rahmen der 1. Gebirgsdivision der kroatischen Heimwehr. Die deutsche Luftwaffe stellte einen eigenen Fliegerführer Westbosnien für die Operation bereit. Die deutschen Bodentruppen wurden in der „Kampfgruppe Westbosnien“ unter Friedrich Stahl zusammengefasst, waren aber mit drei Infanteriebataillonen, einem Landesschützenbataillon und vier Artilleriebatterien vergleichsweise schwach, obwohl Bader bereits zwei Bataillone des 721. Regiments der 714. Division in Serbien für die Operation abkommandiert hatte. Das mit Deutschland und Kroatien verbündete Königreich Ungarn stellte für die Operation einige Flussschiffe auf der Donau zur Verfügung.
Partisanen mini|hochkant|Partisanninen in der Kozara Ende Juni 1942 schätzten die zuständigen Wehrmachtsoffiziere die Stärke der Partisanen im Kozara-Gebirge auf 4000–5000 gut bewaffnete Kämpfer. Die deutsche Mission in Zagreb übermittelte am 23. Juli einen Bericht nach Berlin, der die Truppenstärke der Partisanen mit 5000 bezifferte, was in etwa späteren jugoslawischen Nachkriegsschätzungen entspricht. Die Delegation der italienischen 2ª Armata in Jugoslawien schätzte am 22. Juli die Anzahl Partisanen in der Kozara auf etwa 3000; nach späteren Aussagen von Ustascha-Offizieren seien es 7000–8000 gewesen. Der wichtigste Verband der Partisanenarmee war die 2. Partisanenabteilung „Krajina“.
Geschichte
Militärische Operationen mini|Umkesselungsbewegung, Juni 1942 Das Ziel der ersten Phase der Operation, die am 10. Juni 1942 begann, war es, in gleichzeitigen Stößen mit der Kampfgruppe Westbosnien aus Westen und der kroatischen 3. Gebirgsbrigade aus Osten in Richtung Prijedor und Ljubija das örtliche Erzbergwerk der Kontrolle der Partisanen zu entreißen und eine Sperre zu bilden, die das spätere Operationsgebiet von Süden her abriegeln sollte. Dieser Plan wurde am 12. Juni bei Prijedor verwirklicht. Tags darauf wurde die Verteidigungslinie der Kampfgruppe Westbosnien von einer Gruppe von ~1.500 Partisanen heftig attackiert, konnte aber die eigene Stellung halten und die Angreifer mit ~200 jugoslawischen Gefallenen zum Rückzug zwingen.
Am 14. Juni begannen die Kroaten mit der 1. und 2. Gebirgsbrigade aus dem Westen des Operationsgebiets mit einem Vormarsch in östlicher Richtung, um das Kozara-Gebiet nach Partisanen-Stützpunkten zu durchkämmen. Noch während der Operation begannen die kroatischen Gebirgsjäger, große Mengen von Vieh zu konfiszieren. Bis zum 19. Juni erreichten sie die vereinbarte Ziellinie, wurden aber dort in schwere Gefechte mit den Partisanen verwickelt. Am 19. Juni und erneut am 21. Juni erlitt die kroatische 2. Brigade schwere örtliche Rückschläge. Am 22. Juni traf ein weiterer Angriff auch die kroatische 1. Brigade. Bis einschließlich zum 25. Juni erlitten die beiden kroatischen Brigaden mindestens 235 Gefallene, 521 Vermisste und hohe Verluste an Kriegsgerät, wozu auch 68 Maschinengewehre gehörten.
Bis zum 23. Juni traten deutsche Verbände in die kroatische Linie, um die Lage zu stabilisieren, wodurch die örtlichen Rückzüge der kroatischen Truppen beendet werden konnten. Der deutsche Befehlshaber Friedrich Stahl meldete, dass die angeschlagenen kroatischen Brigaden zu keinen weiteren Offensivoperationen fähig sein würden. Der ursprüngliche Ansatz, den Kessel um die Partisanen gleichzeitig von Süden und von Westen her einzuengen, wurde von den Befehlshabern der Achsen-Verbände dementsprechend verworfen.
Paul Bader hatte in der Zwischenzeit in Anbetracht der lokalen Rückschläge seiner Verbände weitere Truppen in den Sektor befohlen, woraufhin vier Bataillone und ein Regimentsstab der 714. Division von ihren bisherigen Besatzungsaufgaben abberufen und nach Bosnien befohlen wurden. Diese Verstärkungen bildeten gemeinsam die neue „Kampfgruppe Borowski“. Die Verlegung der Kampfgruppe begann am 23. Juni, die ersten Teile trafen ab dem 27. Juni im Frontbereich ein. Nachdem die Kampfgruppe Borowski vollständig ihre Verfügungsräume erreicht hatte, hatte sich das deutsche Truppenkontingent im Operationsgebiet des Kozara-Gebirges mehr als verdoppelt.
Während Stahl mit seiner Kampfgruppe Westbosnien auf die Verstärkung wartete, mussten Wehrmachts- und Ustascha-Truppen wiederholte Ausbruchsversuche sowie Entsatzangriffe von außerhalb des Belagerungsrings, insbesondere aus der italienischen Besatzungszone, abwehren. Erst ab dem 28. Juni konnten sie erneut zur Offensive übergehen und näherten sich erneut den Gebirgskämmen der Kozara.
In der Nacht vom 3./4. Juli unternahmen die Partisanen einen verzweifelten Ausbruchsversuch und konnten den Belagerungsring für einige Stunden öffnen, wodurch etwa 800 Partisanen und 10.000 Zivilisten der Umklammerung entkommen konnten.
Am 5. Juli waren die Wehrmachtstruppen und ihre Verbündeten wieder in der Lage, den ursprünglichen Plan konzentrischer Angriffe wieder aufzunehmen. Im Norden blockten die ungarische Donauflotte und ein deutscher Panzerzug Fluchtversuche ab. Am 14. Juli durchkämmten die Achsen-Verbände systematisch die nördlichen Ausläufer des Gebirges, welche Prozara genannt wurden. Warnungen ergingen an die Partisanen, dass insbesondere die kroatischen Truppen sich in Uniformen der Partisanenbewegung mitsamt roten Sternen an Ortschaften annäherten, um die Partisanen aus der Reserve zu locken.
Vertreibung der Zivilbevölkerung mini|Zivilisten in der Kozara (Vordergrund) beobachten eine Abteilung der Partisanenarmee, 1942