mini|300px|Abschnitt der Stadtmauer Atuatucas mit Wehrturm Atuatuca Tungrorum war der Name einer römischen Stadt auf dem Gebiet des heutigen Tongeren, einem Stadtteil der Stadt und Gemeinde Tongeren-Borgloon in der belgischen Provinz Limburg und der niederländischsprachigen Region Flandern. In antiker Zeit lag der Ort auf dem Gebiet der Civitas Tungrorum, dem Siedlungsraum der germanischen TungrerErforschung der Civitas Tungrorum auf der Webpräsenz des Gallo-Romeins Museum, Tongeren (niederländisch, französisch, deutsch, englisch), abgerufen am 15. November 2025., war deren Hauptstadt und gehörte damit administrativ zunächst zur Provinz Gallia Belgica,Plinius der Ältere, Naturalis historia 4, 17, 106 ab domitianischer Zeit (81–96) vermutlich zur Germania inferior und in der Spätantike gesichert zur Germania secunda.Ammianus Marcellinus 15, 11, 7; Notitia dignitatum 42, 43; Notitia Galliarum 8, 267.

Lage, Quellen, Etymologie und Forschungsgeschichte mini|Atuatuca (Tungrorum) auf der Tabula Peutingeriana(Mitte oben, leicht nach links verschoben) Die römische Stadt war an einer ökonomisch und strategisch günstigen Position im Zentrum der Civitas Tungrorum errichtet worden. Dort enden die ärmeren Böden der nördlichen Ardennenausläufer und es bildet sich eine fruchtbare Lösszone, bevor im Norden davon wieder weniger fruchtbare Sandböden anschließen. Durchquert wird dieses Gebiet in grob nordsüdlicher Ausrichtung von einer Wasserscheide, die das Einzugsgebiet der Maas von dem der Schelde trennt und für reichlich Quellwasser sorgt. In westöstlicher Richtung durchzog die so genannte Via Belgica das Gebiet, eine strategisch wichtige römische Fernstraße, die von Gesoriacum (heute Boulogne-sur-Mer) nach Apud aram Ubiorum (die spätere Colonia Claudia Ara Agrippinensium, das heutige Köln) führte. Der Name Via Belgica ist nicht authentisch antik, sondern eine moderne Wortschöpfung des Tourismusmarketings. Außer über diese Straße konnte Atuatuca vom rund 18 Kilometer östlich gelegenen Mosa Traiectum aus auch auf dem Wasserweg über den Jeker erreicht werden, zumindest mit kleineren flachen Booten, wie sie in der römischen Flussschifffahrt üblich waren.

Auf der Tabula Peutingeriana findet sich Atuatuca (Tungrorum) auf der Strecke von der Colonia Claudia Ara Agrippinensium (Köln) über Iuliacum (Jülich) und Coriovallum (Heerlen), und von Atuatuca weiter nach über Geminiacum (nördlich des heutigen Charleroi) und Vogdoriacum (Waudrez bei Binche) nach Bagacum Nerviorum (Bavay) verzeichnet. Ein Straßenabzweig führt von Atuatuca über Feresne, Catualium, Blariacum und Ceuclum nach Ulpia Noviomagus Batavorum. Auch in der Geographike Hyphegesis des Claudius Ptolemaeus findet Atuatuaca Tungrorum als Hauptort der Tungrer Erwähnung.Claudius Ptolemaeus, Geographike Hyphegesis II, 9, 9. mini|hochkant|Ambiorixdenkmal auf dem Grote Markt Der Name Atuatuca Tungrorum leitet sich möglicherweise von der älteren und befestigten eburonischen Siedlung Atuatuca ab, bei der sich ein Teil der caesarischen Truppen im Winter 54/53 v. u. Z. einquartiert und eine vernichtende Niederlage durch Ambiorix erlitten hatte.Gaius Iulius Caesar, De bello Gallico 5, 26-37. Eine Legion und fünf Auxiliareinheiten, also rund 8000 Mann sollen dabei aufgerieben worden sein. Der Ort konnte bis heute nicht lokalisiert werden, er wurde schon auf dem Caestert-Plateau in Riemst (südlich von Maastricht),Plateau Kanne-Caestert beschermd als archeologische site auf der Webseite der Gemeinde Riemst (niederländisch), abgerufen am 21. November 2025. aber auch im Tongerner Ortsteil Berg vermutet.Nico Roymans, Marleen Martens: In Search of Caesar’s Aduatuca in the Territory of the Eburones. In: Archäologisches Korrespondenzblatt 54, 2024, S. 335–348. Allgemein wird angenommen, dass der Name der älteren eburonischen Siedlung auf die jüngere, tungrische übertragen worden ist.Alain Vanderhoeven: Die römische Stadt Tongeren. In: Raban von Haehling, Andreas Schaub (Hrsg.): Römisches Aachen. Archäologisch-historische Aspekte zu Aachen und der Euregio. Schnell & Steiner, Regensburg 2013, ISBN 978-3-7954-2598-2, S. 387–422 und 446–448, hier S. 387f.

Die archäologische Erforschung Tongerens begann in den 1930er Jahren (unter anderem mit der Beteiligung des deutschen Archäologen Gerhard Bersu) und widmete sich anfänglich insbesondere dem römischen Straßennetz. In der weiteren Umgebung des Stadtkerns reichten die Besiedlungsspuren über das Neolithikum bis ins Mesolithikum zurück, Einzelfunde bis ins Paläolithikum.

Lange war in der belgischen Archäologie ein sehr früher, frühaugusteischer und mutmaßlich militärischer Ursprung Tongerens postuliert worden. Insbesondere Hugo Thoen, der sich um die Erforschung des Kastells Maldegem verdient gemacht hat, aber auch Joseph Mertens tendierten in diese Richtung.Hugo Thoen: Römische Militäranlagen im westbelgischen Raum. Ein status quaestionis. In: Bendix Trier (Hrsg.): Die römische Okkupation nördlich der Alpen zur Zeit des Augustus. Kolloquium Bergkamen 1989. Vorträge (= Bodenaltertümer Westfalens. Band 26). Aschendorff, Münster 1991, S. 49–59. Die Vertreter dieser Hypothese stützten sich vor allem auf mehrere Fundstellen, an denen Spitzgräben identifiziert worden waren, die um die Stadt herum verliefen. Es blieb Alain Vanderhoeven vorbehalten, diese Theorie zu relativieren. Er zeigte auf, dass die ersten festen Gebäude aus spätaugusteisch-tiberischer Zeit stammten und dass zu dieser Zeit das römische Heer die einzige Kraft gewesen wäre, die die Neuerrichtung einer ganzen Stadt mit all ihren Infrastrukturen logistisch hätte bewältigen können, dass also dort vorübergehend ein Bautrupp stationiert gewesen sein könnte, dem die Spitzgräben zuzuweisen seien. Ferner wies er darauf hin, dass einige Spitzgräben aus der Zeit des Bataveraufstandes stammten und vermutlich zur Verteidigung der Stadt gegen die Aufständischen gedient hätten. Gesichert kann die Frage, ob es sich nun um eine zivile oder militärische Gründung handelt, auch wegen des dicht überbauten Stadtbereichs und dadurch fehlender eindeutiger Befunde, bis heute nicht entschieden werden.Alain Vanderhoeven, Michel Vanderhoeven: Confrontation in Archaeology. Aspects of Roman Military in Tongeren. In: Frank Vermeulen, Kathy Sas, Kathy, Wouter Dhaeze (Hrsg.): Archaeology in Confrontation. Aspects of Roman Military Presence in the Northwest. Studies in Honour of Prof. Em. Hugo Thoen (= Archaeological reports Ghent University. Bd. 2). Academia Press, Ghent 2004, ISBN 90-382-0578-3, S. 143–154 (Digitalisat). Man geht aber im Allgemeinen davon aus, dass die Stadt eine zivile Gründung war und Militär dort höchstens temporär präsent gewesen ist. Dies scheint sich erst in der Spätantike zu ändern.Natasja De Winter, Petra Driesen: History of the civitas capital and site location. In: Petra Driesen (Hrsg.): A residential area in the Roman city of Atuatuca Tungrorum. Excavations on the museumsite in Tongeren (= Atuatuca, Publicaties van het Provinciaal Gallo-Romeins Museum te Tongeren. Nummer 8). Tongeren 2018, S. 12–17 (Digitalisat).

Geschichte und archäologische Befunde Anfänge sowie 1. und 2. Jahrhundert mini|TeilrekonstruierterGallo-römischer Umgangstempel Nachdem der Stamm der Eburonen während des Gallischen Krieges in großen Teilen einem Genozid Caesars zum Opfer gefallen war, wiesen die Römer zur Zeit des Augustus einen Teil des Gebietes den Tungrern zu. Die Gründung von Atuatuca Tungrorum selbst begann wohl um 15/10 v. u. Z., worauf die Befunde von Gruben und Rinnen mit Beifunden des so genannten Oberadenhorizonts verweisen. Die nächstjüngere Fundschicht lässt sich den ersten Jahrzehnten des 1. Jahrhunderts zuschreiben. Sie zeigt die Grundrisse von einräumigen Wohnstallhäusern, die mittels Pfostenbauweise in einheimischer Tradition errichtet worden waren. Um die Mitte des 1. Jahrhunderts änderte sich die Bebauung grundlegend. Das schachbrettartige Wegenetz, dessen einzelne Straßen durchschnittlich 5,50 m breit waren, wurde mit Kies befestigt, die einfachen Pfostenbauten wurden durch mehrräumige Häuser in Schwellbalkenbauweise ersetzt, deren Zimmer sich nach italischen Vorbildern um einen Innenhof herum anordneten. Einige Räume wurden mit Wandmalereien versehen. In den 60er Jahren erfolgte wohl auch die Grundsteinlegung eines monumentalen gallo-römischen Umgangstempels am nordwestlichenGallo-römischer Umgangstempel: . und eines großen Horreums am südwestlichen Rand der Stadt. Um den Baugrund für den Tempel vorzubereiten, wurde eine Terrasse angelegt, die von einer 112 m mal 71,5 m (= 7952 m²) messenden Säulenhalle umgeben war. In deren Mitte befand sich ein Podiumstempel mit Cella, Pronaos und Peristyl. Insgesamt wird eine gewisse Romanisierung unübersehbar. Diese Bauphase wurde um 69/70 jäh unterbrochen, als ein Großbrand weite Teile der Stadt zerstörte, vermutlich eine Folge des Bataveraufstands.Alain Vanderhoeven: Die römische Stadt Tongeren. In: Raban von Haehling, Andreas Schaub (Hrsg.): Römisches Aachen. Archäologisch-historische Aspekte zu Aachen und der Euregio. Schnell & Steiner, Regensburg 2013, ISBN 978-3-7954-2598-2, S. 387–411, insbesondere S. 392–398.mini|Modell von Atuatuca Tungrorum (Zustand um das Jahr 150)im Gallo-Romeins Museum