Das Daily Mail Transatlantic Air Race war ein Luftrennen, das im Jahr 1969 von der britischen Tageszeitung Daily Mail veranstaltet wurde. Anlass war der 50. Jahrestag der ersten Nonstop-Atlantiküberquerung durch John Alcock und Arthur Whitten Brown.
Vorgeschichte mini|Titelseite der Daily Mail vom 16. Juni 1919 mit einem Bericht über Alcocks und Whitten Browns Flug Die 1896 gegründete britische Tageszeitung Daily Mail versuchte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, durch die Förderung spektakulärer Luftfahrtereignisse ihre Auflage zu erhöhen. So veranstaltete sie in den 1910er Jahren mehrere Luftrennen und lobte Preisgelder für bisher noch nicht erbrachte fliegerische Leistungen aus.
Dazu zählten unter anderem der erste Flug von London nach Manchester (Auslobung 1906, gewonnen 1910 von Louis Paulhan) und der erste Flug über den Ärmelkanal (Auslobung 1908, gewonnen 1909 von Louis Blériot).
Am 1. April 1913 kündigte die Daily Mail an, 10.000 Pfund Sterling (nach heutiger Kaufkraft etwa Millionen Pfund) an denjenigen zahlen zu wollen, der als erster innerhalb von maximal 72 Stunden den Atlantik per Flugzeug überqueren würde.British Civil Aviation in 1913 auf der Website des Royal Air Force Museum, abgerufen am 16. November 2025. Mehrere Versuche schlugen fehl. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde der Wettbewerb ausgesetzt und erst nach Kriegsende mit geänderten Bedingungen erneuert. Im Jahr 1919 gewannen schließlich John Alcock und Arthur Whitten Brown den Preis. Sie starteten am 14. Juni mit einem speziell umgebauten Bomber des Typs Vickers Vimy in St. John’s auf Neufundland und landeten nach 16 Stunden und 27 Minuten Flugzeit in der Nähe von Clifden in Irland.British Civil Aviation in 1919 auf der Website des Royal Air Force Museum, abgerufen am 7. Dezember 2025.Ray Massey: Those magnificent men in their flying machines: Fascinating pictures commemorate the 50th anniversary of the Daily Mail Great Transatlantic Air Race that gripped the world auf www.dailymail.co.uk, 5. Mai 2019.
Das Rennen von 1969
Ende der 1960er Jahre suchte die Daily Mail nach Ideen, wie im Jahr 1969 der 50. Jahrestag des ersten Transatlantikflugs gefeiert werden könne. Ihr Marketingdirektor Brain Harpur wandte sich an John Webb. Webb war ursprünglich in der Öffentlichkeitsarbeit für Luftfahrtunternehmen tätig gewesen, hatte sich dann aber auf den Automobilsport verlegt. Hier war er vor allem für die Rennstrecke Brands Hatch tätig.John Webb: 1931–2024 auf www.brandshatch.co.uk, abgerufen am 7. Dezember 2025. In späteren Jahren initiierte er auch zahlreiche Rennserien im britischen Formel-Automobilsport.Chas Parker: John Webb obituary: Former Brands Hatch circuit boss dies aged 92 auf www.motorsport.com, abgerufen am 7. Dezember 2025.John Webb 1931–2024 auf sports200.co.uk, abgerufen am 7. Dezember 2025.Notice of Death – John Webb (1931–2024) auf der Website des British Racing Driver's Club, 22. Januar 2024.
Webb schlug Harpur ein transatlantisches Luftrennen vor. Zehn Jahre zuvor, im Juli 1959, hatte die Daily Mail anlässlich des 50. Jahrestages von Blériots Flug bereits ein ähnliches Rennen vom Marble Arch in London zum Arc de Triomphe in Paris veranstaltet.Keith Wilson: RAF in Camera. 100 Years on Display. Pen & Sword, Yorkshire - Philadelphia 2021, ISBN 978-1-5267-5218-5. An diesem Rennen hatte Webb selbst teilgenommen.
Webbs Vorschlag wurde sofort akzeptiert. Mit der Organisation des Rennens wurde Peter Bostock vom Daily Sketch beauftragt.
Am 25. Juli 1968 veröffentlichte die Daily Mail schließlich ihren Aufruf zur Teilnahme an dem Rennen:
Teilnahmebedingungen
Obgleich als Luftrennen bezeichnet, handelte es sich nicht um ein Rennen im herkömmlichen Sinn, bei dem die Teilnehmer gleichzeitig unterwegs waren. Die Flüge konnten im Zeitraum vom 4. bis zum 11. Mai zu jedem beliebigen Zeitpunkt absolviert werden. Die Wahl von Art und Anzahl der Transportmittel war den Teilnehmern freigestellt, solange sie den Atlantik in der Luft überquerten. Gleiches galt für die Flugrichtung. Wiederholte Versuche waren zulässig, allerdings nur auf derselben Route und mit den gleichen Transportmitteln. Die Teilnahmegebühr von 10 Pfund Sterling musste dabei nur einmal bezahlt werden.The Race, The History Journal, abgerufen am 23. November 2025.
Außerdem forderten die Regeln, dass die Teilnehmer die Vorschriften des nationalen Luftfahrtrechts derjenigen Staaten einhalten mussten, in deren Luftraum sie sich bewegten.Daily Mail Trans-Atlantic Record Holder 1969 auf www.phantomf4k.org, abgerufen am 17. November 2025.
Start- bzw. Zielpunkt waren jeweils die Aussichtsplattformen im 33. Stockwerk des Post Office Tower in London und im 86. Stockwerk des Empire State Building in New York.
Kategorien und Preisgelder Da die absolut schnellste Zeit beinahe mit Sicherheit von einem Militärflugzeug erzielt werden würde, wurden Preise in insgesamt 21 Kategorien vergebenMark Finlay: A Special Anniversary: The Story Of The Daily Mail Trans-Atlantic Air Race auf simplyflying.com, 7. Mai 2022.Robert Lindsey: Great Trans-Atlantic Air Race of 1969 includes Jets, a Stutz Bearcat and Traffic Jam. In: The New York Times. 5. Mai 1969, S. 1. (nach anderen Quellen: 18). Neben den Kategorien, für die nur die jeweils kürzeste Gesamtzeit ausschlaggebend war (ggf. abhängig vom verwendeten Fluggerät und der Flugrichtung), gab es auch eine Reihe von Trostpreisen / Ehrenpreisen für die jeweils „verdienstvollste nicht prämierte“ Leistung („most meritorious non-winning effort“), meist innerhalb einer bestimmten Personengruppe. So gab es etwa spezielle Kategorien für Briten, US-Bürger, Bürger des Commonwealth, Bewohner des Staates New York oder Schweizer Staatsbürger.
Insgesamt wurden 60.000 Pfund Sterling ausgelobt (heutige Kaufkraft etwa Millionen Pfund Sterling) (nach anderen Quellen: 57.250 Pfund), wobei nur ein Teil des Geldes von der Daily Mail selbst aufgebracht wurde. Den Rest steuerten Sponsoren bei. Andere Firmen sponserten einzelne Teilnehmer direkt. So wurde etwa Stirling Moss von dem Lebensmittelhersteller Crosse & Blackwell unterstützt.
+ Liste der SponsorenBill Boddy: The "Daily Mail" Transatlantic Air Race. In: Motor Sport Magazine. Dezember 1968, S. 22. Name Summe gesponserte Kategorie(n) Daily Mail £ 8.000 Aer Lingus £ 5.000 Schnellster Passagierflug via Shannon BOAC £ 5.000 Schnellster Passagier-Direktflug Butlin’s £ 5.000 Preis für Originalität, Einfallsreichtum und persönliche Initiative Ziff Davis £ 5.000 Verdienstvollste nicht-prämierte Leistung eines US-BürgersFrom the tower. In: Flying Magazine. Juli 1969, S. 4+6 Daily Sketch £ 5.000 The Evening News £ 5.000 je £ 1.000 für die schnellste Überquerung in einem Leichtflugzeug (nach Flugrichtung und in Frauen/Männer getrennt)Keith Bradshaw: The Racing Paper auf www.britairliners.org, 30. November 2020. Unit Trusts £ 2.500 Financial Times £ 2.500 £ 1.000 Vickers £ 1.000 Blick £ 1.000 Schnellster Schweizer Staatsbürger Evening News £ 1.000 Beste Leistung mit einem Flugzeug unter 5.000 Pfund (richtungsunabhängig) Brooke Bond £ 4.000 Verdienstvollste nicht-prämierte Leistung eines Bürgers des Commonwealth (£ 2.000 je Flugrichtung)
Teilnehmer
Ursprünglich hatten die Veranstalter mit etwa 300 Teilnehmern gerechnet. Vier Tage vor dem Anmeldeschluss am 18. April 1969 lag die Zahl aber erst bei 40. Am letzten Tag der Frist platzten die Anmeldestellen in New York und London jedoch aus allen Nähten. Schlussendlich waren für das Rennen 397 Personen gemeldet.
Aufgrund des enormen öffentlichen Interesses beschlossen die Organisatoren später, kurzfristige Anmeldungen offizieller Teilnehmer noch bis zum letzten Tag des Rennens zu akzeptieren. Diese konnten dann allerdings keine Preise mehr gewinnen.Trevor Turner: Hostess wins price in air race. In: The Magic Carpet (Mitarbeiterzeitschrift von Air India), Bd. 13 Nr. 6, Juni 1969, S. 1–3.
Jeder Teilnehmer erhielt eine Karte mit einem Passfoto, die er am Start- und am Zielpunkt in eine Stempeluhr stecken musste. Außerdem musste die Karte sowohl unmittelbar vor als auch unmittelbar nach dem Rennen unterschrieben werden. So konnte durch den Vergleich der Unterschriften gewährleistet werden, dass die startende und die ankommende Person identisch waren.
Insgesamt wurden während der 8-tägigen Dauer des Rennens 345 Versuche unternommen, davon 187 von London nach New York und 158 in der Gegenrichtung.
Zivile Teilnehmer
mini|Die meisten Teilnehmer per Linienmaschine flogen mit einer Boeing 707 Eine der jüngsten Teilnehmerinnen war die 18-jährige Studentin Anne Alcock, eine Nichte von John Alcock, die per Linienflug reiste. Sie trug eine Grußbotschaft des britischen Postministers John Stonehouse an seinen US-amerikanischen Amtskollegen bei sich. Nach der Landung auf dem John F. Kennedy International Airport fand sie jedoch ihren Reisepass und weitere für die Einreise nötige Dokumente nicht. Durch die dadurch verursachte Verzögerung verpasste sie den Hubschrauber, der sie in die Innenstadt bringen sollte.
Noch jünger war die Gewinnerin in der Kategorie unsponsored personal attempt, Susan M. Scribner, die zu diesem Zeitpunkt 17 Jahre alt war. Sie reiste in einer Linienmaschine der Pan Am, die von ihrem eigenen Vater gesteuert wurde. Um Zeit zu sparen, wurde sie durch eine Luke unter dem Flugzeug, die sonst nur von Besatzungsmitgliedern benutzt wird, in die Maschine gezogen, als diese bereits auf der Rollbahn stand.UK vs USA, The History Journal, abgerufen am 23. November 2025.
Ältester Teilnehmer war mit 74 Jahren Robert Henry McIntosh. Der ehemalige Pilot hatte zusammen mit James Fitzmaurice bereits 1927 vergeblich versucht, den Atlantik erstmals in Ost-West-Richtung mit dem Flugzeug zu überqueren.Derek O'Connor: The Transatlantic Adventures of Flying Fitz auf www.historynet.com, abgerufen am 5. Dezember 2025. Für die Fahrt zum Flughafen in London verwendete er einen alten Lieferwagen der Royal Mail vom Typ Morris Minor (Vorkriegsmodell).
Die Gewinnerin in der Kategorie Light aircraft (woman) von London nach New York war Sheila Scott, die drei Jahre zuvor als erste Europäerin alleine mit dem Flugzeug die Welt umrundet hatte.
Weitere prominente Teilnehmer waren u. a. die Olympiasiegerin Mary Rand, Prince Michael of Kent, der Schriftsteller, Journalist, Fernsehmoderator, Politiker und Koch Clement Freud sowie der ehemalige Rennfahrer Stirling Moss, der in einer Vickers VC10 der British United Airways reiste und nach 7 Stunden, 31 Minuten und 45 Sekunden ins Ziel kam. Unter den Teilnehmern in Ost-West-Richtung war auch Tina, eine Schimpansin, die durch Fernsehwerbung für Tee bekannt geworden war.
Die meisten Teilnehmer, die mit einer Passagiermaschine reisten, benutzten reguläre Linienflüge. In einigen Fällen wurden auch Flugzeuge gechartert, etwa von dem Geschäftsmann Tony Drewery, der seine Vickers VC10 mit weiteren 139 Geschäftsleuten füllte. Alle waren mit Nadelstreifenanzug und Melone bekleidet und trugen eine Aktentasche sowie einen Regenschirm bei sich. Sie nutzten die Reise in die USA als Geschäftsreise.
Nur eine Fluglinie, Capitol International Airways, setzte extra eine Maschine ein, eine Douglas DC-8, die von Stansted aus flog und 54 Personen beförderte. Allerdings wurden auch Teilnehmer, die mit regulären Flügen reisten, von der jeweiligen Fluggesellschaft oft unterstützt, etwa durch besonders zügige Erledigung der Formalitäten am Flughafen, durch Bereitstellung von Personal, das die Teilnehmer schnell durch die Flughäfen lotste, oder durch Flugzeuge, die bereits mit laufenden Triebwerken am Flugsteig warteten. Ein Flugkapitän der TWA flog extra auf einer Flughöhe von nur 27.000 Fuß anstatt 35.000 Fuß, wodurch seine Boeing 707 zwar mehr Kerosin verbrauchte, aber auch schneller war.