mini|Angst der Hellen und Friede der Seelen, Titelseite Cantus, Jena 1623 Angst der Hellen und Friede der Seelen („Höllenangst und Seelenfriede“) ist der Titel einer Sammlung von 16 drei- bis fünfstimmigen Motetten über den Text des 116. Psalms, die der sächsische Amtsschösser Burckhard Großmann bei verschiedenen Musikern aus dem sächsisch-thüringischen Raum bestellt hatte und im Jahr 1623 in Jena drucken ließ. Unter den 16 Komponisten waren so bedeutende wie Heinrich Schütz, Melchior Franck, Johann Hermann Schein, Michael Praetorius und der spätere Thomaskantor Tobias Michael. Im Vorwort spricht Großmann von einem Unglück und einer „wunderlichen Errettung Gottes“ im Jahr 1616; aus Dankbarkeit dafür habe er die Vertonung des 116. Psalms in Auftrag gegeben.
Druck und Überlieferung Der Druck besteht aus fünf Stimmbüchern [Cantus, Altus, Tenor, Bassus, V.Vox (fünfte Stimme)] im Hochformat 30,5 cm auf 19 cm, die jeweils einen Umfang zwischen 52 und 63 Seiten haben. Die Noten sind mit beweglichen Typen gedruckt. Neben einem Titelblatt sind Seiten mit Text, Errata, dem Vorwort, Grußworten und Widmungen eingeschossen.Helmut Lauterwasser: Angst der Höllen und Friede der Seelen..., Göttingen 1999, ISBN 3-525-27905-1, S. 75–86.
Der einzige mit fünf Stimmbüchern vollständige Sammeldruck nebst Vorwort befand sich im Besitz der Preußischen Staatsbibliothek in Berlin und wurde 1943 vermutlich nach Schlesien ausgelagert. Das Werk blieb verschollen, bis es Ende der 1970er Jahre in der Jagiellonen-Bibliothek in Krakau aufgefunden wurde. 1981 wurde das Werk durch Mikrofilm der Wissenschaft zugänglich gemacht, vom musikwissenschaftlichen Seminar der Harvard-Universität ausgewertet und 1994 von Christoph Wolff als kritische Gesamtausgabe in Band 18 der Harvard Publications in Music veröffentlicht.Christoph Wolff: Zu Burckhard Großmann's 'Angst der Hellen und Friede der Seelen' . In: Beiheft zur CD cpo 999 288–2, S. 7 // Anguish of Hell and Peace of Soul: A Collection of Sixteen Motets on Psalm 116 hrsg. von Christoph Wolff. Harvard Publications in Music Bd. 18, 1994, ISBN 0674036751 Lauterwasser listet vier weitere – unvollständige – Exemplare auf, die nur Bruchteile oder maximal drei Stimmbücher enthalten.Helmut Lauterwasser: Angst der Höllen und Friede der Seelen..., Göttingen 1999, ISBN 3-525-27905-1, S. 71–74. Wie viele Exemplare insgesamt gedruckt wurden, ist nicht bekannt. Dass der Sammeldruck eine zeitgenössische Verbreitung erlebt hat, lässt sich ableiten, weil manche Stücke als handschriftliche oder auch gedruckte Kopien nachweisbar sind oder als Bearbeitung identifiziert werden können.
Auftragswerk Großmann schreibt von einem großen Unglück, das ihm 1616 zugestoßen sei, und „einer sonderbahren grossen Wohlthat und wunderlichen Errettung Gottes“, nennt aber kein konkretes Ereignis. Ingeborg Stein mutmaßt einen Zusammenhang mit der „Weimarischen Wasser- und Sündfluth“ von 1613, die es Großmann schwer gemacht haben könnte, später Rechenschaft über die von ihm verwalteten Finanzen abzulegen.Ingeborg Stein: In: Beiheft zur CD cpo 999 288-2, S. 11. Volkhardt Preuss stellt dies anders dar: „Im Jahr 1616 drohte die Tochter des sächsischen Hofbeamten Burkhard <sic> Großmann Opfer der damals grassierenden Pestepedemie zu werden. In seiner Verzweiflung legte er ein Gelübde ab: Sollte sie überleben, würde er an 16 Komponisten seiner Zeit den Auftrag erteilen, den 116. Psalm (zur Errettung aus Todesnot) zu vertonen.“Unterrichtsmasterial: Handapparat–116–Psalm im Internet ohne weiteren Hinweis auf Beleg
Um sein Gelübde zu erfüllen, wandte sich Großmann Mitte 1619Helmut Lauterwasser: Angst der Höllen und Friede der Seelen..., Göttingen 1999, ISBN 3-525-27905-1, S. 62. an die folgend aufgeführten sächsisch-thüringischen Komponisten, deren Vertonungen bis 1621 bei ihm eintrafen.Helmut Lauterwasser: Angst der Höllen und Friede der Seelen..., Göttingen 1999, ISBN 3-525-27905-1, S. 92.
Michael Altenburg (* 27. Mai 1584 in Alach bei Erfurt; † 12. Februar 1640 in Erfurt), 1610 bis 1621 Pfarrer in Tröchtelborn bei Gotha. Johann Christoph Demantius (* 15. Dezember 1567 in Reichenberg, Böhmen; † 20. April 1643 in Freiberg/Sachsen) Nikolaus Erich (* 26, Februar 1588 in Andisleben (Erfurt) † 31. August 1631 in Jena), Kantor an der Stadtkirche Andreas Finoldt (fl. 1616–1623), Schulmeister zu Heldrungen Melchior Franck (* um 1579 in Zittau; † 1. Juni 1639 in Coburg), Hofkapellmeister bei Herzog Johann Casimir in Coburg Abraham Gensreff (* 18. Dezember 1577 in Radeburg; † 1. September 1637 in Freiberg) Johann Groh (* um 1575 in Dresden (?); † 1627 (?) in Weesenstein (?)), Organist an der Fürstenschule St. Afra in Meißen Johann Krause, (Lebensdaten unbekannt), Organist am Hof von Sondershausen Rogier Michael (* 1550 in Mons, (Henneberg) oder 1553 in Bergen-op-Zoom; † 1623 in Dresden), Hofkapellmeister Tobias Michael (* in Dresden; † in Leipzig), Kapellsänger in Dresden und später Thomaskantor. Christian Michael (* um 1593 in Dresden, Todesjahr unbekannt)Christoph Wolff: Zu Burckhard Großmann’s ‘Angst der Hellen und Friede der Seelen’. In: Beiheft zur CD cpo 999 288-2, S. 9. Daniel Michael (* um 1593 in Dresden, Zwillingsbruder von Christian, weitere Lebensdaten unbekannt)Christoph Wolff: Zu Burckhard Großmann’s ‘Angst der Hellen und Friede der Seelen’. In: Beiheft zur CD cpo 999 288-2, S. 21. Michael Praetorius (* um 1571/72 in Creuzburg bei Eisenach; † 15. Februar 1621 in Wolfenbüttel) Johann Hermann Schein (* in Grünhain; † in Leipzig), Thomaskantor Caspar Trost (* 23. März 1589 in Kleinballhausen bei Tennstedt; † 26. Juli 1651 in Jena), Organist in Jena Heinrich Schütz (* in Köstritz; † in Dresden)
Großmann spricht sich im Vorwort wiederholt gegen jegliches Gewinnstreben aus und betont, er wolle keinerlei Vorteil oder Gewinn für die aufgewendeten Kosten des Drucks erzielen.Helmut Lauterwasser: Angst der Höllen und Friede der Seelen..., Göttingen 1999, ISBN 3-525-27905-1, S. 61. Es bleibt ungeklärt, ob den Komponisten ein Honorar gezahlt oder zumindest die Kosten für das Schreibmaterial ersetzt wurden. Großmann war zu diesem Zeitpunkt noch nicht wohlhabend und auch nicht so einflussreich, dass sich damit erklären ließe, sein privates Gelübde und seine Bitte habe die angesprochenen Komponisten motiviert. Ingeborg Stein vermutet, Großmanns Anliegen habe die bereitwillige Unterstützung der Komponisten gefunden, weil auch sie beim Anbruch des Dreißigjährigen Kriegs den drohenden Niedergang der Kultur befürchtet hätten.Ingeborg Stein: In: Beiheft zur CD cpo 999 288-2, S. 14. Aufgrund der hohen Qualität aller Vertonungen vermutet Christoph Wolff, dass die Komponisten seinerzeit ihre „Aufgabe als einen Wettbewerb verstanden“ hätten.taz, 11. Mai 1996
Bedeutung Großmanns Sammlung wird als „einzigartiges und bedeutendes Dokument der Musikgeschichte“ hervorgehoben.Christoph Wolff: Zu Burckhard Großmann’s ‘Angst der Hellen und Friede der Seelen’. In: Beiheft zur CD cpo 999 288-2, S. 6. Auch andernorts hatte es schon Sammlungen gegeben, die verschiedene Kompositionen über einen einzigen Text enthielten. Der besondere Wert von Großmanns Sammeldruck besteht in der Vergleichsmöglichkeit von 16 Werken dieser Komponisten, die in enger zeitlicher und räumlicher Nachbarschaft entstanden.Helmut Lauterwasser: Angst der Höllen und Friede der Seelen..., Göttingen 1999, ISBN 3-525-27905-1, S. 212.
Großmann selbst hebt in seinem Vorwort die Textbezogenheit der Vertonungen hervor und bezeichnet die Dissonanz als ein Mittel, die Texte so zu komponieren, dass sie die „Hertzen und Ohren gewinnen.“Helmut Lauterwasser: Angst der Höllen und Friede der Seelen..., Göttingen 1999, ISBN 3-525-27905-1, S. 54.
Lauterwasser hält die Gattungsbezeichnung der Kompositionen als „Motette“ für angemessen. In seiner Dissertation vergleicht er die Anfangs- und Schlussteile sowie 18 weitere Textabschnitte und arbeitet Gemeinsamkeiten (zum Beispiel bei Tonarten) und Unterschiede (Homophonie / Polyphonie) heraus. Er verweist auf satztechnische Besonderheiten wie ungebräuchliche oder „verbotene“ Sprünge und Dissonanzen oder Koloraturen, mit denen der jeweilige Komponist eine Passage ausschmückt, Affekte auslöst oder den Wortinhalt nachbildet. So wird zum Beispiel das Wort „Flehen“ durch Dissonanzen, ungewöhnliche Intervalle (wie verminderte Quarte), Melisma oder Wortwiederholungen ausgedeutet.
Einspielungen Psalm 116 – Sammlung Großmann 1623 auf 3 CDs: Alsfelder Vokalensemble, Musica Fiata, Wolfgang Helbich, Label: CPO, Aufnahmejahr ca. 1994, cpo 999 288-2.
Literatur Helmut Lauterwasser: Angst der Höllen und Friede der Seelen – Die Parallelvertonungen des 116. Psalms in Burckhard Großmans [sic] Sammeldruck von 1623 in ihrem historischen Umfeld. Göttingen 1999, ISBN 3-525-27905-1, im DFG Viewer Edmund Sauer: Höllenangst und ihre Überwindung: Studien zu Burckhard Großmanns Sammeldruck von 1623, Diss. Saarbrücken 1994 (nicht eingesehen)
Weblinks
Harvard Gesamtausgabe mit englischer Einführung slub-dresden.de Digitalisierung (unvollständig)
Einzelnachweise
Kategorie:Chorwerk aus dem 17. Jahrhundert Kategorie:Psalmvertonung Kategorie:Geistliches Chorwerk Kategorie:Musik 1616