mini|Gustav Hamel (1913) Gustav Wilhelm Hamel (* 25. Juni 1889 in Hamburg; † 23. Mai 1914 (verschollen) im Ärmelkanal) war ein britischer Luftfahrtpionier. Er war der erste Brite, der offiziell Luftpost beförderte, und einer der ersten Briten, die einen Looping flogen.

Leben und fliegerische Karriere

mini|Gustav Hamel mit seiner Blériot XXIII bei der Gordon Bennett Trophy in Eastchurch vor dem Start, beim Start und kurz nach dem Absturz mini|Eine der 1911 beförderten Luftpostkarten (mit Zusatzporto nach Neuseeland) mini|hochkant|Einer der speziellen Briefkästen für die Luftpost von 1911 mini|Strecke des Aerial Derby am 20. September 1913

Hamel wurde in Hamburg als ältestes Kind des Arztes Gustav Hugo Hamel und dessen Frau Caroline Magdalena Elise geboren. Als er etwa 10 Jahre alt war, wanderte seine Familie nach England aus. Von September 1901 bis Ostern 1907 besuchte er die Westminster School in London.Hamel, Gustav Wilhelm, 1889-1914 auf der Website der Westminster School, abgerufen am 22. November 2025 Anfang 1910 erhielten Gustav Hamel, seine Eltern und seine drei Schwestern die britische Staatsbürgerschaft.

Hamel schrieb sich im Jahr 1910 (nach anderen Quellen: Anfang 1911Gustav Hamel's Career in: The New Zealand Herald, Band 51, Ausgabe 15658, 11. Juli 1914, Seite 2 (Ergänzung)) an der Flugschule von Louis BlériotThe birth of airmail auf www.shell.com, abgerufen am 16. November 2025 am Flugplatz Flugplatz Issy-les-Moulineaux ein. Im Februar 1911 erwarb er seine Pilotenlizenz.

Nach seiner Rückkehr nach Großbritannien kaufte er sich ein eigenes Flugzeug, ließ sich am neu eröffneten Hendon Aerodrome nieder und erwarb auch eine britische Pilotenlizenz. Durch öffentliche Flugvorführung in ganz Großbritannien machte er sich schnell einen Namen.

Hamel trat auch im Ausland auf. So gab er beispielsweise bereits im November 1910 vor zahlendem Publikum eine Flugvorführung in Oradea, das damals zum Königreich Ungarn gehörte. Das Flugzeug war in Teilen aus Frankreich geliefert und vor Ort zusammengebaut worden.Scris de Mirela: Primul şi poate singurul(?) avion orădean auf www.oradeamea.com, abgerufen am 16. November 2025 (rumänisch)Ob hier ein Fehler bei der Jahreszahl vorliegt oder ob Hamel die Vorführung in Ungarn tatsächlich bereits vor Erlangung der Pilotenlizenz gegeben hat, konnte nicht geklärt werden.

Am 1. Juli 1911 stürzte Hamel bei der Gordon Bennett Trophy in Eastchurch (Isle of Sheppey) mit seiner Blériot XXIII an der ersten Wendemarke kurz nach dem Start aus etwa 20 Metern Höhe ab. Das Flugzeug war ein Totalschaden, Hamel selbst erlitt nur eine leichte Gehirnerschütterung.Eintrag über den Absturz im Aviation Safety Network, abgerufen am 22. November 2025Fliegerunfälle in: 1. Beilage zur Volksstimme Nr. 153, 22. Jahrgang, 4. Juli 1911, Seite 2 Er hatte vor dem Start die Tragflächenenden kürzen lassen, da seine Maschine bei einem Testflug zwei Sekunden langsamer gewesen war als die seines US-amerikanischen Konkurrenten.

Am 9. September 1911 beförderte Hamel mit einer Blériot XI erstmals in Großbritannien offiziell Luftpost, und zwar von Hendon nach Windsor.British Civil Aviation in 1911 auf der Website des Royal Air Force Museum, abgerufen am 16. November 2025Coronation Aerial Post to New Zealand, 1911 auf www.nzstamps.org.uk, abgerufen am 27. November 2025 Dies war Teil der Feierlichkeiten anlässlich der Krönung von Georg V., die im Juni stattgefunden hatte. Ursprünglich sollte diese Luftpostlinie nur eine Woche lang betrieben werden, die Aktion wurde dann jedoch wegen der großen Nachfrage verlängert. Dabei sollten sich insgesamt vier Piloten abwechseln. Als Flugzeuge sollten zwei Doppeldecker von Farman und zwei Blériot-Eindecker zum Einsatz kommen.Peter Jennings FRPSL, FRGS: Centenary of the Coronation Aerial Post, September 1911 – The First UK Aerial Post, abgerufen am 27. November 2025

Am Eröffnungstag wehte ein stürmischer Wind. Alle anderen Piloten, darunter auch der eigentlich für den ersten Flug vorgesehene Clement Greswell, hielten einen Flug für zu riskant. Hamel erklärte sich jedoch bereit zu fliegen und brachte einen 23½ lb. schweren Postbeutel mit mehreren hundert Briefen und Postkarten sicher nach Windsor.Über die genaue Flugzeit gibt es in den Quellen unterschiedliche Angaben, von 10 bis 18 Minuten. Noch im August 1911 hatte Hamel einen Versuch, Zeitungen mit dem Flugzeug von Hendon nach Southend-on-Sea zu befördern, wegen schlechten Wetters abbrechen müssen.

Alleine an den ersten drei Flugtagen wurden 20 Säcke Post transportiert.Kurt W. Streit: Geschichte der Luftfahrt, Siegloch, Künzelsau, ISBN 3-89393-175-9, S. 97 Insgesamt flogen die Piloten bei 16 Flügen 37 Postbeutel mit einem Gesamtgewicht von 926 lb. nach Windsor. In der Gegenrichtung wurden bei vier Flügen vier Beutel mit zusammen 89½ lb. befördert. Dabei kam es jedoch zu einer Unterbrechung: Als einer der Piloten beim ersten Start mit seiner Farman abstürzte und sich beide Beine brach, verweigerten die Organisatoren eine Entschädigung. Daraufhin traten Hamel und die anderen beiden Piloten in einen mehrtägigen Streik, bis die Organisatoren schließlich nachgaben. Am 26. September absolvierte Hamel schließlich den letzten der Flüge.

Auf den Flügen wurden nur speziell für diesen Zweck hergestellte Postkarten und Briefumschläge transportiert. Eine Karte kostete 6½ Pence, wobei eine Briefmarke zu einem halben Penny bereits aufgeklebt war. Dies entsprach dem Porto innerhalb Großbritanniens, beim Versand ins Ausland mussten zusätzliche Marken aufgeklebt werden. Ein Briefumschlag kostete einen Schilling und einen Penny (also genau das Doppelte). Nach der Landung wurde die Post per Fahrrad zum örtlichen Postamt gebracht.

Die Einnahmen aus der Luftpostaktion beliefen sich auf gut 937 Pfund Sterling (nach heutiger Kaufkraft  Pfund). Sie wurden verwendet, um im King Edward VII Hospital in Windsor ein Coronation Aerial Post Bed zu stiften.An Aerial Post Bed in: The Hospital (Zeitschrift der British Hospitals Association) vom 8. Februar 1913, S. 501

Am 30. September 1911 war Hamel mit einer seiner Schwestern als Beifahrerin in Kingston upon Thames unterwegs, als ihm ein sechsjähriges Mädchen vor das Auto lief. Das Kind starb an seinen Verletzungen.The Motor Car Journal, Cordingley and Company, Band 13, S. 692

Am 11. Oktober 1911 (nur gut zwei Jahre nach Louis Blériot) überflog Hamel erstmals den Ärmelkanal.

Die britische Boulevardzeitung Daily Mail veranstaltete in den 1910er Jahren mehrere Luftrennen. Bei dem Rennen von 1911, das von Brooklands aus einmal rund um Großbritannien führte, nahm Hamel mit seiner Blériot XI teil, musste jedoch in der Nähe von Thornhill aufgeben. 1912 belegte er in seiner Blériot XI hinter Thomas Sopwith den zweiten Platz. Auf diesem Rundkurs, der am Hendon Aerodrome begann und endete und über 81 Meilen ging, wurde er von der Britin Eleanor Trehawke Davies begleitet. Im Jahr darauf konnte Hamel in einer Morane-Saulnier sogar den Sieg für sich verbuchen. Er benötigte für die auf 94½ Meilen verlängerte Strecke eine Stunde, 15 Minuten und 49 Sekunden.The Aerial Derby auf der Webseite des Epsom & Ewell History Explorer, abgerufen am 21. November 2025 Bentfield Charles Hucks gewann bei diesem Rennen in seiner Blériot einen von Shell gestifteten Preis, für den die Rennergebnisse mit Handicap gewertet wurden.

Einen Monat zuvor, im August 1913, hatte ein Wettfliegen speziell zwischen Hamel und Hucks stattgefunden. Die 75 Meilen lange Strecke begann und endete in Birmingham und führte über Redditch, Coventry, Nuneaton, Tamworth und Walsall. Hamel gewann das Rennen mit 20 Sekunden Vorsprung.The age when aerial displays really took off auf www.business-live.co.uk, abgerufen am 26. Dezember 2025Ross Crawford: Memories of air race over Redditch revisited auf der Website des Redditch Standard, 27. März 2021

Am 17. April 1913 unternahm Hamel den ersten Nonstopflug von Großbritannien nach Deutschland. Für die Strecke von Dover nach Köln benötigte er in seiner Blériot XI 4 Stunden und 18 Minuten.British Civil Aviation in 1913 auf der Website des Royal Air Force Museum, abgerufen am 16. November 2025 Er wurde dabei vom Schriftsteller und Reporter des Evening Standard, Frank Dupree, begleitet. Dessen Theaterstück War in the Air hatte am 23. Juni 1913 im London Palladium Premiere.

Im November 1913 flog Bentfield Charles Hucks in der Nähe von Versailles auf dem Rücken und zeigte als erster Brite einen Looping. Kurze Zeit später beherrschte auch Gustav Hamel diese Flugfiguren und führte sie bei Windsor Castle unter anderem auch der königlichen Familie vor. Hamel kannte Adolphe Pégoud persönlich, was es wahrscheinlich macht, dass er den Looping von diesem erlernt hatte.Rebecca Maksel: The Upside-Down Dinner auf www.smithsonianmag.com, 11. Juli 2016

Im Januar 1914 gaben die Flieger von Hendon ein Dinner zu Ehren von Hamel und Hucks. Als Anspielung an die genannten Flugfiguren war an dieser Feier alles „verkehrt herum“: Die Einladungen waren in Spiegelschrift geschrieben, die Tische waren mit der Tischplatte nach unten aufgestellt und Zahnstocher und Cognac wurden schon zu Beginn der Veranstaltung gereicht. Der zur Unterhaltung engagierte Comedian sang seine Lieder im Kopfstand, und Claude Grahame-White, Gründer des Flugzeugherstellers Grahame-White, der den beiden Ehrengästen Medaillen überreichte, begann seine Laudatio mit „zu guter Letzt“ und beendete sie mit „Guten Abend!“.

Die oben erwähnte Eleanor Trehawke Davies begleitete Hamel öfters auf seinen Flügen. Auf diese Weise wurde sie am 12. April 1912 die erste Frau, die den Ärmelkanal in einem Flugzeug überquerte (von Hendon nach Paris), und im Januar 1914 auch die erste Frau, die einen Looping flog (wenn sie auch in beiden Fällen nicht selbst am Steuer saß).

Im April 1914 führte Hamel in Bournemouth ganze 21 Loopings vor.Nick Churchill: An early Bournemouth Air Festival in: Dorset Life Magazine, November 2019

Am 1. April 1913 lobte die Daily Mail für den ersten Transatlantikflug in weniger als 72 Stunden einen Preis von 10.000 Pfund Sterling (nach heutiger Kaufkraft  Pfund) aus. Für den August 1914 plante Hamel daher, in einem Eindecker des britischen Herstellers Martinsyde den Atlantik in West-Ost-Richtung zu überqueren. Als zweites Besatzungsmitglied war ein Offizier der Handelsmarine namens H. L. Forster vorgesehen, der als Navigator fungieren sollte.To Try Atlantic Flight in August in: The New York Times, 21. Mai 1914 Aufgrund von Hamels Tod sowie des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs konnte dieser Preis erst im Jahr 1919 von John Alcock und Arthur Whitten Brown gewonnen werden.

Verschwinden

mini|Mögliche Flugwege von Hamel auf seinem letzten FlugHow Gustav Hamel may have lost his life in: Popular Mechanics Magazine, August 1914 Am 22. Mai 1914 reiste Hamel nach Frankreich, um dort ein neues Flugzeug des Herstellers Morane-Saulnier abzuholen. Mit diesem wollte er am folgenden Tag in Hendon beim Daily Mail Aerial Derby antreten.Das Rennen wurde aufgrund der Wetterbedingungen letztendlich auf den 6. Juni verschoben. Hamel hatte zu diesem Zeitpunkt den Ärmelkanal schon über 20 Mal mit dem Flugzeug überquert. Am Morgen des 23. verließ er mit der neuen Maschine den Flugplatz Villacoublay bei Paris. Nach mehreren Zwischenlandungen startete er schließlich von Neufchâtel-Hardelot aus zum Flug über die Straße von Dover, kam jedoch nie in Hendon an. Eine groß angelegte Suchaktion, an der auch mehrere Schiffe der Royal Navy teilnahmen, blieb erfolglos.

Anfang Juli fanden zwei französische Fischer im Ärmelkanal vor Boulogne eine im Wasser treibende Leiche. Sie ließen sie zwar zurück, die Beschreibung der Kleidung sowie mitgeführter Gegenstände durch die Fischer war jedoch so genau, dass die Leiche zweifelsfrei Hamel zugeordnet werden konnte.Body surely Hamel's in: The New York Times, 8. Juli 1914