Helene Petrenz|mini Helene Petrenz (* 23. Mai 1865 in Tilsit; † 26. August 1914 in Neuhausen) war eine deutsche Bibliothekarin.Annika Kohl: Helene Petrenz – die erste Bibliothekarin der Öffentlichen Lesehalle zu Jena. Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur, 2023 (PDF).
Leben Helene Marchand wurde als fünftes von sechs Kindern des Sekretärs und späteren Gerichts-Rendanten Carl Hermann Marchand und seiner Frau Ottilie Amalie Marchand in Tilsit, Ostpreußen geboren. Später zieht ihre Familie nach Darkehmen. Als sie 10 Jahre alt war, starb ihr Vater. Zwischen 1881 und 1883 absolvierte Helene Petrenz ein Lehrerinnen-Seminar in Tilsit. Nach ihrer Ausbildung arbeitete sie für vier Jahre als Erzieherin in zwei verschiedenen Privathaushalten.
1888 gab Helene Marchand ihre Verlobung mit dem protestantischen Prediger Otto Wilhelm Franz Petrenz bekannt. Am 20. September 1892 heirateten Helene und Otto in Königsberg. Dadurch verlor Helene Petrenz die Erlaubnis als Lehrerin zu arbeiten. Seit dem 1880 eingeführten Lehrerinnenzölibat war es Frauen nicht mehr erlaubt, gleichzeitig Lehrerin und Ehefrau zu sein. Von 1892 bis 1899 lebte Helene Petrenz als Hausfrau.
Während ihrer Ehe mit Otto Petrenz bekam Helene Petrenz drei Kinder. Zwischen 1897 und 1901 studierte Otto Petrenz Nationalökonomie und Jurisprudenz an der Universität Leipzig. Es ist davon auszugehen, dass sich die fünfköpfige Familie Petrenz, inzwischen wohnhaft in Leipzig, während dieser Zeit in einer prekären finanziellen Situation befand. 1899 bewarb sich Helene Petrenz auf die Stelle des Custos der Öffentlichen Lesehalle und Volksbibliothek Jena. Ab dem 1. Juli 1899 ist Helene Petrenz als erste Bibliothekarin an der Öffentlichen Lesehalle Jena angestellt gewesen. Sie zog zuerst mit ihren Kindern nach Jena. Ihr Ehemann folgte der Familie im Januar 1900 und fand als Leiter der Personaleinrichtung im Zeiss Werk Anstellung. Im Januar 1904 verließ Otto Petrenz seine Familie und zog nach Nürnberg. Im Sommer 1906 reichte Helene Petrenz schließlich die Scheidungspapiere ein, die Ehe wurde am 12. Februar 1907 geschieden.
Helene Petrenz entschied sich, ihre beiden älteren Kinder von Verwandten in Königsberg großziehen zu lassen, ihre jüngste Tochter blieb bei ihr in Jena. Mutter und Tochter besuchten die älteren Kinder öfter in Königsberg.
1913 erkrankte Helene an einer unheilbaren Krankheit. Am 26. August 1914 starb Helene Petrenz und wurde zwei Tage darauf in Neuhausen in Ostpreußen beigesetzt.
Arbeit als Bibliotheksleiterin Am 1. Juli 1899 trat Helene Petrenz die Stelle als Bibliotheksleiterin der öffentlichen Lesehalle Jena an, heute bekannt als Ernst-Abbe-Bücherei. Kurz nach ihrem Stellenantritt wurde sie Mitglied der Bibliothekskommission. Helene Petrenz führte die Bibliothek bis zu ihrem Tod am 26. August 1914. Damit war Helene Petrenz zu einer Zeit, in der man Frauen für eine solche Position als ungeeignet betrachtete, die zweite Bibliotheksleiterin im Deutschen Kaiserreich, nach Bona Peiser.
Sie war zuständig für alle Aufgaben der Bibliotheksorganisation und -verwaltung. Zu diesen Tätigkeiten gehörten neben der täglichen Ausleiharbeit unter anderem:
die Auswahl und Beschaffung von Büchern, Zeitungen und Zeitschriften unter Berücksichtigung der Interessen und Bedürfnisse der Jenaer Bürger, die Akquise zusätzlicher finanzieller Mittel, die Bestandspflege und damit verbunden das Aussortieren verschlissener Bücher, das Führen und Veröffentlichen von Bestandslisten, das Empfehlen von Literatur, das Führen einer Publikumsstatistik. Explizit nicht zu ihren Aufgaben gehörte das Personal- und Budgetmanagement.
Unter ihrer Führung zog die Bibliothek in das Volkshaus um. Am 20. September 1902 übergab die Zeiss-Stiftung dem Lesehallenverein das neue Bibliotheksgebäude. Der Umzug verlief ohne Schwierigkeiten, jedoch blieb währenddessen die Bibliothek acht Tage für Besucher geschlossen.
Bücherverzeichnisse Während ihrer Zeit als Bibliothekleiterin erarbeitete Helene Petrenz zwei umfangreich aktualisierte Bücherverzeichnisse und einen Nachtragsband. Ihr 1903 erarbeitetes Bücherverzeichnis wurde in drei Auflagen gedruckt, da jeder Bibliotheksnutzer ein aktuelles Exemplar zur Übersicht über den Bestand erwerben sollte. Helene hatte darin das Verzeichnis ihres Vorgängers Arthur Heidenhain nicht nur um 7000 Titel erweitert, sondern auch die Klassifikation für den systematischen Teil vollständig überarbeitet, was sowohl den Umfang der Sachgruppen als auch die Klassifikationstiefe betraf. Mit dem Nachdruck 1912 folgte auch ein Ergänzungsband mit 4000 neuen Titeln.
Walter Hofmann und der Richtungsstreit des Bibliothekswesens Walter Hofmann reiste je einmal 1904 und 1905 nach Jena, um von Helene Petrenz die Leitung und Planung einer modernen Lesehalle zu erlernen. Während seiner Besuche diskutierten sie bibliotheksorganisatorische Fragen, darunter den Ausleihbetrieb und die gesellschaftliche Funktion von Bibliothekaren in Volksbibliotheken. Helene Petrenz teilte Hofmanns pädagogisches Verständnis vom Bibliothekarsberuf nicht. Bibliothekare seien, anders als Hofmann es sah, keine Beleherer. Sie sollten nicht bestimmen, welcher Nutzer was zu lesen habe, denn laut Helene Petrenz bestätige dies nur das schon vorhandene Misstrauen von besonders Arbeitern in Bibliotheken. Verschiedene Ansichten vertraten beide ebenfalls hinsichtlich des Bestandsaufbaus. Im Gegensatz zu Petrenz lehnte Hofmann jede „seichte“ Literatur ab. Trotz ihrer unterschiedlichen Ansichten sprach Hofmann sehr wertschätzend über Helene Petrenz. Er bezeichnete sie in seinen Memoiren als seine „Lehrmeisterin“ und „liebenswürdige Opponentin“.
Außerberufliches Engagement Neben ihrer beruflichen Tätigkeit als Bibliotheksleiterin engagierte sich Helene Petrenz auch ehrenamtlich. Ab dem 13. Juni 1902 war sie Schriftführerin und aktives Vereinsmitglied des Vereins Frauenbildung – Frauenstudium. Sie hielt verschiedene Vorträge, wie zum Beispiel einen Vortrag zum Thema der Dienstbotenfrage auf Einladung des Vereins Frauenwohl. Bis zu ihrem Tod war sie Mitglied in der 1907 gegründeten Vereinigung bibliothekarisch arbeitender Frauen.
Schriften Bücher-Verzeichnis der Oeffentlichen Lesehalle zu Jena, Lesehallenverein Jena, Jena 1904.
Literatur Petrenz, Helene. In: Adressbuch der Residenz- und Universitätsstadt Jena. 21. Folge, Jena 1909, S. 66 (uni-jena.de). Andrea Nikolaizig, Annika Kohl: Helene Petrenz und die Ernst-Abbe-Bücherei Jena 1865 – 1899 – 2023. Universitätsverlag, Leipzig 2024, ISBN 978-3-96023-597-2.
Weblinks Bericht über die neue Gedenktafel für Helene Petrenz am Volkshaus Jena
Einzelnachweise Andrea Nikolaizig, Annika Kohl: Helene Petrenz und die Ernst-Abbe-Bücherei Jena 1865 – 1899 – 2023. Leipziger Universitätsverlag 2024, ISBN 978-3-96023-597-2.
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