Das unauslöschliche Siegel ist ein 1947bei Claassen & Goverts Hamburg, (c) 1946 publizierter Roman von Elisabeth Langgässer. Die Romanwelt der Autorin ist ein Mysterium, das von dämonischen und diese letztlich dominierenden göttlichen Kräften beherrscht wird. In dieses Spannungsverhältnis geraten die beiden Protagonisten: der rheinhessische Kaufmann Lazarus Belfontaine, der in der nordfranzösischen Stadt Senlis eine zweite Ehe führt (1. und 3. Buch), und die Arzttochter Hortense de Chamant (2. Buch) in ihrer Liebe zu dem Priester Lucien Benoît.

Inhalt Überblick Die Handlung des ersten Buches spielt an zwei Maitagen im Jahr 1914 in der rheinhessischen Kreisstadt A.bzw. Ars: Elisabeth Langgässer: Das unauslöschliche Siegel. Rowohlt 1965, S. 130. Die geographische Lage entspricht der von Alzey, Langgässers Geburtsort, in der Nähe von Mainz mit den im Roman genannten umliegenden Gemeinden Wallerstädten, Marienborn, Kirchheimbolanden, Gaulsheim, Flomborn und handelt von der Lebens- und Glaubenskrise der Hauptfigur Lazarus Belfontaine. Am Ende verlässt der Protagonist seine Familie und lässt sich von einem Freund zu einem Frankreich-Urlaub verführen. Eingeschoben sind zwei kurze Abschnitte, die von der Heilung des blinden Bettlers Jean 1858 in Lourdes und einem Gespräch 1926 in Paris über Belfontaines Doppelleben in Frankreich handeln.

Im zweiten Buch wird die tragische platonische Liebesgeschichte des Missionars Lucien Benoît und Hortense de Chamants erzählt, die von dem Pfandleiher Charles Bonmarché in einem diabolischen Intrigenspiel genutzt wird, um die homosexuelle Beziehung seiner Tochter mit Hortense zu zerstören.

Die Handlung des dritten Buches spielt an einem Frühlingstag 1925 in der nordfranzösischen Stadt Senlis und setzt Belfontaines Geschichte fort. Er hat seine Vergangenheit verdrängt, ist französischer Staatsbürger geworden und mit Bonmarchés Tochter Suzette verheiratet. Ihre Eitelkeit und ihr Narzissmus enden mit ihrer Ermordung. Dies ist der Auslöser für eine Lebensänderung und religiöse Besinnung Belfontaines. Er verlässt die Stadt, kehrt nach Deutschland zurück und soll, wie die Legende erzählt, als betender Bettler durch Osteuropa wandern. Eingeschoben sind zwei die Vernunftorientierung und den Materialismus kritisierende Texte: ein Gebet Benoîts und ein Manuskript des spanischen Philosophen von Donoso Cortés.

Eingekleidet sind die mit dem Motto „commystis committo“ (dem Mysterium vertrauen) überschriebenen drei Bücher von einem Proszenium vor dem Eingang eines Auktionsgebäudes. In dem Gespräch verlangt ein „idealer Leser“ von einem „vollkommenen Kritiker“ einen Führer durch den Roman,Text: Projekt Gutenberg. https://www.projekt-gutenberg.org/langgaes/siegel/siegel.html. In einigen Bucheditionen fehlt das Proszenium. und einem Epilog 1943: Im Kriegswinter 1943 sprechen im Pfarrhaus von A. Pfarrer Mathias, seine Haushälterin, die Küchenschwester Eustachia, Gitzler u. a. über die Bombardierungen, über „die Gesamtschuld des europäischen Menschen“ und den Heiligen „unserer Tage“, den Mystiker und Pilger Josef Benedikt Labre.

Erstes Buch Vorgeschichte Lazarus Belfontaine wächst in der Kreisstadt A. in Rheinhessen in einer jüdischen Familie auf, besucht ein Gymnasium in Mainz, verbringt einige Zeit als Austauschschüler in einem Internat bei Orléans, um Französisch zu lernen, und hat dort erlebnisreiche Sommerferien auf einem Schlossgut mit einer Schülergruppe und ihrem jungen Lehrer Grandpierre und dem rothaarigen Mädchen „coquelicot“ (Klatschmohn). Später reist er in die Schweiz und nach Italien, geht als Banklehrling ein Jahr nach England und lernt das Aktiengeschäft. Als Voraussetzung einer Ehe mit Elisabeth Schweickert, der Tochter eines Lebensmittelhändlers in A., konvertiert er zum Katholizismus. Sieben Jahre vor Beginn der Haupthandlung lässt er sich einen Tag vor seiner Hochzeit taufen. Zwei Jahre später wird die Tochter Elfriede geboren. Seit dem Tod des Schwiegervaters führt er das Geschäft. Obwohl er, von der Großmutter her, zu den Bürgern der Stadt gehört und, von seinen Freunden Lutz genannt, zu den Honoratioren der Stadt zählt, fühlt er sich der Stadtgesellschaft nicht ganz „beheimatet“.

Tauftag Die Haupthandlung beginnt am Morgen eines in einem heftigen Gewitter endenden Maitages 1914 in Belfontaines Garten. Es ist der 7. Jahrestag der Taufe Lazarus‘. Seine von seiner Frau als Überarbeitung interpretierte Unzufriedenheit mit seinem Alltagsleben deutet sich an, symbolisiert durch den Ausruf seiner 5-jährigen Tochter bei einer Strickübung mit dem Dienstmädchen: „Ich habe keine Lust mehr“. Er fühlt, im Städtchen begraben zu sein, und hat den geheimen Wunsch einer Reise in eine ferne Provinz. Zugleich zeigt sich seine Glaubenskrise. Er hat Geheimnisse: z. B. dass er in den sieben Jahren mit dem Glauben nicht vorangekommen ist, obwohl er sich an Regeln der Kirche, der ehelichen Treue, der geschäftlichen Ehrlichkeit usw. gehalten habe: „All deine Wellenberge, deine Fluten, sie gingen über mich hinweg“Elisabeth Langgässer: Das unauslöschliche Siegel. Rowohlt 1965, S. 13. Dazu kommt ein weiteres Geheimnis hinzu: der erste Kauf eines Lotterieloses, das er in der Gartenkugel versteckt. V. a. wartet er an diesem Tag vergeblich auf den blinden Bettler Johannes, dem er am Tauftag begegnete und den er als Symbol des blinden Glaubens jährlich beschenkte. Dieser sagte ihm, er komme von weit her, aus einer entfernten Zeit des Alten Testamentes. Vielleicht lebt er nicht mehr, denn tags zuvor wurde, wie Belfontaine beim Frühstück von Amtsrichter Schmoller erfährt, die Leiche eines ausgemergelten Landstreichers an der Schweikertschen Wingertmauer gefunden. Sie trage ein katholisches Amulett um den Hals und die Kleidung zeige „Spuren einer ununterbrochenen Wanderschaft“.Elisabeth Langgässer: Das unauslöschliche Siegel. Rowohlt 1965, S. 47.

Bettler Jean In einem eingeschobenen Abschnitt, der am selben Tag in Paris spielt, erzählt der alte Notar Casculade seinem Freund, der nicht an Wunder glaubt, die von ihm erlebte Heilung des blinden Bettlers Jean. Dieser konnte nach einem Besuch der Lourdesgrotte wieder sehen, bat jedoch die Jungfrau um die Rückkehr zur Blindheit. Casculade vergleicht dies mit dem Erleben der Mystiker, denen die Dunkelheit, „die einem unmittelbaren Schauen der Gottheit“ nahekommt, wichtiger sei als der Anblick der äußeren Welt, die für sie ohne „Wirklichkeitswert“ sei.Elisabeth Langgässer: Das unauslöschliche Siegel. Rowohlt 1965, S. 96. Jean habe sich für den blinden Glaube und gegen die verwirrende helle Ratio entschieden. Erst nach seinem irdischen Tod werde er sehend.

Statt des Bettlers kommt an diesem Tag Herr Tricheur, der Vertreter einer französischen Weinfirma, in der Stadt an und stellt sich am Ende des Kasinofestes als Belfontaines ehemaliger Lehrer Grandpierre vor.

Begegnungen Während der zwei Maitage kommt die bisher kontrollierte Krise Belfontaines auf seinen Wegen durch die Stadt zum Ausbruch. In Selbstgesprächen, Gedanken und Visionen vertieft, wird ihm von Station zu Station seine Fremdheit und Isolation bewusster.

Der Lotterieeinnehmer Adalbert Adam Gully verkauft ihm, nach langer Abwehr, ein Los und er hofft zu gewinnen: Gewinne seien „das blinde Glück. Das Gesetz. Das Glück, das in der Gesetzesschale wie ein Nusskern beschlossen ist.“Elisabeth Langgässer: Das unauslöschliche Siegel. Rowohlt 1965, S. 23. Er versteckt das Los in der Gartenkugel. Es wird erst nach seiner Abreise nach Paris von Elfriede gefunden. Der Gewinn entspricht ungefähr seinem Reisegeld, das Elisabeth ihm mitgibt. In Gutermuths Schlosskeller trifft er beim Freitagsschlemmerfrühstück die bürgerliche „Sybariten-Runde“ und ihm wird bewusst, dass er nur am Rand dazugehört. Die Teilnehmer sind Mitglieder des Jagdclubs, der Freimaurerloge und des Kasinos: „So waren sie, außer dem Umstand, dass sie Ärzte, Kaufleute, Rechtsanwälte oder Privatiers waren, alles, wozu ein Schuss Geist gehört, ein Körnchen Weltschmerz und eine Art geläuterten Schönheitssinnes: sie waren zärtliche Ehebrecher und höfliche Halsabschneider, geschmackvolle Zotenreißer, elegische Sadisten […] Das ganze gesellschaftliche Leben in diesem vertrackten Städtchen glich den medusischen Bräuchen einer heidnischen Religion, der man, um sie zu retten, das Haupt der Göttin Vernunft auf die leeren Schultern gesetzt und am Halswirbel festgeschnallt hatte.“Elisabeth Langgässer: Das unauslöschliche Siegel. Rowohlt 1965, S. 26, 30. Gitzler, ein Kohlen- und Kalihändler und Börsenspekulant, provoziert ihn mit einer Einladung nach Mainz, eventuell mit seiner attraktiven Frau, vielleicht in einer Dreierrunde, und macht sich über Belfontaines katholisches Sittengesetz lustig. Er unterscheidet zwischen Sünde und Moral: „Wenn ich sündige, muss das nicht peinlich sein; es wird erst peinlich, wenn die Gesellschaft etwas davon erfährt. Dann ist nämlich nicht nur die Tugend verletzt, sondern die Moral. Die Gesellschaftsmoral, Jehova auf Erden, das Staatsfundament … und so weiter. Na, kurzum: der gute Geschmack“.Elisabeth Langgässer: Das unauslöschliche Siegel. Rowohlt 1965, S. 41. Er erlebt den Pfarrers Mathias, um dessen Freundschaft er sich bemüht, in seinem Garten in einer rätselhaft bedrohlichen Situation: Der Priester wird von einer Bauerngruppe aus seiner früheren Pfarrei, wegen „alter Geschichten“ bedrängt bzw. unter Druck gesetzt, bittet um Gnade und hat einen epileptischen Anfall. Diese und die folgenden Szenen spielen in einer mystischen Atmosphäre. Mathias, seine Haushälterin Kindermann und Oberin Maura fürchten die Anfechtungen einer von Dämonen bedrohten Welt. Belfontaine führt an diesem Tag zwei Gespräche mit dem Drogisten und Forscher Mösinger, einem „stoischen Wahrheitssucher mit fanatischer Wolllust“,Elisabeth Langgässer: Das unauslöschliche Siegel. Rowohlt 1965, S. 117. über Theologie und Wissenschaft. Besonders bizarr ist ihre abendliche Begegnung nach Belfontaines Kundenbesuchen in der Umgebung der Stadt, von denen er alkoholisiert und fiebrig zurückkehrt: Mösingers skurrile Verkleidung, seine „vermorschte Puppe […] Marquise de Lamotte“ und sein Fahnenfeuerwerk. Anschließend irrt Belfontaine im Mondlicht, von Gesprächen mit Tricheur/Grandpierre und erotischen Stimmungen und Bildern halluzinierend, durch das dunkle Gässchen-Labyrinth eines verrufenen Viertels, des ehemaligen Gettos, und trifft auf den Priester, als dieser einer kranken Prostituierten die letzte Ölung spendet.

Kasinofest Belfontaines erotische Phantasien kommen schließlich beim Kasinofest der Honoratioren der Stadt zum Ausbruch. Bereits zu Beginn hauchen in einer naturgeisterhaft-erotischer Atmosphäre die „…asiatische Ziergartenbüsche ihr Vanille-Aroma, den Zimtgeruch und den Duft ihres rötlichen Holzes, dessen Ruten der Regen durchsüßt und zu schnellem Wachstum aufgepeitscht hatte, mit den lauwarmen Windstößen aus. Dazwischen schaukelten, gleichfalls erregt, von buhlerischen Händen und geisterhafthauchenden Lippen, die kleinen Papierlaternen: ein Schein zu schwach, um bleiben zu können, doch stark genug, um den nächsten Umkreis mit seinem Licht zu erfüllen, durchflackerte ihre Hüllen und erhob sie für diesen Augenblick weit über Sterne und Mond.“Elisabeth Langgässer: Das unauslöschliche Siegel. Rowohlt 1965, S. 136 ff.

Helene