mini|rechts|Mélanie Lipinska 1902

Mélanie Lipinska (* 1. Januar 1865 in Ostrołęka; † 27. Juni 1933 in Katowice) war eine polnisch-französische Ärztin und Medizinhistorikerin. Sie wurde vor allem durch ihre Arbeiten zur Geschichte der Ärztinnen bekannt.

Leben Lipinska wurde im damals zum Russischen Kaiserreich gehörenden Ostrołęka geboren und wuchs in einem polnischsprachigen Umfeld auf.Teresa Ostrowska: Melania Lipińska. In: Polski Słownik Biograficzny. Band 17: Legendorf Fabian – Lubomirski Aleksander. Polska Akademja Umiejetności, Krakau 1972, ISBN 83-04-00148-9.Melania Lipińska. Rubrik „Ludzie – Medycyna i zdrowie“. In: info-ostroleka.pl, 2025, abgerufen am 17. November 2025 (polnisch). Nach dem Besuch der höheren Schule in Warschau nahm sie ein Medizinstudium an der Universität Paris auf und setzte ihre Ausbildung zeitweise an Kliniken in Stockholm und Zürich fort. Klinische Praxis erwarb sie zunächst in polnischen Krankenhäusern, später in verschiedenen Pariser Hospitälern, wo sie eng mit der aus Polen stammenden Ärztin und Physiologin Joséphine Joteyko zusammenarbeitete.Marilyn Bailey Ogilvie, Joy Dorothy Harvey: The Biographical Dictionary of Women in Science. Pioneering Lives from Ancient Times to the Mid-Twentieth Century. Band 2: L–Z. Routledge, New York 2000, ISBN 0-415-92040-X, S. 794.

Im Jahr 1900 legte Lipinska an der medizinischen Fakultät der Universität Paris ihre Dissertation Histoire des femmes médecins, depuis l’Antiquité jusqu’à nos jours vor, eine umfassende Darstellung der Geschichte von Ärztinnen von der Antike bis in die Gegenwart.Melanie Lipinska: Histoire des femmes médecins, depuis l’Antiquité jusqu’à nos jours. Thèse de la Faculté de médecine de Paris, Nr. 613. Librairie G. Jacques et Cie, Paris 1900, (). Die Arbeit wurde im selben Jahr im Buchhandel veröffentlicht und von der Académie de médecine mit dem mit 1000 Franc dotierten Victor-Hugo-Preis für die beste medizinhistorische Arbeit eines Fünfjahreszeitraums ausgezeichnet.Münchener Medizinische Wochenschrift. Band 49, 1902, Sp. 87 (Mitteilung über die Verleihung des Victor-Hugo-Preises an Dr. Melanie Lipinski für Geschichte der Ärztinnen seit dem Altertume bis auf unsre Tage).Boston Evening Transcript. 5. April 1902, S. 23, Sp. 4, Rubrik Personal (Scan – Google News Archivsuche).Universul. 14. Februar 1902. Der Preis berechtigte sie zur Führung des Titels « Lauréat de l’Académie de médecine ».

Frühere Rezensionen würdigten den außerordentlichen Fleiß der Autorin, kritisierten aber einzelne Detailurteile zu antiken und mittelalterlichen Quellen.James J. Walsh: Old-Time Makers of Medicine. The Story of the Students and Teachers of the Sciences Related to Medicine During the Middle Ages. Fordham University Press, New York 1911, , S. 194–201 (); Neuausgabe: 2016, ISBN 978-1-355-21639-1 ().

Lipinska beteiligte sich zugleich an der zeitgenössischen Debatte um das Frauenstudium und die Rolle der Ärztinnen. Im Jahr 1900 veröffentlichte sie in der sozialistischen Frauenzeitschrift Die Gleichheit eine mehrteilige populärwissenschaftliche Reihe Medizinerinnen des Mittelalters, in der sie eine große Zahl historischer Ärztinnen aus dem lateinischen Westen und aus dem arabisch-islamischen Raum vorstellte.Melanie Lipinska: Medizinerinnen des Mittelalters. Übersetzt aus dem Französischen von Eugenie Jacobi. In: Die Gleichheit. Band 10, Stuttgart 1900, Nr. 11–14, : Nr. 11, S. 84 f. (PDF-S. 76 f.); Nr. 12, S. 92 f. (PDF-S. 84 f.); Nr. 13, S. 100 f. (PDF-S. 92 f.); Nr. 14, S. 108 f. (PDF-S. 100 f.) – Friedrich-Ebert-Stiftung.Alternativ: , , , (jeweils Scan-S. 4/8 – 5/8). 1903 trat sie auf einem neurologischen Kongress mit einem Vortrag zur Behandlung von Magenleiden durch Autosuggestion auf und referierte in einem vegetarischen Verein über angebliche Vorteile vegetarischer Kost, teils gestützt auf experimentelle Arbeiten Joteykos.

Nach kurzer Tätigkeit in Warschau arbeitete Lipinska ab 1904 als Kurärztin in Luxeuil-les-Bains in Frankreich, wobei sie balneologische Praxis mit eigenen Studien zur Kurmedizin verband. Spätestens zu Beginn der 1920er Jahre war sie infolge einer Augenerkrankung erblindet; ein Bericht des Journal of the American Medical Association von 1922 erwähnt sie explizit als blinde Ärztin.Journal of the American Medical Association. Band 78, 1. Januar 1922, S. 35, doi:10.1001/jama.1922.02640540041016 (kurze biografische Notiz zu Dr. M. Lipinska; jamanetwork.com). In dieser Phase arbeitete sie mit Vorlesekräften und setzte ihre medizinhistorischen Recherchen fort. Sie hielt sich zeitweise in den Vereinigten Staaten auf, wo sie nach zeitgenössischen Angaben Untersuchungen zur Situation blinder Menschen im Auftrag einer amerikanischen Blindenorganisation durchführte.

Im Jahr 1929 berichtete sie, dass sie „als Studentin, kurz vor der Vollendung ihres Examens, erblindete“ und äußerte sich anlässlich des Internationalem Blindentags in Wien wie folgt:

Lipinska starb 1933 in Katowice und wurde auf dem dortigen Friedhof an der Gliwicka-Straße beigesetzt.

Bedeutung Mit ihrer Dissertation und der erweiterten Buchfassung schuf Lipinska eine der ersten umfassenden Gesamtdarstellungen zur Geschichte der Ärztinnen. Die Arbeiten verbinden eine umfangreiche, aus damaliger Sicht ungewöhnlich breite Quellenlektüre mit einem programmatisch frauenbewegten Zugriff, der den Anteil von Frauen an der medizinischen Versorgung von der Antike bis in die Moderne sichtbar machen soll.Melanie Lipinska: Les femmes et le progrès des sciences médicales. Masson, Paris 1930. Sie wurde damit zu einer wichtigen Referenz in der internationalen Historiografie zu Frauen in Medizin und Naturwissenschaften. Sowohl Kate Campbell Hurd-Mead als auch spätere Autorinnen wie Marilyn Bailey Ogilvie und Leigh Whaley griffen auf Lipinskas Material und Deutungen zurück, auch wenn einzelne Bewertungen – insbesondere zu mittelalterlichen Quellen – inzwischen kritisch revidiert worden sind.

Eine besondere Rolle spielt Lipinskas Werk für die moderne Rezeption Hildegards von Bingen als angeblicher Pionierin der Naturwissenschaften. In Histoire des femmes médecins (1900) liest sie einzelne naturkundliche Passagen Hildegards als spektakuläre Vorwegnahmen neuzeitlicher Naturwissenschaft, etwa wenn sie eine Formulierung vom als Vorläufer neuzeitlicher Lehren zum Blutkreislauf deutet und eine Erklärung der Gezeiten über die unterschiedliche Meerestiefe als Vorahnung des Gravitationsgesetzes wertet. Daraus ergibt sich das Bild Hildegards als „größte Naturforscherin“ des Mittelalters.Melanie Lipinska: Histoire des femmes médecins, depuis l’Antiquité jusqu’à nos jours. Thèse de la Faculté de médecine de Paris, Nr. 613. Librairie G. Jacques et Cie, Paris 1900, , S. 126–130 (). In Les femmes et le progrès des sciences médicales (1930), verfasst nach der ersten Edition von Causae et curae (1903) und weiteren Untersuchungen zu den naturkundlich-medizinischen Schriften, fällt ihr Urteil deutlich zurückhaltender aus: Hildegard erscheint nun vor allem als gebildete Ordensfrau, deren medizinische und naturkundliche Aussagen in den theologischen und enzyklopädischen Horizont des 12. Jahrhunderts eingeordnet werden, während die früher behaupteten „Entdeckungen“ relativiert werden.Melanie Lipinska: Les femmes et le progrès des sciences médicales. Mit einem Vorwort von Albert Thomas. Masson, Paris 1930, S. 27–32 (). Monica H. Green hat auf diese Verschiebung im Hildegard-Bild hingewiesen und Lipinskas Deutungen als frühes Beispiel einer stark von frauenbewegten und nationalen Erwartungen geprägten Suche nach einer „authentischen“ mittelalterlichen Frauenmedizin analysiert.Monica H. Green: In search of an “Authentic” women's medicine: the strange fates of Trota of Salerno and Hildegard of Bingen. In: Dynamis. Band 19, 1999, , S. 25–54 (raco.cat).Tobias Niedenthal, Johannes Gottfried Mayer: Klostermedizin: Von Monte Cassino nach Bingen. In: Spektrum der Wissenschaft. Ausgabe 7/2019, S. 72–78 (Artikelanfang frei abrufbar).

Schriften Histoire des femmes médecins, depuis l’Antiquité jusqu’à nos jours. Thèse de la Faculté de médecine de Paris, Nr. 613. Librairie G. Jacques et Cie, Paris 1900, (). Les femmes et le progrès des sciences médicales. Mit einem Vorwort von Albert Thomas. Masson, Paris 1930 ().

Darüber hinaus veröffentlichte sie zahlreiche Aufsätze zur Geschichte der Frauen in der Medizin, zur Psychologie der Blinden und zu balneologischen Themen in französischen, polnischen und deutschsprachigen Zeitschriften.Michael Andreas Gemkow: Ärztinnen und Studentinnen in der Münchener Medizinischen Wochenschrift 1878–1933. Münster (Westfalen), Univ., Diss., 1991, , S. 276 f., .

Literatur Teresa Ostrowska: Melania Lipińska. In: Polski Słownik Biograficzny. Band 17: Legendorf Fabian – Lubomirski Aleksander. Polska Akademja Umiejetności, Krakau 1972, ISBN 83-04-00148-9. Marilyn Bailey Ogilvie, Joy Dorothy Harvey: The Biographical Dictionary of Women in Science. Pioneering Lives from Ancient Times to the Mid-Twentieth Century. Band 2: L–Z. Routledge, New York 2000, ISBN 0-415-92040-X, S. 794. Michael Andreas Gemkow: Ärztinnen und Studentinnen in der Münchener Medizinischen Wochenschrift 1878–1933. Münster (Westfalen), Univ., Diss., 1991, .

Einzelnachweise

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