Die sogenannte Maschke-Kommission, offiziell im Zeitraum 1957–1962 als Wissenschaftliche Kommission für deutsche Kriegsgefangenengeschichte und ab 1962 als Wissenschaftliche Kommission für die Dokumentation des Schicksals der deutschen Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkriegs bezeichnet, und als WK abgekürzt, war eine historische Kommission der 1950er- bis 1970er-Jahre, die sich vornehmlich mit der historischen Aufarbeitung der Geschichte deutscher Kriegsgefangener im Zweiten Weltkrieg befasste. Ihren populären Spitznamen verdankte die Maschke-Kommission ihrer Führungsperson, dem Historiker Erich Maschke.

Das wichtigste Ergebnis der Maschke-Kommission war das 22-bändige Reihenwerk Zur Geschichte der deutschen Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkrieges (1962–1974), bei dem es sich um das erste große wissenschaftliche Projekt der deutschen Geschichtsschreibung zu deutschen Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkriegs handelte. Die Kommission sammelte und analysierte dabei umfangreiches Quellenmaterial, darunter Berichte ehemaliger Kriegsgefangener aus verschiedenen Gewahrsamsstaaten. Die Veröffentlichung der Forschungsergebnisse war politisch umstritten und zeitweise staatlich eingeschränkt, bevor sie Mitte der 1970er-Jahre allgemein zugänglich gemacht wurde.

Die Kommission wurde zum Jahresende 1972 aufgelöst. Trotz der Kritik an einzelnen Aspekten gilt ihr Werk als grundlegende Quelle der historischen Forschung zur deutschen Kriegsgefangenschaft im Zweiten Weltkrieg. Viele der dabei gesammelten Dokumente werden heute im Bundesarchiv-Militärarchiv verwahrt und weiterhin genutzt. Die Ergebnisse der Maschke-Kommission spielen bis heute eine wichtige Rolle in der akademischen Auseinandersetzung mit diesem Kapitel der deutschen Geschichte.

Hintergründe

Während des Zweiten Weltkriegs (1939–1945) gerieten Millionen deutscher Soldaten der Wehrmacht und der Waffen-SS in die Kriegsgefangenschaft der Alliierten. Am 22. Juni 1945 zählten die Westalliierten 7.614.794 Kriegsgefangene, während ~3.155.000 deutsche Kriegsgefangene von der Sowjetunion interniert wurden. Auf der Moskauer Außenministerkonferenz im Frühjahr 1947 wurde der Dezember 1948 als Endtermin der Repatriierung ehemaliger Wehrmachtssoldaten festgelegt. Während die Westalliierten, die Tschechoslowakei und Jugoslawien sich an den Beschluss hielten und ihre Kriegsgefangenen tatsächlich bis 1948 freiließen, verzögerten die Sowjetunion und die Volksrepublik Polen die Auslieferung. Soldaten, die nach 1948 nach Deutschland zurückkehrten, wurden als Spätheimkehrer bekannt.

In der Sowjetunion hatte es im Zeitraum 1948–1950 zahlreiche Kriegsverbrecherprozesse gegeben, um die Haftstrafen der verbleibenden deutschen Gefangenen zu verlängern. Die meisten Angeklagten wurden zu Haftstrafen von 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Obwohl ~13.500 deutsche Kriegsgefangenen nach wie vor in der UdSSR interniert waren, erklärte die Sowjetregierung am 4. Mai 1950, dass die Repatriierung abgeschlossen sei. Dies führte in Westdeutschland zu Bestürzung. Letztlich stimmte die Sowjetregierung beim Besuch Adenauers in Moskau im September 1955 endgültig zu, alle Internierten unabhängig von der Resthaftzeit zu repatriieren. Die letzten Kriegsgefangenen verließen im Verlauf des Jahres 1956 die Sowjetunion. Gründung der Kommission

Vorläufer Erste Projekte zur Erfassung der Geschichte der deutschen Kriegsgefangenen hatte es seit 1949 gegeben (1949 vom Deutschen Büro für Friedensfragen, dann erneut 1953 vom Bundesarchiv), aber ihre Umsetzung auf einer offiziellen politischen Ebene war wegen politischer Bedenken bezüglich des Schicksals der weiterhin internierten Kriegsgefangenen zunächst verschoben worden. Stattdessen bildete sich ein Kriegsgefangenenbeirat aus Mitgliedern der Arbeiterwohlfahrt, der Caritas, des Evangelischen Hilfswerks für Kriegsgefangene und Internierte, des Suchdiensts des Deutschen Roten Kreuzes, der Kriegsgefangenenhilfe der SPD und des Verbandes der Heimkehrer, Kriegsgefangenen und Vermißtenangehörigen Deutschlands e. V. (VdH). Der Kriegsgefangenenbeirat stellte mit seinen Mitgliedern verschiedener Hintergründe einen breiten Querschnitt der Gesellschaft dar und war die stärkste Lobbygruppe, die beim Bundesministerium für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte (BMVt) die Ausarbeitung eines konzisen Geschichtswerks über die deutschen Kriegsgefangenen bewarb.

Zusammenstellung der Kommission Die Wissenschaftliche Kommission (WK) wurde 1957 ins Leben gerufen. Schirmherr war das BMVt, welches der WK einen Startetat von 4 Million D-Mark zur Verfügung stellte; zunächst trug die Kommission den Namen „Wissenschaftliche Kommission für deutsche Kriegsgefangenengeschichte“. Bemerkenswert am Zeitpunkt der Einrichtung war, dass die letzten deutschen Kriegsgefangenen erst in den Jahren 1955/1956 überhaupt in die Bundesrepublik zurückgekehrt waren, weshalb sich die Dokumentierung der Geschichte der Kriegsgefangenschaft unmittelbar an ihr Ende anschloss. Die Arbeit der WK passt in ein größeres Muster der deutschen Geschichtsschreibung der 1950er-Jahre, die sich in der Betrachtung des Zweiten Weltkriegs mit Vorliebe auf deutsche Kriegsopfer konzentrierte. Da die letzten Kriegsgefangenen erst 1956 in die Bundesrepublik zurückkehrten, begann die Arbeit der WK später als die staatlich geförderte Ausarbeitung vergleichbarer Projekte zur Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-und Mitteleuropa (1953–1962) sowie die vom BMVt herausgegebenen fünfbändigen Dokumente deutscher Kriegsschäden. Evakuierte, Kriegsgeschädigte, Währungsgeschädigte (1958–1964). mini|hochkant|Hans Koch war bis zu seinem Tod im Jahr 1959 der erste Leiter der Wissenschaftlichen Kommission. Der erste Projektleiter der WK war zunächst bis zu seinem unerwarteten Tod im April 1959 der Osteuropahistoriker und ehemalige Kriegsgefangene Hans Koch (1894–1959).

Nach Kochs Tod wurde die Projektleitung an einen weiteren Osteuropahistoriker, Erich Maschke (1900–1982), übertragen, der ebenfalls deutscher Kriegsgefangener in der Sowjetunion gewesen und erst im Jahr 1953 in die Heimat zurückgekehrt war. Während der Zeit des Nationalsozialismus hatte Maschke sich schwerpunktmäßig mit der deutschen Ostsiedlung befasst; seine Ausführungen zum Deutschen Ritterorden waren bei der SS beliebter Lesestoff zur Unterfütterung der eigenen Ideologie einer deutschen Eroberung Osteuropas. Maschke war nach dem Kriegsende zunächst mit anderen Professoren der Universität Leipzig ein ziviler Gefangener, wurde aber dann zum Kriegsgefangenen erklärt und in die UdSSR gebracht.

Ein wichtiger Mitarbeiter von Koch und Maschke war Kurt W. Böhme, der vor seinem Beitritt zur WK ein Abteilungsleiter beim Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes gewesen war und der innerhalb der WK zunächst mit der technischen Leitung des Projekts betraut und anschließend im Jahr 1959 zum Geschäftsführer ernannt wurde. Hans Koch widersetzte sich bei der Rekrutierung von Mitarbeitern dem Wunsch des BMVt nach namhaften Historikern und betonte stattdessen die Wichtigkeit junger Forscher, die seiner Darstellung nach nicht so stark überlastet wären wie ihre älteren Standesgenossen.

Zu den Historikern, die an der Ausarbeitung der Geschichte der deutschen Kriegsgefangenen mitarbeiteten, gehörte Hedwig Fleischhacker.

Arbeitsweise

Methodologie Während das BMVt zunächst gehofft hatte, die Kriegsgefangenengeschichte hauptsächlich als Dokumentensammlung umgesetzt zu sehen (was damit der vergleichbaren Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost- und Mitteleuropa geähnelt hätte), stellte sich für die WK schnell heraus, dass der erforderliche Daten- und Dokumentenbestand überhaupt nicht vorhanden war. Die von Maschke formulierte Aufgabe, „das Schicksal von 11 bis 12 Millionen Kriegsgefangenen in mindestens 20 Gewahrsamsstaaten von den Kriegsjahren bis zum Jahre 1956, als die letzten heimkehrten, in seinem ganzen Umfange und der ganzen Vielfalt als ein Stück deutscher Zeitgeschichte zu erfassen“, war durch die immense Zahl und große geographische Streuung der Kriegsgefangenen außerordentlich schwierig.

Schon 1958 wurden die ursprünglich ebenfalls berücksichtigten Zivilisten in ausländischer Gefangenschaft komplett aus dem Aufgabenbereich der WK gestrichen. Der Teilaspekt des Gesundheitswesens in Kriegsgefangenenlagern wurde ebenfalls größtenteils ausgeklammert und der zwischen 1958 und 1964 herausgegebenen Serie Extreme Lebensverhältnisse und ihre Folgen des ärztlichen Beirats des VdH überlassen. Juristische Teilaspekte wurden nach Konflikten mit der Zentralen Rechtsschutzstelle (ZR) des Auswärtigen Amts ausgeklammert und die Vor- sowie Nachgeschichte der Kriegsgefangenschaft ebenfalls gänzlich übergangen.

Bei der Arbeit, die sich auf einen weit gestaffelten Quellenkorpus berufen sollte, musste nach Ansicht der WK eine Balance zwischen ‚Objektivität‘ und ‚Subjektivität‘ gefunden werden; einerseits war es das Ziel der Kommission, ‚objektive‘ Fakten wie die Zahl der Kriegsgefangenen, Lagersystematik, Verpflegungsmengen und Arbeitsquoten zu ermitteln, andererseits sollte das ‚subjektive‘ Erlebnis der individuellen Kriegsgefangenen beachtet und unter sozialpsychologischen Aspekten verarbeitet werden. Vor allem der Fokus auf subjektive Erfahrung, die in der Formulierung Maschkes keine „Geschichte des Handelns, sondern des Leidens“ sei, brachte das Projekt früh in die von den WK-Mitgliedern selbst erkannte Gefahr, in den Verdacht zu geraten, dass mit der Veröffentlichung „Unrecht gegen Unrecht aufgerechnet werden“ solle.

Um dem Vorwurf nationalistischer Befangenheit vorzubeugen, versuchte die WK durch internationale Kontakte, in anderen Staaten die Ausarbeitung ähnlicher Projekte zu animieren. Dies gelang lediglich in Frankreich, wo unter dem Vorsitz von Fernand Braudel eine ähnliche Kommission () eingerichtet wurde. Wichtige Forschungskontakte entwickeln sich für die WK außerdem besonders in den Beneluxstaaten. Als wichtiger britischer Kontakt erklärte sich Henry Faulk, ehemaliger Leiter der politischen Umerziehung deutscher Kriegsgefangener, bereit, für die WK an der Ausarbeitung zur Darstellung der deutschen Kriegsgefangenen in Großbritannien mitzuarbeiten.

Ziele Die Arbeit der WK stand deshalb unter drei entgegengesetzten Einflüssen: Die WK selbst beanspruchte für sich das Ziel von historisch-fundierter objektiver Geschichtsschreibung, die Bundesregierung wünschte sich eine Sammlung von Daten und Fakten zur Unterstützung künftiger internationaler Verhandlungen und die Verbände ehemaliger Kriegsgefangener wollten eine angemessene Darstellung der eigenen Leidensgeschichte.

Für die Bundesregierung war die Arbeit der WK als Basis für die Verhandlung von Friedensverträgen mit den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs wichtig. Die Bände der Veröffentlichungsserie wurden nicht zuletzt deshalb nach Gewahrsamsstaaten der Kriegsgefangenen organisiert. WK-Geschäftsführer Kurt W. Böhme betonte, dass die Zusammenstellung von Daten der Kriegsgefangenschaft unter anderem dazu diente, „den Wert der von den Kriegsgefangenen geleisteten Arbeiten nachzuweisen“. Die Maschke-Kommission benannte etwa für die deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion insgesamt 1,3 Milliarden Arbeitstage mit 10,3 Milliarden Arbeitsstunden.