Karl-Lothar Dietzsch (* 10. September 1931 in Duisburg-Ruhrort; † 26. Februar 1989 in KölnMeldung zum Tode von Karl-Lothar Dietzsch, in: Bauwelt, Heft 14, Seite 633, Berlin, 7. April 1989) war ein deutscher Architekt und der Leiter des Büros von Oswald Mathias Ungers.Nachruf im Kölner Stadtanzeiger, Köln, 12. März 1989
Leben mini|hochkant=0.6|Karl-Lothar Dietzsch (1984) Die Eltern von Karl-Lothar Dietzsch, der eine ältere Schwester und einen jüngeren Bruder hatte, waren der Gymnasiallehrer für Kunstfächer Walter Ludwig Dietzsch (1891–1972) und Elli Wilhelmine Dietzsch (geb. Backhaus, 1900–1998) aus Wuppertal-Elberfeld. 1960 heiratete er die Grafikerin und Kinderbuchillustratorin Erika Dietzsch-Capelle. Aus der Ehe ging ein Sohn, Karl-Thomas Dietzsch, hervor, der in Berlin als freiberuflicher Architekt tätig ist.
Nach Abschluss der Volksschule besuchte Dietzsch das Staatliche Naturwissenschaftliche Gymnasium in Wuppertal-Elberfeld und nahm zwei Semester lang an Zeichenkursen in der Abendschule der Werkkunstschule in Wuppertal-Vohwinkel teil. Im März 1952 legte er das Abitur ab und wollte eigentlich Künstler werden. Auf Wunsch seines Vaters schrieb er sich jedoch an der Technischen Hochschule in Aachen im Fach Architektur ein. Im April begann er ein sechsmonatiges Praktikum beim Bauunternehmen Gebrüder Möbers in Wuppertal-Elberfeld und war während des Studiums im Technischen Büro der Ehrenfelder Papierfabrik EPAG tätig.
Ab März 1954 folgten viereinhalb Jahre freie Mitarbeit im Büro des bekannten Kunstgaleristen und Architekten Rolf Jährling in Wuppertal-Elberfeld.Zeugnis für Karl-Lothar Dietzsch von Rolf Jährling (1958) In der Galerie Parnass war er zusätzlich an der Vorbereitung der Ausstellungen junger deutscher und ausländischer Maler, Bildhauer und Architekten tätig. Dietzsch verließ das Büro Jährling am 30. Juni 1958, um sein Diplom-Examen abzulegen. Der freundschaftliche Kontakt zum Galeristen Jährling blieb jedoch erhalten. Beim 24-Stunden-Fluxus-Happening im Juni 1965 in der Galerie Parnass nahm er mit seiner Frau und seinem Bruder teil.Anmerkung: Ein Foto in der Zeitschrift „Treffpunkt Parnass-Wuppertal“ zeigt ihn neben Joseph Beuys. Die Diplomarbeit bei Hans Schwippert mit dem Entwurf eines Gymnasiums und eines Kinderheimes schloss er im Jahr 1959 ab.
mini|links|hochkant=0.8|Abb. 1: Olivio Ferrari, Renate Wetzlar, O.M. Ungers, Karl-Lothar Dietzsch (1960) Über den Kontakt seiner Ehefrau zu Liselotte Ungers, der Tochter des Wuppertaler Bauunternehmers Gabler, erhielt Dietzsch 1959 eine Anstellung im gerade fertiggestellten Büro von Oswald Mathias Ungers in der Belvederestraße 60 in Köln-Müngersdorf, das er dann „mit aufgebaut und über 30 Jahre lang geleitet hatte“.Taueranzeige des Büro Ungers, veröffentlicht im Kölner Stadt-Anzeiger
Dietzsch starb im Alter von 57 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit und wurde auf dem Alten Friedhof in der Turmgasse in Köln-Widdersdorf begraben, in nächster Nähe des zusammen mit Ungers realisierten Wohnungsbauprojekts Mertenshof.Luftbildausschnitt Mertenshof (1981). Einladungskarte der Bauherren Ungers und Dietzsch Links die sanierten Altbauten Auch seine Ehefrau ruht in dem gemeinsamen Grab.
Wirken mini|links|hochkant=0.8|Abb. 2: K.-L. Dietzsch (links) und O. Ferrari im Zeichenbüro Das erste Projekt, das Dietzsch eigenständig im Büro Ungers bearbeitete, war der Wiederaufbau des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Deutschordenshauses in Frankfurt am Main. Das Projekt ist nicht im Werkverzeichnis von Ungers aufgeführt, allerdings ist das Projekt durch den Schnitt, der auf dem runden Tisch liegt (Abb. 1) und im Grundriss an der Wand (Abb. 2) eindeutig zu identifizieren.Anm.: Erst durch den Nachlass von K.-L. Ditzsch werden die sonst in der Literatur nicht benannten Mitarbeiter auf den Fotos bekannt. Olivia Ferrari , ein Mitarbeiter von Max Bill, war 1960 in Müngersdorf für die Realisierung zweier Villen in Erbenheim-Odenthal, weil Ungers die Rolle als Kontaktarchitekt für Bill übernommen hatte. Der Verbleib von Renate Wetzlar bleibt unbekannt, die immerhin im Katalog zur Dortmunder Architekturausstellung 1976 (Dortmunder Architekturhefte No. 3, Hrsg.: J.P. Kleihues) als Mitarbeiterin beim Projekt Gabler/Mozartstraße in Wuppertal aufgeführt wurde.
Von den acht weiteren, von Ungers und Dietzsch realisierten Projekten (1959–1964) wurden am bekanntesten die expressionistisch anmutenden Bauten in Wuppertal-Elberfeld, das Mehrfamilienhaus Gabler und in Hennef (Sieg) die Villa Steimel, die 2017 illegal abgerissen wurde. Diese beiden Bauten sieht Heinrich Klotz im Interview mit Ungers neben den Wohnblocks in Köln-Nippes und dem Wuppertaler Siedlungsbau in der Mozartstraße (Anm.: gemeint ist das Mehrfamilienhaus Gabler), als besonders gelungene Wohnungsbauten an.
Neben diversen Wohnbebauungen in Köln-Poll (1961–63)Lt. Nachlass von K.-L. Dietzsch existieren heute fast unverändert die Baublöcke 1 und 2. Der niedrigere Baublock 3 wurde abgerissen zu Gunsten des Johanniterhauses. Wohngebäude Jakob-Kneip-Straße 44 und 46, Köln-Poll, Köln-Mauenheim (1959–1961)Wohnbebauung Eckewartstraße 5, Ungers und Dietzschheutige Adresse: Gernotstrasse 5-19 Hakenförmiger Wohnblock mit 16 Zweispännern. O.M. Ungers und K.-L. Dietzsch, in Overath (1960–1961) und dem Rudolf-Müller-Verlagsgebäude in Köln-Braunsfeld (1960–64) war der erfolgreiche Wettbewerbsentwurf für die „Neue Stadt“ in Köln-Seeberg (1961–1964) das letzte realisierte Projekt, in der Ungers und Dietzsch in den Werkmonographien des DVA als alleinige Entwurfsverfasser aufgeführt sind. Mit der Berufung von Ungers im Jahr 1963 als Ordinarius für Entwerfen und Gebäudelehre am Institut für Gebäudelehre an der Fakultät III für Architektur der Technischem Universität Berlin und der Übernahme der Professur an der Cornell University in Ithaca wuchs Dietzsch die Aufgabe des Bürochefs zu. mini|links|hochkant=0.8|Mehrfamilienhaus in Wuppertel, Architektː Karl-Lothar Dietzsch (1967) mini|Wohnanlage Rochusstraße 212-214, Köln-Ossendorf, Foto: Raimond Spekking (2025) 1964 wurde er zum Gemeindearchitekten der Evangelischen Kirchengemeinden von Bickendorf und Ehrenfeld berufen und realisiert sein erstes Projekt in Wuppertal-Elberfeld, ein Mehrfamilienhaus für seine Eltern, das am 11. März 2026 posthum in die Datenbank zum Architekturführer baukunst-nrw aufgenommen wurde.
Ab 1969, nach dem gemeinsamen Entwurf für den „Grünzug Süd“ (1962–65), der dann mit Franz Oswald und Rob Krier weiter bearbeitet wurde, und der Fertigstellung der Wohnbauten für das Märkische Viertel in Berlin-WittenauWohnbebauung-Eichhorster-Weg, Gesobau, 1968–1969, O.M. Ungers, K.-L-Dietzsch, F. Oswald, J. Sawade et al. war Dietzsch neben seiner Tätigkeit im Büro Ungers als Architekt in Köln selbständig tätig. Aus dieser Zeit stammen eigene realisierte Projekte, Veröffentlichungen, Publikationen und Preisrichtertätigkeiten. 1971 erfolgte seine Berufung in den Allgemeinen Bauausschuss des Evangelischen Stadtkirchenverbandes Köln, der sich ab 1964 aus den vier evangelischen Kirchenkreisen Köln-Mitte, -Nord, -Rechtsrheinisch und -Süd formierte. Im selben Jahr wurde er Mitglied der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen und 1974 ordentliches Mitglied im BDA. Neben diversen Wohnungsbauten, Alten- und Pflegeheimen und Gemeindezentren für die Evangelische Kirche im Rheinland wurde Dietzsch auch beauftragt für die Umgestaltung der Evangelischen Friedenskirche in Köln-Ehrenfeld, den Bau eines Büro- und Geschäftshaus in Köln-Nippes sowie im Jahr 1977 für die Innenausbauerweiterungen und die Eingangs- und Vitrinenanlagen des Kunsthauses Lempertz in Köln.
mini|hochkant=0.8|Perspektivzeichnung von K.-L. Dietzsch, Wettbewerb Museum Ludwig, Köln 1975 Haupttätigkeit blieb jedoch die Position im Büro Ungers, was sich an den Beteiligungen bedeutender Projekte in der Wettbewerbsphase bis 1979 widerspiegelt (Berlin-Lichterfelde, 4. Ring, 1. Preis/1975 in Projektgemeinschaft mit UngersWettbewerb 4. Ring, Berlin-Lichterfelde, 1. Preis. Pläne und Erläuterungsbericht der Architekten Ungers und Dietzsch, Roosevelt Island Competition, New York/1975, Wallraff-Richartz Museum/Museum Ludwig, Köln/1975 und Hotel Berlin, 1. Preis/1977Wettbewerbsentwurf Hotel Berlin am Lützowplatz Kolorierter Lageplan), die aber alle nicht realisiert wurden.
Auch in der folgenden Realisierungsphase, mit dem DAM Frankfurt (1979–84), dem Messehaus 9 und der Galleria, beide in Frankfurt am Main (1980–83), dem Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven (1980–84) und der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe (1980–84), welche die internationale Bedeutung des Büros manifestierten, war Dietzsch bei 12 von 19 gebauten Projekten beteiligt.Der hier angegebene Umfang seiner Tätigkeit lässt sich aus der Zeit von 1979 bis 1988 ermitteln. Quelle:
Als Einziger von den vielen wechselnden Mitarbeitern verfügte er über genügend Bauerfahrung, die sich besonders nach der Direktbeauftragung von Ungers beim Umbau der Gründerzeitvilla am Mainufer zum Deutschen ArchitekturmuseumAnmerkung: „Herr Dietzsch war ein treuer Begleiter und hat auch uns in vielen Situationen im freundschaftlichen Umgang mit Eurem Büro geholfen, und mit Liebenswürdigkeit und Humanität beim Bau unseres Museums beigestanden...“ (Zitat aus dem Kondolenzschreiben von Heinrich Klotz an „Lieselotte und Mathias“ vom 20. März 1989/Nachlass K.-L. Dietzsch) und des Museums Schloss Morsbroich (1976–1980) auszahlte.Karin Widera: „Der Stuck hing nur noch an faulen Balken“ - Bericht mit Foto von K.-L. Dietzsch über die Sanierung, in: Kölner Stadtanzeiger Nr. 14 vom 18. Januar 1983.„Herr Dietzsch hat sich durch seine hervorragende Arbeit am Projekt Schloss Morsbroich große menschliche und fachliche Hochachtung erworben.“ (Zitat aus dem Kondolenzschreiben von Dipl. Ing. Grau, Städtischer Baudirektor vom 28. Februar 1989/Nachlass K.-L. Dietzsch)
Bis 1988 war Karl-Lothar Dietzsch neben der Teilnahme an 15 Wettbewerben und Gutachten maßgeblich an der Realisierung von 8 weiteren Projekten beteiligt, u. a. an der Umgestaltung des Konstantinplatzes in Trier (1981–83)Konstantinplatz Trier mit Arkadengang als südlicher Platzabschluss, der Wohnbebauung Forellenweg in Salzburg (1984–89) und der Galerie Max Hetzler in Köln (1986–88). Anm.: Postum realisiert: IBA-Wohnbebauung Köthener Straße, Berlin (1987–89), Umgestaltung Domplatz mit Dom-Info in Speyer (1988–90), Umbau der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank in Düsseldorf (1988–1991), Heizkraftwerk GEW in Köln-Merheim (1988–1989) und das BIBA (1988–1991) Bremer Institut für Betriebstechnik und angewandte Arbeitswissenschaften. mini|hochkant=0.8|Universitätsclub neben dem Oberbergamt Bonn (2025) Der Universitätsclub neben dem Oberbergamt in Bonn war sein letztes Projekt, das er fast vollständig umsetzen konnte. Das Richtfest wurde knapp ein Jahr nach der Grundsteinlegung am 16. Oktober 1989 gefeiert, allerdings ohne den Architekten: „Mit großer Trauer erfüllte uns allerdings, daß Herr Dipl.- Ing. Karl-Lothar Dietzsch, Architekt und Leiter des Büros Unger, dies nicht mehr miterleben konnte. Ihm haben wir viel zu verdanken. Er starb mitten in den Arbeiten am 26. Februar 1989“.
Eigene Bauten (Auswahl)
1966–1967 Vierfamilienhaus Dietzsch in Wuppertal-ElberfeldGartenseite des Mehrfamilienwohnhauses Dietzsch 1969–1970 Apartment-Wohnhaus mit Gewerbeteil, Dasselstrasse 2 in Köln-Süd 1970–1972 Altenwohnanlage mit 72 Einheiten in Köln-VogelsangAltenwohnanlage, Kolkrabenweg 12–16 1972–1973 Gemeindehaus in Köln-Vogelsang (Evangelische Kirchengemeinde Bickendorf) 1972–1974 Geschäftshaus mit Kaiser’s Supermarkt in Köln-Nippes 1972–1974 Kinderheim "Annastiftung" in Köln-VogelsangKinderheim der Annastiftung für Waisen im Bachstelzenweg 1973–1975 Altenwohnanlage mit 46 Einheiten in Köln-EhrenfeldAltenwohnungen für Bewohner des Stadtteils Alt-Ehrenfeld 1973–1975 Einfamilienhaus in Hennef/Sieg-LanzenbachWohnhaus am Hang in Lanzenbach