Das Herzogtum Burgund (lateinisch: Ducatus Burgundiae; französisch: Duché de Bourgogne) war ein mittelalterlicher und frühmoderner Feudalstaat in den nordwestlichen Regionen des historischen Burgunds. Es war ein Herzogtum, das von den Herzögen von Burgund regiert wurde. Das Herzogtum war lehnsrechtlich mit dem Königreich Frankreich verbunden und durch seine Besitzungen auch an das Heilige Römisches Reich gebunden. Es unterschied sich von der Freigrafschaft Burgund (der heutigen Region Franche-Comté). Der erste Herzog von Burgund (lateinisch: dux Burgundiae), der in Quellen mit diesem Titel belegt ist, war 918 Richard der Justiciar.History of Burgundy Encyclopædia Britannica

Im Jahr 1004 erbte Prinz Heinrich von Frankreich, ein Sohn von König Robert II. von Frankreich, das Herzogtum, trat es jedoch später im Jahr 1032 an seinen jüngeren Bruder Robert ab. Robert wurde zum Stammvater des älteren Hauses Burgund, eines jüngeren Zweiges der königlichen Kapetinger-Dynastie, das über ein Gebiet herrschte, das in etwa den Grenzen und Territorien der heutigen Region Burgund (Bourgogne) entsprach. Nach dem Aussterben der burgundischen Männerlinie mit dem Tod von Herzog Philipp I. im Jahr 1361 fiel das Herzogtum an König Johann II. von Frankreich und das königliche Haus Valois zurück. Das Herzogtum Burgund wurde nach 1363 in einen größeren Territorialkomplex eingegliedert, als König Johann II. das Herzogtum an seinen jüngeren Sohn Philipp abtrat. Mit seiner Heirat mit Gräfin Margarete III. von Flandern legte er den Grundstein für einen burgundischen Staat, der sich weiter nach Norden in die Niederlande ausdehnte. Diese Gebiete wurden als burgundische Niederlande bekannt. Mit der Zeit gelangte das Haus Valois-Burgund in den Besitz zahlreicher französischer und kaiserlicher Lehen, die sich von den westlichen Alpen bis zur Nordsee erstreckten und in gewisser Weise an das mittelfränkische Reich Lotharingia erinnerten.

Der burgundische Staat war am Ausgang des Spätmittelalters eines der größten Herrschaftsgebiete Europas; einige der reichsten Gebiete Europas wie Flandern gehörten zu ihm. Nach etwas mehr als hundert Jahren Herrschaft des Hauses Valois-Burgund stürzte sich der letzte Herzog, Karl der Kühne, in die Burgunderkriege und wurde 1477 in der Schlacht von Nancy getötet. Das Aussterben der Dynastie führte dazu, dass das Herzogtum von König Ludwig XI. als Provinz in das Königreich Frankreich eingegliedert wurde, während der Großteil der burgundischen Besitztümer in den Niederlanden an Karls Tochter Maria und ihre habsburgischen Nachkommen überging.

Geschichte Frühe Entwicklung (10.–13. Jahrhundert) mini|Herzogtum Burgund, Freigrafschaft Burgund und Nachbargebiete im 12. Jh. Im Westfrankenreich entstand um 900 das Herzogtum Burgund als Lehnsherzogtum, benannt nach dem größeren Regnum Burgundiae. Dieses leitet seinen Namen von den antiken ostgermanischen Volk der Burgunden ab, die das Königreich Burgund begründet hatten. Der Bosonide Richard der Gerichtsherr hatte am Ende des 9. Jahrhunderts im Norden dieses Gebiets eine quasi-herzogliche Gewalt etabliert. Nach einer Phase rivalisierender Adelsfamilien (Robertiner, Bosoniden) kam das Herzogtum ab 956 weitgehend unter die Herrschaft der Kapetinger. 1032 wurde Robert I. Herzog von Burgund, womit die ältere Linie Burgund der Kapetinger begründet wurde. Der Begriff ducatus Burgundiae wurde erstmals 1075 erwähnt. Die Kapetinger regierten das Herzogtum bis 1361 und konsolidierten im 12. Jahrhundert ein Kerngebiet um wichtige Burgen wie Dijon, Beaune, Autun, Avallon, Semur und Châtillon-sur-Seine. Burgund blieb formal Teil des französischen Reichsverbandes, erlangte aber unter der schwächer werdenden königlichen Zentralgewalt erhebliche Autonomie. Odo IV. wurde 1331 durch seine Ehe mit Johanna III. von Burgund Inhaber der Pfalzgrafschaft und musste dafür die Lehnshoheit des römisch-deutschen Kaisers anerkennen.Hermann Kamp: Burgund. Geschichte und Kultur. Beck, München 2007, S. 47 f.

Das Hochmittelalter prägten lokale Fehden des burgundischen Adels und die Klostergründungen von Cluny (910) und Cîteaux (1098) auf burgundischem Boden, die als Reformzentren weit über Burgund hinaus wirkten. Im 13. Jahrhundert war das Herzogtum Burgund ein mittelgroßes Fürstentum im Osten Frankreichs; es wurde 1361 durch den Tod Herzog Philipps I. (Philipp von Rouvres) lehnsfrei („erledigtes Lehen“).

Aufstieg der Valois-Herzöge und machtpolitischer Höhepunkt (1363–1477) mini|Wachstum der Burgundischen Besitzungen zwischen 918 und 1477 1363 übergab König Johann II. Burgund als neues Lehen an seinen jüngsten Sohn Philipp den Kühnen, Begründer der burgundischen Valois (Haus Burgund). Es folgte die Reihe der sogenannten „Großen Herzöge von Burgund“: Philipp der Kühne (reg. 1363–1404), sein Sohn Johann Ohnefurcht (reg. 1404–1419), Philipp der Gute (reg. 1419–1467) und Karl der Kühne (reg. 1467–1477). Durch geschickte Heiratspolitik, Erbschaften und Eroberungen bauten diese Herzöge ein Territorialkonglomerat auf, das Burgund zu einer europäischen Großmacht des Spätmittelalters machte. Den Grundstein legte Philipp der Kühne mit seiner Ehe (1369) mit Margarete von Flandern, die ihm Flandern, Artois, Nevers und die Freigrafschaft Burgund (Franche-Comté) zubrachte. Diese Besitzungen nördlich und östlich der traditionellen Bourgogne gehörten teils zum Heiligen Römischen Reich, was das entstehende Gebilde zu einem „Zwischenreich“ zwischen Frankreich und dem deutsch-römischen Reich machte.

Johanns konfliktreiche Regierungszeit brachte keine großen Neuerwerbungen, aber eine weitere Loslösung vom französischen Königshof: 1407 ließ Johann Ohnefurcht seinen Rivalen Ludwig von Orléans (Vetter des Königs) ermorden, was Frankreich in einen Bürgerkrieg stürzte. Im Hundertjährigen Krieg verbündeten sich die Burgunderherzöge phasenweise mit England gegen Frankreich; 1430 überlieferte Philipp der Gute gar Jeanne d’Arc den Engländern, die von ihnen hingerichtet wurde.

Philipp der Gute erweiterte seinen Herrschaftsraum ab 1420 massiv: durch Kauf, Erbschaft oder Krieg gewann er die Herzogtümer Brabant (mit Antwerpen), Limburg und Luxemburg, die Grafschaften Hennegau, Holland, Seeland und Namur sowie Gebiete in der Picardi. Bis 1443 gelang den Burgundern die Vereinigung fast aller heutigen belgisch-niederländischen Landesteile unter einer Personalunion unabhängiger Gebiete. Die Burgundische Niederlande mit ihren reichen Städten (Gent, Brügge, Brüssel) wurden nun zum wirtschaftlichen und politischen Schwerpunkt des burgundischen Staates, während das alte Herzogtum Burgund um Dijon eher ländlich-feudal geprägt blieb. 1464 rief Philipp der Gute erstmals die Generalstände der Niederlande zusammen, um Vertreter aller Gebiete zu versammeln, ein Schritt zur staatlichen Einheit, der aber die Eigenständigkeit der einzelnen Länder noch unberührt ließ. Im Vertrag von Arras 1435 versöhnte sich Burgund mit König Karl VII. und beendete den Bund mit England im Gegenzug für territoriale Zugeständnisse, was Burgund de facto zur unabhängigen Macht neben Frankreich aufsteigen ließ.

Herzog Karl der Kühne versuchte in den 1470er Jahren, das weit verstreute „Burgunderreich“ zu einem geschlossenen Königreich zu machen. Er annektierte das Herzogtum Geldern, das Bistum Lüttich und zeitweise die Herzogtümer Lothringen und Bar, um eine Landbrücke zwischen Burgund und den Niederlanden zu schaffen. 1473 verhandelte Karl in Trier mit Kaiser Friedrich III. über die Erhebung zum König von Burgund, doch das Vorhaben scheiterte am Widerstand der Reichsfürsten.Burgund und Lotharingien Karls aggressive Expansionspolitik führte zum Konflikt mit dem Reich (u. a. die Belagerung von Neuss) und den Eidgenossen: In den Burgunderkriegen 1474–1477 fügten die Schweizer Truppen dem burgundischen Heer drei vernichtende Niederlagen zu (bei Grandson und Murten 1476, bei Nancy 1477). Karl der Kühne fiel am 5. Januar 1477 in der Schlacht bei Nancy. Mit ihm erlosch die direkte männliche Linie des Hauses Valois-Burgund. Dies bedeutete das abrupte Ende der spätmittelalterlichen Großmacht Burgund.

Teilung des Erbes und Integration in Frankreich (1477–1789) mini|Die Aufteilung des burgundischen Erbes zwischen Frankreich und Habsburg bis 1493 Karls Erbtochter Maria von Burgund konnte das Burgunderreich nicht zusammenhalten und das burgundische Erbe wurde Teil des habsburgisch-französischen Rivalität. Maria heiratete 1477 den Habsburger Maximilian I., wodurch das burgundische Erbe an das Haus Habsburg überging. Frankreich versuchte in den folgenden Burgundischen Erbfolgekriegen (1477–1493) vergeblich, auch die reichen Niederlande zu erobern. Das eigentliche Herzogtum Burgund, das Gebiet um Dijon, wurde von König Ludwig XI. als heimgefallenes Lehen eingezogen und durch den Frieden von Arras (1482) endgültig Frankreich einverleibt. Im Frieden von Senlis 1493 erhielt Maximilian (für seinen Sohn Philipp den Schönen) Artois und die Freigrafschaft Burgund zurück; das Herzogtum Burgund blieb jedoch bei Frankreich. Die habsburgischen Burgundischen Niederlande – ein komplexer Verband von Herzogtümern, Grafschaften und Städten – wurden fortan als eigener Block innerhalb des Reiches organisiert (1506 unter Philipp dem Schönen, Sohn Maximilians, und ab 1512 im Burgundischen Reichskreis).

Die Einheit dieser „burgundischen“ Länder brach im 16. Jahrhundert auseinander, als die nördlichen Provinzen im Achtzigjähriger Krieg gegen die Herrschaft Philipps II. rebellierten. Nach langen Kämpfen entstand 1579/1581 die unabhängige Republik der Vereinigten Niederlande, anerkannt endgültig im Westfälischen Frieden 1648. Die südlichen Niederlande (heutiges Belgien und Luxemburg) verblieben bei den Habsburgern (zunächst der spanischen, ab 1714 bei der österreichischen Linie).

Das Herzogtum Burgund als französische Provinz bestand weiter und wurde als Provinz Burgund (Bourgogne) vom Königreich verwaltet. Im Frieden von Cambrai 1529 verzichtete Kaiser Karl V. formell auf habsburgische Ansprüche auf das Herzogtum; Burgund war damit endgültig Teil Frankreichs. Die Freigrafschaft Burgund (Franche-Comté) hingegen blieb noch bei Habsburg-Spanien, wurde aber 1678 im Frieden von Nijmegen an Frankreich abgetreten. Bis zur Französischen Revolution 1789 behielt Burgund eine gewisse historische Eigenständigkeit als Provinz mit eigenem Gericht und Ständen. Während der Revolution wurden die alten Provinzstrukturen abgeschafft – auch Burgund wurde in Départements aufgeteilt, womit das jahrhundertelang bestehende Herzogtum als territoriale Einheit endete.

Staat und Verwaltung mini|Herzogspalast in Dijon, in dem auch die Stände tagten Das spätmittelalterliche Burgund war ein komplexer Herrschaftsverbund aus dem französischen Herzogtum und zahlreichen zugekauften oder ererbten Territorien, die rechtlich eigenständig blieben. Die Herzöge von Burgund waren in Personalunion sowohl Vasallen des französischen Königs (für die Stammlande) als auch Reichsfürsten des Heiligen Römischen Reiches (für Flandern, Brabant, die Freigrafschaft etc.). Jeder Landesteil hatte eigene Ständeversammlungen, Gesetze und Gewohnheitsrechte, die die Herzöge respektieren mussten. Die burgundischen Herzöge strebten dennoch danach, ihr heterogenes Gebiet staatsähnlich zu organisieren. So schufen sie zentrale Institutionen nach französischem Vorbild: Einen herzoglichen Rat (Conseil) als Beratungs- und Regierungsorgan, eine Kanzlei für die Verwaltung und eine Kammer der Finanzen (Chambre des comptes) zur Rechnungsprüfung. Die États de Bourgogne bildete eine Ständeversammlung bestehend aus Klerus, Adel und Städten, welcher im 14. Jahrhundert erstmals zusammentrat und bis 1789 bestand und u. a. über Besteuerung mitbestimmte.