mini|D. Levin, Berliner Konfektionär, um 1894
Berliner Konfektion bezeichnet die Erfolgsgeschichte der deutschen Bekleidungsherstellung zwischen 1836 und 1936. Die Modefirmen, auch Konfektionshäuser genannt, nutzten erfolgreich die serienmäßige Herstellung von Kleidung (Konfektion). Berlin entwickelte sich zu einer bedeutenden Modemetropole Europas.
Herstellungsverfahren und Modernität Mit dem System der Zwischenmeister (Verlagssystem) konnten die Konfektionsfirmen die Handwerksarbeit auf ein breites Spektrum von Näherinnen auslagern.Kristin Hahn, Sigrid Jacobeit: Brennender Stoff, Kapitel: Heimnäherinnen. S. 29 ff. Mengenanpassungen und modische Änderungen waren so leichter möglich. Der Konfektionär nutzte die modischen Vorgaben aus Paris, musste aber, entsprechend den Haute-Couture-Kriterien, kein firmeneigenes Nähatelier unterhalten.
Folgender Geschäftsablauf war typisch: Die Firmen der Modellkonfektion kauften Originale in Paris, einschließlich der Lizenz des jeweiligen Couturiers die Schnitte nutzen zu dürfen. Die Originale der Pariser Couturiers waren schon deshalb nicht einfach zu kopieren, weil jeder Couturier zusammen mit seinem Stoffhersteller eigene exklusive Stoffe für die Kollektion entwarf. Diese Stoffe durften an niemanden sonst verkauft werden.
Die Pioniere mini|Valentin Manheimer Bereits bei der Herstellung von Uniformen für preußische Soldaten wurde nach „Normalfiguren“ genäht und auf Lager gelegt. Hieran anknüpfend waren die ersten Konfektionswaren Herrenmäntel.
Ab dem Jahre 1936 entstanden folgende Konfektionshäuser: 1841–1928 Valentin Manheimer (Damenmäntel) 1842–1984 C. A. Herpich Söhne (Pelze, Modekaufhaus) 1847–1933 Gebr. Manheimer (Damenmäntel) 1848–1937 Rudolph Hertzog (Stoffe, Modekaufhaus) 1849–1937 Herrmann Gerson (Damenkonfektion, Modestudio, Inneneinrichtung) 1850–1932 David Levin (Damenkonfektion)
Entstanden in der Kaiserzeit, begründeten diese Unternehmen die Mode-Epoche der Berliner Konfektion. Das Ende dieser Epoche ist aufgrund der vielen Einzelschicksale fließend.
G. Kessemeier betrachtet einen Zeitabschnitt bis 1936, U. Westpahl bis 1939.
Die Mode-Epoche der Berliner Konfektion begann gemeinsam mit der Industrialisierung Berlins und endete mit der wirtschaftlichen Zerschlagung der jüdischen Firmen durch das NS-Regime. Firmeninhaber und Geschäftsführer aus jüdischen Familien waren an dem Aufschwung der Bekleidungsindustrie über Generationen mitbeteiligt. Vorteilhaft für die Entwicklung waren die Familienbeziehungen, die über Europa verteilt, bis nach Paris bestanden.
Wirtschaftlicher Aufschwung bis 1914 In der Zeit zwischen 1837 und 1914 fanden gravierende, gesellschaftliche Veränderungen statt. Von der industriellen Revolution und den nachfolgenden Innovationen profitierten zuerst die großen Städte; Wirtschaft und Bevölkerungszahlen wuchsen. Prachtvolle Kaufhäuser (Macy’s, Le Bon Marché, Harrods, Kaufhaus Nathan Israel, Wertheim) versorgten die begüterte Bevölkerung. Im Jahre 1890 zählte die Zeitschrift „Der Konfektionär“ bereits 133 Unternehmen.
Frauen emanzipierten sich, sowohl in der Mode als auch in der Arbeitswelt. Es entstanden in Berlin typische Frauenberufe: Verkäuferin, Telefonistin usw.
Vor dem Ersten Weltkrieg war die Bekleidungsherstellung und die Berliner Konfektion so erfolgreich, „daß sie nach Elektroindustrie und Maschinenbau zum zweit- bzw. drittwichtigsten Industriezweig Berlins wurde“.
Die ersten 80 Jahre der Epoche, bis 1914, verliefen für die Pioniere äußerst erfolgreich.
Ein Zeugnis für die Leistungsfähigkeit der Berliner Konfektion waren die Exporte in die nachfolgenden Länder: Russland, Frankreich, England, Niederlande, Belgien, Spanien, Schweden, Norwegen, USA, Kanada, Argentinien und Brasilien.
Vom Ersten Weltkrieg zu den 1920er Jahren mini|1926 Damenmode Nach dem Ersten Weltkrieg erlitt die deutsche Wirtschaft Einbußen durch Reparationen, Putschversuche und Inflation.
Infolge des Krieges brachen die Exporte der Konfektionshäuser ein. Zusätzlich verstärkte sich die Auffassung, man müsste dem „Pariser Modediktat“ eine kulturbewusste, nationale Mode entgegenstellen.
Zum Tragen kamen die letztgenannten Einflüsse in den 1920er Jahren, genau von 1924 bis 1928. In den Konfektionshäusern entstanden interne Kreativstudios. Designer gründeten Studios und Maßateliers (s. a. Berliner Modesalons 1920–1936).
Technische Erfindungen und kulturelle Ereignisse waren die Katalysatoren des Erfolges: Revuetheater + Stars Stummfilme (UFA) + Stars Modefotografie, Magazine Tonfilme (UFA) + Stars
In dieser Zeit, den sogenannten „Golden Zwanzigern“, war Berlin eine weltweit beachtete Metropole.
Niedergang und Ende Bereits ab 1929 gerieten mit der Weltwirtschaftskrise bedeutende Konfektionäre wie Herrmann GersonGesa Kessemeier: Ein Feentempel der Mode oder Eine vergessene Familie, ein ausgelöschter Ort. 2. Aufl. Hentrich & Hentrich, Berlin 2013, S. 28, ISBN 978-3-95565-018-6. in wirtschaftliche Not. Gerson war nur einer von zahlreichen jüdischen Betrieben, die durch das NS-Regime zerstört wurden.
Schon vor 1933, dem Jahr der „Machtergreifung“ durch die Nationalsozialisten, agitierte die NSDAP mit herabsetzendem und bösartigem Antisemitismus gegen die jüdischen Konfektionäre. Sehr schnell begann die „Entjudung“ genannte Auslöschung der Betriebe jüdischer Inhaber. Deren Familien wurden diskriminiert, enteignet und, soweit ihnen nicht die Flucht durch Emigration möglich war, in die Konzentrationslager deportiert und dort ermordet. Nach 1938 bestand in Berlin kaum noch die Möglichkeit, sich den Verfolgungen zu entziehen.Uwe Westphal: Berliner Konfektion und Mode, 1936–1939, Die Zerstörung einer Tradition. Edition Hentrich Berlin, 1. Auflage 1986, S. 164, ISBN 3-926175-04-4.
Das Kollektiv deutscher und jüdischer Modemacher, einstmals begründet mit dem „Verband der deutschen Modeindustrie“ in 1918, zerbrach unter dem Terror des NS-Regimes und des Krieges. Einige der Modeschöpfer, ehemals noch bei den „Pionieren“ tätig, etablierten nach 1945 wieder Mode in Berlin, jetzt unter dem Slogan „Berliner Chic“.
Anlässlich der 50. Berliner Durchreise wurden diese gemeinsam vorgestellt. Kritik am Verhalten während der Entjudung wurde nicht geübt.
Siehe auch ADEFA (Arbeitsgemeinschaft deutsch-arischer Fabrikanten der Bekleidungsindustrie e. V.) Konfektionsstandort Hausvogteiplatz
Weblinks
Quellen Kristin Hahn, Sigrid Jacobeit: Brennender Stoff, Deutsche Mode jüdischer Konfektionäre vom Hausvogteiplatz. 1. Aufl. Hentrich & Hentrich, Berlin 2018, ISBN 978-3-95565-275-3. Kreutzmüller, Eva-Lotte Reimer: Konfektion und Repression. In: Bundesministerium der Justiz (Hrsg.): Öffentlichkeitsarbeit und Bürgerdialog, Frankfurt 2022.
Einzelnachweise Gesa Kessemeier: Modestadt Berlin, Geschichte der Berliner Konfektion und Modesalons 1836–1936. 1. Aufl. Hentrich & Hentrich, Berlin 2025, ISBN 978-3-95565-730-7. Uwe Westphal: Berliner Konfektion und Mode, 1936–1939, Die Zerstörung einer Tradition. , 2. Auflage, Hentrich & Hentrich Berlin, 1992, ISBN 3-89468-044-X.
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