Gabrielle Hecht (* 1965 in Puerto Rico) ist eine Historikerin, die auf dem Gebiet der Wissenschafts- und Technikforschung (STS) mit den Schwerpunkten Bergbaugeschichte, Umweltgerechtigkeit in Afrika sowie Kerntechnik arbeitet.
Akademische Ausbildung Hecht erwarb 1986 am Massachusetts Institute of Technology (MIT) einen Bachelor of Science in Physik und 1988 an der University of Pennsylvania in Philadelphia einen Master of Arts in Wissenschaftsgeschichte und -soziologie. 1992 promovierte sie dort in Wissenschaftsgeschichte und -soziologie.Gabrielle Hecht, Professor of History auf Stanford Profiles (zuletzt aufgerufen am 23. November 2025)
Akademische Laufbahn Ab 1992 arbeitete Hecht an der Stanford University zunächst als Lehr- und Forschungsassistentin (Acting Assistant Professor), seit 1993 dann als Juniorprofessorin (Assistant Professor) im Fachbereich Geschichte sowie als Lehrbeauftragte in den Fachbereichen Französisch und Italienisch.Gabrielle Hecht, Professor of History auf Stanford Profiles (zuletzt aufgerufen am 23. November 2025)
1999 wechselte Hecht an die University of Michigan in Ann Arbor, zunächst als Juniorprofessorin (Associate Professor), dann seit 2011 als Professorin. In Michigan war sie Mitbegründerin des Science, Technology, and Society (STS)-Programms, dem sie von 2013 bis 2015 und von 2016 bis 2017 auch als Direktorin vorstand.Gabrielle Hecht: A Message from the Director auf der Homepage des Science, Technology, and Society Program der University of Michigan (zuletzt aufgerufen am 23. November 2025) Von 2013 bis 2014 war sie stellvertretende Direktorin des African Studies Center der Universität und am Program Anthropology und Geschichte beteiligt.Gabrielle Hecht, Professor of History auf Stanford Profiles (zuletzt aufgerufen am 23. November 2025)
2017 kehrte Hecht als Professorin für Geschichte und Gastprofessorin für Anthropologie an die Stanford University zurück. Von 2017 bis 2024 hatte sie die Frank Stanton Foundation Professor für Nuklearsicherheit inne und war Senior Fellow am Freeman Spogli Institute for International Studies (FSI) der Universität. In Stanford gehörte sie außerdem dem Center for African Studies, dem Programm Science, Technology, and Society, dem Center for Global Ethnography, dem Urbanistik-Programm und dem Programm Geschichte und Philosophie der Naturwissenschaft an.Stanford School of Humanities and Science, Departement of History: Gabrielle Hecht (zuletzt aufgerufen am 23. November 2025)
Seit 2024 ist Hecht Gastwissenschaftlerin (Research Associate) am Institute for Social and Economic Research der Witwatersrand-Universität in Johannesburg.Wits Institute for Social & Economic Research (WiSER): Gabrielle Hecht (zuletzt aufgerufen am 23. November 2025) Hecht war im Verlauf ihrer Karriere als Gastwissenschaftlerin am Institut d’études politiques de Paris (Sciences Po) an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris, an der Universität Oslo, an der Technische Universiteit Eindhoven, an der University of KwaZulu-Natal, an der Universität Melbourne und an der Königlichen Technischen Hochschule in Stockholm.Gabrielle Hecht, Professor of History auf Stanford Profiles (zuletzt aufgerufen am 23. November 2025)
Im Herbst 2025 wurde in französischen und deutschen Medien berichtet, dass Gabrielle Hecht aufgrund veränderter Forschungsbedingungen Stanford verlassen hat und im Rahmen des französischen Regierungsprogramms Safe Place for Science eine auf 3 Jahre befristete Professur an der Universität Aix-Marseille übernommen hat.Manon Paulic: Une chercheuse en exil, Le 1 Hebdo, N° 560-1, 10. September 2025 (zuletzt aufgerufen am 24. November 2025); Andreas Eckert: Ihre Arbeit entspricht nicht den neuen Prioritäten. Die Historikerin Gabrielle Hecht verlässt die Vereinigten Staaten auf Druck der amerikanischen Regierung in Richtung Frankreich, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19. November 2025
Forschung
Hechts Forschung wurde vom National Science Foundation, dem National Endowment for the Humanities, dem American Council of Learned Societies sowie den nationalen Forschungsstiftungen Südafrikas und der Niederlande unterstützt.Gabrielle Hecht, Professor of History auf Stanford Profiles (zuletzt aufgerufen am 23. November 2025)
Kerntechnik und Technopolitik In ihrer ersten Buchveröffentlichung The Radiance of France: Nuclear Power and National Identity after World War II (1998; sinngemäß Frankreichs Ausstrahlung: Kernenergie und nationale Identität nach dem 2. Weltkrieg) analysierte Hecht, in welcher Weise Frankreich seine Vorstellungen von Nuklearpolitik und Reaktorsicherheit in die Reaktortechnologie und die Reaktorsteuerung übertrug. Mit ihrem Konzept der "Technopolitik" (technopolitics) versuchte sie zu beschreiben, wie die Entwicklung und der Einsatz von Technologie strategisch zur Erzeugung, Gestaltung oder Durchsetzung politischer Ziele genutzt wurde. Die Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet und auch ins Französische übersetzt.
Nuklearität und afrikanisches Uran In Being Nuclear: Africans and the Global Uranium Trade (2012) untersuchte Hecht die Situation Afrikas im Zusammenhang des globalen Nuklearwirtschaftssystems. Dabei prägte sie den Begriff der "Nuklearität" (nuclearity) für einen technisch-politischen Zustand, der nicht nur das Vorhandensein radioaktiven Materials, sondern auch die Gesamtheit der dazugehörigen Instrumente, Daten, technologischen Systeme, Infrastrukturen, nationalen Behörden, internationalen Organisationen, Experten und Medieninformationen umfasst. Hecht belegte, dass diese Nuklearität global ungleichmäßig verteilt ist und dass das Auswirkungen darauf hat, in welchem Umfang Arbeiter, Gesellschaften und Nationen angemessen Schutz, Regulierungen, Vergütungen und Anerkennung erhalten.Being Nuclear auf der persönlichen Homepage von Gabrielle Hecht (zuletzt aufgerufen am 24. November 2025) Hecht beschränkte dabei ihre Untersuchungen auf die Uranminen und Minenarbeiter in Gabun, Madagaskar, Niger, Namibia und Südafrika und dokumentierte, in welchem Ausmaß die globale Nuklearwirtschaft einerseits vom afrikanischen Uran abhängt, während sie andererseits zur gleichen Zeit afrikanischen Arbeitskräften und Gesellschaften die dazugehörigen Schutzmaßnahmen vorenthält. Being Nuclear wurde mehrfach ausgezeichnet und erschien 2016 in gekürzter Fassung auch in französischer Sprache.
Residual governance In ihrem 2023 erschienenen Buch Residual Governance. How South Africa Foretells Planetary Futures (sinngemäß: Der Umgang mit den Rückständen. Was sich aus Südafrika zur Zukunft des Planeten vorhersagen lässt) untersuchte sie am Beispiel der Süd-Afrikanischen Provinz Gauteng die Auswirkungen von Gold- und Uran-Abbau auf Gesundheit der Bevölkerung und Umwelt.
Mit dem Buch stellte Hecht ihr Konzept der Residual governance vor, worunter sie eine Trias versteht aus: dem tatsächlichen Umgang mit Abfällen, Abraum und Bergematerial minimalistischer Darstellung der Abfallsituation mittels einer taktischen Mischung aus Vereinfachung, vorgetäuschter Unwissenheit und Verzögerung Behandlung von Menschen als Verschleißmaterial und von Orten als Brachland
Für Hecht ist Residual Governance sowohl ein Instrument eines modernen Rassenkapitalismus als auch ein Brandbeschleuniger des Anthropozäns. Das Buch dokumentiert, wie sich betroffene Gemeinschaften, Experten und Künstler angesichts aufgelassener Bergwerke, radioaktiver Abraumhalden und Umweltvergiftung für Infrastruktur- und Umweltgerechtigkeit einsetzen. Anstatt ihre Arbeit auf Firmen- und Regierungsarchive aufzubauen, stellte Hecht in den Mittelpunkt ihrer Arbeit die Sichtweisen von Wissenschaftlern, Leiter von Gemeinwesen, Aktivisten, Journalisten, Stadtplanern und Künstlern, die sich Residual Governance widersetzten.Residual Governance: How South Africa Foretells Planetary Futures, Homepage der Stanford School of Humanities and Sciences. Department of History (zuletzt aufgerufen am 24. November 2025) Das Buch wurde ins Spanische übersetzt, eine Übersetzung ins Französische ist für 2026 angekündigt.
Neuere Forschung Hechts jüngstes Forschungsprojekt Inside-Out Earth sollte die wachsenden Abfälle des Energiesystems an verschiedenen Orten untersuchen: Abidjan (Côte d'Ivoire), Mpumalanga (Süd-Afrika) und die Atacama-Wüste (Chile). Zusammen mit dem südafrikanischen Photographen und Künstler Potšišo Phasha wollte Hecht dabei erforschen, wie Residual Governance an diesen Orten vorgeht und wie die Menschen vor Ort mit und inmitten der entstehenden Abfälle leben. Essays aus diesem Projekt wurden vorab in den Zeitschriften Cultural Anthropology, Aeon und Somatosphere veröffentlicht. Zugesagte Fördermittel der National Science Foundation wurden zu Anfang 2025 mit der Begründung wieder abgesagt, dass das Vorhaben nicht mehr den Prioritäten der amerikanischen Regierung (Kabinett Trump II) entspreche.Manon Paulic: Une chercheuse en exil, Le 1 Hebdo, N° 560-1, 10. September 2025 (zuletzt aufgerufen am 24. November 2025); Andreas Eckert: Ihre Arbeit entspricht nicht den neuen Prioritäten. Die Historikerin Gabrielle Hecht verlässt die Vereinigten Staaten auf Druck der amerikanischen Regierung in Richtung Frankreich, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19. November 2025 (zuletzt aufgerufen am 25. November 2025)
Preise und Auszeichnungen Bücher und Aufsätze The Radiance of France 1999 Henry Baxter Adams Prize der American Historical Association 2001 Edelstein Prize der Society for the History of TechnologyRecipients of the Edelstein Prize auf der Homepage der Society for the History of Technology (zuletzt aufgerufen am 24. November 2025)
Being Nuclear 2012 Martin A. Klein Prize in African History der American Historical AssociationMartin A. Klein Prize in African History, Past Recipients auf der Homepage der AHA (zuletzt aufgerufen am 24. November 2025) 2013 Robert K. Merton Book Award der American Sociological AssociationThe Section on Science, Knowledge and Technology’s Robert K. Merton Award auf der Homepage der ASA (zuletzt aufgerufen am 24. November 2025) 2014 Susanne M. Glasscock Humanities Book Prize for Interdisciplinary Scholarship der Texas A&M UniversitySusanne M. Glasscock Book Prize Archive of Recipients auf der Homepage der Texas A&M University (zuletzt aufgerufen am 22. November 2025) 2016 Rachel Carson Prize der Society for Social Studies of ScienceBeing Nuclear wins the Rachel Carson Prize. MIT Press, 27. Mai 2022 (zuletzt aufgerufen am 24. November 2025); Rachel Carson Prize. Society for Social Studies of Science (zuletzt aufgerufen am 24. November 2025)
Interscalar Vehicles for the African Anthropocene 2019 General Anthropology Division Prize for Exemplary Cross-Field Scholarship der American Anthropological AssociationGeneral Anthropology Division (GAD) Prize for Exemplary Cross-Field Scholarship, Awardees 2019 (zuletzt aufgerufen am 25. November 2025)
Residual Governance 2024 Best Book Award der African Studies Association (zuletzt aufgerufen am 23. November 2025) 2024 E. Ohnuki-Tierney Book Award for Historical Anthropology der American Anthropological Association (zuletzt aufgerufen am 23. November 2025) 2024 PROSE Award for Excellence in Social Sciences der Association of American Publishers (AAP) (zuletzt aufgerufen am 23. November 2025) 2024 PROSE Award in Government and Politics der Association of American Publishers (AAP) (zuletzt aufgerufen am 23. November 2025) 2025 Finalist bei der Entscheidung für den Ludwik Fleck Prize der Society for Social Studies of Science (zuletzt aufgerufen am 23. November 2025) 2025 Dritter Platz bei der Entscheidung für den Victor Turner Prize for Ethnographic Writing der Society for Humanistic Anthropology (zuletzt aufgerufen am 23. November 2025)
Gaststipendien (Fellowships) 2021–2022 National Endowment for the Humanities Fellowship