Das Bergwerk Dirstentritt liegt im Tal und an den Hängen des Gafleinbachs auf dem Gebiet der Gemeinden Nassereith und Tarrenz in der Nähe des Fernpass. Überwiegend wurden Blei- und Zinkerze abgebaut, ab dem Ersten Weltkrieg auch Molybdänerze. Erste Schürfe stammen wohl aus der Zeit des 15. bis 16. Jahrhunderts, danach entwickelte sich das Bergwerk zu einem wichtigen Zulieferer der Tiroler Buntmetallhütten. Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Gewerkschaft Dirstentritt gegründet und mit dem Carl-Eduard-Stollen ein neuer Erbstollen aufgefahren. Ab 1909 investierte Willy von Dulong in den Bergbaubetrieb, der vor allem im Ersten Weltkrieg als kriegswichtiger Betrieb eine Blütezeit erlebte. Nach dem Ersten Weltkrieg konnte sich Dulong nicht gut auf die marktwirtschaftlichen Verhältnisse einstellen, sodass er das Bergwerk 1926 an die Bleiberger Bergwerks Union verkaufen musste. Im Rahmen der deutschen Kriegsvorbereitungen wurde das Bergwerk noch einmal hergerichtet, bis es 1953 endgültig stillgelegt wurde.
Geschichte Anfänge des Bergbaus Der Anfang des Bergbaus am Dirstentritt liegt wohl im 15. Jahrhundert. Für die Saigerhütten im Unterinntal wurde immer mehr Blei als Zuschlagstoff benötigt, sodass 1477 Erzherzog Siegmund der Münzreiche erstmals eine Bergordnung für Imst erließ. Im Imster Berggerichtsbuch wurde die Verleihung von Gruben in der „Gafleun“ im Zeitraum 1488–1503 erwähnt. Im vorderen Gafleintal finden sich Spuren, die gut aus dieser Zeit stammen könnten. Andere Quellen geben den Beginn des Bergbaus eher gegen Ende des 16. Jahrhunderts an. 1747 wurde „Dirstenthritter Ertz“ in einem Bericht der Kupfer- und Silberhütte Brixlegg erwähnt. Ein anderer Bericht datiert den Anfang dieses Bergbaus auf 1717. Im 18. Jahrhundert wurden vor allem Bleierze profitabel abgebaut. 1802 wird der Bergbau durch die bisherigen Eigentümer aufgegeben, in den anschließenden Jahren betrieben Eigenlöhner noch Resterzgewinnung. 1838 wird der Bergbau vorläufig eingestellt.
1876 finden sich mit Christian Eduard Bandmann und Carl Ferdinand Carstens zwei Investoren aus Hamburg, die zusammen mit dem Innsbrucker Privatier Anton Leonhard Flory eine Gesellschaft gründen. Begonnen wird mit dem Abbau von Resterzen, zur Erschließung weiterer Vorkommen wurde im Maria-Heimsuchung-Stollen ein Blindschacht abgeteuft. Dort wird auch eines der ersten Grubentelefone erfolgreich eingesetzt. Im Mai 1889 gründeten die Investoren die Gewerkschaft Dirstentritt mit 100 Kuxen, die je zur Hälfte an Bandmann und Carstens gingen. Anschließend wurde mit dem Carl-Eduard-Stollen ein neuer Unterfahrungsstollen 360 Meter unterhalb des Hauptstollens begonnen. Da man auch nach 500 Metern Vortrieb nicht auf Erz stieß, wurde das Projekt aufgegeben und der Bergbau kam abermals zum Erliegen. Bei einem Besuch des k.k. Bergcomissär Werner im Oktober 1896 werden noch Reste von Bleierzen in den Lagerstätten des Maria-Heimsuchung-Stollens abgebaut. Werner erkennt aber, dass die Zukunft des Bergbaus in dem neuen Stollen liegen muss.
Der Bergbau unter Willy von Dulong 1910–1926 1909 erwarb der preußische Adlige Willy von Dulong alle 100 Kuxe von den Erben der Gewerkschaft Dirstentritt. Im Jahr darauf investierte er mehr als 600.000 Kronen in notwendige Betriebsanlagen, unter anderem eine Seilbahn, eine Aufbereitungsanlage und ein Kraftwerk und nahm daraufhin den Bergbau wieder auf. Allerdings ließen die hohen Betriebskosten seine finanziellen Mittel immer weiter schrumpfen. Er musste Fremdkapital aufnehmen und plante die Ausgabe von Aktien, um neue Mittel zu gewinnen, was durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs scheiterte. Außerdem wurden Teile der Belegschaft zum Kriegsdienst einberufen. Für einen Teil konnte eine Freistellung mit Hinweis auf die Kriegswichtigkeit des Abbaus erreicht werden. Im Februar 1916 wurde der Abbau als kriegswichtiger Betrieb eingestuft und damit unter militärische Aufsicht gestellt. Durch Differenzen zwischen Betriebs- und militärischer Leitung drohte dem Bergwerk in den folgenden Monaten die Enteignung. Durch Neubesetzung beider Positionen konnte diese aber abgewendet werden. 1917 wurden dann auch Molybdänerze abgebaut und bei den Deutschen Molybdänwerken in Teutschenthal weiterverarbeitet. Außerdem erreichte im August 1917 der Carl-Eduard-Stollen nach 1,2 Kilometern die Lagerstätte. Ab Mitte 1917 förderte die deutsche staatliche Kriegsmetall AG den Molybdänabbau, da die Vorräte des Molybdänbergwerks Höllental zur Neige gingen. Durch einen Unterstützungsvertrag besetzte die Kriegsmetall AG ab April 1918 wichtige Positionen in der Betriebsleitung und stellte deutsches Fachpersonal zur Verfügung. Im letzten Kriegsjahr wurden 12 Tonnen Molybdänerz gefördert. Mit Kriegsende wurde dieses wieder abgezogen und der Bergbau wieder alleinig von Dulong überlassen. Durch Missstände in der Betriebsleitung wurde der Abbau immer unrentabler. Man begann mit dem Vortrieb des St-Wendelin-Erbstollens fast im Tal, die Arbeiten gerieten aber bald ins Stocken. 1926 musste von Dulong den Bergbau endgültig aufgeben und die Grube an die Kärntner Bleiberger Bergwerks Union (BBU) verkaufen.
Die Bleiberger Bergwerks Union und das Ende des Bergbaus 1927 übernahm die Bleiberger Bergwerks Union das Bergwerk und beschleunigte den Vortrieb des Wendelin-Stollen, bei dessen Vortrieb heftige Wassereinbrüche auftraten. Auch das Fehlen von qualifiziertem Personal bereitete Probleme. 1928 versiegte eine Wasserquelle der Gemeinde Nassereith, die BBU sollte die Kosten für einen Neubau tragen. Zusätzlich brannte die Aufbereitungsanlage der Gewerkschaft ab. Durch fallende Rohstoffpreise während der Weltwirtschaftskrise 1929 wurde der Bergbau wieder unrentabel. Eine Renaissance erlebte er ab 1939 im Rahmen der deutschen Kriegsvorbereitungen, im Zentrum stand wieder das Molybdän. Es wurden auch Zwangsarbeiter aus der Ukraine eingesetzt, um den kriegsbedingten Personalmangel auszugleichen. Besonders erfolgreich waren diese Bemühungen aber nicht. Nach Kriegsende wurde ein Kohlevorkommen am Dirstentritt abgebaut. Da diese Kohle aber von sehr schlechter Qualität war, wurde dieses Unterfangen Ende Januar 1946 wieder eingestellt. Danach wurde der Bleierzbergbau bis zur endgültigen Einstellung 1953 wieder aufgenommen. Nach der Einstellung bekundete die Gemeinde Nassereith zur Trinkwasserversorgung Interesse am Wendelin-Stollen. 60 Meter hinter dem Mundloch wurde eine Wasserfassung errichtet. 1968 übernahm die Gemeinde Nassereith die Bergwerksberechtigung von der BBU, um den Wasserbezug rechtlich abzusichern. 1980 wurde der Gemeinde Nassereith die Bergbauberechtigung entzogen, da sie keine neuen Koordinaten in Bezug auf das Landesvermessungssystem angegeben hatte. Seitdem liegen die Rechte der Grubenwässer des Wendelin-Stollens beim Grundeigentümer.
Geologie Am Fernpass zwischen den Lechtaler Alpen und dem Mieminger Gebirge stehen Schichtglieder der Trias, des Jura und der Kreide an. Die Blei-Zink-Molybdänvererzungen treten nur in den Gesteinen der alpinen Trias auf, vor allem im alpinem Muschelkalk und im Wettersteinkalk. Es wird angenommen, dass warme, erzreiche Salzlösungen in die Kalksteine eindrangen und sich bei passenden Bedingungen abschieden. Diese Art der Lagerstätte wird Mississippi Valley-Typ genannt. Im Dirstentritter Hauptgang kommen vor allem die Bleiminerale Galenit, Cerussit, Wulfenit, die Zinkminerale Smithsonit, Hemimorphit und Sphalerit, sowie Calcite und Fluorite vor. Die Erzgehalte in der Gangmasse betragen etwa 7 bis 8 % Blei, 0,25 bis 0,5 % Molybdän und 3,5 bis 4,0 % Zink.
Der österreichische Mineraloge Erich Schroll besuchte den Bergbau am Dirstentritt und untersuchte dabei Wulfenitkristalle. Diese kristallisierten ungewöhnlicherweise in feinen Nadeln von ca. 10–15 mm Länge und 0,1 bis 0,5 mm Stärke. Er charakterisierte sie als sehr junge Verwitterungsform des Wulfenits und führte kristallographische Untersuchungen durch.
Einzelnachweise
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