Blame (Untertitel: Bats, Politics and a Planet Out of Balance) ist ein Schweizer Dokumentarfilm aus dem Jahr 2025, bei dem Christian Frei Regie führte und den er auch produzierte.

Der Film erzählt ausdrücklich aus der Perspektive seiner drei Hauptprotagonisten und positioniert sich für einen natürlichen, zoonotischen Ursprung von SARS-CoV-2. Zugleich befasst er sich mit Fehlinformationen, Verschwörungserzählungen und der politischen Instrumentalisierung der Debatte über den Ursprung der COVID-19-Pandemie.

Die Weltpremiere fand am 4. April 2025 als Eröffnungsfilm des 56. Visions du Réel International Film Festival in Nyon statt.

Inhalt Der Dokumentarfilm folgt den drei Wissenschaftlern Linfa Wang in Singapur, Shi Zhengli in Wuhan und Peter Daszak in New York, die lange vor der COVID-19-Pandemie zentral in der Coronavirus-Forschung tätig waren. Den Protagonisten gelang es, die Ursprünge des für die SARS-Epidemie von 2002/2003 verantwortlichen SARS-Coronavirus auf eine Fledermaushöhle in China zurückzuführen. Sie warnten davor, dass ein ähnliches, gefährlicheres Virus in der Zukunft auftauchen könnte. Anders als im Film dargestellt, wurde mit dieser Untersuchung jedoch nicht bereits 2003 der konkrete Ursprung des SARS-Ausbruchs auf eine bestimmte Fledermaushöhle zurückgeführt; die Autoren hielten vielmehr ausdrücklich fest, dass der genaue Ursprung von SARS-CoV weiterhin ungeklärt sei.

Als COVID-19 auftritt, ist ihre Expertise zunächst gefragt, doch bald werden sie zur Zielscheibe intensiver politischer Debatten und öffentlicher Schuldzuweisungen («Blame»). Der Film stellt die methodische Langzeitforschung der Wissenschaftler der schnelllebigen und oft unbeständigen Welt der Medienschlagzeilen, politischen Anschuldigungen und Spekulationen in den sozialen Medien gegenüber.

Im weiteren Verlauf verlagert sich ein Teil der Handlung nach Thailand, wo Frei Feldforschung an Fledermäusen sowie einen Rückzug mit Daszak, dem Wissenschaftskommunikator Philipp Markolin und der chinesischen Wissenschaftsjournalistin Jane Qiu begleitet. Qiu nimmt innerhalb des Films eine kritischere Position ein. Sie konfrontiert Daszak mit seiner öffentlichen Kommunikation und äußert die Sorge, der Film könne als Propaganda für die Hypothese eines natürlichen Ursprungs wahrgenommen werden.

Regisseur Christian Frei präsentiert die Erzählung aus der Perspektive der Wissenschaftler und beleuchtet den persönlichen und beruflichen Tribut, den es fordert, im Zentrum einer globalen Diskussion zu stehen, in der Evidenz und Komplexität gegenüber attraktiven reisserischen Erzählungen verlieren. Freis zentrale These wird durch seine Aussage zusammengefasst: «Jene, die uns gewarnt haben, sind am Ende diejenigen, die beschuldigt werden.»

Wissenschaftlicher Hintergrund Die im Film dargestellte Forschung zum Ursprung von SARS erstreckte sich über viele Jahre. Die Studie von 2005 identifizierte Fledermäuse als natürliche Wirte einer großen Vielfalt SARS-ähnlicher Coronaviren, konnte aber keinen unmittelbaren Vorläufer von SARS-CoV bestimmen.

Eine 2017 veröffentlichte Untersuchung berichtete über eine fünfjährige Überwachung von Hufeisennasen in einer Höhle in der chinesischen Provinz Yunnan. Dort wurden zahlreiche genetisch unterschiedliche SARS-verwandte Coronaviren gefunden. Die Autoren, zu denen auch Shi, Daszak und Wang gehörten, kamen zu dem Schluss, dass sich in dieser Population wesentliche genetische Bausteine des späteren SARS-CoV fanden und einige der Viren menschliche ACE2-Rezeptoren zur Zellaufnahme nutzen konnten. Sie werteten dies als weiteren Hinweis auf den evolutionären Ursprung von SARS-CoV und auf das Risiko zukünftiger SARS-ähnlicher Erkrankungen.

Die Ursache der COVID-19-Pandemie war auch nach Fertigstellung des Films nicht geklärt. Die von der Weltgesundheitsorganisation eingesetzte Scientific Advisory Group for the Origins of Novel Pathogens (SAGO) kam in ihrer Bewertung vom Juni 2025 zu dem Ergebnis, dass das Gewicht der verfügbaren wissenschaftlichen Evidenz für einen zoonotischen Übergang von Tieren auf Menschen spreche. Zugleich erklärte die WHO, wesentliche Informationen zur Beurteilung aller Hypothesen seien nicht zugänglich gemacht worden; deshalb müssten sowohl ein zoonotischer Ursprung als auch ein mögliches forschungsbezogenes Laborereignis weiterhin untersucht werden.

Themen Ein Hauptthema des Films ist der Konflikt zwischen dem langsamen, strengen Prozess wissenschaftlicher Entdeckungen und den Anforderungen einer schnelllebigen, politisch aufgeladenen Medienlandschaft. Er untersucht, wie wissenschaftliche Unsicherheit im politischen Diskurs instrumentalisiert werden kann und wie komplexe Realitäten oft zu simplen, anklagenden Narrativen verflacht und aufgebauscht werden. Der Dokumentarfilm beleuchtet zudem die menschliche Neigung, in Krisenzeiten Sündenböcke zu suchen, wie es sich im Titel widerspiegelt. Er befasst sich mit den Mechanismen von Fehlinformationen und der Entstehung von Verschwörungstheorien im digitalen Zeitalter und zeigt, wie Narrative «geformt, von Politikern verstärkt und profitorientierten Medien aufgegriffen werden».

Produktion Regisseur Christian Frei begann seine «filmische Reise» kurz nach Beginn des COVID-19-Ausbruchs. Aufgrund der geopolitischen Sensibilitäten rund um die Ursprünge der Pandemie wurden die Dreharbeiten diskret durchgeführt, um sowohl die Orte als auch die Teilnehmer zu schützen.

Die Dreharbeiten begannen im November 2022 auf dem 7. World One Health Congress in Singapur. Das Produktionsteam reiste ausgiebig durch Südostasien, unter anderem nach Thailand, um die Feldforschung im Wat Luang Phrommawat zu dokumentieren, einem Tempel, in dem Wissenschaftler Flughunde auf das Nipah-Virus testen.

Weitere Szenen wurden in der Khao Chong Phran Höhle in der Provinz Ratchaburi gedreht, die eine geschätzte Population von 2,8 Millionen Fledermäusen beherbergt, sowie im Bezirk Pang Mapha im Norden Thailands, der für seine ausgedehnten Höhlensysteme bekannt ist.

Die Kameraführung übernahmen Peter Indergand und Filip Zumbrunn, die Filmmusik wurde von Marcel Vaid komponiert, mit zusätzlicher Musik von Jóhann Jóhannsson. Der 123-minütige Film wurde von Trine Piil mitgeschrieben.

Rezeption Die Rezeption fiel sowohl positiv als auch kritisch aus. Gelobt wurden insbesondere die Bildgestaltung, die Aktualität des Themas und die Darstellung des Spannungsverhältnisses zwischen wissenschaftlicher Forschung und öffentlicher Kommunikation. Kritik richtete sich vor allem gegen die starke Identifikation des Regisseurs mit seinen Protagonisten und gegen die Behandlung der Laborunfallhypothese.

Allan Hunter bezeichnete Blame in Screen International als sachlich, sorgfältig montiert und faszinierend. Zugleich wies er darauf hin, dass Daszak eine umstrittene Figur sei und der Film Gefahr laufe, vor allem ein bereits überzeugtes Publikum anzusprechen. In The Observer lobte Mark Honigsbaum den Film für sein fesselndes und akkurates Storytelling, drückte jedoch Bedauern darüber aus, dass er aufgrund seines kontroversen Themas möglicherweise keinen Verleih in Grossbritannien oder den USA finden werde. Der Filmkritiker Michael Sennhauser schrieb: «Der Film liefert schlüssige Fakten und er emotionalisiert. Und Frei positioniert sich klar und deutlich als Stimme der Vernunft gegen die Dämonen der Demagogie.» Selim Petersen von Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) bemerkte die Objektivität des Films und lobte die «eindringliche Bildsprache», die von den Kameramännern Peter Indergand und Filip Zumbrunn eingefangen wurde. Franziska Meister von der Wochenzeitung WOZ lobte den Film: „Selten hat ein Dokumentarfilm nach fünf Jahren Dreharbeit so den Nerv der Zeit getroffen“. Anne-Sophie Scholl schreibt in der Republik, der Film setzt «auf die Überzeugungskraft seines Storytellings und auf die visuelle Kraft seiner Bilder, die er spekulativen Meldungen, aus dem Kontext gerissenen Social-Media-Posts oder atemlosen News gegenüberstellt: Seine spektakulären Aufnahmen von Wissenschaftlern in Schutzanzügen inmitten von Fledermausschwärmen haben das Potenzial, sich ins kollektive Gedächtnis einzuschreiben.» Im Falter äusserte sich Katharina Kropshofer lobend und attestiert, dass «der Film keine populistische Propaganda für instrumentalisierte Wissenschaftler, sondern eine langsame, vorsichtige Einordnung des Status quo» ist. Stephanie Schnydrig vom St. Galler Tagblatt beschreibt den Film als «eine dokumentarische Reise über die Rolle der Wissenschaft in Zeiten, in denen die Welt aus den Fugen zu geraten scheint.»

Eine kritischere Einschätzung kam von Marcel Gyr von der NZZ, der argumentierte, dass dem Film die kritische Distanz zu seinen Protagonisten, insbesondere Peter Daszak, fehle. Auch andere Rezensenten kritisierten die Einseitigkeit des Films und die mangelnde Distanz zu seinen Protagonisten. Gaby Sikorski von Programmkino.de bemängelte, Frei bediene sich teilweise selbst jener inszenatorischen Mittel, die er seinen Gegnern vorwerfe: Er „verkürzt, emotionalisiert, verengt den Fokus“. Die vorgebliche Suche nach Wahrheit bleibe dadurch wiederholt in „Einseitigkeit und Vereinfachung“ stecken. Gleichwohl bezeichnete sie den Film insgesamt als sehenswert und engagiert. Irene Genhart kritisierte im Filmdienst, Frei stelle den drei porträtierten Forschern in der direkten Begegnung keine kritischen Fragen. Dadurch verliere der Film an „Biss“, während der Regisseur seinen Protagonisten über weite Strecken „sekundiere“. Genhart bewertete den Film insgesamt dennoch als sehenswert und wichtig. Deutlich negativer urteilte Kees Driessen für Business Doc Europe. Er beanstandete, dass Frei die COVID-19-Laborunfallhypothese im Wesentlichen mit dem wiederholten Hinweis zurückweise, es gebe dafür keine Beweise, während die drei Hauptprotagonisten selbst in dieser Frage nicht als unbeteiligte Beobachter gelten könnten. Driessen vermisste unabhängige Wissenschaftler oder Journalisten als Gesprächspartner sowie nachvollziehbare Quellen für zahlreiche Aussagen des Voice-overs. Zudem kritisierte er, dass der Film Einwände der Wissenschaftsjournalistin Jane Qiu nur kurz aufgreife und nicht weiterverfolge. Insgesamt bezeichnete er Blame als aktuell, aber enttäuschend.

Auszeichnungen und Nominierungen Festivalteilnahmen und Preise: Visions du Réel, Nyon, Schweiz – Weltpremiere, Eröffnungsfilm (April 2025) International Contemporary Science Film Festival, Moskau – Gewinner Grand Prix Bester Internationaler Dokumentarfilm (April 2025) DOK.fest München, Deutschland – Nominiert für den Viktoria DOK.International (Mai 2025) CinemAmbiente Festival, Turin – Gewinner Publikumspreis (Juni 2025) Doc Edge Festival, Neuseeland – Gewinner In Truth We Trust Award (Juli 2025) International Festival Signes de Nuit - Bangkok – Gewinner Internationaler Wettbewerb (Juli 2025) Schweizer Filmpreis – Nomination in der Kategorie «Bester Dokumentarfilm» (Januar 2026) #LabMeCrazy! Science Film Festival – Gewinner bester Dokumentarfilm (Februar 2026) Roman Brodmann Preis 2026 – Nomination (März 2026)

Einzelnachweise

Kategorie:Dokumentarfilm Kategorie:Filmtitel 2025 Kategorie:Schweizer Film Kategorie:COVID-19-Pandemie